E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Post Klima-Korrektur-Konzern
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-947619-94-8
Verlag: Polarise
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-947619-94-8
Verlag: Polarise
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Erde verändert sich - in Deutschland ist es warm geworden. Energieverbrauch und CO2-Ausstoß sind dominierende Aspekte in der Wirtschaft.
Das alles belastet Phil nicht wirklich. Doch als er wegen eines Programmierfehlers den Job verliert, weiß er zunächst nicht, wie es weitergehen soll. Mit seinem Lebenslauf kann er froh sein, jemals neu angestellt zu werden.
Gezwungenermaßen nimmt er als Administrator eine neue Stelle bei OxiGreen an. Die Firma will das Klima mithilfe genveränderter Pflanzen retten. Phil ist skeptisch, doch er freundet sich mehr und mehr mit der Idee und seinem Team an. Endlich läuft es in Phils Leben. Bald schon findet er heraus, dass die Sache einen Haken hat.
Uwe Post wohnt am Rand des Ruhrgebiets, hat ein Diplom in Physik und Astronomie, eine Games-App-Firma, ist IT-Berater und schreibt Fachbücher sowie satirische Science Fiction. Er erhielt 2011 den Deutschen Science Fiction-Preis und Kurd-Laßwitz-Preis für seinen Roman »Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes«. Sein Lieblingsthema ist die POSTapokalypse und deren Verhinderung durch schwarzen Humor.
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02
»Guten Morgen! Es ist 13 Uhr, Samstag, 3. November!«, tönt die Stimme von Phils persönlicher Assistentin durchs Apartment.
Phil versteckt sich unterm Kopfkissen.
»Du hast heute zwei Termine«, fährt die Assistentin ungerührt fort. »Einer ist als wichtig markiert: 15 Uhr, Beginn doofe Silberhochzeit doofer Eltern.«
»Scheiße«, murmelt das Kopfkissen gedämpft.
»Zweiter Termin: 14 Uhr, Geschenk für doofe Silberhochzeit doofer Eltern besorgen.«
»Scheiße!« Phil springt auf.
Er sieht an sich runter. Immerhin: Er muss sich nicht anziehen. Denn offenbar ist er vergangene Nacht bekleidet ins Bett gekrochen.
Ist wohl spät geworden.
Phil erinnert sich vage. Erst hat er ein paar Runden Cosmic Hero gezockt. Als er dafür zu müde geworden ist, hat er im Netz zugesehen, wie andere Gamer Cosmic Hero zocken, und ab und an einen witzigen Kommentar eingeworfen.
Dabei wurden einmal mehr unterschiedliche Auffassungen von Humor deutlich.
Auf »Lol, schieb ihm lieber die quer in den Hintern, macht drei Schaden mehr« antwortete irgendein Random User doch glatt: »Nee, dir in die Fresse, Angeber«.
Danach hat Phil sich lieber mit anderen Themen beschäftigt.
Phil schiebt sich einen doppelten Toast mit in die Fresse und sucht gleichzeitig online nach einem Geschenk für seine Eltern, die ihren 25. Hochzeitstag für einen Grund zum Feiern halten. Phils Meinung nach hätte es so weit gar nicht kommen dürfen. Aber seine dringende Empfehlung, sich endlich scheiden zu lassen, ist immer wirkungslos geblieben. Vermutlich glauben seine Eltern nicht, dass sie nochmal neue Partner finden würden, und sie wollen ungern einsam sterben. Im Grunde kann Phil beides nachvollziehen, einen Anlass zum Feiern vermag er trotzdem nicht zu erkennen.
Um den Eltern nicht den furchtbaren Tag zu verderben, sollte Phil ihnen also ein hübsches Geschenk beschaffen.
Bestellbar mit Drohnen-Lieferzeit unter 60 Minuten findet er auf die Schnelle:
.
Okay, das ist auf den zweiten Blick der Versandhandel einer evangelikalen Sekte. Phil schüttelt sich und sucht weiter.
Ein Kartenspiel aus echter Pappe? Phil hat gar nicht gewusst, dass es dergleichen noch gibt. Die armen Bäume!
.
Phil kann sich einfach nicht entscheiden.
Planlos schaut er aus dem Fenster. Eine Lieferdrohne mit Pizza-Fähnchen surrt vorbei, und er begreift, dass andere Leute schon zu Mittag essen.
So ein Jobverlust nagt nicht nur an Kontostand und Selbstwert. Phils Leben ist jetzt wie Busverkehr ohne Fahrplan: Irgendwann geht’s hoffentlich weiter, bis dahin heißt es warten.
Jetzt, wo Annies Lächeln weit mehr als einen Schreibtisch entfernt ist, fehlt es ihm mehr denn je. Die Bedeutung mancher Dinge fällt oft erst auf, wenn sie nicht mehr da sind. Das gilt für Busfahrpläne, monatliche elterliche Mietzuschüsse und für Phils Arbeit. Er sieht den klaren Novemberhimmel, strukturlos und streng genommen nur ein atmosphärischer Lichteffekt, der von dem unendlichen Nichts dahinter ablenkt.
Phils Zukunft ist ein unentdecktes Land, das in Google Maps leider nicht verzeichnet ist. Am Horizont ziehen graue Wolken auf. Wie passend.
Phil beschließt, erratischen Bestellungen unnützen Zeugs im Netz einen Einkaufsbummel in der City vorzuziehen.
Knallhart! Knallhart ist Phil zu sich selbst, meistens jedenfalls. Als Kur gegen seine Nackenverspannungen wegen zu langen nächtlichen Spielens verordnet er sich selbst einen Fußmarsch. Mit 26 Jahren haben Muskeln und Gelenke gefälligst knackig und frisch zu sein wie die Paprika unter den Gemüse-Lampen des Discounters!
Nach einer Viertelstunde bereut Phil die Entscheidung, weil es zu regnen anfängt und seine Schuhe sich als nicht ganz dicht erweisen.
Glücklicherweise gibt es das Einkaufszentrum. Früher nannte es sich schlicht Bahnhof, heute machen die Geschäfte mehr Umsatz als die Fahrkartenautomaten, egal wie einladend die auch lächeln. Das Einkaufszentrum ist komplett überdacht, außerdem muss Phil ohnehin in 44 … nein, 43 Minuten in die S-Bahn zu seinen Eltern springen.
Also genug Zeit, um ein nicht allzu peinliches Geschenk zu finden und womöglich einen Fahrplan für die nächsten paar Lebensjahre. Na gut – Lebensmonate.
Der Buchladen hat immer ein paar Sonderangebote für Leute, die nicht so gerne auf langen Fahrten aus dem Zugfenster starren. Phil streift zwischen den Regalen umher, bis er die Resterampe findet. Er greift wahllos ein Buch heraus, das für den aufgeklebten Preis von 5 Euro ziemlich voluminös wirkt. Der Titel: .
Phil durchblättert den reich bebilderten Band. Die Pest war eine Folge vergifteter Brunnen, Robespierre guillotinierte anno 1794 unzählige Verschwörer, die gar keine waren, und Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen die sogenannten – erstunken, erlogen und durch und durch antisemitisch. HIV, so eine weitere Verschwörungstheorie, ist eigentlich eine Biowaffe der US-Amerikaner, und mit Impfungen gegen gar nicht existierende Viren Anfang der 2020er wollten Tech-Konzerne Kontrolle über alle Menschen erlangen.
Dabei hatten sie die im Grunde längst.
Die Wiederaufforstungen der Gegenwart, so berichtet das letzte Kapitel des Buchs, dienen laut bestens informierter Verschwörungstheoretiker nicht etwa dazu, der Atmosphäre CO2 zu entziehen, sondern dazu, »unerwünschte« Menschen mittels Mobilfunk-Strahlung zu Affen zurückzuentwickeln und massenweise in den neuen Wäldern auszuwildern.
Splitterfasernackt.
Die zugehörige Illustration im Buch irritiert Phil dermaßen, dass er sie geschlagene drei Minuten lang begafft und um ein Haar vollsabbert: auf Bäumen sitzende schmutzige, unbekleidete Affenmenschen – und alle starren auf ihre Smartphones.
Das Buch fasziniert Phil so sehr, dass er erst beim Platznehmen in der S-Bahn bemerkt, dass er es gekauft hat. Dabei hat er offenbar so etwas wie »Und bitte als Geschenk einpacken« gesagt. Phil fragt sich, ob die suggestive Wirkung von heimlich im Buchrücken untergebrachten Substanzen ausgeht oder vom Inhalt.
Vielleicht bleibt sich das aber auch gleich, überlegt Phil, während seine S-Bahn durch die Vorstädte klappert, vorbei an Werbeplakaten für »110 % ehrliche Partnerbörsen«, »Sofortkredite mit Negativzins« und »Sonnenbaden unter Glaskuppeln«.
Phil erschafft eine Art magische Abschirmung, die ihn von allen Umwelteindrücken isoliert. Leider klappt das nur in seiner Vorstellung, weil Magie in der wirklichen Welt genauso wenig funktioniert wie Homöopathie oder Astrologie. Aber manchmal genügt die Macht der Einbildung.
Flach atmend stellt Phil sich vor, dass er die bunte Mixtur aus Gerüchen, Geräuschen und Reklame nicht mehr wahrnimmt. Das schafft Platz im Kopf für die zentrale Zukunftsfrage: Soll er sich einen Anwalt nehmen, um gegen seinen Rauswurf vorzugehen? Oder lieber gleich einen anderen Job suchen?
Oder beides? Schließlich kostet so ein Anwalt eine Menge Kohle, die er nicht ohne weiteres aufbringen kann.
»Entschuldigen Sie?« Die raue Stimme direkt neben Phils Ohr zerstört die Magie der Abschirmungsblase wie eine Stecknadel einen Luftballon.
Phil öffnet die Augen. Neben ihm steht ein Mann in einem bunten Overall mit dem poppigen Logo von .
»Oh nein«, entfährt es Phil.
Offenbar nicht laut genug, denn der Mann setzt ein famoses Lächeln auf, das an ein Walross bei der Fütterung erinnert. »Ah, Sie sind wach, sehr gut. Mein Name ist Mr. Rabatt und ich darf Ihnen einmal die neuesten Gutscheine anbieten …« Aus verschiedenen kleinen Taschen an seinem Overall zieht Mr. Rabatt bunte, schmale Zettel hervor. »Heute besonders beliebt«, sagt er, während er vor Phils Gesicht mit zwei glitzernden Hologramm-Gutscheinen winkt,...




