Philipp / Halberg Silvia-Duett - Folge 07
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0953-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwischen zwei Feuern/Wegen unüberwindlicher Zuneigung
E-Book, Deutsch, Band 7, 128 Seiten
Reihe: Silvia-Duett
ISBN: 978-3-7325-0953-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwischen zwei Feuern:
Ein Sommertag in der Heide. Wie verwunschen liegt die Landschaft in der Glut der Mittagshitze. Und wie eine Fee aus einem Märchen erscheint dem Wanderer die einsame Frau im Gras. Gefühle werden wach, Träume für wenige Stunden Wirklichkeit. Dann - vorbei. Zwei Menschen trennen sich, kehren namenlos in ihre Welt zurück. Aber in Isabels wie auch in Timos Herzen lebt der andere weiter. Und mit dieser Sehnsucht im Herzen gibt Isabel einem Mann ihr Jawort, der dem Fremden aus der Heide ähnlich sieht - und doch ganz anders ist. Bis sie dann eines Tages zwischen zwei Brüdern steht, die sich zutiefst hassen ...
Wegen unüberwindlicher Zuneigung:
Wild trommelt Carl Schuster gegen die Tür. Mein Gott, sie ist doch im Laden, warum öffnet sie nicht? Es geht um ihr Leben! Nebenan brennt alles lichterloh, und sie ist in höchster Gefahr.
Paulette Fischer, die Besitzerin der Wollboutique, entschließt sich nur zögerlich, jetzt nach Ladenschluss noch die Tür zu öffnen. Und danach läuft alles wie ein zu schnell gedrehter Film ab: die Versuche, von ihrem Geschäft zu retten, was zu retten ist, der Einsatz der Feuerwehr - und mitten in dem Chaos der Mann, dem sie ihr Leben verdankt. Allerdings ist er nicht der gute Mensch, für den sie in dieser Situation hält ...
Autoren/Hrsg.
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Es war ein Tag wie aus dem Bilderbuch.
Strahlende Augustsonne ließ das lilafarbene Heidekraut in einem goldenen Licht leuchten. Dazwischen setzten die dunkelgrünen Wacholder einzigartige Farbakzente.
Vom Wilseder Berg, einer fast einhundertsiebzig Meter hohen Erhebung mitten in der Lüneburger Heide, schaute Isabel Weichsler wie verzaubert in den sogenannten Totengrund hinab, in dem dicht an dicht die Wacholderbüsche standen.
Einige waren schon uralt und bildeten seltsam verzweigte Formen, dazwischen wuchsen frische zartgrüne Wacholdersetzlinge, die einen wunderbaren Kontrast bildeten.
Ein Summen lag über dem sandigen Grund, ungezählte Bienen waren unterwegs, um Nektar für Honig zu sammeln.
Jetzt, um die Mittagszeit, war es still, die meisten Wanderer und Ausflügler saßen beim Essen in einem der gemütlichen Heidelokale.
Isabel genoss die Ruhe. Sie begann zu träumen, als sie in das grüne, von der Sonnenhitze flirrende Tal hinabblickte.
Es gab so viele Sagen und Märchen, die sich um dieses Gebiet rankten, von Elfen, Zwergen und Heidegeistern.
»Es ist wunderschön, nicht wahr?«, fragte wie aus dem Nichts eine Stimme hinter ihr.
Isabel schrak heftig zusammen und fuhr herum.
»Mein Gott«, sagte sie und atmete erleichtert auf. »Haben Sie mich erschreckt! Einen Moment lang habe ich wirklich geglaubt …«
Sie hielt inne und warf einen Blick auf den jungen Mann, der unbemerkt näher gekommen war.
»Was haben Sie geglaubt?«, fragte der große, schlanke Fremde und musterte sie belustigt aus klaren, blauen Augen. »Am Ende haben Sie mich mit irgend so einem Heidegeist verwechselt, der sich heimlich anschleicht. Die sollen ja hier ihr Unwesen treiben. Aber vielleicht bin ich sogar der Elfenkönig?«
Isabel musste lachen. »Na ja, das wäre gar nicht so übel, aber eigentlich sehen Sie nicht danach aus. Sie kommen mir doch sehr real vor. Aber recht haben Sie schon. Ich habe Sie nicht kommen gehört …«
»… und da dachten Sie, ich sei ein Wesen aus einer anderen Welt«, scherzte der junge Mann.
Tatsächlich sah er in seiner sportlichen Kleidung, Jeans und dunkler Lederjacke doch sehr diesseitig aus.
Ein leichter Wind bewegte seine lockigen, haselnussbraunen Haare, die er etwas länger trug.
Strahlend lächelte der Mann die hübsche Isabel an.
»Wollen Sie da hinunter, in den Totengrund? Da kann man sich verlaufen. Sie sollten aufpassen. Leider kann ich Sie nicht begleiten, ich bin mit ein paar Freunden hier. Wir haben Fahrräder gemietet. Sie warten auf mich am Wilseder Heimatmuseum. Ich hab mich bloß mal kurz abgesetzt, um ein Stück zu Fuß zu gehen. Und es hat sich gelohnt, wie ich sehe. Sonst hätte ich Sie nicht hier getroffen …«
»Also, wissen Sie!« Isabel lachte. »Sie tauchen aus dem Nichts auf und raspeln Süßholz! Was soll ich davon halten?«
Sie schüttelte in gespielter Entrüstung den Kopf, dabei gefiel ihr der attraktive Fremde ausnehmend gut.
»Aber ich meine es ernst«, sagte er mit seiner warmen, dunklen Stimme. »Als ich Sie so stehen sah, so verträumt, da hätte ich am liebsten ein Foto von Ihnen gemacht … Wie die Heidefee persönlich, die ihr Reich überblickt, so sind Sie mir vorgekommen.«
»Sie sind wohl ein poetischer Typ«, antwortete Isabel schlagfertig und blitzte ihn aus ihren schönen, samtbraunen Augen an.
»Da haben Sie gar nicht mal so unrecht«, entgegnete der nette Fremde. »Mein Beruf hat tatsächlich mit dem Schreiben zu tun, ich bin nämlich Journalist. Da muss man beides können: Knallharte, realistische Berichte liefern, aber auch offen sein für Fantasie und Poesie.« Er lachte sein offenes, gewinnendes Lachen. »Wissen Sie was, schöne Heidefee? Ich lasse meine Freunde warten, und wir beide spazieren ein Stück gemeinsam in Richtung Wilsede.«
»Einverstanden«, meinte Isabel vergnügt. »Aber nur, weil ich ohnehin nach Wilsede wollte! Dort ist es nämlich schattig, und mir ist es einfach zu heiß, um noch lange herumzuwandern. Ich bin hier, um auszuspannen. Hitze und Stress hab ich in Hamburg genug.«
Der Fremde legte mit einer leichten Geste den Arm auf ihren schmalen Rücken.
»Aha – eine Karrierefrau also, wenn ich recht vermute!«
»Wenn Sie so wollen – bis zu einem gewissen Grad, ja. Sie haben mir verraten, dass Sie Journalist sind, also dürfen Sie auch wissen, welchen Beruf ich habe. Ich bin freiberufliche Grafikerin. Zum Glück habe ich immer so viele Aufträge, dass ich es nicht bereue, selbstständig zu sein. Aber ich muss die Termine beachten und bin meistens sehr im Stress. So einen Wochenendurlaub wie diesen kann ich mir zeitlich nur selten erlauben. Aber das schöne Wetter hat mich einfach verlockt.«
»Das haben Sie völlig richtig gemacht«, erwiderte der gut aussehende, junge Mann. »Wohnen Sie hier irgendwo in der Nähe in einem Hotel?«
Isabel nickte eifrig.
»Ja, im Hotel ›Heidbach‹ in Undeloh.«
»Nicht möglich!«, rief der Fremde aus. »Ich wohne auch dort, allerdings nur bis morgen. Wie schon gesagt, ich treffe mich hier mit einigen Freunden, auch Journalisten. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit. Aber die Pflicht ruft – ich trete schon übermorgen eine Reise nach Frankreich an. Ich werde für meine Zeitung einen Reisebericht über die Bretagne schreiben.«
»Sie haben einen interessanten Beruf«, sagte Isabel und versuchte, ihren Begleiter vorsichtig von der Seite zu betrachten. Er sah gut aus, und sie genoss seine Nähe.
Aber offensichtlich schien er nicht die Absicht zu haben, ihre Bekanntschaft zu vertiefen.
Kein Wunder – jemand, der so viel auf Reisen war wie er, hatte genug Gelegenheiten, um Leute kennenzulernen – und schöne Frauen. Da lag ihm gewiss nichts daran, ausgerechnet sie näher kennenzulernen. Und vielleicht war das auch besser so.
Trotzdem hatte dieser kurze Weg nach Wilsede durch die blühende Heide etwas Zauberhaftes an sich.
Die beiden gingen schweigend nebeneinander durch die sonnige Landschaft, berührten sich immer wieder wie selbstverständlich, bis schließlich ihre Hände ineinander lagen.
Da war ein stummes Verständnis, das Isabel nicht erklären konnte.
Auch der gut aussehende Mann neben ihr musste sie immer wieder verstohlen ansehen.
Was für ein wunderschönes, graziles Geschöpf, dachte er, eine ungewöhnliche Frau. So eine wie sie hat bestimmt an jedem Finger zehn Verehrer. Übermorgen bin ich schon wieder weg, in Frankreich. Vielleicht ist sie verlobt oder sogar verheiratet? Nein, einen Ring trägt sie nicht … Ich könnte sie fragen, aber ich werde es nicht tun, diese märchenhaft schöne Stunde soll so bleiben, wie sie ist – unberührt von Fragen nach dem Woher und dem Wohin.
Wie auf Verabredung blieben sie beide an einer Lichtung stehen.
Die ersten alten Häuser des Wilseder Museumsdorfes kamen bereits in Sicht. Von fern sah man die Pferdekutschen den breiten Sandweg entlangfahren. Ganz weit weg graste eine Heidschnuckenherde.
Stimmen drangen zu den beiden hinüber.
Impulsiv beugte sich der fremde junge Mann zu Isabel hinunter und zog sie in seine Arme.
Und sie ließ es geschehen, dass er sie zart, aber doch verlangend küsste. Sie wusste nichts von ihm, kannte ihn nur diese eine verzauberte Stunde – aber in diesem zärtlichen Kuss schien er ihr unendlich vertraut.
Gibt es so etwas?, dachte Isabel, und sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Ich lasse mich von einem Fremden umarmen und küssen, ohne eine einzige Frage zu stellen …
»Hallo, Timmy, da bist du also!«, rief plötzlich jemand vom Radweg.
Eine Gruppe von Männern auf Fahrrädern tauchte auf. Verstohlen grinsend starrten sie zu den beiden hinüber.
»Was hast du denn da Hübsches in der Heide gefunden, Timmy? Willst du uns nicht miteinander bekannt machen?«
»Ich glaube, ich gehe jetzt lieber«, sagte Isabel.
Irgendwie ärgerte sie sich über die Männer auf den Rädern. Sie hasste spöttisches Gerede. Ihr weiter Rock wehte hinter ihr her, als sie nach einem kurzen Abschiedsgruß unter den Wilseder Bäumen verschwand.
Mit zusammengepressten Lippen sah ihr der junge Mann, den seine Freunde »Timmy« gerufen hatten, nach. Ob er sie doch noch einmal sehen würde, abends, im Hotel?
»Wirklich, ein süßes Häschen«, meinte einer der Radler.
»Spar dir deine dummen Bemerkungen«, erhielt er von Timmy als Antwort.
»Es ist doch wohl nichts Ernstes?«, erkundigte sich der Freund in scheinheiliger Anteilnahme. »Na ja, mach dir nichts draus, Timmy. In Frankreich gibt es auch schöne Mädchen. Übrigens haben wir dir dein Rad mitgebracht. Hoffentlich bist du nach diesem süßen Erlebnis überhaupt imstande, noch weiterzufahren. Wir wollen noch bis Bispingen radeln.«
»Warum sollte ich nicht mehr fahren können?«, entgegnete Timmy ärgerlich. Er schwang sich auf sein Rad und fuhr der Gruppe voran.
Von Weitem sah Isabel den Männern nach. Sie verfolgte die Gruppe mit den Blicken, bis nur noch winzige Pünktchen zu erkennen waren. Dann machte sie sich seufzend auf den Rückweg nach Undeloh in ihr Hotel.
***
Noch einmal begegnete Isabel dem jungen Mann, der ihr, trotz aller Ablenkungsmanöver, nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.
Am Abend drangen Gelächter und Stimmengewirr aus der gepflegten Bar des Hotels.
...



