E-Book, Deutsch, 272 Seiten
O ´Callaghan Fat. Gay. Vegan.
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95736-137-0
Verlag: L.E.O. Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine bessere Welt beginnt bei dir
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-95736-137-0
Verlag: L.E.O. Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
SEAN O'CALLAGHAN ist freier Journalist und Event-Manager, er lebt in UK und Mexiko. Der Titel seines bereits mit einem Preis ausgezeichneten Blogs und des Buchs ist Programm: Sean ist dick, schwul und Veganer. Beim Vegansein geht es ihm weniger um den gesundheitlichen als um den ethischen Aspekt. Daher unterstützt er vegane Restaurants, Cafés und Läden in UK und schreibt neben dem Blog noch eine regelmäßige Kolumne für das Vegan Life Magazin.
Weitere Infos & Material
KAPITEL EINS:
WARUM VEGAN?
Man muss die Fakten wissen, den eigenen Anteil erkennen und im Herzen fühlen, dass es einfach das Richtige ist.
Es mag dir komisch vorkommen, aber ich werde dieses Kapitel nicht damit beginnen, dir zu erklären, warum ich Veganer bin. Das wäre doch allzu offensichtlich, oder?
Ich würde gern mit einer etwas älteren Geschichte aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz beginnen, damit wir uns in Ruhe beschnuppern können. Du sollst wissen, woher ich komme, damit du verstehst, wie ähnlich wir uns sind. Das ist mein ganz persönlicher, hinterhältiger Trick, okay? Wenn dich dann die Welle der Erkenntnis erwischt und dir klar wird, wie unfassbar einfach und sinnvoll die Entscheidung für ein veganes Leben ist, werde ich wie ein freundlicher dicker Onkel in deinem Kopf hocken und flüstern: »Ich wusste doch, dass du das hinkriegst.«
Der Tag wird kommen, an dem du verkündest: »Hey, wenn der dicke schwule Kerl das schafft, dann schaffe ich das auch!«
Nun ergreif doch bitte meine haarige Hand, damit wir uns auf eine kleine Zeitreise in ein Australien begeben können, in dem Hugh Jackman sich noch lange nicht in Wolverine verwandelt hatte, Paul Hogan ein Nationalheld war und das Beste, was ein schwuler Junge wie ich sich erhoffen durfte, der endgültige Abschied von seiner Heimatstadt war.
Wenn man als kleiner Junge in Australien aufwächst, kommt man an Tieren einfach nicht vorbei. Als junger Mensch (damals zwar schwul, aber weder dick noch Veganer) war ich in dieser Stadt am Meer, die ich nur widerwillig mein Zuhause nannte, tagtäglich mit der Existenz von Tieren konfrontiert. Ich begegnete ihnen auf meinem Teller, in meiner Brotbüchse, im Meer, im Fernsehen und in Form von Kleidung auch an meinem Körper.
Den Großteil meiner prägenden Jahre lebte ich zusammen mit meiner Mutter auf einem billigen Dauercampingplatz an der Küste von Queensland. Es war zugleich ein extremes wie auch einfaches Leben, in dem meine größte Sorge darin bestand, die verschlafene Hauptstraße in einem Stück zu überqueren, um uns aus dem Fish & Chips-Imbiss unser Abendessen zu besorgen. Wenn ich irgendwo ein paar Münzen zusammenkratzen konnte, bestellte ich immer auch ein paar frittierte Würstchen dazu oder spielte Prince auf der Jukebox.
Ich weiß nicht genau, ob der Begriff ›Surf and Turf‹ tatsächlich aus dieser Ecke der Welt stammt, aber sie hat sich definitiv als Hauptstadt von Steaks und Meeresfrüchten einen Namen in der Geschichte der Menschheit gemacht. Meine Mutter nahm mich mit in Pubs und Cafés, wo Kellner in Sandalen und pastellfarbenen Hypercolor-T-Shirts (ja, solche, die bei Hitze die Farbe wechselten) uns gewaltige Speisekarten in die Hand drückten, in denen unzählige Möglichkeiten, ein Stück Fleisch zuzubereiten, vorgestellt wurden. Wenn ich mich recht erinnere, war das Gericht meiner Wahl meist ein Krabbencocktail. Im Netz gefangene Meeresbewohner, die erst zerkrümelt und dann gebraten wurden, ehe man sie in einem schicken matten Glas mit scharfer Soße, die an den Seiten heruntertropfte, servierte.
Meine Kindheit war das, was man, höflich ausgedrückt, als sozialökonomisch benachteiligt bezeichnen würde, aber korrekterweise müsste man von arm sprechen, wenn man bedenkt, dass ich den Großteil meiner vorpubertären Jahre über nie ein richtiges Haus betreten habe. Ich verbrachte meine Tage damit, in den Klippen herumzuklettern und die Fischerboote zu beobachten, die mein preisgünstiges Mittagessen an Land brachten, während über ihnen unablässig fußballgroße kreischende Möwen kreisten und im Sturzflug im Fahrwasser der Boote fischten. Wenn ich Glück hatte (oder genügend Geduld aufbrachte), konnte ich Delfine oder Wale beobachten, die zwischen meinem Felsversteck und der benachbarten Insel durch die sonnendurchflutete Bucht schwammen. Ich wusste nicht, wohin diese Tiere unterwegs waren, geschweige denn, woher sie kamen. Ich wusste nur, dass sie sich von diesem armen Jungen, der dort am Strand lebte, entfernten, genau wie die Passagiere der Jumbojets, die sich bequem zurücklegten, während sie über die ewig hungrigen Möwen hinweg und in den unfassbar blauen Himmel über mir flogen.
Wenn die Sonne allzu heiß brannte oder die salzige Gischt mir zu schaffen machte, kletterte ich von den bröckeligen roten Klippen herab und machte mich auf den Heimweg entlang der sandigen, mit Kiefernzapfen, glatt polierten Glasscherben und kunstvoll verschlungenem Treibholz übersäten Bucht. Bei meinen täglichen Streifzügen am Strand warteten regelmäßig unerwartete, wenn auch nicht gerade außergewöhnliche Überraschungen auf mich.
Eines späten Sommernachmittags erspähte ich vor mir an der Küste eine Gruppe sonnengebräunter Kinder und Teenager, die sich um einen flachen Gezeitentümpel scharten. Ich ging an den glitzernden Schmuckstücken im Sand, die normalerweise meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten, vorbei, weil ich dachte, dass dort vorn am Strand etwas Spektakuläres zu entdecken war. Strandkinder haben meist nicht viel zu tun, und es ist leicht, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, aber das dort war wirklich eine ziemliche Menschenmenge, die einen Mordsspaß verhieß.
Ich drängelte mich zu einem Platz, der zwar nicht gerade in der ersten Reihe lag, mir aber über die Schultern der kleineren Kinder hinweg einen guten Blick auf das Geschehen ermöglichte. Was sich da in dem Gezeitentümpel vor meinen Augen wand und wild um sich schlug, war ein Hai. Kein Monstrum à la der Weiße Hai, das an Land gekommen war, um endlich Rache zu nehmen an einer Familie, die ihn in den Siebzigern verärgert hatte. Bei dem Hai, der in dem Gezeitentümpel gestrandet war, handelte es sich um einen kompakten Fisch, der gerade einmal 60 cm lang war. Aber natürlich hielten sich alle, die nahe genug dran waren, für unglaublich mutig, wenn sie das gefangene Tier mit Stöcken stupsten und anstießen. Es wand sich verzweifelt in dem flachen Becken, bis es schließlich zu erschöpft war, um weiter zu kämpfen. Es hatte sich scheinbar damit abgefunden, einfach dort zu liegen und das Gestocher über sich ergehen zu lassen.
Nach all den Jahren ist meine Erinnerung sicher nicht mehr taufrisch. Es vergingen jedenfalls nur Sekunden oder Minuten, bis schließlich ein Erwachsener mit demselben genervten Gesichtsausdruck, den alle Erwachsenen zur Schau tragen, wenn Kinder lästig werden, zu uns herüberstürmte. Er schubste uns aus dem Weg, nahm den Hai bei der Schwanzflosse und warf ihn zurück in den trüben Ozean.
Wenn man sich den ganzen Tag lang draußen in der Natur aufhält, kommt man irgendwie stärker mit Leben und Tod in Berührung. Eines Tages, ich war gerade mit meiner Familie auf einem unserer Ausflüge rüber zur Insel gegenüber der Bucht, entdeckten wir eine Riesenschildkröte, die im Mondlicht ihre Eier vergrub. Einige Zeit später entdeckte unsere Gruppe von Strandpiraten eine weitere Schildkröte. Sie war gigantisch und tot – irgendwer hatte ein riesiges Stück aus ihrem Panzer und Fleisch gebissen. Meiner Meinung nach konnte nur der Weiße Hai dafür verantwortlich sein, obgleich einige der älteren Kinder, die sich für besonders schlau hielten, hartnäckig darauf beharrten, dass der Schuldige nur eine Schiffsschraube sein konnte.
Ich frage mich oft, ob es sich um dieselbe Schildkröte handelte. Oder ob es eines ihrer Babys war, das die lebensgefährliche Reise aus dem sandigen Nest in die rauen Wellen überlebt hatte.
Mit meinem Vater fischen zu gehen, war eine Konfrontation mit Leben und Tod, an die ich keine besonders guten Erinnerungen habe, was hauptsächlich daran lag, dass mein Vater in jeder Hinsicht ein furchtbarer Mensch gewesen ist. Keine Sorge, er kann den Verlag nicht mehr verklagen oder beleidigt sein. Er starb vor einigen Jahren und ist nun zusammen mit der tragischen Meeresschildkröte und den billigen, im Netz gefangenen Krabben als bloße Erinnerung abgeheftet.
Mein Vater, mit dem ich wider besseres Wissen und entgegen meiner Wünsche jedes zweite Wochenende verbringen musste, nahm mich immer mit auf einen kalten, dunklen Pier, wo ich ihm dann zusehen durfte, wie er lebendige Würmer auf Haken spießte, um damit Fische zu fangen. Ich weiß nicht genau, ob mir damals schon schwante, wie grausig die Fischerei eigentlich ist, aber ich erinnere mich noch genau, wie vollkommen niedergeschlagen ich während dieser Ausflüge immer war. Die Fische zappelten und wanden sich in dem Eimer, über den ich unerklärlicherweise immer die Oberaufsicht hatte, während mein Vater mich dafür zur Sau machte, dass ich nicht Manns genug war, es ihm gleichzutun. Ich war vielleicht fünf Jahre alt, aber diese Erfahrung ließ mich schon erahnen, dass man Tiere und Menschen gleichermaßen freundlich behandeln sollte. Er mag ein mieser Vater gewesen sein, aber immerhin war mir diese Situation eine wichtige Lehre.
Als Kind habe ich viel gelesen, und Bücher dienten mir als wunderbare...




