Papadimitriou Für eine handvoll Vinyl
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95771-044-4
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der erste Fall für Charis Nikolópoulos
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-95771-044-4
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hilda Papadimitriou 1957 in eine Familie in Athen geboren, die Literatur, Musik und Katzen vergötterte. Sie studierte Jura, arbeitete im Schallplattenladen ihres Vaters und hörte die Beatles und Elvis Presley, später Bob Dylan, Neil Young, Clash und Talking Heads. Nach dem Studium übernahm sie die Leitung des Familienbetriebes bis zum Beginn der digitalen Medien, was die Schließung des traditionellen Schallplattengeschäftes zur Folge hatte. Als Übersetzerin von Kurst- Literatur- und Musiktexten machte sie sich einen Namen, der dazu führte für Verlage zu arbeiten und Übersetzungen von Jonathan Coe, Bob Dylan, Leonard Cohen, Joyce Carol Oates und vielen anderen in ihren Arbeiten vorzulegen. Sie hat in griechischen Zeitschriften und Zeitungen ihre eigenen Kolumne über die Themen Musik und Kunst. Unter ihren Veröffentlichungen finden sich Musikstudien über die Beatles und Clash, Bob Marley und Nick Cave. Mit der Kommissar-Figur Charis Nikolópoulos begann 2011 ihre Kariere als Kriminalautorin, in ihren Romanen sind die Musik (Rock, Jazz oder Ethnic) und die mediterrane Mentalität ein wichtiger Bestandteil.
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2
Montag, 14. Februar 2005
Exárchia, 11:10 Uhr
Fontas schaute auf seine Uhr. 11 Uhr vorbei. Seit 4 Uhr früh hatte er nicht mehr schlafen können. Der Regenguss, der genau dann losgegangen war, hatte ihn geweckt und seitdem hatte er keinen Schlaf mehr finden können. Seit einigen Monaten schon wachte er dauernd auf. Die Psychologen sehen das als Zeichen von Depression an, dachte er und lächelte bitter. Er war aufgestanden, hatte sich Kaffee gemacht, und dann auf den bequemen Couchsessel von Sonia gesetzt, langsam seinen Kaffee getrunken, geraucht und auf den Tagesanbruch gewartet. Er hatte den Sessel gegenüber von der Balkontür aufgestellt, um den Lykavittos, den Stadtberg Athens, sehen zu können. Das war der einzige Grund gewesen, warum er diese enge Zweizimmerwohnung gemietet hatte. Sie lag im fünften Stock, und das Schlafzimmer, das im hinteren Teil lag, war mit Blick zwischen zwei Hochhäusern hindurch. So hatte er vom Balkon aus den Lykavittos wie auf einem Tablett serviert vor sich. Da beobachtete er jeden Morgen den Tagesanbruch, da überkam ihn abends die Müdigkeit, in Gesellschaft eines leeren Glases.
Er trank seinen Kaffee aus (es war der vierte, seit er um 5 Uhr schließlich vom Bett aufgestanden war) und er zählte die Kippen in seinem Aschenbecher: zwölf. Bravo, heute hast du den Rekord gebrochen, gratulierte er sich selbst. Er stand schwerfällig und steif auf und zog seine alltägliche Kleidung an: schwarze Jeans, ein olivgrünes Cordhemd, schwarze Strickjacke. Er ging zum Spiegel, um seine grau gewordenen schwarzen Haare zu kämmen und ihm fiel auf, wie tief die Falte zwischen seinen Augen geworden war.
»Es wird Zeit sich in den Laden aufzumachen. Sonst schlägst du hier noch Wurzeln«, sagte er laut.
In letzter Zeit sprach er immer häufiger mit sich selbst. Ob das auch ein Zeichen von Depression war? Ach was, ich werde bloß alt und klapprig, das ist alles. Er nahm seine dicke schwarze Jacke mit der Kapuze vom alten Garderobenständer, zog sie an, nahm seine Schlüssel und verließ die Wohnung. In dem Moment, als er in den Fahrstuhl stieg, hörte er sein Telefon klingeln, aber es war ihm egal. Seit gestern früh klingelte es fast alle halbe Stunde, er hatte aber keine Lust, mit irgendjemandem zu sprechen. Wenn Tatyana ihn sprechen wollte, dann musste sie sich noch fünf Minuten gedulden. So nah lag seine Wohnung beim Plattenladen.
Zum Glück ist Tatyana aus London zurückgekehrt, dachte er, als er auf die Straße hinaustrat. Sonst hätte ich den Laden dicht gemacht, so wie ich in letzter Zeit drauf bin. Er zog die Kapuze tief ins Gesicht und macht einen Schritt in den Regen. Frau Margarita, die eine Reinigung an der Ecke Didotou hatte, stand hinter der Vitrine ihres Geschäfts und sah ihn bewundernd an.
»Netter Junge«, murmelte sie, »auch wenn er allein, missmutig und mürrisch ist – wer weiß, welchen Kummer er hat«, seufzte sie melancholisch und beugte sich wieder über ihre Presse.
Genau acht Minuten später bog Fóntas von der Kaplanon ein und blieb unter der Markise stehen, um den Regen aus seiner Jacke zu schütteln. Bevor er in den Plattenladen ging, machte er Halt bei Manolis Tabakwarenladen. Jeden Montag besorgte Manolis ihm zwei Stangen filterlose Gitanes. Fóntas fand die sonst nirgends mehr und lehnte es ab die Marke zu wechseln.
»Na, da ist ja unser Fóntas«, begrüßte Manolis ihn. »Wünsche eine gute Woche. Ich sehe aber nicht viel gute Laune. Ist irgendwas passiert? Ah … verstehe. Du hast auch schon die Neuigkeiten erfahren. Mir hat es einer aus meinem Dorf gesagt, der als Kellner in einem der Cafés in der Delfonstrasse arbeitet. Mensch, der arme Herr Stamatis. Deswegen sagt man in meinem Dorf: ›Das Leben ist das, was man isst, was man trinkt und …‹«
Plötzlich unterbrach ihn Fóntas: »Schnell, die Zigaretten, Manolis, weil ich meinen Buchhalter erwarte und in Eile bin.«
»Ah, der Dicke ist dein Buchhalter? Hab ich mir doch gedacht«, kommentierte Manolis und gab ihm die beiden Stangen.
Fóntas bezahlte und ging aus dem Tabakwarenladen ohne sich von Manolis zu verabschieden. Er blieb draußen vor dem Plattenladen stehen und blickte durch das Schaufenster, um zu sehen, welchen Dicken der Typ meinte. Was ist heute Morgen bloß los?, dachte er. Wer ist dieser Ochse, der mit Tatyana schäkert? Er meinte ihn von irgendwoher zu kennen, von seinem Schick her schien er jedoch eher kein Kunde des Ladens zu sein. Irgendein Passant wird es sein, schlussfolgerte er, da bemerkte er aber, dass Tatyana ihm Kaffee gemacht hatte. Seine schlechte Laune wurde noch schlechter. Er strich sich die nassen Haare zurück und öffnete die Ladentür.
»Tag«, sagte er schwerfällig.
»Guten Morgen, Fóntas. Eine gute neue Woche«, antwortete Tatyana. »Erinnerst du dich an Charis, unseren Cousin, den Sohn von Tante Sofia? Und du, Charis, kennst Fóntas noch gut von … von damals.«
Der Dicke streckte ihm zurückhaltend die Hand entgegen, die Fóntas drückte, als wolle er sie in seiner großen Handfläche zerquetschen. Irgendwas an dem Typen gefiel ihm nicht.
»Weißt du, Charis ist aus beruflichen Gründen hergekommen. Er ist Polizist und arbeitet für die Abteilungsleitung für Kriminologische Nachforschung. Er ist herkommen, um uns eine unerfreuliche Mitteilung zu machen …«
Ich hab’s doch gerochen, dachte Fóntas. Ein Bulle!
Charis, der versuchte, sich von Fóntas Zangenhändedruck zu erholen, unterbrach Tatyana: »Kennst du Stamatis Pavlidis?«
»Natürlich kenne ich den. Er ist meine Kunde. Warum fragst du? Was ist passiert?«
»Woher weißt du denn, dass etwas passiert ist?«
»Sag mal, mein Freund, willst du mich früh am Morgen veralbern? Du bist von der Leitung für Kriminologische Nachforschung, bist hergekommen, um uns eine unerfreuliche Mitteilung zu machen und dann fragst du, ob ich einen Pavlidis kenne … Ey, hältst du mich für einen Idioten?«
Charis wurde rot, fuhr aber mit sehr professioneller Haltung fort: »Gestern Morgen wurde Stamatis Pavlidis in seiner Wohnung aufgefunden – ermordet.«
»Möge uns das Leben erhalten bleiben! Hier ist letzte Woche der Kapaldis gestorben, mein Gott. Aber was sitze ich hier herum und erzähle dir das? Später mehr davon. Warte kurz, ich mach dir einen Kaffee und dann erzählst du mir, was passiert ist«, brachte Fóntas hervor und drehte ihm den Rücken zu.
Während Fóntas ihm den Kaffee zubereitete, saß Charis stumm und verlegen da. Plötzlich waren ihm die Gesprächsthemen ausgegangen, er war wieder der dicke unattraktive Teenager geworden, der er gewesen ist, als er Fóntas das erste Mal begegnet war. Tatyana zündete sich noch eine Zigarette an, um die bedrückte Atmosphäre zu durchbrechen. Auch sie hatte keine Lust mehr sich zu unterhalten.
Gerade als Fóntas mit einer Tasse heißem Nescafé wiederkam, nahm Charis wieder seine ernste Haltung an und fuhr fort: »Nun, Herr Fóntas …«
»Einfach Fóntas«, unterbrach ihn der andere.
»Wie du willst. Am Sonntag früh sah ein Bewohner des Hochhauses in der Delfonstraße, der auch im sechsten Stock wohnt, dass die Tür bei Pavlidis halb offen stand. Er klopfte ein- zweimal, und als niemand antwortete, schob er die Tür auf und ging hinein. Er fand Pavlidis auf dem Schreibtisch liegend, mit geöffnetem Schädel. Der Mörder hatte einen stumpfen Gegenstand benutzt, der … Wie auch immer, von der Allgemeinen Abteilung hat man mir den Fall übertragen. Bei einer ersten Untersuchung vor Ort fand ich auf dem Tischkalender von Pavlidis auf der Seite vom Samstag deinen Namen sowie deine private Telefonnummer notiert. Außerdem war der letzte Anruf seines Handys an die Nummer deiner Wohnung rausgegangen. Ich habe dich den ganzen Sonntag lang von 8 Uhr früh an versucht zu Hause zu erreichen, aber du bist nicht rangegangen. Normalerweise hätte ich dich ins Polizeihauptquartier zum Gespräch zitiert, aber da Tatyana meine Cousine ist, dachte ich mir, ich komme mal hier vorbei, um ihr guten Tag zu sagen und dich ein, zwei Sächelchen zu fragen.«
»Nur los, frag, was du willst! Bevor du aber die Vernehmung beginnst, muss ich dir sagen, dass Stamatis jeden Samstagmittag hierher in den Laden kommt … äh kam, wegen Platten und zum Quatschen. Wir sind hier kein Virgin Megastore, wir sind ein Stammladen mit besonderer Kundschaft. Wir sind Freunde unserer Kunden, treffen uns auch außerhalb des Geschäfts mit ihnen, gehen in Konzerte, quatschen am Telefon. Trotz des Schnees vom Freitag ist Stamatis hier am Samstag vorbeigekommen und hat einige Platten mitgenommen, die ich für ihn aufbewahrt hatte. Er ist seit fast zwanzig Jahren mein Kunde, noch vom alten Plattenladen her, in Kallithea. Nur wenn er krank war, ließ er seinen samstäglichen Besuch ausfallen. Es sind nicht viele Vinylsammler übrig geblieben und wir kennen einander alle. Wir gehen in dieselben Cafés, essen in denselben Tavernen, treiben uns in denselben Stammkneipen herum; wir, die wir den unabhängigen Freistaat von Exárchia1 zu unserem Aufenthaltsort erkoren haben.«
Charis konnte es nicht ertragen, das unkommentiert zu lassen und sagte ironisch: »Ihr lebt im unabhängigen Freistaat von Exárchia, aber eure Geschäfte befinden sich in Kolonaki. Wie dem auch sei. Sag mir mal, hattest du am Samstagnachmittag mit Pavlidis eine Verabredung?«
»Eigentlich ist das hier nicht Kolonaki, es ist das no man’s land zwischen den beiden ...«, ging Tatyana dazwischen, um die Stimmung aufzulockern.
Vergeblich. Fóntas hatte die Augenbrauen zusammengekniffen und schien bereit Charis mit...




