E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Pfeifer / Bockel Folge der Spur deiner Sehnsucht
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96122-479-1
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie wir unsere Träume leben können und trotz unerfüllter Wünsche echtes Glück finden.
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-96122-479-1
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Annemarie Pfeifer ist verheiratet, Mutter von drei Söhnen und hat 3 Enkelkinder. Sie lebt in Riehen bei Basel. Sie arbeitet seit vielen Jahren teilzeitlich als Therapeutin in der Ambulanz einer psychiatrischen Klinik. Daneben ist sie Mitglied des Großen Rats (Parlament) von Basel-Stadt, wo sie einen Sitz in der Bildungskommission hat. Somit beschäftigt sie sich an vorderster Front mit Bildungs- und Gesellschaftsfragen. Zusätzlich ist sie in ihrer Wohngemeinde Mitglied des Gemeinderats (Exekutive) und verantwortlich für die Bereiche Gesundheit und Soziales. Außerdem schrieb sie 25 Jahre lang die Ratgeberkolumne der christlichen Frauenzeitschrift LYDIA.
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Die Luft flirrte im gleißenden Sonnenlicht. Die Steine und der Sand glühten unbarmherzig. Erschöpft suchten die beiden Piloten Schutz hinter den nackten Felsen. Ihre Lippen waren geschwollen und der Gaumen fühlte sich an wie Schmirgelpapier. Die Landschaft verschwamm vor ihren Augen. Ihr ganzes Wesen war ausgefüllt von einem alles bestimmenden Verlangen: Durst.
Der bekannte Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry beschreibt diese lebensbedrohliche Erfahrung in einem kleinen Essay. Alles hatte ganz harmlos begonnen. Zusammen mit seinem Co-Piloten startete der erfahrene Postflieger einen Routineflug über Afrika. Ideales Flugwetter, eine gut gewartete Maschine, volle Tanks: Alles war im grünen Bereich – bis zu jenem Schreckensmoment über den unendlichen Weiten der Sahara, als plötzlich der Motor zu stottern begann. Auf einmal durchbrach nur noch das Pfeifen des Luftstroms die unheilvolle Stille. „Wir stürzen ab“, zuckte eine Schockwelle durch ihre Körper. Mit viel Geschick und Glück konnten die beiden notlanden. Da waren sie nun in der unendlichen Leere der Wüste: allein, orientierungslos und fast ohne Wasser. In welcher Richtung sollten sie Hilfe suchen? Fast 75 Kilometer schleppten sie sich durch die glühende Hitze. Bis sie nicht mehr weiterkonnten. Kurz vor dem Verdursten schrieb Antoine de Saint-Exupéry: „Ich bin schon eins mit der Wüste. Ich bringe keinen Speichel mehr hervor und auch keine Bilder, nach denen ich mich sehnen könnte …“ Alles schien verloren. „Da erscheint ein Araber auf der Düne, mit der linken Seite uns zugewandt. Wir schreien ganz leise. Wir schwenken die Arme und erfüllen nach unserer Meinung den Himmel mit riesigen Signalen. Aber der Beduine sieht immer nach rechts. Jetzt aber, ganz langsam, macht er eine Viertelwendung nach links. Sobald er das Gesicht uns zugewandt hat, ist es auch schon geschehen: Durst, Tod und Luftspiegelungen sind verwischt in dem Augenblick, in dem er uns erblickt. Eine kleine Viertelwendung verwandelt unsere Welt. Ein Wunder! Ein Wunder!“1
Durst ist eine überlebenswichtige Empfindung. Schon nach einem Tag ohne Flüssigkeit schlägt unser Körper Alarm mit dem Einsetzen von Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Schwindel u. a.m. Durst ist ein Signal unseres Körpers, das uns mahnt, umgehend zu handeln und uns mit dem lebenserhaltenden Wasser zu versorgen.
Der Seelendurst
Auch unsere Seele dürstet. Tief in unsere Seele ist ein Sehnen eingepflanzt, das uns nach mehr trachten lässt und uns vorwärtstreibt – und das uns leider manchmal auch beinahe verzweifeln lässt. Es ist ein innerer Durst nach Liebe, Geborgenheit, Erfüllung, Entfaltung, Freiheit, Gerechtigkeit, ewiger Jugend, Heimat … Wir sehnen uns nach unserem persönlichen Paradies und Lebensglück! Wenn dieses Sehnen nicht gestillt wird, quält uns ein „Seelendurst“, und wenn wir diesen nicht stillen können, werden wir innerlich verkümmern.
Ungestillte Sehnsucht kann sogar die Lebenserwartung verkürzen. Allen voran die Sehnsucht nach einem Gegenüber. So stellt Undine Lang, Professorin und Chefärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, einen Zusammenhang zwischen beidem her: „Einsamkeit hat einen Einfluss auf die Sterblichkeit. Viel stärker noch als Rauchen, starker Alkoholkonsum oder Übergewicht“, sagt sie in einem Interview. Natürlich gäbe es viele weitere Risikofaktoren, die unsere Gesundheit gefährden können. „Doch die Forschung in großer Datenmenge zeigt, dass der Faktor Einsamkeit höher zu gewichten ist als andere.“2 Und wie erklärt man sich dies? Oberflächlich leuchtet es ein, dass Menschen, die Freunde haben, unter stärkerer sozialer Kontrolle stehen und deshalb zu einem gesünderen Lebensverhalten neigen. Daneben gibt es aber auch die psychologische Deutung: Wenn Menschen seelisch dürsten, wenn grundlegende Sehnsüchte wie die nach Gemeinschaft und Geborgenheit nicht erfüllt werden, beeinträchtigt dies unseren Körper und kann uns krank machen.
Sehnsucht kann sich ganz unterschiedlich bemerkbar machen. Der ersehnte Schatz kann in der Vergangenheit liegen oder ein Zukunftstraum sein. Die3 eine sehnt sich nach einem liebevollen Partner, die andere nach dem Schokoladenkuchen oder dem Zuspruch der allzu früh verstorbenen Mutter, der Kranke sehnt sich danach, endlich wieder voll leistungsfähig zu sein, der Gesunde nach dem Abenteuer, das ihn aus dem Alltag entführt. Die einen sehen ihr Glück an einem Sandstrand mit Palmen, begleitet vom beruhigenden Rauschen der Wellen, andere erleben in den Bergen einen Glücksschub. Und da ist auch noch eine andere starke Sehnsucht: die Sehnsucht nach dem Tod. Man begegnet ihr zum Beispiel im Altenheim, wenn das Leben allzu mühsam wird, bei Trauernden, die wieder mit dem geliebten Menschen vereint sein möchten, und auch bei Jungen, die die Hoffnung auf ein gutes Leben schon früh verloren haben.
Bittersüß wie schwarze Schokolade
Sehnsucht ist der Inbegriff unseres Lebensdilemmas: In unserer Seele schlummern viele Wünsche und Träume, aber leider stoßen wir immer wieder schmerzlich an Mauern, die uns von unserem ganz persönlichen Glück trennen, das wir am Ziel unserer Sehnsucht erwarten.
Die Leitung einer großen jugendorientierten Kirche wollte einmal mithilfe einer Umfrage herausfinden, welche Fragen ihre Mitglieder umtreiben. Hier die „Hitliste“ der drängenden Lebensfragen:
- Wieso bin ich (noch) krank?
- Gott, hörst du mich überhaupt?
- Warum fühle ich mich so niedergeschlagen?
- Wieso gibt es so viel Leid?
- Warum finde ich keine(n) Partner/Partnerin?
- Gott, ist das wirklich alles?
- Warum kriegen wir kein Kind?
- Warum musste diese Person sterben?
Auch in dieser hippen, lebendigen und aktiven Gemeinde sehnen sich die Menschen nach Gesundheit, inniger Gemeinschaft, einem sinnerfüllten Leben und nach Verbundenheit mit Gott. Diesen grundlegenden Lebensfragen möchten wir in diesem Buch nachgehen.
Ja, Sehnsucht ist auch für gläubige Menschen ein bittersüßes Gefühl, vor allem, weil wir neben den „irdischen“ Sehnsüchten noch mit einer weiteren Sehnsucht ringen: der nach Gott. Zwar mögen wir in dem einen oder anderen Lobpreislied Zeilen singen wie „Du stillst die Sehnsucht in mir, mein Verlangen“ und nehmen damit die Verheißung in Anspruch, dass Jesus täglich in uns wirken kann – trotzdem gehört auch für gläubige Menschen Sehnsucht zum Menschsein.
Schon der Psalmist David drückt dieses Sehnen aus: „Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (Psalm 4, 2–3). Es gibt Momente, in denen wir uns wie im Vorhof zum Himmel fühlen – in Harmonie mit Gott und der Welt.
Vor etlichen Jahren besuchte ich als Mitglied des Verwaltungsrats des Hilfswerks World Vision International einige Projekte in Sri Lanka. Es war bewegend mitzuerleben, wie liebevoll und professionell unsere Mitarbeitenden mit den ihnen anvertrauten Menschen umgingen. Höhepunkt war ein Gottesdienst in der Kathedrale von Colombo. Gemeinsam mit Menschen aus rund 25 Nationen versammelten wir uns, um Gott zu loben. In vielen Sprachen wurde gesungen, gebetet und Gott gepriesen. Aus allen Enden der Welt waren wir in diesem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land zusammengekommen – und wir spürten, wie wir mit Frieden und Freude erfüllt wurden, indem wir EINS wurden vor Gott. So wird es im Himmel sein, durchfuhr es mich. Ein Ort, wo es weder reich noch arm, weder jung noch alt, weder Mann noch Frau, weder dunkel noch hell, weder stark noch schwach geben wird. Noch sind solche Momente der inneren Verbundenheit mit Gott kein Dauerzustand. Im gleichen Psalm lesen wir etwas später: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist“ (Psalm 42,6, LU).
Unsere Sehnsucht weist uns den Weg – auch zu Gott. Doch auch auf unserm Weg mit Gott werden wir diesem bittersüßen Gefühl von Erfüllung und Freude, aber auch von Unsicherheit und Sorge begegnen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns diesem stellen.
Sehnsucht umfasst das ganze Leben
Doch was sagt die moderne Forschung über dieses Ziehen in der Brust, das mich hin und wieder durchflutet? Bahnbrechende Studien wurden vom deutschen Psychologieprofessor Paul B. Baltes, dem einstigen Direktor des renommierten Max-Planck-Instituts in Berlin, durchgeführt. Gemeinsam mit seinem Team hat er sich intensiv und aus wissenschaftlicher Sicht mit dem vielschichtigen Gefühl des Sehnens beschäftigt. Dieses wird folgendermaßen beschrieben:
„Sehnsucht ist ganz einfach Ausdruck des drängenden Wunsches nach neuen Lebensumständen, Lebensentwürfen oder auch nach Vollendung. Sie kann zum Inbegriff der Freiheit werden, nichts mehr so belassen zu müssen, wie es ist, und alles neu in Bewegung setzen zu können. Sehnsucht kann deshalb auch als wichtiger Motivator verstanden werden, um Strategien zu finden, wie man Defizite und Verluste erträglich werden lassen oder überwinden kann.“4
Die „Sehnsuchtsforschenden“ versuchten, dieses vielschichtige Bauchgefühl weiter aufzudröseln und dieser menschlichen Urkraft ein Gesicht zu geben. Gestützt auf umfangreiche Umfragen fanden sie sechs Aspekte der Sehnsucht, die ich Ihnen hier vorstellen werde und die Sie bestimmt auch aus Ihrem Leben kennen. Wir werden sie in späteren...




