E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Orlando Das Septemberhaus
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98676-196-7
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Spukhaus-Thriller
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-98676-196-7
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Weitere Infos & Material
Prolog
Es war unser Traumhaus.
Ich wusste es von dem Moment an, als ich das Grundstück betrat; wir waren zur Immobilienbesichtigung da. Wenn ich ehrlich bin, wusste ich es sogar schon von dem Moment an, als ich die Anzeige in der Zeitung sah. Die Besichtigung war nur eine Formalität. Ich hätte das Haus auch ungesehen gekauft.
Das Haus war jedoch wirklich sehenswert. Viktorianischer Stil mit kobaltblauem Anstrich und ordentlichen weißen Bordüren sowie einer neiderregend schönen Veranda, die sich um das ganze Haus herumzog. Die Einfahrt war lang, der Garten weitläufig und das Haus war herrlich abgelegen, versteckt zwischen Bäumen auf allen Seiten. Und es gab ein Ecktürmchen – ein richtiges, echtes Türmchen –, was das Haus ein wenig aus der Zeit gefallen, ein wenig rückwärtsgewandt wirken ließ, aber mit voller Absicht. Kaum hatten meine Füße einen Kieselstein in der Einfahrt berührt, wusste ich, dass dieser Ort mein – unser – Zuhause war.
Ich hatte zuvor nie ein richtiges Zuhause gehabt, nicht einmal als Kind. Meine Familie war ziemlich oft umgezogen, von einem Haus in eine Wohnung, zurück in ein Haus und einmal sogar für eine Weile in einen kleinen Trailer – das hing immer davon ab, wie die Dinge liefen und ob mein Vater seine Medikamente nahm oder nicht. Je älter ich wurde, desto mehr sehnte ich mich nach etwas Dauerhaftem, einem Haus mit schweren Knochen, einem Ort, an dem ich wirklich Wurzeln schlagen, sesshaft und zu einem unbeweglichen Objekt werden konnte. Das Chaos meiner Familie zu verlassen schien ein Schritt in Richtung dieses Traums zu sein, auch wenn es rückblickend vielleicht ein wenig naiv war, in meinen Zwanzigern ein gewisses Maß an Stabilität zu erwarten. Ich fand zwar weder ein Haus noch meine Wurzeln, aber ich fand einen Ehemann, was mir nahe genug daran zu sein schien.
Hal verstand die Anziehungskraft eines Hauses, eines Heims. Auch seine Familie war bis zu einem gewissen Grad stets auf dem Sprung gewesen, und seit wir frisch verheiratet waren, träumten Hal und ich gemeinsam davon, ein wunderschönes altes Haus zu besitzen, vorzugsweise ein viktorianisches. Wir schwärmten einander vor, wie er in einem Arbeitszimmer mit Echtholzvertäfelung an Romanen arbeitete, während ich in einem sonnendurchfluteten Atelier Meisterwerke schuf und unser Kind anmutig und brav in einem üppigen Garten spielte. Wir würden das Haus mit antiken Möbeln ausstatten und rauschende Partys veranstalten, wobei wir unseren staunenden Gästen beiläufig die Geschichte einer jeden Ecke des Hauses erzählen würden. Vielleicht würden wir sogar in einer dieser Zeitschriften über historische Häuser abgebildet werden, fotografiert, während wir in unserem luxuriösen Wohnzimmer posierten, dann im großen Schlafzimmer, dann im Gewächshaus (natürlich würden wir ein Gewächshaus haben), die mittlere Doppelseite wie beim Playboy zum Ausklappen, aber sie präsentierte eine andere Art von Fantasie. Aber viel mehr als das wollten wir ein Haus, ein Heim, das nur uns gehörte. Einen Ort, an dem wir leben, alt werden und sterben konnten.
Natürlich verläuft das Eheleben nie ganz so, wie man es sich vorstellt. Hal hatte Schwierigkeiten, seine Texte zu veröffentlichen, und musste sich mit verschiedensten freiberuflichen Tätigkeiten über Wasser halten: Er schrieb kleine Artikel für die Lokalzeitung und unterrichtete ein paar Kurse an einem Community College. Ich brachte die Erziehung unserer Tochter Katherine mit Gelegenheitsjobs unter einen Hut: Einzelhandel, Verwaltungsassistentin, Vertretungslehrerin. Ich habe gemalt, wenn wir uns Pinsel und Farben leisten konnten.
Wie unsere Herkunftsfamilien zogen auch wir von Haus zu Haus und von Wohnung zu Wohnung, wie es die Umstände erforderten: immer zur Miete, nie als Eigentümer.
Aber nach einigen Schwierigkeiten (und welche Familie hat keine Schwierigkeiten?) fügte sich doch langsam alles, als Katherine auf das späte Teenageralter zuging. Hal verkaufte einige seiner Bücher und erhielt bescheidene, aber stetige Tantiemen aus ihnen. Ich malte immer häufiger und konnte einige Bilder in einer örtlichen Galerie ausstellen. Wir fanden ein kleines Haus, das sich in einem recht guten Zustand befand, mit einem Vermieter, der die Miete im Laufe der Jahre nicht allzu sehr erhöhte. Wir bezogen das Haus, richteten es nach unserem Geschmack ein, machten es uns gemütlich, und eine Zeit lang fühlte es sich fast wie unseres an. Fast. Als Katherine dann aufs College ging (mit einem Vollstipendium, mein kluges Mädchen), hatten wir zwar Stabilität gefunden, aber unsere Träume von einem eigenen Haus, ob im alten viktorianischen Stil oder nicht, ad acta gelegt. Es war egal – wir waren füreinander da, waren einander das Zuhause, und das war manchmal mehr als genug. Harold, Margaret und Katherine Hartman: eine dreiköpfige Familie auf der Durchreise.
Wir waren auch gar nicht mehr wirklich auf der Suche nach einem Haus, das zum Kauf stand. Wer weiß, was mich dazu brachte, den Immobilienteil einer Zeitung aufzuschlagen, die ich nur selten las, aber da stand das Haus in seiner ganzen Schönheit. Viktorianisch, genau wie wir es uns gewünscht hatten. Unglaublich alt. Unglaublich schön. Und das zu einem Preis, der so niedrig war, dass Hal dreimal bei der Maklerin nachhakte, bevor wir überhaupt eine Besichtigung vereinbarten.
Am Haus würden kleinere Renovierungsarbeiten fällig werden, das stand fest. Doch für ein Haus, das seit den 90er-Jahren nicht mehr bewohnt wurde, nachdem es vom letzten Besitzer kurzerhand an die Bank zurückgegeben worden war, war es in erstaunlich gutem Zustand. Das Haus war fast 150 Jahre alt, aber es war in Würde gealtert und wirkte gelassen und weise anstatt verfallen und eingesunken. Ein bisschen Farbe hier, etwas neues Holz dort, und das Gebäude wäre so gut wie neu.
Als die Immobilienmaklerin uns durch das Haus führte, gafften Hal und ich wie Kinder, zeigten mit den Fingern, wo die Möbel stehen würden, und beanspruchten Räume für uns. Hal wählte ein großes Zimmer im ersten Stock als sein Arbeitszimmer aus und entschied, wo in dem Raum sein Schreibtisch stehen würde, noch bevor die Maklerin hinter uns die Treppe heraufkam. Ich hatte mir den Wintergarten schon als Atelier ausgesucht, nachdem ich nur ein Foto in der Anzeige gesehen hatte, und stellte mir bereits vor, wie ich an sonnigen Nachmittagen vor mich hin malen würde. Und natürlich waren wir uns einig, dass unser Schlafzimmer der Raum am oberen Ende der Treppe sein würde, wo wir aufwachen und aus dem herrlichen Panoramafenster schauen würden.
»Ich bin gesetzlich verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, dass es in diesem Haus einen Todesfall gegeben hat«, sagte die Maklerin, die immer noch nicht zu Atem gekommen war, als sie uns im zweiten Stock einholte, wenngleich sie nicht so neben sich stand, dass sie versehentlich das Wort »Mord« benutzt hätte. »Nun, zwei Todesfälle. Die Dame des Hauses und eine Haushälterin. Aber das ist schon über 100 Jahre her.«
Wir hörten kaum zu, weil wir uns gerade vorstellten, wie wir im Bett am Morgentee nippen und aus dem Fenster schauen würden.
»Das ist lange her«, sagte Hal verträumt.
»Ja, das ist es«, stimmte die Maklerin zu. »Und der damalige Hausbesitzer, der Mann, der … Sie wissen schon. Nun, es schien, als hätte er an einer Art Psychose gelitten. Er hat sich später das Leben genommen. Eine wirklich einmalige Gesamtsituation.«
»In einem so alten Haus erwartet man ja beinahe schon so etwas«, sagte ich und hörte nicht einmal auf meine eigenen Worte, während ich in den begehbaren Schrank schaute. Ein begehbarer Schrank!
»Und die anderen Todesfälle im Haus«, sagte die Maklerin mit so leiser Stimme, dass sie kaum zu hören war, »schienen natürlicher Ursache zu sein.«
Ich hörte sie nicht, denn Hal hatte mich gerade ins Bad gerufen, wo die Badewanne mit den Klauenfüßen mich fast zu Tränen rührte. Die Maklerin schien erleichtert zu sein, dass wir keine weiteren Fragen stellten, und die Besichtigung wurde fortgesetzt.
Der Keller gefiel mir nicht besonders: roh, unverputzt und ohne Fenster, mit Böden aus Erde und einem feuchten Geruch. Er fühlte sich irgendwie falsch an, und ich bekam eine Gänsehaut, aber ich dachte mir, dass es wohl an der kalten Luft und der schummrigen Beleuchtung liegen musste. Wir sagten uns, dass wir dort nach unserem Einzug einiges anstellen müssten, die Wände verputzen, Fußböden verlegen und etwas gegen die Düsternis und den Geruch unternehmen. Unsere Pläne für den Keller klangen schon damals halbherzig, und ich war erleichtert, als ich feststellte, dass wir nicht viel Grund haben würden, dort hinunterzugehen: Der Warmwasserbereiter und der Heizkessel befanden sich in einem Abstellraum im hinteren Teil des Hauses, der Sicherungskasten war in der Küche. Wir hielten uns nicht allzu lange dort unten auf und bemerkten auch nicht, dass die Maklerin oben auf der Treppe blieb und vom gut beleuchteten Flur aus auf uns herunterblickte.
Dann sahen wir uns den Hinterhof und den Garten an und vergaßen den Keller völlig.
Hätten wir beide bei den Horrorfilmen besser aufgepasst, die wir im Laufe der Jahre gesehen hatten, wäre uns womöglich bewusst geworden, wie dumm und begriffsstutzig wir waren, aber das hatten wir nicht – und so war es uns auch nicht klar. Stattdessen kauften wir das Haus und feierten mit Champagner (für mich) und Apfelwein (für Hal). Endlich besaßen wir ein Haus, das uns gehörte, nur uns. Um darin zu leben, alt zu werden und zu sterben. Katherine war überrascht, aber freute sich für uns, als wir ihr die Neuigkeit erzählten, und sie versprach, dass sie...




