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E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Off Happy Endstadium


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95575-604-8
Verlag: Ventil Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-95575-604-8
Verlag: Ventil Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Soziale Revolution - oder Scheiße für immer!' Nur: Wie den so dringend benötigten Umbruch organisieren? Und vor allen Dingen: Wie dafür Sorge tragen, dass am Ende tatsächlich eine gerechtere Gesellschaftsform auf dem Siegertreppchen steht? Fünf junge Weltverbesserer - von den ständigen Reibereien mit der Staatsmacht ebenso zermürbt wie vom zwischenzeitlichen Stress mit dem Gangsternachwuchs aus der Nachbarschaft - machen sich auf den Weg, den ewigen Unsicherheitsfaktor Mensch ein für alle Mal auszuschalten. Da die autonome Rasselbande ihrerseits aber auch nur aus Fleisch und Blut besteht, kommt den Plänen des Quintetts schon bald allzu Menschliches in die Quere: Intrigen, Liebeshändel, Tod, rauschbedingte Torheiten. Der Roman 'Happy Endstadium' ist der Nachfolger von Offs Meisterstück 'Vorkriegsjugend'. War es dort die Punkszene, deren Sitten und Gebräuche mit liebevollem Spott seziert wurden, ist es diesmal die autonome Bewegung, die unters Messer kommt. Eine wortgewaltige Auseinandersetzung mit linksradikalen Positionen, die, bei aller berechtigten Kritik, nie den Grundsatz fahren lässt, dass nur hier, also auf der emanzipatorischen Seite der Medaille, ein Weg aus dem Schlamassel gefunden werden kann. Denn, wie heißt es doch so schön? Richtig: 'Freiheit entsteht als kämpfende Bewegung!' 'Man darf hoffen, dass dieses Buch wie ein Molli dort in der linken Szene einschlagen wird, wo man am wenigsten über sich selbst lachen kann.' (Ox) 'Jan Off ist einer der ganz Großen im ansonsten schrapnelligen Literaturbetrieb, denn er ist geschult an Autoren wie Hunter S. Thompson und Jörg Fauser.' (Junge Welt)

Jan Off war mal irgendwo und hat dort flüchtig jemanden kennengelernt, der beinahe was erlebt hätte. Dieses Ereignis wirkt bis heute nach. Zuletzt erschienen die Romane »Nichts wird sich niemals nirgendwo ändern« (2020) und »Klara« (2018, gemeinsam mit Dirk Bernemann und Jörkk Mechenbier).
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»Tränen machen stark«


[Kristina Bach]

Der Schlag kommt so unerwartet wie eine Erektion nach zwanzig Jahren Opium-Konsum. Er trifft mit Wucht auf mein linkes Ohr und bringt mein Trommelfell zum Vibrieren – ein Gefühl, als wäre ein Vogelschreck in meinen Gehörgängen gezündet worden. Reflexartig betaste ich die pochende Stelle und fühle Blut an den Fingerspitzen. Hoffentlich ist da nichts kaputtgegangen.

Der Bulle schickt ein Lachen in den Raum. Es klingt aus tiefster Seele ehrlich.

»Da hat sich wohl jemand beim Versuch, sich der Verhaftung zu widersetzen, ein kleines Wehwehchen zugezogen.«

Dem Reiz, diese Bemerkung mit einer wohlgesetzten Beleidigung zu quittieren, ist nur schwer zu widerstehen. Nicht zuletzt, weil das Äußere meines Peinigers genügend Angriffsflächen böte. Er besitzt nicht nur eine echte Feuermelderfresse mit feisten, fleischigen Bäckchen und dem dazugehörigen Dreifachkinn, sondern auch ein Paar imposanter Biertitten, die von seinem eng am Körper liegenden Kunstfaser-Shirt auf eine Art und Weise betont werden, als ob er die Schläuche gern mal textilfrei und vor einem größeren Publikum präsentieren würde.

Alles andere als einfach, den Büttel nicht mit diesen Beobachtungen zu konfrontieren, zumal das Bedürfnis, die Sprachwerkzeuge zu benutzen, nach der Stille der Zelle ohnehin riesengroß ist. Aber genau das wollen sie ja – dass ich spreche, mich mal richtig , mir die vermeintlichen Sünden von der Seele rede. Und so bin ich gut beraten, mich im Schweigen zu üben. – keine Ahnung, wie oft mir diese fünf Worte in den letzten Jahren in Schriftform begegnet sind. Mit einem Mal jedenfalls hat die abgedroschene Parole mächtig an Aktualität gewonnen, geistert mir durchs Hirn wie eine unablässig wiederholte Regieanweisung.

Satz allerdings darf ich sagen.

»Mir steht das Recht auf einen Anruf zu.«

»Ja und?« Im Blick des Bullen: gespielte Verblüffung.

Wider besseres Wissen wiederhole ich mein Anliegen: »Ich habe das Recht, zu telefonier’n.«

Der Staatsdiener stützt sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, bringt sein Gesicht ganz dicht an das meine heran. Sein Atem verströmt etwas Medikamentöses. Vielleicht hat er eine Zahnbehandlung hinter sich oder er besorgt es sich hin und wieder mit einem Asthmaspray.

»Du willst also das Telefon benutzen?! Einen Anwalt anrufen oder etwas in der Richtung?!«

Ich spare mir das Nicken.

»Kannst du haben.« Er lächelt süffisant, bevor er fortfährt. »Ich hol dir das Telefon und dann schieb ich’s dir so tief in den Arsch, dass die Scheiße, die du verzapft hast, deinen Affenschädel flutet. Kannst deinem Anwalt ja dann einfach ein kurzes SOS furzen.« Er lacht, als ob er den Zwerchfellschüttler des Jahrhunderts kreiert hätte.

Als er sich wieder eingekriegt hat, federt er zurück in die Senkrechte und beginnt auf und ab zu tigern, ohne mich dabei allerdings aus den Augen zu lassen.

»Du meinst tatsächlich, du könntest hier was einfordern, du Traumtänzer?! Willst dir einen auf deine demokratischen Rechte abwichsen?! Willkommen in der Wirklichkeit 2.0, Abschaum. Wenn’s drauf ankommt, und in diesem Fall es drauf an, dürfen wir alles. Alles, hörst du. Glaubst du, da draußen existiert auch nur eine Menschenseele, die dir und deinen verkommenen Freunden eine Träne nachweinen würde?! Ich wette, wenn die Leute wüssten, was ihr vorhattet, und wir euch jetzt raus ließen, würde es keine Viertelstunde dauern, bis man euch alle am nächstbesten Laternenmast aufgeknüpft hätte.« Er hat sich in Rage geredet und legt eine kurze Pause ein, um sich den Schweiß von dem rot glänzenden Stück Pavianarsch zu wischen, das er seiner Umwelt als Stirn verkaufen will. Dann brüllt er plötzlich los, als ob ihm seine Frau eröffnet hätte, dass sie sich in Kürze einer Geschlechtsumwandlung unterziehen werde. Offenbar nähert sich seine Performance ihrem Höhepunkt.

»Ihr seid schlimmer als Hitler, du und diese anderen Muttersöhnchen. Nicht zu vergessen: die Fotze. Die Fotze, die euch alle bei den Eiern hatte. Hat euch wahrscheinlich immer schön rangelassen, das kleine Miststück, hä? Ins Gas müsste man euch schicken. Aber den Hahn schön langsam aufdrehen, damit ihr über eure verschissenen kleinen Leben noch mal nachdenken könnt, während ihr verreckt. Und das Ganze dann weltweit im Fernsehen übertragen. Ich würd’s mit meinen Kindern schauen, hörst du, du gottlose Missgeburt, mit meinen Kin-dern!«

Einer mehr, der nichts verstanden hat, denke ich, während ich zeitgleich versuche, die Drohkulisse nicht persönlich zu nehmen. Der Staatsdiener erledigt hier nur einen Job. Er Leuten wie mir Angst machen. Aber dann schlägt er wieder zu – auf dieselbe Stelle wie beim ersten Mal –, und Schmerz ist immer persönlich.

»Du verschissener Nazi!«, entfährt es mir, ohne dass ich darüber hätte nachdenken können.

Darauf hat er zweifellos spekuliert.

»Na, komm. Komm her, verpass mir eine.« Er grinst mich an und wedelt – die Arme in Hooliganmanier ausgebreitet – herausfordernd mit den Händen.

Entgegen jeder Vernunft beginne ich, tatsächlich meine Chancen abzuwägen, überlege mir, was geschehen würde, wenn ich jetzt aufstünde. Mein linkes Ohr fühlt sich taub an, dafür pfeift und rauscht es in meinem Schädelinneren, als ob man meinen Kopf an einen Kurzwellensender angeschlossen hätte. Gut möglich, dass ich das Gleichgewicht verlöre, noch bevor ich mich vom Stuhl gewuchtet hätte. Dann könnte mir der Bulle, dieser fleischgewordene Albtraum in Gestalt eines bäuerlichen Gabba-Jüngers, mit seinen Angeberturnschuhen gepflegt die Fresse eintreten. Dazu kommen noch die Zerrung oder der Faserriss im rechten Oberarm; oder was auch immer ich mir da während der Verhaftung eingefangen habe. Keine Frage, mein Gegner hätte leichtes Spiel. Trotzdem sollte ich vielleicht einen kleinen Ringelpietz wagen. Je sichtbarer die Verletzungen, desto besser lässt sich die Misshandlung später öffentlich machen. Aufstehen scheint dafür ohnehin nicht mehr vonnöten. Mein Peiniger ist bereits spürbar ungeduldig.

»Na, keine Traute? Oder willst du’s im Sitzen besorgt bekommen?« Er tänzelt überraschend leichtfüßig auf mich zu.

Ich bereite mich schon mal darauf vor, der nächsten Attacke wenigstens mit einem Ausweichmanöver zu begegnen, als sich plötzlich die Tür öffnet und der Spuk ein jähes Ende nimmt.

»Ist gut«, sagt eine sanfte weibliche Stimme, deren Besitzerin ich nicht erkennen kann, da mir die Fettschichten des Schergen die Sicht nehmen.

Zu meinem Erstaunen gehorcht der Versorger des Speckmantels ohne Widerrede. Er tritt einen Schritt zurück und gibt seinem Armfleisch die Möglichkeit, schlaff und lappig herunterzuhängen.

»Sie können uns allein lassen.«

Der Bulle folgt auch diesem Befehl und trabt aus dem Raum, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen. Ich muss an den Beginn seines Monologs denken und komme an einem Lächeln nicht vorbei. Sieht ganz so aus, als ob er derjenige wäre, den hat.

Nun erst komme ich dazu, meine Retterin in Augenschein zu nehmen. (Und ist in diesem Moment tatsächlich der Ausdruck, der sich mir ins Hirn drängt.) Ich habe eine Frau erwartet, deren Äußeres nicht allzu sehr vom Schönheitsideal unserer Tage abweicht. Sicher, weil das bei Fernsehkommissaren häufig der Fall ist, so sie denn paarweise agieren. Ist der eine älter und von eher skurriler Gestalt, kommt der andere meist jünger und vergleichsweise ansehnlich daher. Die Dame, mit der ich es hier zu tun habe, ist allerdings weder jünger noch hübscher noch dünner als der Appetitzügler, den sie gerade des Zimmers verwiesen hat. Vielleicht bin ich in einer Dienststelle gelandet, die nebenher als Endlagerstätte für adipöse Beamte fungiert. Meine neue Aufsichtsperson jedenfalls bringt bei einer geschätzten Körpergröße von 1,70 Meter sicher ihre zweihundert Pfund auf die Waage. Um davon abzulenken, hat sie sich eine blasslila Strähne in die herausgewachsene Dauerwelle färben lassen und sich eine Brille ins Gesicht geschraubt, die mit ihren übergroßen Gläsern an einen dieser wahnsinnigen, von dunklen Welteroberungsplänen zerfressenen Wissenschaftler erinnert, wie sie häufig in Comics zu finden sind. Mir soll das egal sein. Mir genügen ihre mütterliche Stimme und die Tatsache, dass sie mir den Schläger...


Jan Off war mal irgendwo und hat dort flüchtig jemanden kennengelernt, der beinahe was erlebt hätte. Dieses Ereignis wirkt bis heute nach. Zuletzt erschienen die Romane »Nichts wird sich niemals nirgendwo ändern« (2020) und »Klara« (2018, gemeinsam mit Dirk Bernemann und Jörkk Mechenbier).



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