Power | Ein einsamer Mann | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Power Ein einsamer Mann

Roman
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8437-2809-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-8437-2809-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sind manche Geschichten zu gefährlich, um sie zu erzählen? Robert, ein britischer Expat, ist Schriftsteller und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Berlin. Zufällig macht er die Bekanntschaft von Patrick, auch er Brite, doch keineswegs so fest im bürgerlichen Leben verankert wie Robert. Als ehemaliger Ghostwriter des ermordeten russischen Oligarchen Sergei Vanyashin, einem Feind des Kreml, fühlt sich Patrick verfolgt und bedroht. Robert hält Patrick für paranoid, ist gleichwohl fasziniert von dessen Geschichte, und sieht in ihr die Chance, seine Schreibblockade zu überwinden. Dann geschehen seltsame Dinge. Aber Robert klammert sich an den Glauben, weiterhin in der sogenannten Normalität zu leben. Hält seinen Glauben für Vernunft, Roberts Geschichte für die Einbildung eines verwirrten Geistes. Die Schattenwelt, die Patrick beschreibt, mag existieren, aber er ist doch kein Teil davon. Oder doch? 

Chris Power ist Autor der hochgelobten Erzählungssammlung Mothers (Ullstein, 2019). Ein einsamer Mann ist sein Debütroman. Chris Power lebt und arbeitet in London.
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Sie lernten sich im Saint George’s im Kollwitzkiez kennen, als beide nach demselben Buch griffen. »Entschuldigung«, sagten sie gleichzeitig und zogen den Arm zurück.

»Bitte«, sagte Robert.

»Nach Ihnen«, sagte der andere.

Er lallte. Er stank nach Alkohol. »Kein Problem«, antwortete Robert und wandte sich ab. »Schon gut, ich wollte mir nur das Cover ansehen.« Diese Ausgabe kannte er noch nicht. Er würde warten, bis der Mann weg war. Hinter ihm hörte er ein Husten, dann ein schroffes »Hier«. Er drehte sich um, und der Mann hielt ein wenig dümmlich lächelnd das Buch so, dass Robert das Titelbild sehen konnte. Er warf einen Blick darauf und nickte. »Danke.«

Der Mann drehte das Buch um und inspizierte die Rückseite. Robert sah ihn schwanken.

»Lohnt sich’s?«, fragte der andere.

»Die meisten mögen die späteren Werke lieber, aber ich finde es super. Allerdings gefällt mir sowieso alles von ihm, also sollten Sie sich vielleicht nicht auf mein Urteil verlassen.«

Der Mann antwortete nicht, sondern starrte nur hinten auf den Einband. Er gähnte und kratzte sich an der Wange. Robert fragte sich, ob er die Wörter, die er betrachtete, überhaupt lesen konnte.

»Er ist gestorben?«

»Vor rund zehn Jahren.«

Der andere brummte und schlug das Buch auf. Robert widmete sich wieder den Regalen. Eigentlich suchte er nichts Bestimmtes, sondern schlug nur die Zeit bis zur Lesung tot. Saint George’s war zwanzig Minuten zu Fuß von seiner Wohnung entfernt, und in den letzten Jahren, seit dem Umzug nach Berlin, war er dort Stammkunde geworden. Manchmal brachte er seine Töchter mit und stattete sie auf einem der rissigen Ledersofas im Hinterzimmer mit Malbüchern aus, bevor er vorne durch die antiquarischen Bücher stöberte. Heute Abend waren sie mit einem Babysitter zu Hause, und nach der Lesung war er mit Karijn zum Abendessen verabredet. Vor Kurzem hatte sie vorgeschlagen, sie sollten sich auch mal ohne die Kinder bewusst Zeit füreinander nehmen.

»Wenn Sie bitte alle Platz nehmen würden?«, sagte ein Buchhändler. Zusammen mit ein paar anderen, die sich umgesehen hatten, steuerte Robert das Hinterzimmer an. Als er eine Hand auf der Schulter spürte, drehte er sich um und sah den Betrunkenen, der immer noch das Buch umklammerte.

»Was ist das für eine Veranstaltung?«, fragte er. Sie waren ungefähr im gleichen Alter, dachte Robert, und auch den Akzent hatten sie gemeinsam: London oder Umgebung.

»Sam Dallow.«

Der andere sah ihn ausdruckslos an.

»Ein Schriftsteller. Er spricht über seinen neuen Roman.«

»Ich bin Schriftsteller«, sagte der Mann.

»Toll.«

Jetzt, da er neben Robert auf einem der Klappstühle aus Metall saß, die für die Lesung aufgestellt worden waren, stank seine Fahne noch penetranter. »Und dieser Dallow, taugt der was?«, fragte er so laut, dass auch der Rest des kleinen Publikums ihn hören konnte.

»Ich habe das Buch nicht gelesen«, flüsterte Robert. »Aber die Rezensionen waren gut.«

Das Interview wurde von einem Journalisten aus England geführt, der einmal eine Podiumsdiskussion geleitet hatte, an der Robert hier in dieser Buchhandlung teilgenommen hatte, seine erste und, wie sich herausstellen sollte, einzige Veranstaltung in Berlin. »Vielen Dank, dass Sie alle gekommen sind«, sagte der Journalist, »um von einer der aufstrebenden Stimmen 2014 zu hören, einem der aufregendsten jungen Gegenwartsautoren in ganz Großbritannien, ja sogar in ganz Europa.«

Robert musterte Dallow, einen dünnen, jungen Mann mit kurzem schwarzem Haar, blasser Haut und rotfleckigen Wangen. Er wirkte entspannt, blätterte wahllos durch seinen Roman und tat, als müsste er unwillkürlich das Gesicht verziehen, als der Journalist aus den Buchkritiken eine Reihe von Adjektiven vorlas. Robert schätzte Dallow auf Ende zwanzig, viel jünger, als Robert gewesen war, als vier Jahre zuvor sein erstes Buch, ein Erzählband, veröffentlicht worden war. Ein paar gute Rezensionen hatte es gegeben, einen kleinen Preis, keine nennenswerten Verkaufszahlen. Jetzt war er zwei Jahre mit dem Roman im Verzug, den er schon wer weiß wie oft angefangen und wieder abgebrochen hatte.

Robert versuchte, der Lesung zu folgen, doch die Wörter drangen nicht zu ihm durch. Er kniff sich in den Nasenrücken und drückte die Augen fest zu, um sich wieder auf Dallows Stimme zu konzentrieren, wurde aber abgelenkt, als der Mann neben ihm eine Miniflasche Wodka aus der Manteltasche zog, sie aufdrehte und hinunterkippte. Robert neigte sich auf dem Stuhl vor. Gerade sprach Dallow von Lichtsäulen, die auf einen Waldboden fielen. Er las gut, seine Stimme war kräftig und fest, aber er tat zu erhaben, als wäre jedes Wort unfassbar wertvoll. Unvermittelt stand Roberts Sitznachbar auf, der Stuhl quietschte übers Laminat, und als er sich durch die schmale Reihe drängte, stieß er Robert beinahe von seinem Platz. »Keine Zeit für so einen Schwachsinn«, knurrte er. Die Leute drehten sich zu ihm um, und Dallow, dem die Unruhe nicht entging, unterbrach sich kurz und sah dem Mann hinterher.

Robert schämte sich, als wäre er persönlich für das Verhalten des Mannes verantwortlich, aber die meisten hatten ihre Aufmerksamkeit bereits wieder Dallow gewidmet. »Am kargen Hang«, las er bewusst langsam vor, »standen sie schweigend, und auf Distanz.« Auch Robert wollte gehen, blieb aber, und schließlich kam Dallow zum Ende, und die erdrückende Stille des lauschenden Publikums löste sich auf. Robert zückte sein Handy, um auf die Uhr zu sehen. Karijn würde frühestens in zwanzig Minuten da sein. Er wollte nicht bleiben, aber Bücher wollte er sich auch keine mehr ansehen. Nach einer Weile empfand er antiquarische Bücher als deprimierend: Die ganzen Romane und Erzählungen, mit denen sich mal jemand abgemüht hatte, denen einen kurzen Moment lang die volle Konzentration von jemandem gehört hatte, waren nun wie altes Blut, das durch einen versagenden Kreislauf gepumpt wurde. »Gibt es irgendwelche Gemeinsamkeiten«, fragte der Journalist Dallow, »zwischen Ihrer Familie und der im Roman?«

»Man kann schon sagen, dass die Familie einem Romanautor am meisten Material liefert«, begann Dallow, und Robert fand bewundernswert, dass es ihm gelang, die Frage interessant, geradezu unerwartet klingen zu lassen. Einmal hatte Robert eine Geschichte über seine Familie geschrieben, die auf einem Urlaub in Griechenland in seiner Kindheit basierte. Seine Eltern fanden sie furchtbar. Erst war er unsicher gewesen, wie er damit umgehen sollte, aber dann stellte er fest, dass ihm das egal war. »Du sollst dir doch Geschichten ausdenken«, sagte seine Mutter, nachdem sie die Erzählung gelesen hatte. »Du kannst nicht über uns schreiben.« Sie verstand ihn nicht, als er erklärte, dass manchmal nur wahre Begebenheiten einer Geschichte Leben einhauchen konnten. Seitdem hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Er sah wieder auf sein Handy: 20:26. Der Journalist erkundigte sich, ob es Fragen aus dem Publikum gab. Ein paar Hände wurden gehoben, und während die ausgewählte Zuschauerin ihre Frage formulierte, schlich sich Robert so unauffällig wie möglich hinaus. Auf der Straße war es fast dunkel, der Himmel lila, immer noch über zwanzig Grad. Der September war ungewöhnlich warm gewesen. Er sah in beide Richtungen, an Tischen auf dem Gehweg wurde gegessen und vor der Kneipe an der nächsten Ecke getrunken. Ein paar jüngere Männer, in eine Geschichte vertieft, brachen in Gelächter aus, als sie an Robert vorbeigingen. Hinter ihnen näherte sich lächelnd Karijn.

»Wie war es?«, fragte sie.

»In vielerlei Hinsicht verwirrend. Und bei dir?«

»Super!« Sie umarmte Robert fest. »Gregor hat uns gezeigt, wie man Sitzpolster näht.«

Vor ein paar Monaten hatte Karijn angefangen, andere Polsterer aus der Stadt einzuladen, abends in ihrer Werkstatt Techniken vorzuführen. Hinterher war sie immer voller Energie. »Gut besucht?«, fragte Robert.

»Volles Haus! Ich musste auf einen Tisch klettern, um Gregor vorzustellen. Und er ist so ein guter Lehrer. Das hat er gar nicht verraten.«

»Vielleicht kann er dem Kerl da drin ja was übers Schreiben beibringen«, sagte Robert und nickte Richtung Buchhandlung. »Oder mir, wenn wir schon dabei sind.«

Karijn seufzte. »Wieder ein schlechter Tag?«

Er schüttelte den Kopf. »Hast du Hunger?«

»Ja, ich bin am Verhungern. Wo gehen wir hin?«

»November.« Das war das erste Restaurant, in dem sie nach dem Umzug nach Prenzlauer Berg vor zwei Jahren allein gewesen waren, während ihre Freundin Heidi in der Wohnung auf die Mädchen aufgepasst hatte. Seitdem waren sie nicht mehr dort gewesen, und vor der Tischreservierung heute hatte Robert gezögert. Als sie beim letzten Mal das Restaurant verlassen hatten, fanden sie sich am Schauplatz eines Suizids wieder. Der Leichnam lag in einem blauen Sack auf einer Trage, die von den Sanitätern in den Rettungswagen geschoben wurde. Jemand in der Schar von Menschen, die vom Gehweg aus zusahen, sagte,...


Power, Chris
Chris Power ist Autor der hochgelobten Erzählungssammlung Mothers (Ullstein, 2019). Ein einsamer Mann ist sein Debütroman. Chris Power lebt und arbeitet in London.



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