E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Off Liebe, Glaube, Hohngelächter
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95575-617-8
Verlag: Ventil Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurzgeschichten
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-95575-617-8
Verlag: Ventil Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Off war mal irgendwo und hat dort flüchtig jemanden kennengelernt, der beinahe was erlebt hätte. Dieses Ereignis wirkt bis heute nach. Zuletzt erschienen die Romane »Nichts wird sich niemals nirgendwo ändern« (2020) und »Klara« (2018, gemeinsam mit Dirk Bernemann und Jörkk Mechenbier).
Autoren/Hrsg.
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ALLZU COURAGIERTE ARIER BLUTEN
Mücke brauchte keine Drogen. Er berauschte sich an sich selbst, genauer: an seinem messerscharfen Verstand und seiner Zungenfertigkeit. Bei mir sah das deutlich anders aus. Ich betäubte meinen Verstand gern mal mit einer Messerspitze Meskalin oder größeren Mengen anderer Substanzen.
Demgemäß war, was die Rollenverteilung anging, keinerlei Diskussion vonnöten, als wir uns am Ende dieses kleinen, dreitägigen Elektro-Festivals wieder Richtung Heimat aufmachten. Mücke fuhr. Ich dämmerte auf dem Beifahrersitz, kämpfte die letzten Halluzinationen nieder und träumte von einer eiskalten Orangenlimonade.
Als das Fahrzeug, das eben noch über die Landstraße geschossen war wie ein Raumgleiter, unvermittelt seine Geschwindigkeit verringerte, dachte ich im ersten Moment, wir würden eine Tankstelle ansteuern. Ich sah den Verkaufsraum schon vor mir, den Kühlschrank, die Getränke.
Ein kurzes Öffnen der Lider verriet jedoch weniger Erfreuliches: Uns erwartete eine großangelegte Polizeikontrolle, wie sie im Umfeld von musikalischen Outdoor-Veranstaltungen beinahe schon Alltag geworden ist. Ein Mosaik aus blauen Uniformen und rot-weißen Warnhütchen zwang uns auf einen Parkplatz, eine rot-weiße Kelle zeigte uns die Stelle, an der wir zu halten hatten.
»Diggi, jetzt amüsieren wir uns ein bisschen«, sagte Mücke und präsentierte sein bestes Joker-Lächeln.
Ich dachte daran, dass gerade noch Fledermäuse mit Hipsterbart und Hornbrille in meinem Schädelinneren herumgeflattert waren, und war mir nicht sicher, ob ich »ein bisschen« Amüsement à la Mücke gebrauchen konnte. Da näherte sich auch schon ein Uniformierter und wies meinen Chauffeur mit einer Handbewegung an, das Fenster herunterzulassen. Dann kam das Übliche: »Allgemeine Verkehrskontrolle. Den Führerschein und die Fahrzeugpapiere bitte«, sagte der Bulle mit dieser unangenehmen, weil naturgemäß überheblichen Mischung aus Selbstbewusstsein und Strenge, wie sie Amtspersonen häufig eigen ist.
»Papiere?« Mücke bückte sich, fischte ein benutztes Tempotaschentuch aus dem Fußraum und sagte: »Das dürfte alles an Papier sein, was sich im Wagen befindet.«
Wie zu erwarten, war der Staatsdiener auf derlei Nonsens nicht vorbereitet.
»Was? Wie bitte?«, stammelte er.
»Ach Quatsch, Moment.« Mücke zog einen alten, wahrscheinlich unbezahlten Strafzettel aus der Türablage. »Hier ist auch noch was. Sammeln Sie Altpapier für wohltätige Zwecke?«
Der Bulle, ein junger Typ mit ehrgeizigem, aber nicht unsympathischen Gesicht, verlor unüberhörbar an Laune.
»Wollen Sie mich für dumm verkaufen?«
»Gott bewahre«, entgegnete Mücke »ich bin doch kein Menschenhändler. Menschenhandel ist verboten. Davon ab: Wenn ich etwas verkaufe, dann nicht für dumm beziehungsweise für umme, wie es eigentlich heißt, denn das wäre ja eine Schenkung und kein Verkauf, sondern für einen angemessenen Betrag. Geld, Schotter, Patte. Sie verstehen? In Ihrem Fall vielleicht nicht unbedingt für ein Vermögen, aber doch wenigstens für den Gegenwert einer Schachtel Heftzwecken.«
Der Bulle war kurz davor, aggressiv zu werden, riss sich aber noch mal zusammen.
»Wenn Sie mir einfach den Fahrzeugschein geben würden.«
Mücke machte große Augen und rieb sich das Kinn: »Ach, den. Tut mir leid, den habe ich nicht dabei.«
»Aha.« Der Bulle brachte Formularblock und Kuli zum Vorschein und machte eine Notiz.
»So, dann bitte noch den Führerschein.«
»Führerschein? Ist das ein Zwanziger mit dem Konterfei Adolf Hitlers auf der Rückseite? Wollen Sie, dass ich Sie besteche?«
»Die Fahrerlaubnis.« Der Ordnungshüter bekam einen leichten Silberblick.
Wer nun glaubt, Mücke hätte sich weitere schikanöse Wortspiele ausgedacht (etwa: »Fahrerlaubnis? Von wem? Vom Führer? Vom lieben Gott? Oder von dem, der mit dem Laub tanzt?«), der irrt. Mücke war raffiniert. Er wusste, dass der nächste Schlag umso härter trifft, wenn man den Gegner kurz in Sicherheit wiegt. Und so sagte er nur: »Die Fahrerlaubnis? Die liegt zu Hause. Im Kühlschrank, neben der Avocadobutter.«
Wie zu erwarten, hatte der Bulle plötzlich Oberwasser. Ein weiterer Vermerk auf seinem Zettel, dann kam er hiermit: »Wenn Sie bitte aussteigen und mich einen Blick in den Kofferraum werfen lassen würden. Warndreieck und Verbandskasten hätte ich gern noch gesehen.«
Mücke machte keinerlei Anstalten, diesem Ansinnen Folge zu leisten. Vielmehr lehnte er sich zurück und sagte genüsslich: »Der Begriff ist eine Dopplung beziehungsweise ein Widerspruch in sich.«
»Entschuldigung, was meinen Sie?«
»Die Ausdrücke und beziehungsweise und bezeichnen jeweils Zusammenschlüsse von Personen. Es gilt allerdings: Eine Kaste ist immer ein Verband; ein Verband dagegen muss nicht zwingend eine Kaste sein.«
»Hä?«
»Vergleichbar etwa dem Begriff . Ein Bulle kann durchaus ein Schwein sein, also im übertragenen Sinne, ein Schwein aber nie ein Bulle.«
»Den Verbandskasten!«
»Ich sagte doch gerade, dass …«
Der Mann in Uniform, besser: der Mann der Uniform schrie nun endlich: »Diese kleine Kiste aus Plastik. Diese kleine Kiste, in der sich Verbandsmaterial und andere wichtige Dinge zur medizinischen Erstfallversorgung befinden.«
»Die ist nicht da.«
Hörbares Ausatmen, gefolgt von einem fast schon erfreuten: »Gut. Sehr gut.«
Die Stimmung auf Seiten der Ordnungsmacht stieg offenbar wieder an. Noch einmal wurde der Kugelschreiber geschwungen, dann erfolgte die in den Augen des Fragestellers wahrscheinlich finale Attacke: »Haben Sie Alkohol getrunken?«
»Aber Herr Wachtmeister, was reden Sie da? Sie wissen das vielleicht nicht, aber das Führen von Fahrzeugen unter Alkohol-, wie übrigens auch unter Drogeneinfluss, ist brandgefährlich und außerdem verboten, was wiederum, wenn ich ihre Frage bejahen würde, nur zwei Möglichkeiten zuließe: Entweder habe ich nur ein bisschen genippt, also im medizinischen wie rechtlichen Sinne dann doch nicht getrunken, oder ich habe mich brutal volllaufen lassen. Denn wie sonst käme ein vernunftbegabter und moralisch gefestigter Mensch, der nicht nur das Fachabitur und die Seepferdchen-Prüfung bestanden, zwei Jahre als Organist in der Martinikirche gedient und seine Frau Mama (Gott hab sie selig) dreimal wöchentlich zur Dialyse kutschiert hat, auf die Idee, jede Achtung vor dem Gesetz fahren zu lassen?«
»Haben Sie nun oder haben Sie nicht?« Es hatte den Anschein, als wäre die Unterlippe des Büttels von einem leichten Zittern befallen.
Mücke machte eine lange Pause, wie ein Messerwerfer vor dem letzten, dem gefährlichsten Kunststück, dann sagte er: »Nein.«
Zum zweiten Mal atmete der Bulle spürbar auf. Aber seine Erleichterung war verfrüht. Denn noch während er erneut mit seinem Kugelschreiber herumfuhrwerkte, schwang sich Mücke aus dem Auto, zog die Jogginghose auf halb acht, brachte seinen unbestreitbar ansehnlichen Fleischpenis mit der Sigmund-Freud-Tätowierung zum Vorschein und rief in hellstem Glockenklang: »Wäre nun nicht aber auch eine Drogenkontrolle fällig? Ein Teststreifen, den mein Harn zu Kunst veredeln könnte. Oder darf ich doch noch das Warndreieck zur Anschauung bringen?«
Er tat, behindert vom herabgelassenen Beinkleid, ein, zwei Hüpfer, aber der Cop trat ihm in den Weg.
»Sie packen das sofort wieder ein!«
»Aber das Warndreieck. Das ist doch wichtig. Wenn man mal zum Stehen kommt, weil irgendetwas Unvorhergesehenes die Fahrbahn blockiert. Ein brennender Wasserwerfer etwa.«
»Nein«, sagte der Bulle, »Nein. Sie packen das jetzt wieder ein. Und dann fahren Sie. Sofort.« Er wirkte hysterisch. Und es hätte mich nicht gewundert, wenn er Kollegen zur Verstärkung herbeigerufen oder gar die Schusswaffe gezogen hätte. Aber nichts davon geschah.
Mücke zögerte kurz, zog dann aber die Hose zurück bis zum Bauchnabel – reichlich lasziv, wie ich fand – und nahm wieder hinterm Steuer Platz.
»Na, dann frohes Schaffen und nicht vergessen: Allzu couragierte Arier bluten«, sagte er, kurbelte die...




