E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Pomej TODESPUNKT
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-6492-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 252 Seiten
ISBN: 978-3-7481-6492-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
S. Pomej hat aus Interesse an der menschlichen Natur Psychologie studiert und lässt die erlernten Störungen plus eigener Erfahrung mit kranken Zeitgenossen in spannende Bücher und Kurzgeschichten sowie lustige Comic einfließen. Website: pomej.blogspot.com
Autoren/Hrsg.
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Recherchen auf beiden Seiten oder in Filmen klappt's besser
Der Himmel zeigte sich stark bewölkt, was eine allseits deprimierende Stimmung verbreitete, sobald der Regen einsetzte jedoch durch das Glitzern am Asphalt etwas gemildert wurde. Die Scheinwerfer der Autos in den Straßen spiegelten sich auf der wässrigen Oberfläche und aus einem geöffneten Autofenster tönte Jazzmusik, als Jonas nach seinem makabren Fund zu seiner Arbeitsstätte eilte. Er nahm den Weg vorbei am Stephansdom, nicht ohne seinen Blick zu dem Stein gewordenen Glaubenszeugen zu erheben. Keine Touristen drängten sich wie sonst auf dem Stephansplatz und er fühlte sich kurz so, als wäre er allein auf der bösen Welt. In der U-Bahn-Station spielte ein Gitarrist wie wild den Uralt-Hit 'Smoke on the water' und verwandelte kurz Jonas' Leben in den spektakulären Film, den er so gern einmal erleben würde. Dennoch krallte er sich routiniert im Vorbeigehen eine Gratiszeitung und blätterte sie durch. Nichts Neues nur die üblichen Gewaltakte, sowohl politisch als auch privat. Diese primitiven Leute verstand er nicht, denn er sah sich als feinsinnigen Geistesmenschen. Ein innerer Drang ließ ihn immer wieder aus überholten Strukturen ausbrechen und neue Wege suchen. Als Journalist konnte er das besser als in einem anderen Beruf, fand er, und in neuen, ungewohnten Situationen fühlte er sich rasch zu Hause.
Nachdem er wieder an der Oberfläche war, hatte der Regen aufgehört und er vernahm den unerfüllbaren Wunsch eines Mannes, der mit seiner Begleiterin Arm im Arm spazierte: "Ach Gott, lass es doch Beaujolais regnen!"
Wie immer, wenn er in die Redaktion kam, warf ihm der Chefredakteur einen Blick zu, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Herr Riasek machte immer bei Jonas' Eintreffen ein Gesicht, als hätte er ihn beim Diebstahl, einem Ehebruch oder auch nur beim Zuspätkommen erwischt, was diesem ein flaues Gefühl vermittelte. Obwohl er sich nichts von alledem - außer vielleicht dem zu späten Erscheinen - zuschulden hat kommen lassen.
"Ah, Jericho", murmelte er. "Da schau her! Eine viertel Stunde nach Dienstbeginn schon - dem akademischen Viertel - doch noch hier aufgetaucht."
"Ich hab gestern noch eine halbe Stunde länger hier gesessen und schon vorgearbeitet", verteidigte er sich wacker und klopfte sich zur Bekräftigung noch auf seinen Brustkorb, was einen dumpfen Klang verursachte.
"Naja, es gibt wenig, dass sich nicht durchs Liegenlassen von selbst erledigt", scherzte Riasek und wandte sich ab. Auf seinem PC schaute er sich gerade die Homepage von 'The Walking Dead' an. Aber über andre herziehen, das beherrschte er perfekt. So wie auch das Antichambrieren, denn diese Fähigkeit hatte ihm schließlich die heiß begehrte Stelle des Chefredakteurs eingetragen, fiel Jonas bei der Gelegenheit wieder ein.
Doch er hatte Wichtigeres zu tun, als sich mit seinem Chef auf eine weitere Diskussion einzulassen. Kaum an seinem Schreibtisch angekommen, kramte er geschäftig in seinen Unterlagen, als da waren: ausgedruckte angefangene Artikel, Notizen, die er handschriftlich auf Merkzettel sowie Post-Its geworfen hatte, und einige Fotos aus alten Zeitungen. Als er sich das Foto von Henry O’Mally genauer ansah, bemerkte er, dass zwischen dessen Augen ein schwarzer Punkt prangte. Da er einen Blick für Fotos hatte - vor allem dafür, was ein gutes Foto ausmachte - war ihm schon einige Male aufgefallen, dass bei manchen Leuten immer ein Punkt ihr Porträt störte. Schnell griff er sich von dem kniehohen Stoß an alten Zeitungen neben seinem Schreibtisch die oberen Exemplare und blätterte zu den betreffenden Bildern. Und tatsächlich: beim Bezirksrat Samuel Haditsch, der kürzlich mit seinem Auto verunglückte, fand er diesen obskuren Punkt, ebenso wie bei der Society-Lady Ricarda Rebus, die an einem Herzanfall verstorben war und auch beim Rennradfahrer Bernhard Kisch, welcher beim Doping übertrieb. Nachdenklich ließ er sich auf seinen abgewetzten Drehstuhl fallen und resümierte: alle Personen, die diesen schwarzen Punkt auf ihrem Gesicht trugen, waren nun mausetot. Konnte das nur ein Zufall sein? Oder war es so etwas wie ein Todesomen? Konnte er womöglich, wenn er das nächste Foto einer Person mit punktiertem Gesicht in der Zeitung sah, deren tödliches Schicksal verhindern???
Rasch richtete er sich auf, startete seinen PC und recherchierte: Bezirksrat Hadic gab dem Kurier ein Interview mit Foto, welches vier Tage vor dessen Tod erschien. Und die bekannte Society-Lady Frau Rebus, deren Foto anlässlich einer Wohltätigkeits-Gala erschien, starb ebenfalls vier Tage, nachdem es veröffentlicht wurde. Und der junge Bandenboss starb heute, eventuell schon gestern, nachdem vorgestern der Artikel über ihn erschien… Das konnte kein Zufall sein! Entweder wurde die Zeit zwischen Punkt und Tod kürzer oder ... er überlegte, nahm dann sein Smartphone und suchte die Nummer der Kollegin von der großen Konkurrenzzeitung, die er sogleich anrief.
"Hallo, Frau Romschmitt, hier Jonas Jericho, darf ich Sie etwas fragen?"
"Ja, sicher, was gibt es, Kollege?" Ihre Stimme klang vergnügt, so als wäre sie gerade im Begriff, eine Exklusiv-Story über Brangelinas Neustart zu verfassen und sich das dafür zu erwartende Journalistenhonorar auf ihrem Konto vorzustellen.
"Es geht um den Bandenboss, der Ihnen gegenüber angab keiner zu sein, ein gewisser Henry O’Mally!"
"Oh ja, ich erinnere mich noch lebhaft an ihn, denn er war derart unglaubwürdig in seiner Behauptung, dass ich den Artikel eigentlich gar nicht veröffentlichen wollte. Doch es war vorgestern gerade nix Anderes los."
"Heißt das, dass er schon früher bei Ihnen vorgesprochen hat?"
"Ja, es war genau vor vier Tagen!", erinnerte sie sich. "Warum fragen Sie?"
Kurz überlegte Jonas, ob er ihr seine Vermutung offenbaren sollte, doch da sie ihn womöglich für verrückt gehalten hätte, gestand er schließlich nur: "Er wurde heute ermordet auf einem Spielplatz gefunden."
"Oh, vielen Dank, Kollege, endlich was los! Ich klemme mich sofort dahinter!"
"Armer Junge!"
"Junge? Der war alt genug, um in Columbine erschossen werden zu können."
"Ach?"
"Ja und er lebte vom Ausbeutererfolg seiner Ahnen, wie er so schön formulierte. Scheint also geerbt zu haben, was er allerdings nicht näher erklärte. Nur übliches Blabla! Also danke für den Tipp! Tschau!"
Was die Gute alles weiß, wunderte er sich und beschloss, sich von ihrem Infostand beim zuständigen Kommissar zu versichern, welcher nach einem kurzen Anruf bereit war, sich mit ihm in einem Lokal zu treffen, wo er gern seine Mittagspause verbrachte. Schnell verfasste Jericho noch die Kurzmeldung über den morbiden Fund am Spielplatz im Park, erledigte noch einige angefangene Artikel über Bezirksneuigkeiten und machte sich dann zum Treffpunkt auf. Die Zeit verflog im Nu...
Kaum saß er mit Huber im Wirtshaus 'zur flotten Lotte' zusammen, als ein älterer Herr auf diesen zukam und ihn fragte: "Entschuldigung, Herr Kickl?"
"Nein!", protestierte Huber etwas pikiert. "Könnten Sie mich - wenn schon - dann mit jemand anderen, sympathischeren verwechseln?"
"Na, mit dem Brad Pitt geht das ja leider nicht! Der verkehrt hier sicher nicht und sieht viel besser aus", antwortete der Alte grantig und verzog sich enttäuscht wieder.
"Finden Sie eine Ähnlichkeit bei mir mit dem Kickl?", wollte Huber nun von Jericho wissen.
"Nein", schoss dieser schnell zurück, "höchstens die Frisur ein wenig und bei näherer Betrachtung noch die Brille." Es kostete ihn etwas an Überwindung zu verschweigen, Huber hätte wohl mit der um 20 Kilo schwereren und zehn Zentimeter größeren Ausgabe des Betreffenden leichte Ähnlichkeit.
"Sie haben es gut getroffen als Journalist, können Ihre Nase in Dinge stecken, die Sie nix angehen und heimsen noch fürstliche Entlohnung dafür ein."
"Ich mache den Job aus Idealismus und nicht wie Sie Ihren dem Ernährungstrieb folgend."
"Na, viel zu meiner Ernährung trägt mein Gehalt nicht bei. Meine kleine Wampe verdanke ich billigem Bier und den Kochkünsten meiner Frau. Aber jetzt ganz im Ernst, Sie haben es ja einfacher, da Sie ja nur nach Lebenden recherchieren, daher bekommen Sie wohl hauptsächlich positives Feedback. Ich muss es bei Toten tun und je mehr ich über diese herausfinde, umso kontroversieller wird das Gesamtbild. Ja, ich möchte meinen Job fast als einen Parcours der seelischen Schmerzen bezeichnen!"
"Oh ja, das kenne ich auch, denn je nachdem, wie der Befragte der Person gegenüberstand, so fallen dann die Aussagen aus. Also durchaus auch negativ, allerdings wollen die Befragten in meinen Artikeln dann nicht genannt werden. Da fällt mir ein, wir könnten doch im Doppelpack auftreten, so als good Cop und bad Cop!"
Huber schüttelte energisch den Kopf. "Das mache ich nicht einmal mit eigenen Kollegen, geschweige denn mit einem Journalisten. Nein, nein, sagen Sie mir einfach, warum Sie mich treffen wollten!"
"Kann es sein, dass dieser ermordete Schotte viel älter ist, als es in seinem Pass steht?"
"Kaum, der Pass war echt, außer... er hat...




