E-Book, Deutsch, 540 Seiten
Reihe: Ondragon
Ondragon 5: Grauzone
Original-Ausgabe
ISBN: 978-3-942261-79-1
Verlag: Ivar Leon Menger
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mystery-Thriller
E-Book, Deutsch, 540 Seiten
Reihe: Ondragon
ISBN: 978-3-942261-79-1
Verlag: Ivar Leon Menger
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die 1975 in Göttingen geborene Autorin Anette Strohmeyer lebt und arbeitet nach mehreren Stationen nun in Kopenhagen. Sie schreibt Krimis, Thriller und Hörspiele und verbrachte viele Jahre in Skandinavien, Neuseeland und den USA. Ihre Spezialität sind die Vorortrecherche und die internationalen Settings, die ihre Bücher sehr variantenreich gestalten: So hat sie in Haiti einer Voodoo-Zeremonie beigewohnt, bei einer Dschungel-Tour Termiten gegessen, im Hochspannungslabor Blitze erzeugt und ist durch den berüchtigten Selbstmordwald am Fuße des Fuji gewandert. Außerdem nahm sie an verschiedenen Writers' Rooms teil, in denen sie gemeinsam mit anderen Autoren Serienstoffe und -konzepte entwickelte. Zum Beispiel für die Hörspielserie 'Monster 1983' oder den Thriller 'Cold Reset'.
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1. Kapitel
Hamburg – heute
Paul Ondragon blinzelte durch seine Sonnenbrille gegen die grelle Oktobersonne an, deren Licht von der Außenalster zurück in den hanseatisch blauen Himmel reflektiert wurde. Vor dem Haupteingang des Hotel Atlantic war einiges los. Touristen, Neugierige und B-Promis schwirrten aufgeregt durch die Tür rein und raus, als residierte dort die Queen. Auf der Alster fuhr ein Kahn, der eine große Gruppe Schwäne vor sich her in Richtung Ufer trieb. Vermutlich sollten sie für den Winter eingefangen werden.
Plötzlich hörte Ondragon ein tiefes Brummen und wandte sich um. Neben ihm hatte ein dunkelgrauer Audi RS4 gehalten. Der Wagen sah nach nichts aus, hatte aber satte vierhundertfünfzig PS unter der Haube. Genau das Maß an Understatement, das Ondragon bevorzugte. Bei den Hotels hielt er es andersherum. Wer wollte schon in einer Absteige wohnen?
Die Fahrertür ging auf, und der Mann vom hoteleigenen Parkservice stieg aus, ein verhaltenes Grinsen auf dem Gesicht.
„Nettes Auto“, sagte er und überreichte ihm die Schlüssel.
„Mietwagen“, entgegnete Ondragon und stieg ein. Nachdem er die Adresse ins Navi eingegeben hatte, fuhr er los, bog zur Kennedybrücke ab und hielt sich in Richtung Norden. Die Fahrt nach Eppendorf würde keine zwanzig Minuten dauern, und er hätte sich dafür auch ein Taxi nehmen können, aber er blieb gerne unabhängig. In seinem Job wusste man nie, was als Nächstes passierte.
Ondragon steckte sich einen Kaugummi in dem Mund und betrachtete die Häuser, die an ihm vorbeizogen. Breite Chausseen wechselten zu kleineren Wohnstraßen mit prächtigen Altbauten. Hamburg schien äußerst lebenswert zu sein. Vielleicht sollte er mal über einen Umzug nachdenken ... Er lebte jetzt schon viel zu lange in L. A. Eigentlich war es längst an der Zeit, den Ort zu wechseln, allein schon aus Sicherheitsgründen. Als er jedoch an die Umstände dachte, die eine Relocation mit sich bringen würde, zog sich in seinem Inneren alles zusammen. Er hatte sich daran gewöhnt, den Amerikaner zu spielen, kannte die Stadt in- und auswendig, sein Büro, sein Haus. Schätzte das Vertraute. Verdammt. Er war bequem geworden. Und Bequemlichkeit tötete ...
„Sie haben Ihr Ziel erreicht. Es befindet sich auf der rechten Straßenseite“, quatschte das Navi mitten in seine Gedanken hinein, und er hielt an. Durch die Windschutzscheibe blickte Ondragon auf das große Backsteingebäude im Salomon-Heine-Weg. Am geschmiedeten Gartentor hing ein Messingschild, auf dem Seniorenresidenz Alsterblick stand. Buchsbäume, zu geometrischen Figuren geschnitten, flankierten den Weg zum Haupteingang.
Ondragon parkte den Wagen in einer Lücke gegenüber der Residenz und stellte den Motor ab. Bevor er ausstieg, checkte er noch einmal seine Waffe, die er in einem Holster unter dem Jackett trug und die ihm sein deutscher Mitarbeiter Dietmar Hegenbarth zuvor an die Hoteladresse geschickt hatte. Er glaubte zwar nicht, sie gebrauchen zu müssen, aber er ging wie immer lieber auf Nummer sicher.
Bei der Anmeldung im Eingangsbereich des Altenheims erkundigte er sich nach dem Weg. Es war ein feudaler Schuppen, in dem man nach sämtlichen Regeln der Kunst und in aller Ruhe vor sich hin altern konnte. Hier gab es keine klinische Zweckeinrichtung, sondern ein Mobiliar wie in einem Renaissanceschlösschen.
Tja, der Herr, den er zu besuchen gedachte, hatte eben einflussreiche Freunde.
„Sind Sie einer von Herrn Zimts Agentenfreuden?“, fragte die adrette Dame hinter dem Tresen, was Ondragon irritiert darüber nachdenken ließ, ob irgendetwas an seinem Outfit ihn verriet.
„Agentenfreunde? Wie soll ich das verstehen?“, gab er vorsichtig zurück.
Die junge Frau lächelte. „Nun, Herr Zimt glaubt, er arbeite für den Geheimdienst. Und falls Sie das nicht wissen: Er ist etwas speziell.“ Bei dem Wort legte sie einen Finger an ihre Schläfe, und Ondragon verstand. Wieder entspannt bedankte er sich und drehte sich zu der großen Freitreppe um, die von der Eingangshalle in den ersten Stock hinaufführte.
„Äh, Sie können auch den Aufzug nehmen“, rief ihm die Empfangsdame hinterher, woraufhin er lässig eine Hand hob und mit federnden Schritten die Stufen nahm. Oben sah er sich um. Eine umlaufende Galerie komplettierte den Eindruck eines hochherrschaftlichen Hauses wie aus einem Historienschinken. Ondragon blickte hinab in die Eingangshalle. Die Frau hinter dem Tresen hielt den Blick auf ihr Smartphone gesenkt. Irgendwie hatte ihn der Hinweis auf den Fahrstuhl gekränkt. Sah er so alt aus? Nun gut, er war jenseits der vierzig, aber noch gut in Schuss. Kein Rost weit und breit. Er fuhr sich durch die Haare, die heute Morgen im Spiegel seines Wissens nach noch kein Grau aufgewiesen hatten.
Als er kurz darauf den mit dickem tannengrünen Teppich ausgelegten Flur entlangmarschierte, überkam ihn ein gewisses Unbehagen. Mit der Farbe hatte er schon immer so seine Probleme gehabt. Kurz blitzten Erinnerungen an die Cedar Creek Lodge und ihre mordlustigen Bewohner auf. Diese Episode hatte seine ohnehin bereits angespannte Beziehung zur Farbe Tannengrün nicht unbedingt verbessert.
Das Zimmer, das er suchte, lag ganz am Ende des Flurs und hatte mit Sicherheit einen Blick auf den Fluss. Neben der Tür verriet ein Namensschild, wer hier residierte: Herr Jonathan Zimt.
J. Z.
Genau wie Jaakov Zafir.
Ondragon klopfte an, und eine wache, leicht amüsierte Stimme rief ihn herein. Er öffnete die Tür, und mehrere Eindrücke wirkten gleichzeitig auf ihn ein. Erstens, der Kaffeeduft, der von einer Kanne aus feinem Porzellan aufstieg. Zweitens, die leise klassische Musik, die aus einem alten Weltempfänger drang. Und drittens, das blaue Flimmern von einem halben Dutzend Computermonitoren, die an der Wand angebracht waren und auf denen diverse internationale Nachrichtenkanäle auf stumm geschaltet liefen. Mitten in dieser seltsamen Mischung aus Alt und Neu saß der Bewohner des Zimmers auf einem hypermodernen Ergonomiestuhl an einem Schreibtisch aus der Biedermeierzeit und rührte mit einem Lächeln Zucker in seine Kaffeetasse. Er war eingewickelt in einen karierten Morgenmantel, und sein schütteres Haar war streng zurückgekämmt.
„Nur hereinspaziert, junger Mann. Nehmen Sie doch Platz. Dass ich nicht aufstehe, müssen Sie entschuldigen, ich habe Probleme mit den Hüften. Mit Mitte achtzig läuft das Maschinchen nicht mehr ganz so rund, obwohl ich schon so einige Ersatzteile hab einbauen lassen.“ Lachend klopfte sich Jonathan Zimt auf den Oberschenkel, während sich Ondragon setzte und den Kaugummi in seine Wangentasche schob.
„Guten Tag, Herr Zimt. Mein Name ist ...“
„Paul Eckbert Ondragon. Ich weiß“, sagte der Alte glucksend. „Ihr Kommen wurde mir, wie soll ich sagen, angekündigt.“
Wider Willen verzog Ondragon das Gesicht. Also war ihm sein Vater schon wieder zuvorgekommen. Oder schnüffelte ihm noch jemand anderes hinterher? Nur, wer sollte das sein? Eigentlich hatte er alle Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Niemand außer seiner Assistentin Charlize wusste, dass er in diesem Altenheim in Hamburg war.
„Also, was führt Sie zu mir, Herr Ondragon?“
Dass Zimt seinen Namen richtig aussprach, bestätigte seine Vermutungen. Deshalb entschied sich Ondragon, gleich zum Punkt zu kommen. „Sie kennen also meinen Vater?“
„Nun ja.“ Zimt schob eine zweite Tasse, die leise klirrte, über den Tisch. „Kaffee?“
„Äh, danke.“ Aus Höflichkeit nippte Ondragon an dem erstaunlich guten Gebräu. Dann stellte er die Tasse ab.
„Das ist ein speziell gerösteter Kaffee aus dem Libanon. Der erinnert mich an meine jungen Jahre.“
Ondragon ließ sich nicht beirren. „Woher kennen Sie meinen Vater?“
„Nun, ich bin ihm ein paarmal begegnet.“
Ein paarmal. Welch Untertreibung.
„Das war vor vielen Jahren in West-Berlin und in Moskau. Oder war es Paris? Nein, jetzt weiß ich’s wieder. Es war Prag, nicht Moskau. Genau, Prag.“
„Wissen Sie auch noch, wann das war?“
Der alte Zimt legte den Kopf schief. „Ich glaube, in den Siebzigern. Ja, es war siebenundsiebzig.“
„Damals hießen Sie noch Jaakov Zafir, nicht wahr?“
Der Blick des Alten verfinsterte sich hinter seiner Nickelbrille. „Das ist lange her. Und ich möchte auch nicht gerne daran erinnert werden.“
„Weil Sie eigentlich israelischer Staatsbürger sind – und für den Mossad tätig waren ...“
Der Alte presste die Lippen aufeinander. „Man sagte mir, dass Sie unhöflich sein und mir solche Fragen stellen würden. Aber ich will sie gerne beantworten. Antwort Nummer eins: Für den Geheimdienst habe ich nie gearbeitet.“
„Nein? Ich habe aber einen Beweis dafür.“ Ondragon zog ein altes Schwarzweißfoto aus dem Jackett, wohl darauf bedacht, Zimt nicht die Sig Sauer sehen zu lassen. Zumindest noch nicht. Er hielt dem Alten die Aufnahme entgegen,...




