Odoevskij | Der schwarze Handschuh | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Odoevskij Der schwarze Handschuh

Erzählungen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-14031-1
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-14031-1
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine bezaubernde russische Trouvaille

Charmanter Feingeist und scharfzüngiger Kritiker skandalöser Zustände, erzählt Vladimir Odoevskij stets mit der Eleganz des formvollendeten Stilisten. Dieser Auswahlband ist eine Trouvaille für alle, die sich mit Felicitas Hoppe von der «Leichtigkeit, Geistesgegenwart und Beobachtungsgabe» dieses russischen Klassikers bezaubern lassen möchten.

Neu zu entdecken: ein Hochkaräter der russischen Literatur und ein Großmeister der kleinen Form. Vladimir Odoevskij (1803–1869) hat die Erzählkunst seiner Heimat mitbegründet und sie mit seinen Novellen in weltliterarische Sphären geführt. Sprachlich souverän und in unbefangenem Fabulierton vermittelt er uns ein launig- heiteres Zeit- und Sittenbild der spätaristokratischen Welt. Kaum ein gesellschaftlicher Missstand und kaum ein menschlicher Makel, den der versierte Satiriker nicht auf seine spitze Feder gespießt hätte. Habgier, Eitelkeit, Ruhmsucht, Trägheit des Herzens, Standes- und Geistesdünkel, nichts ist vor seiner Polemik sicher. Der Enge gesellschaftlicher Konventionen und des schönen Scheins entkommen am Ende weder die Privilegierten noch die Habenichtse, weder die Berechnenden noch die, die angeblich reinen Herzens sind. Wie das Zwillingsstück um die zauberhaften Prinzessinnen Mimi und Zizi, das den Beginn der psychologischen Analyse in der russischen Literatur markiert, sind auch die anderen Erzählungen des Bandes eine tiefgreifende Kritik an ausgehöhlten Traditionen. Romantische Motive, spätromantische Brechung und ein modern anmutender Scharfblick finden sich hier meisterhaft miteinander verschränkt.

Bei den hier von Peter Urban gehobenen Prosaschätzen handelt es sich durchwegs um Erst- bzw. Neuübersetzungen, die den Nimbus dieses großen Erzählers belegen.

Vladimir Odoevskij (1803–1869) zählt mit Gogol und Puškin zum Dreigestirn der frühen Blüte russischer Erzählkunst. Den Schilderer des Märchenhaft-Phantastischen verbindet eine innige Seelenverwandtschaft mit der deutschen Romantik. Seine Lebensbilder aus der spätaristokratischen Adelswelt bezaubern durch Unmittelbarkeit und Esprit.

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Der schwarze Handschuh


Gew. Jul. Mich. Duhamel (Kozlovskaja)

In meiner Jugend war ich Brautführer bei einer sehr interessanten Hochzeit. Bräutigam und Braut, so schien es, waren füreinander geschaffen… Gleichermaßenjung , gleichermaßen voller Leben, gleichermaßen schön, beide aus guter Familie und – kaum zu glauben! – beide gleichermaßen reich. Das waren zwei Geschöpfe, welche das Schicksal, so schien es, in die Welt gesetzt hatte, damit man es nicht immer unbarmherzig nennen kann. Es hatte das junge Paar von der Wiege an mit allen Gaben des Glücks überhäuft; es war, so schien es, selbst bei der Wahl dieser Gaben launenhaft gewesen und hatte sich bemüht, jeder von ihnen die vollkommenste Form zu geben. So, zum Beispiel, hatte das junge Paar viele Besitztümer und keinen einzigen Prozess am Hals, es hatte einige gute, wahrhaftige Vertraute, und nicht die Kette jener zweitrangiger Verwandten, von deren Existenz ein anständiger Mensch nur durch Visitenkarten und aus Bittbriefen und Empfehlungsschreiben weiß.

Die Väter und Mütter unserer Liebenden existierten schon lange nicht mehr auf dieser Welt. Graf Vladimir und seine Braut waren aufgewachsen im Hause ihres gemeinsamen Vormunds und Oheims Akinfij Vasiljevi? Ezerskij, den Sie, denke ich, gekannt haben; erinnern Sie sich: ein recht wohlbeleibter, rotwangiger Mann, stets im weiten braunen Frack, ein wenig gepudert, mit einem so ernsten und entschlossenen Gesicht, noch ein wenig an Franklin1 gemahnend. Bei ihm lebten meine jungen Leute! beinahe von den Windeln an waren sie unzertrennlich und schon im Vorhinein, im Kopfe des Vormunds, zu Mann und Frau bestimmt. Akinfij Vasiljevi? Ezerskij war ein in vieler Hinsicht höchst bemerkenswerter Mensch; die Natur hatte ihm Verstand und ein gutes Herz geschenkt. Leider schenkt uns die Natur nur die Augen, zwingt uns aber, die Gläser selbst zu erfinden, die ein wenig weiter sehen lassen als das natürliche Sehvermögen; diese Gläser hatte Akinfij Vasiljevi? in seiner Kindheit nicht erhalten; man unterrichtete ihn auf alte Art: man ließ ihn geografische Namen aufsagen, historische Daten, moralische Sentenzen und Maße von Fortifikationen,2 vergaß indessen, ihn das eine zu lehren: über das, was man ihn lehrte, nachzudenken. Und solche Lehre, wie das stets zu sein pflegt, prägte ihn fürs ganze Leben: was der natürliche Verstand sah und was das Herz fühlte, vermochte seine Bildung nicht zu erkennen; deshalb dachte er nur mit der Hälfte des Kopfs, fühlte nur mit der Hälfte des Herzens und begriff deshalb oft nur die Hälfte der Gegenstände. Mit solch einer sonderbaren Erziehung verschlug ihn das Schicksal nach England, wo er einige Jahre seines Lebens verbrachte; diese neue Welt nun konnte nicht anders, als ihn zu verblüffen; doch, wie einen Wilden, verblüffte ihn das Gute gleichermaßen wie das Schlechte; das eine wie das andere vermischte sich für ihn; im einen wie im andern durchschaute er vieles nicht, übersah vieles und übertrug das eine wie das andre auf die russische Scholle. So, zum Beispiel, ungeachtet des Spotts der Ignoranten, auch des Spottes der Schriftsteller, die sich nicht schämten, mit ihrer Feder die Meinung der Analphabeten zu bekräftigen und in ihren Werken den Triumph der eingefleischten Dummheit über notwendige Verbesserungen herauszustellen, führte Ezerskij auf dem Besitztum seiner Zöglinge die vervollkommnete Landwirtschaft3 ein, und zum Ärger der analphabetischen Nachbarn, analphabetischen Novellen und Komödien zum Trotz, verzehnfachte er dort seine Einkünfte; doch damit zugleich übertrug er auch die Auswüchse jener trockenen Methodik, die sich mehr oder weniger im gesamten englischen Leben bemerkbar macht und jegliche Poesie darin abtötet. In aller Eile hatte er Bentham4 gelesen, und der Gedanke an den Nutzen wurde für Ezerskij zur blendenden Sonne; er hinterließ dunkle Flecken auf seinem eigenen Denken; der Mensch erschien ihm als eine Maschine, die erst dann glücklich ist, wenn sie zur bestimmten Stunde und zum bekannten Zweck funktioniert; Poesie erschien ihm als Unsinn, die Einbildungskraft als Dämon, den man zu meiden habe; jede unbedachte Herzensregung – beinahe als Verfehlung. Zum Glück hatte er aber auch Thomson5 gelesen – und der Gedanke an die Schönheit der Natur verband sich in seinem Kopf mit dem benthamschen Industrialismus. Auf diese Weise hatte sich Akinfij Vasiljevi? ein System zurechtgelegt, das eine Mischung aus Bentham, Thomson, Paley6 und andern Autoren darstellte, die er als junger Mensch gelesen hatte; neuere kannte und mochte er deshalb nicht. Byron hasste er, denn Byron verfluchte England, das für Akinfij Vasiljevi?, zusammen mit seinem System, das Muster der Vollkommenheit war. Der Oheim pflegte sein System oft zu erklären, aber es zu begreifen war recht schwierig. Mit dem Gedanken, dass die Grundlage jeder menschlichen Handlung der Nutzen zu sein habe, vereinte er eine unsagbare Naturverbundenheit und unterstrich sein Entzücken mit Versen aus den «Vier Jahreszeiten» Alles in der Natur erschien ihm vollkommen, und oft sprach er, wie er sich auszudrücken pflegte, von der Notwendigkeit, «im Einklang mit der Natur» zu leben. Infolgedessen war er entzückt von jedem Erdhaufen, von jedem bucklig gewordenen Baum; allein die Methodik ließ ihn sich über dieser Begeisterung nicht vergessen: regelmäßig legte er sich um zehn Uhr schlafen, stand mit dem Sonnenaufgang auf und las dazu Thomsons Gedichte ; nach den Gedichten trank er Tee, rauchte zwei Zigarren (nicht mehr, nicht weniger) und setzte sich an die Arbeit, die bis drei Uhr währte ; um drei Uhr kam er heraus zum Spaziergang und zum Essen, selbst wenn er allein aß, kam er heraus im weißen Halstuch und in Halbschuhen. In allen seinen Handlungen spiegelte sich erkennbar diese dem Russen gottlob unbegreifliche englische Einseitigkeit, von der alle Vorzüge und alle Mängel englischer Erzeugnisse abhängen, mit der der Engländer ein paar Räder der Maschine kennt, ein paar Gedanken im Leben – und sie vorzüglich kennt –, von allem andern auf der Welt indessen nicht den mindesten Begriff hat. Ungeachtet dieser Eigenheiten verlieh die Gewöhnung an Arbeit und Ordnung Akinfij Vasiljevi? einen wichtigen Vorzug gegenüber allen seinen Altersgenossen. Er schaffte es, das zu tun, was zehn Mann nicht zu tun schafften; schon allein deshalb hatte er eine Menge zu tun; er liebte es, sich zu kümmern, da die andern das Nichtstun liebten; und da es Liebhaber letzterer Art zu Tausenden gibt, so war Ezerskij aller Welt Vormund, Vorsitzender aller möglichen Kommissionen in Angelegenheiten seiner Freunde und Vermittler in allen Streitfällen.

Es versteht sich, dass die Erziehung, die er seinen Zöglingen angedeihen ließ, im Einklang mit seinem System stand: er unterwies Marija in weiblichen Handarbeiten und weiblicher Demut, den Grafen hingegen in allen kommerziellen und gymnastischen Disziplinen: deshalb verstand es Marija vortrefflich, Tee und die feinsten Buttertörtchen zuzubereiten; Plumpudding und Minzplätzchen waren ihr wohlvertraut; der Graf verstand sich auf Trigonometrie, Buchhaltung, boxte mit Bravour, ritt zu Pferde und balancierte auf dem Seil; überdies konnten beide einige Grammatiken beinahe auswendig. Ihre Erziehung war, wie man sieht, die praktischste, angemessenste, gegründet nicht auf Ideen, sondern auf den Nutzen. In der Tat fiel ihnen kein anderes Buch weder in die Hände noch in den Kopf, und erst einen Monat vor der Hochzeit erlaubte Akinfij Vasiljevi? den künftigen Eheleuten, «Clarissa Harlowe»7 von Richardson zu lesen.

Die Hochzeit des jungen Grafen mit Marija war längst keine Neuigkeit mehr für die Stadt, doch alle freuten sich darüber ohne Heuchelei. Beide hatten etwas unsagbar Unschuldiges, unsagbar Kindliches: es waren zwei Kindsköpfe, gestochen von einem erfahrenen Londoner Graveur, die man unwillkürlich und freudig bestaunt, wobei man vergisst, dass in diesen beiden schönen Geschöpfen schon der Samen jener moralischen Arithmethik angelegt ist, über die Byron so bittere Tränen vergoss. Tatsächlich haftete ihnen eine Art Magnetismus an, der bewirkte, dass niemand sie beneidete, dass niemand, der ihr Glück sah, über ihr Schicksal murrte, sondern es ansah als das Eigentumsrecht junger Leute. Zwar umschwirrte eine Menge junger Leute die schöne Marija, vergafften sich Frauen unwillkürlich in den ansehnlichen Vladimir; doch war das ein Staunen, keine Eifersucht, kein Ärger; sie konnten mit ihrem kindlichen Äußern nur die reine, klare Oberfläche der Seele erregen, während deren dunkle, schwere Tropfen am Boden blieben; ihre Hochzeit erschien als ein heiteres Kinderfest, an dem alle sich freuen und das bei niemandem Neid erweckt.

Die Trauung war zu Ende. Vladimir küsste zärtlich seine Marija; in der Kirche und im Haus war fast die ganze Stadt versammelt; man beglückwünschte das junge Paar; doch gegen zwölf Uhr fuhren alle nach Hause und entließen die jungen Leute in die Freiheit. Der Oheim, der an ihnen die Vaterstelle vertreten, ebenso die Brauteltern, nachdem sie die häuslichen Zeremonien erfüllt hatten, entfernten sich. Die Jungverheirateten waren schon im Schlafzimmer und freuten sich staunend mit kindlicher Unschuld der Einrichtung des Zimmers, die für sie bisher ein Geheimnis gewesen war, als sie plötzlich auf dem weißen Atlasdiwan einen schwarzen Handschuh erblickten. Anfang dachte Vladimir, jemand von den Gästen hätte ihn vergessen, aber wem hätte in den Sinn kommen können, auf eine Hochzeit mit schwarzen Handschuhen zu gehen? Mit einem gewissen Gefühl abergläubischer Angst hob er ihn auf und ertastete in ihm ein Couvert mit der Aufschrift ihrer beider Namen. Mit einem Beben riss Vladimir das Siegel auf und las mit Entsetzen das...


Odoevskij, Vladimir
Vladimir Odoevskij (1803–1869) zählt mit Gogol und Puškin zum Dreigestirn der frühen Blüte russischer Erzählkunst. Den Schilderer des Märchenhaft-Phantastischen verbindet eine innige Seelenverwandtschaft mit der deutschen Romantik. Seine Lebensbilder aus der spätaristokratischen Adelswelt bezaubern durch Unmittelbarkeit und Esprit.



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