E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Origo Eine seltsame Zeit des Wartens
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-949203-16-9
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Italienisches Tagebuch 1939/40
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-949203-16-9
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Iris Origo (1902-1988) wurde als Tochter einer Aristokratin und eines wohlhabenden Amerikaners in Großbritannien geboren. Sie lebte in Italien, vor allem auf dem Landgut La Foce, wo sie ihr berühmtes 'Toskanisches Tagebuch 1943/44: Kriegsjahre im Val d'Orcia' schrieb und später auch starb. Die Historikerin verfasste vor allem Biografien, etwa über Giacomo Leopardi oder einen toskanischen Kaufmann (Wagenbach).
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Vorwort
Iris Origo war Ende sechzig, als sie ihre Memoiren schrieb. Im Rückblick auf ihr schriftstellerisches Werk widmete sie jeder ihrer Biografien mehrere Seiten (über Leopardi, Byrons Tochter Allegra, seine Geliebte Teresa Guiccioli, Bernardino von Siena), ihrem »kleinen Kriegstagebuch« dagegen nur einen Nebensatz. Dabei erhielt dieses »kleine« Tagebuch, das 1947 unter dem Titel (deutsch ) veröffentlicht wurde, von allen ihren Büchern die größte Anerkennung. Hier erscheint nun erstmals ein weiteres Tagebuch, aus dem eine völlig andere Origo spricht. Lebendig und anschaulich beschreibt sie die sonderbaren Monate vor dem Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg, in denen die Italiener in der Schwebe lebten, weil sie nicht wussten, ob sie in einem, wie Churchill es später formulierte, »unnötigen Krieg« an der Seite der verhassten Deutschen würden töten und sterben müssen.
war, als es 1947 erschien, auf Anhieb ein großer Erfolg. Origo wurde für ihre sparsame elegante Prosa und die Präzision ihrer Gedanken gelobt. Rezensenten wie Elizabeth Bowen und L. P. Hartley reihten sie in die oberste Schriftstellerriege ein. Das Buch wirkte sich sogar maßgeblich auf die anglo-italienischen Beziehungen aus. Während die Alliierten von Deutschen besetzte italienische Städte bombardiert hatten, hatten Origo, ihr italienischer Ehemann Antonio und die Bauern auf ihrem Gut Partisanen und flüchtigen britischen Soldaten Unterschlupf und Nahrung geboten und Letzteren auf ihrem Marsch nach Süden geholfen, wo sie sich den vorrückenden alliierten Streitkräften anschließen konnten. Damit riskierten sie eine standrechtliche Erschießung durch die deutschen Besatzer. Origos Biografin Caroline Moorehead schreibt: »Manchmal verwickelte Antonio vor dem Haus einen deutschen Spähtrupp in ein Gespräch, während Iris hinten im Garten Partisanen oder entflohene Kriegsgefangene mit Karten und Nahrung versorgte.«1 Immer wieder brachte sich das Paar aus Anstand, Güte und dem Bewusstsein der Verantwortung, die mit ihrer privilegierten Stellung verbunden war, in Gefahr. Die italienischen Bauern, die auf ihrem Gut arbeiteten, taten es ihnen gleich, teilten ihre knappen Vorräte und setzten ihr Leben aufs Spiel. In der Welt wurde das durchaus beachtet. Das Tagebuch, schrieb ein Rezensent der Zeitung , »hat mehr Gutes für uns bewirkt als ein Schlachtensieg«.
Der englischsprachigen Welt führte das Buch vor, wie selbstlos und mutig Italiener sein konnten. Und aus Iris Origo machte es eine berühmte Autorin, ja, eine Heldin. Als die Deutschen sie samt ihrer Familie und ihren vielen wehrlosen Schützlingen vom Gut vertrieben, führte sie die Schar aus Kindern, Frauen mit Babys und gebrechlichen Alten auf einem abenteuerlichen Marsch übers Land, das von Alliierten aus der Luft bombardiert wurde. Nach mehreren Stunden gelangten sie zum Fuß des Hügels von Montepulciano und machten kurz Rast, um Kräfte zu sammeln vor dem steilen Anstieg zur Stadt, in der sie Zuflucht zu finden hofften.
Doch als wir so dasaßen, kam eine kleine Gruppe von Bürgern der Stadt, gleich darauf noch eine. Sie hatten uns von der Stadtmauer aus gesehen und [kamen], um uns mit offenen Armen zu empfangen. […] Viele von ihnen waren Partisanen, andere waren selbst Flüchtlinge aus dem Süden, denen wir vorher geholfen hatten, wieder andere waren alte Freunde und unsere Arbeiter, die in Montepulciano wohnten. Sie nahmen die Kinder auf die Schultern, dazu unsere Bündel. Von soviel Herzlichkeit angespornt, marschierten wir im Triumphzug die Dorfstraße hinauf, vorneweg Antonio mit Donata [ihrer jüngsten Tochter] auf den Schultern.2
»Man kann sich kein rührenderes Willkommen vorstellen«, kommentierte sie.
Diese Geschichte ist wahr, und doch beleuchtet sie nur einen Aspekt des schillernden Lebens und der komplexen Persönlichkeit Iris Origos. In Kriegszeiten glich sie einer Mutter Courage, aber sie war auch eine feinsinnige und weltoffene Frau mit scharfem Intellekt. Die Tagebuchschreiberin Frances Partridge lernte sie einundzwanzigjährig als Braut kennen, »zart wie eine Flamme, fast schon wie ein Botticelli, mit sehr flotter Stimme und ebenso flottem Verstand, von einer Sache zur nächsten eilend, beunruhigend in ihrer Klugheit«. Als Origo einige Jahre später im Jahr 1935 mit ihrem damaligen Verehrer, dem Romancier Leo Myers, wieder in London war, lernte sie Virginia Woolf kennen. Woolf beschreibt sie so: »Sie ist jung, vibrierend, nervös – sehr – stottert ein wenig – aber mit ehrlichen Augen; sehr blauen Augen. […] Jedenfalls, sie ist sauber & setzt ihre Füße entschieden.« Der erste Eindruck veranlasste die Woolfs dazu, Origo noch einmal zum Dinner einzuladen, und Virginia notierte, Iris sei eine »echte Frau«, »ehrlich« und »intelligent«. Sie strahlte Tüchtigkeit aus und funkelte entsprechend. Gut gekleidet sei sie, die über beste Beziehungen verfügte: »[Da] ich ja ein Snob bin, gefällt mir auch ihr Paradiesvogelflug durch die vergnügungssüchtige Welt«, schrieb Woolf. »Inspiriert ist das Bild von einer langen grünen Feder an ihrem Hut«.3 Eine andere Freundin schrieb: »Es war unmöglich, von Iris nicht begeistert zu sein … Sie war praktisch ständig Feuer und Flamme.«
Dieser lebhafte Paradiesvogel führte das privilegierte Leben einer Weltbürgerin. Ihre Mutter Sybil war die Tochter des anglo-irischen Earl of Desart. Ihr Vater kam aus einer reichen amerikanischen Familie, die mit Eisenbahnen, Schifffahrt und Zuckerrüben ein Vermögen gemacht hatte. Man spendete das Geld für philanthropische Projekte wie die Gründung der New York Public Library und erwarb Häuser an der Madison Avenue und auf Long Island sowie eine Loge in der Metropolitan Opera. Iris, die als Kind von einem herrschaftlichen Familiensitz zum nächsten zog, wuchs in dem Bewusstsein auf, in vielerlei Hinsicht ungemein begünstigt zu sein.
Geld und gesellschaftliches Ansehen bewahrten sie jedoch nicht vor Verlust. Wenige Wochen nach ihrer Geburt erlitt ihr Vater Bayard Cutting seinen ersten Blutsturz. Als Kind reiste Iris mit ihren Eltern durch die Welt, immer auf der Suche nach einer Therapie für die Tuberkulose oder, da das nicht gelang, zumindest einem Klima, das sie lindern konnte. Sie versuchten es mit Kalifornien, sie versuchten es mit der Schweiz, sie versuchten es mit verschiedenen italienischen Kurorten am Meer und in den Bergen. Sie hielten sich in Ägypten auf, als er mit einunddreißig Jahren starb. Iris, die er liebevoll als »Kanonenkugeldickkopf« oder »Dickerchen« geneckt hatte, war damals sieben. Der Tod ihres Vaters sei eines der beiden schlimmsten Ereignisse ihres Lebens gewesen, schrieb sie sechzig Jahre später, denn »es gibt keinen größeren Schmerz als den der Trennung«.4
Vor seinem Tod hatte Bayard Pläne für seine Tochter gemacht. In seinem letzten Brief an Sybil erwähnt er die Einwände seiner Familie gegen die Heirat mit einer Engländerin und fährt fort, er wolle, dass Iris »frei sein soll von jeglichem Chauvinismus, der die Menschen so unglücklich macht. Erziehe sie in einem Land, wo sie keine Wurzeln hat, denn nur so lässt sich das verwirklichen.« Er denke zum Beispiel an Italien. Dort könne sie »in ihrem Wesen wirklich kosmopolitisch« werden, damit sie die Freiheit habe, später »einmal ohne Schwierigkeiten den Mann heiraten und lieben zu können, den sie sich aussucht, gleich aus welchem Land er stammt«.5
Sybil folgte seinem Wunsch. Bayard hatte ihr viel Geld hinterlassen. Sie mietete die Villa Medici in den Hügeln oberhalb von Florenz (die sie später kaufte), und in diesem Haus, das Michelozzo für Cosimo di Medici erbaut und Giorgio Vasari als »prachtvollen und edlen Palast« gepriesen hatte, wuchs Iris auf.
Als einziges Kind einer exzentrischen und hypochondrischen Mutter verlebte Iris nicht gerade eine einfache Jugend, konnte aber ihren geistigen Horizont erweitern. Ihre Mutter las ihr, im Teekleid von Fortuny auf dem Sofa liegend, laut Gedichte vor, und wenn es ihr besser ging, schleppte sie ihre Tochter kreuz und quer durch Italien und platzte ungeladen bei Fremden herein, während sich die halbwüchsige Iris in Grund und Boden schämte. Zu Hause in Fiesole pflegte die damals große englische Kolonie ein umtriebiges Gesellschaftsleben: Bernard und Mary Berenson zählten zu den Nachbarn, mit denen Sybil spielte, ein Quiz, in dem die Mitspieler ihr kunsthistorisches Wissen unter Beweis stellten. Iris Origo schrieb später, dass der Krieg zu diesen Menschen »nur als fernes Donnergrollen drang, ein störender, lästiger Lärm hinter den Kulissen«. Auch Sybil nahm ihn nicht zur Kenntnis, sondern kümmerte sich um die Gestaltung des Gartens und zog unermüdlich durch die von Florenz. Für einen Hausball zu Iris’ Ehren war die...




