E-Book, Deutsch, 368 Seiten
O'Connor Opferspiel
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07659-7
Verlag: Diana Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Thriller
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-641-07659-7
Verlag: Diana Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Eine Frau - ein Killer - ein tödliches Spiel ohne Regeln
Jo Birminghams Leben als alleinerziehende Mutter und Kommissarin bei der Dubliner Polizei gleicht einem Drahtseilakt. Dass ihr Chef gleichzeitig ihr Exmann ist, macht die Situation nicht gerade leichter. Als eine Folge brutaler Morde die Stadt erschüttert, entdeckt Jo den entscheidenden Hinweis, der eine Spur zum Täter liefert. Auch scheint zwischen den Morden und dem mysteriösen Entführungsfall 'Katie Freeman' eine Verbindung zu bestehen. Das Mädchen muss Schreckliches erlebt haben, denn obwohl sie körperlich unversehrt zurückgekehrt ist, spricht sie seitdem kein Wort mehr. Dabei kann nur sie die Polizei zu ihrem Peiniger führen ...
'Packend und Furcht einflößend - Sie werden Niamh O'Connor lieben.' Tess Gerritsen
Niamh O'Connor gehört zu Irlands bekanntesten Kriminaljournalistinnen und hat bereits sechs Sachbücher über wahre Verbrechen verfasst. Ihre Tage verbringt sie meist im Strafgerichtshof in der Nähe der Anklagebank, abends führt sie Interviews mit der Polizei, den Opfern und den Tätern. 'Opferspiel' ist Niamh O'Connors erster Thriller, der in ihrer Heimat Irland begeistert aufgenommen und für einen Preis als bestes Debüt nominiert wurde.
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2 Billys Kopf tauchte über dem Sims auf. »Nichts für ungut, Sarge«, sagte er, zog sich hoch und hakte sein Klettergeschirr aus. Jo nahm ihr Trainings-Headset ab. »Ich bin Detective Inspector.« Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie ein »Arschloch« hinzugefügt, aber Amy war noch in Hörweite, weshalb sie bloß sagte: »Ich bin befördert worden, schon vergessen?« »Wie könnte ich«, erwiderte Billy mit einem Augenzwinkern. Jo stemmte die Hände in die Hüften und wandte den Blick ab. Sie musste sich beherrschen, ihm nicht den selbstgefälligen Ausdruck vom Gesicht zu wischen. Nur zu gern hätte sie ihm gesteckt, wie sie es fand, wenn Kollegen mit niedrigeren Überführungsquoten vor ihr befördert wurden, nur weil sie im richtigen Golfclub waren. Sie könnte wetten, dass er noch nie einem Verbrechensopfer seine Privatnummer gegeben hatte oder die ganze Nacht aufgeblieben war, um ihm die Hand zu halten und ihm zuzuhören, oder auch nur im Traum daran gedacht hätte, ihm ein Bett anzubieten. Vor allem hätte sie ihn gern gefragt, welche höheren Beamten im Justizministerium er kannte, denn sie war stolz darauf, diesen Leuten öfter mal den Tag zu verderben, indem sie dort anrief und ihnen ein neuerliches Versagen des Rechtssystems unter die Nase rieb. Aber Jo wusste, dass das in den Wind geredet wäre. Sie würde sich nur zum Gespött machen. Außerdem wäre ein schlichtes »Arschloch« so viel befriedigender gewesen. Sie drehte sich zu dem halben Dutzend anderer Polizisten aus ihrem Trainingskurs für Verhandlungen mit Geiselnehmern um, die rund zehn Meter entfernt um einen Monitor herumstanden wie auf einem Filmset, und rief hinüber: »Dein Reinquatschen war total daneben, Foxy! Und ich will ja nichts über dein Mikro an dem Megafon sagen …« »Kann ich jetzt gehen?« Amy zupfte sie am Ärmel. Jo hockte sich lächelnd vor sie hin und winkte Amys Mutter herbei, die bei der ehrenamtlichen Bürgerpolizei, der Garda Reserve, war, ehe sie dem Mädchen die Sicherheitsausrüstung abnahm. »Natürlich, Süße, und du warst übrigens ganz toll.« Sobald die beiden wieder vereint waren, ging Jo über den Balkon auf Foxy zu, wobei sie einen kurzen seitlichen Schlenker machte, um wieder in ihre Pumps mit den hohen Absätzen zu schlüpfen – unpassend, das wusste sie, aber ihr einsamer Protest gegen die institutionelle Frauenfeindlichkeit. Aufgrund ihres Rangs war sie dazu berechtigt, Zivilkleidung zu tragen, also zog sie meist auch Röcke an, obwohl die zugegebenermaßen ein bisschen hinderlich waren, wenn sie rennen musste. Sie richtete sich auf und ließ den Blick über die Skyline schweifen. Die Stadt dehnte sich unter der höchsten Skulptur der Welt aus – The Spire, die Nadel –, als wäre sie dort festgesteckt. Während des Wirtschaftsbooms hatte der Vormarsch von Themenpubs und Restaurants mit Michelin-Sternen und Originalkunst an den Wänden die Grenze zwischen der Innenstadt und den Randbezirken weiter hinausgeschoben. Ihrer Erfahrung nach wurde diese Grenze jedoch nicht von einem Straßennamen markiert, sondern von der Wahl zwischen Heroin und Kokain. Koks gehörte unter den Prada tragenden Jungunternehmern und Kreativen zum gesellschaftlichen Umgang wie das Händeschütteln, solange das Geld in Strömen floss. Doch jetzt, da die Blase geplatzt war, eroberte H wieder neue Gebiete am Stadtrand. Die anderen Kollegen zerstreuten sich nun rasch und ließen lediglich den zierlichen, silberhaarigen John Foxe in ihrem Blickfeld zurück. »Ich hatte ihn so weit«, sagte sie. »Er hatte angebissen.« Foxy sah nicht überzeugt aus. Jo seufzte. Sie respektierte Foxe – er hatte sie unter seine Fittiche genommen, als sie noch ein Grünschnabel bei der Polizei war. Er war von der alten Schule, griesgrämig, aber mit hohen Prinzipien. Als der »Schriftgelehrte« des Reviers war er für die Einrichtung der Haupteinsatzzentralen verantwortlich, wobei sein stures Bestehen auf Anwendung der Theorie in der Praxis einen bei der Arbeit zum Wahnsinn treiben konnte. Jo hielt sich für das komplette Gegenteil von ihm. Indem sie manchmal Vorschrift Vorschrift sein ließ, überbrückte sie den Graben, der zwischen ihrem Gerechtigkeitsgefühl und dem Gesetz klaffte. Das war ihrer Karriere nicht gerade zuträglich, aber nichts brachte sie so sehr in Rage wie ein Justizsystem, das die Leidtragenden eines Verbrechens nicht zu Wort kommen ließ. Die Anwälte durften reden, der Richter durfte reden, der Angeklagte durfte reden, wenn er denn wollte. Aber von den Angehörigen eines Mordopfers wurde erwartet, dass sie still im Gerichtssaal saßen und sich anhörten, wie der Mensch, der ihnen genommen worden war, von der Verteidigung quasi noch einmal ermordet wurde. War es ein Fall, der Schlagzeilen machte, konnten sie sich glücklich schätzen, wenn sie überhaupt einen Sitzplatz bekamen, sonst mussten sie bei dem für sie so schmerzlichen und makabren Prozess auch noch stehen … Foxy deutete mit einer müden Kopfbewegung auf eine abgelegene Ecke des langen Balkons, wo sie für sich sein konnten. Jo warf ein Nicorette-Dragee ein, das sie mühsam unter dem Plunder in ihrer Handtasche hervorgekramt hatte. Sie kaute mit einer Hektik darauf herum, die ihm signalisierte, dass sie nur ihm zuliebe mitkam. »Wäre es meine Entscheidung gewesen, hättest du ihn gehabt, okay?«, sagte Foxy. »War es aber nicht. Wir hatten einen Gast. Er ist gleich danach gegangen.« »Wer?«, fragte Jo gereizt. Foxy sah sie vielsagend an. »Los, spuck’s aus. Das ist eine ernste Sache. Wenn ich diesen Kurs nicht bestehe, habe ich keine Chance, meine Versetzung bewilligt zu bekommen.« Foxy hielt Jos bohrendem Blick stand. Die meisten Leute schafften das nicht, denn die Pupillen ihrer glasartigen Augen waren seit einem Autounfall als Kind dauerhaft geweitet. »Was glaubst du wohl? Der Chief Superintendant natürlich.« Jo stöhnte. Ihre berufliche Beziehung zu ihrem Exmann Dan Mason gestaltete sich allmählich genauso schwierig wie die Trennung von ihm. Seit sie vor anderthalb Jahren auseinandergegangen waren, hatte Dan sie praktisch auf dem Abstellgleis geparkt und ihr nur Aufgaben übertragen, mit denen sie ihre Überführungsrate nie und nimmer steigern konnte. Und jetzt sah es so aus, als wollte er auch ihren Plan B sabotieren. Sie hatte sich für jeden verfügbaren Fortbildungskurs angemeldet, um einen möglichst großen Bogen um ihn zu machen. Ihre Hoffnung war, durch den Erwerb einer Reihe von zusätzlichen Qualifikationen ihre Versetzung in irgendeine unabhängige Republik zu beschleunigen, weit weg vom Einflussbereich ihres Ex und seiner Seilschaften – zum Beispiel zur Garda National Drugs Unit ( GNDU ), der landesweit operierenden Drogenbekämpfungsgruppe, oder zum Criminal Assets Bureau ( CAB ), dem Amt für die Beschlagnahme illegal erworbener Vermögenswerte. Doch jetzt schien Dan sich vorgenommen zu haben, ihr auch dabei ein Bein zu stellen. »Verdammt, jetzt reicht’s, ich bring ihn um!«, fluchte sie. Foxy breitete hilflos die Hände aus zum Zeichen, dass er nichts damit zu tun hatte. Er war gebaut wie ein Jockey, drahtig und mit einem Kopf, der zu groß für seinen Körper wirkte. Gerade wollte er noch etwas sagen, als Jo auf einmal eine Wohnungstür rechts von ihm fixierte. Sie ging darauf zu und strich der Länge nach mit der Hand darüber. »Sieht aus, als wären wir auf einen Einbruch gestoßen«, sagte sie und zeigte auf den verbogenen Türgriff und die Schrammen am unteren Rand. »Das Gebäude ist unbewohnt«, kommentierte Foxy besorgt. »Sonst hätte die Versicherung die Übung heute nie abgedeckt.« Jo zog ihren Jackenärmel über die Hand und drückte den Griff herunter. Sie holte tief Luft, als die Tür nachgab. »Geh nicht rein, ich hole Verstärkung«, rief Foxy und lief auf die Treppe zu. Doch Jo war schon in der Wohnung und tastete an der Wand nach einem Lichtschalter. »Jemand zu Hause?«, rief sie. Dann keuchte sie auf und zog ihren bunten, grob gestrickten Dr.-Who-Schal gegen den Gestank über die Nase. Es roch muffig und durchdringend, wie schwelendes Bakelit. Die Heizung war voll aufgedreht, und noch etwas anderes, das sie nicht einordnen konnte, verursachte ihr eine Gänsehaut … Sie fuhr zusammen, als Foxy, der umgekehrt war und sie offensichtlich nicht allein lassen wollte, hinter ihr ein Husten unterdrückte. Er hatte sein Gesicht in der Armbeuge vergraben. »Herrgott, was stinkt denn hier so? Das ist ja widerwärtig. Da wird doch nicht einer den Löffel abgegeben haben, oder?« Jo ging vorsichtig weiter und erfasste mit einem Blick das kleine Wohnzimmer mit offener Kochnische. Zwei Türen rechts von ihr, eine weitere links, hinter dem Küchenbereich. Keine Bilder an den Wänden, keine persönlichen Gegenstände, nur ein paar wenige zusammengewürfelte Möbel auf dem Laminatfußboden, der einen Wischmopp nötig hatte. Sie ging auf einen verschmierten Glascouchtisch zu, leckte ihren kleinen Finger an und tippte ihn in eine nicht angerührte Linie Koks. Foxy flüsterte: »Hey, hast du alles vergessen, was ich dir beigebracht habe? Das Zeug könnte sonst was enthalten, Strychnin zum Beispiel.« Jo pfiff lautlos durch die Zähne. Wegen Rattengift brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, das Zeug war unverschnitten. Diese Bude rangierte wohl höher auf der Erfolgsleiter, als der erste Eindruck vermuten ließ. Sie registrierte wieder das Hintergrundgeräusch, das sie sofort hatte wachsam werden lassen. Schmeißfliegen bedeuteten ihrer Erfahrung nach immer nur eines. Wir kommen zu...




