E-Book, Deutsch, 186 Seiten
Peters Joseph Görres
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-17-045726-3
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit spitzer Feder für die Freiheit
E-Book, Deutsch, 186 Seiten
ISBN: 978-3-17-045726-3
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patrick Peters ist Professor für PR, Kommunikation und digitale Medien an der privaten Allensbach Hochschule in Konstanz, freiberuflicher Berater für Ethik und Kommunikation und Dozent an verschiedenen Hochschulen und Institutionen der Erwachsenenbildung.
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Warum Görres heute?
Man könnte fast meinen, es handle sich um den Beginn eines schalen Witzes: Treffen sich zwei Flüsse ... Aber um einen Witz geht es gewiss nicht, denn dieser Treffpunkt zweier Flüsse ist ein herausragendes Merkmal einer besonderen Stadt. Dort, wo sich Rhein und Mosel am sogenannten Deutschen Eck treffen, liegt Koblenz. Die heute drittgrößte Stadt des Bundeslandes Rheinland-Pfalz mit ihren rund 115.000 Einwohnern gehört zu den ältesten Städten Deutschlands. Besiedelt ist das Gebiet bereits seit der Steinzeit, der Ursprung der Stadt geht auf die Römer zurück. Deren befestigte städtische Siedlung wurde nach dem Rückzug der römischen Truppen im fünften Jahrhundert von den Franken weiter genutzt. Ab 925 gehörte Koblenz zum Ostfränkischen Reich, dem späteren Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, war ab 1018 im Besitz der Erzbischöfe von Trier und wurde im 17. Jahrhundert Residenzstadt der kirchlichen Herrscher. Diese mehr als tausendjährige Stadtgeschichte hat zahlreiche Sehenswürdigkeiten hervorgebracht, für die Koblenz bis heute beliebt ist – vom Kurfürstlichen Schloss über das rheinromantische Schloss Stolzenfels bis zur Festung Ehrenbreitstein, der Basilika St. Kastor und eben dem Deutschen Eck mit dem im Monumentalstil errichteten Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Mit heute jährlich rund 700.000 Übernachtungsgästen und zusätzlich zwei Millionen Tagesgästen ist Koblenz das Zentrum der Urlaubsregion Mittelrhein und zugleich nördlicher Ausgangspunkt des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal.
In diesem historisch und kulturell bedeutsamen Umfeld also trifft sich am 9. Oktober 1875 ein Kreis von Männern aus verschiedenen Gegenden der damaligen Rheinprovinz (also der Gegend von Kleve am untersten Niederrhein bis Trier) und darüber hinaus, um einen großen Plan zu beraten: die Gründung einer Gesellschaft zu Ehren eines der größten Söhne der Stadt. Die Rede ist von Joseph von Görres, der ohne adliges »von« am 25. Januar 1776 in Koblenz geboren wird. Er gilt als eine der herausragendsten Persönlichkeiten der deutschen Literatur, Journalistik und politischen Publizistik und als Vorkämpfer staatsbürgerlicher und kirchlicher Freiheitsrechte, als Vorkämpfer für eine nationale und religiöse Erneuerung. Seine Schriften und Ideen prägen die intellektuelle und politische Landschaft des 19. Jahrhunderts nachhaltig. Schon frühe Arbeiten spiegeln sein Interesse an Naturwissenschaft, Mystik und Philosophie wider, Teutschland und die Revolution (1819) wiederum gilt als eine seiner wichtigsten politischen Schriften. Darin analysiert Görres die revolutionären Bewegungen seiner Zeit und spricht sich für eine Reform der bestehenden politischen Verhältnisse aus, um die sozialen und nationalen Fragen Deutschlands zu lösen. Auch die Mythengeschichte der asiatischen Welt (1810) und die Christliche Mystik (1836?–?1842) sind wesentlich für Görres' Gesamtwerk und Wirkung. Sein politisch-publizistisches Schaffen hängt vor allem mit seiner Rolle als Herausgeber der Zeitung Rheinischer Merkur (1814?–?1816) zusammen, in der er leidenschaftlich gegen Napoleon und für die nationale Erneuerung Deutschlands schreibt. Diese Zeitung wird schnell zu einem der einflussreichsten Publikationsorgane ihrer Zeit und schließlich 1816 wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber den Mächten der Heiligen Allianz verboten, was Görres ins Exil nach Straßburg und schließlich nach München zwingt, wo er 1848 stirbt.
Görres' vielfältige Bedeutung und sein 100. Geburtstag 1876 war auch der Anlass, schon wenige Jahre nach seinem Tod eine Gesellschaft zu seinen Ehren zu gründen (Görres-Gesellschaft o. J.):
»Aus dem Selbstbehauptungswillen einer Gruppe vornehmlich jüngerer Wissenschaftler, insbesondere des Philosophen G. von Hertling und des Historikers Hermann Cardauns, Privatdozenten in Bonn, in Verbindung mit dem Kölner Publizisten und Rechtsanwalt J. Bachem sowie dem von der preußischen Regierung abgesetzten früheren Bonner Oberbürgermeister Leopold Kaufmann kam der Anstoß, die Vorherrschaft des weltanschaulichen Liberalismus zurückzudrängen und eine Gesellschaft zur ›Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland‹ zu gründen.«
Das ist auf viel Gegenliebe gestoßen: »Die deutschen Bischöfe begrüßten wärmstens den Plan, viele von ihnen hatten noch Görres persönlich gekannt oder sogar als Schüler zu seinen Füßen gesessen, wie Bischof Martin von Paderborn, Erzbischof Paulus Melchers von Köln, Erzbischof Friedrich von Bamberg« (Spael 1957, S. 13). Die Gründung sollte denn auch schon zum 100. Geburtstag Görres' vollzogen werden, denn in Koblenz stand ohnehin »im Januar 1876 die Säkularfeier des Görres« (ebd., S. 12) bevor, was eben mit der Gründung der Gesellschaft verbunden werden sollte, deren Name »Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland« sich bis heute, nur ohne den konfessionellen Bezug, erhalten hat. Über die Gründung an sich wird ausgiebig im Jahresbericht der Görres-Gesellschaft für 1876 berichtet (S. 4):
»An dem genannten Tage, Nachmittags 3 1/2 Uhr, fanden sich mehr denn zweihundert Gelehrte und Freunde der Wissenschaft in dem Görres-Baue zu Koblenz ein und legten ihrer Berathung ein von dem Comité entworfenes provisorisches Statut zu Grunde. Nach eingehender Debatte wurde der Entwurf in seinen wesentlichen Punkten einstimmig angenommen und eine neue Redaction dem vorbereitenden Comité übertragen [...]. Außerdem wurde demselben die Ermächtigung ertheilt, im Laufe des Jahres eine General-Versammlung der Görres-Gesellschaft einzuberufen. [...] Am Abend der großen Fest-Versammlung traten von den Anwesenden Viele der neuen Gesellschaft bei, so daß sie einschließlich der früher Angemeldeten 285 Mitglieder zählte.«
Was die Gesellschaft will, lässt sich einem Aufruf entnehmen, der kaum zwei Monate nach der Gründung entsteht (nach ebd., S. 13 f.):
»Die Görresgesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland will auf katholischem Standpunkte und in katholischem Sinne wissenschaftliches Leben nach allen Richtungen hin wecken und fördern. Der Verein will namentlich jüngeren katholischen Gelehrten Anregung geben und zugleich die nötige materielle Unterstützung gewähren zur Bearbeitung wichtiger Fragen aus dem Gebiete der Philosophie, der Naturwissenschaft, der Geschichte, der Rechts- und Sozialwissenschaft.«
Demnach plant die Gesellschaft, wissenschaftliche Projekte ins Leben zu rufen, die nur durch gemeinschaftliche Zusammenarbeit realisiert werden können. Dazu gehören unter anderem die Veröffentlichung bedeutender Werke älterer kirchlicher Schriftsteller, die Sammlung historischer Dokumente zur Kirchengeschichte und die Erstellung einer Enzyklopädie, die alle wichtigen Fragen des politischen und gesellschaftlichen Lebens behandelt. Ein weiteres Anliegen ist es, qualitativ hochwertige populärwissenschaftliche Werke zu fördern, um der Verbreitung oberflächlicher Modepublikationen entgegenzuwirken. Diese neigen dazu, einseitige Spekulationen und haltlose Theorien als wissenschaftliche Erkenntnisse darzustellen. Zudem soll durch jährliche Generalversammlungen katholischen Gelehrten und Wissenschaftsinteressierten ein lange vermisster Treffpunkt geboten werden. Die Görres-Gesellschaft versteht sich daher nicht nur als ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern, sondern setzt auf die Unterstützung aller Katholiken. Sie ist überzeugt, dass sie nur dann dauerhaft wirken kann, wenn sie in der breiten Bevölkerung verankert ist. Daher betonen die Initiatoren, dass zwischen den Lehren der Kirche und den Erkenntnissen echter Wissenschaft kein Widerspruch besteht.
Initiator für die Gründung ist der bereits erwähnte Dr. Georg Friedrich Karl Freiherr von Hertling, ein schon in den 1870er Jahren berühmter Mann. Der 1843 geborene, bekennende Katholik stammt aus einer rheinhessischen kurmainzischen Beamtenfamilie. Er ist promovierter und habilitierter Philosoph, wollte ursprünglich Priester werden. Von 1875 bis 1890 und von 1896 bis 1912 gehörte er für die Zentrumspartei dem Reichstag an und wird 1912 zum Vorsitzenden des bayerischen Staatsministeriums und Außenminister berufen, also zum Ministerpräsidenten des Königreichs Bayern. Anfang November 1917 übernimmt Freiherr von Hertling sogar die Ämter des Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten. Er stirbt 1919 im oberbayerischen Ruhpolding. Georg von Hertling ist zudem ein Großneffe der großen Romantiker Bettina von Arnim und Clemens Brentano; mit Brentano ist Joseph Görres eng verbunden, sodass Georg von Hertling in einer Traditionslinie mit Görres steht.
Es ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Aus einem kleinen Kreis engagierter Männer, die im Oktober 1875 ein Vorgespräch führen und die Gründung einer Gesellschaft beschließen, entsteht binnen weniger Monate ein Verein zur »zur Pflege der Wissenschaft...




