E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Puchner Weißes Licht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28500-2
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-446-28500-2
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Garret lebt zurückgezogen in der ländlichen Idylle Montanas, er arbeitet als Gepäckabfertiger am Flughafen und kümmert sich um seinen kranken Vater. Als er Cece kennenlernt, spürt er zum ersten Mal seit Jahren wieder Lust auf das Leben. Es gibt nur ein Problem: Sie ist die Verlobte seines besten Freundes. Schon bald müssen sie eine Entscheidung treffen, die ihrer aller Leben unwiderruflich verändern wird: ihre Beziehungen, ihre Freundschaften, und schließlich die folgende Generation.
Ein meisterhafter Roman in der Tradition großer amerikanischer Erzähler darüber, wie unsere Wurzeln uns für immer beeinflussen, selbst wenn die Welt auseinanderfällt.
Eric Puchner ist Dozent für kreatives Schreiben an der Johns Hopkins University und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Baltimore. Er ist Autor von zahlreichen preisgekrönten Kurzgeschichten und war Finalist des PEN/Faulkner Award. Weißes Licht ist sein zweiter Roman.
Weitere Infos & Material
Eins
Eigentlich gehörte Charlies Haus in Montana, wo sie die Sommer verbrachten, seinen Eltern, den Margolises. Es war nichts Besonderes, nichts, das irgendjemandem aufgefallen wäre: vollgestopft, muffig, mit niedrigen Decken. Der beigefarbene Teppich stammte aus den Siebzigerjahren, auf allen Fensterbänken war Schnickschnack ausgebreitet, und die Möbel aus zweiter Hand würden bis in alle Ewigkeit nach Tabakrauch stinken. Am Treppensturz hing die Handzeichnung einer Giraffe, um daran zu erinnern, dass man hier den Kopf einziehen musste. Auf dem Boden stapelten sich Brettspiele. An der Wand der kleinen, ganz in Braun gehaltenen Küche prangte ein uraltes Schild — SWEET CHERRIES U-PICK-M. Braun der Herd, braun der Kühlschrank, doppelt braun Mikrowelle und Spülmaschine. Braun auch der Toaster, aber nur selten der Toast, der in willkürlichen, unberechenbaren Abständen herausschoss wie ein Springteufel aus seiner Schachtel. Es gab eine hübsche, erst kürzlich renovierte Veranda mit einem herrlichen Blick auf den See. Allerdings konnte man weder die Aussicht genießen noch hören, wie die Wellen der Schnellboote gegen das Ufer schwappten, denn zwischen Vorgarten und Strand verlief eine wichtige Verkehrsader. (Das Dröhnen der Sattelschlepper und Holztransporter, das Knattern vorbeirasender Harleys machten den Klang des Sommers aus.)
Trotz alledem liebte Cece diesen Ort mehr als jeden anderen auf der Welt. Im Obstgarten hinter dem Haus standen uralte, von Mrs. Margolis’ Großvater gepflanzte Apfelbäume verschiedenster Sorten, deren Namen an Rennpferde erinnerten: Sweet Sixteen, Hidden Rose oder Northern Spy. Man konnte im Schatten in der Hängematte liegen und lesen, während die Sonne durch die Kiefern flimmerte. Es gab Himbeersträucher, deren Früchte sich auf wundersame Art zu vermehren schienen, wie im Märchen. (Im Juli konnte man wie eine Erntemaschine über sie herfallen, sechs, sieben Eimer füllen, und anschließend sah man es den Sträuchern nicht einmal an.) Und die Kirschen! Irgendwie schien immer ein Baum in greifbarer Nähe zu sein. Mit rot gefärbten Fingern und vollem Bauch rannte man dann über die Route 35, sprang johlend in den See, um sich zu waschen, und kam sich vor wie eine Figur aus einem russischen Roman. Zumindest Cece fühlte sich so, als hätte sie in ihrer Fantasie eine Tür geöffnet — hinein in eine prädigitale Welt, in der solch lustvolles Gejohle in war. Sie liebte diesen Ort genauso sehr wie Charlie. Beide liebten ihn dermaßen, dass sie beschlossen hatten, hier zu heiraten, mehr als tausend Meilen von zu Hause entfernt. Einige ihrer Freunde regten sich darüber auf — es war teuer, per Flugzeug von einer der beiden Küsten anzureisen und auch nicht ganz einfach —, aber das war Cece egal. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, irgendwo anders zu heiraten.
Jetzt war sie zum ersten Mal ganz allein im Haus. Einen ganzen Monat vor der Hochzeit war sie aus L. A. hierher geflogen. Charlies Eltern waren zu Hause in Culver City, und Charlie konnte natürlich nicht länger als eine Woche Urlaub vom Krankenhaus bekommen: Charlie hatte gerade erst eine Festanstellung als Kardioanästhesist bekommen. Deshalb musste Cece sich allein um die Hochzeitsvorbereitungen kümmern. Um Geld zu sparen, vor allem aber, weil es ihrer Natur entsprach, organisierte sie alles selbst. Jetzt saß sie vor ihrem Laptop, durchforstete Bilder von Square-Dance-Callern und stieß auf einen jungen Mann mit Cowboyhut, der ein bisschen verpeilt wirkte. Der Name der Band gefiel ihr: . In puncto Square-Dance-Bands hatte man ihr einen einzigen Rat gegeben: Je alberner der Name, umso besser die Band.
»Wofür steht das ›O‹?«, fragte sie Rod-O am Telefon. Im Hintergrund plärrte ein Fernseher. Die Band, die sie ursprünglich gebucht hatte — das — hatte vor einer Woche abgesagt.
»Für nichts.«
»Wie, für nichts?«
»Ich fand einfach gut, wie es klingt. Ich komme aus Mamaroneck, New York. Ich wollte was, das auffällt.«
»Du bist also gar kein echter Montaner?«
»Was ist heutzutage schon ?«
Cece runzelte die Stirn. »Könntest du den Kasten mal kurz leiser stellen? Er ist sehr laut.« Dem britischen Akzent zufolge sah er sich gerade an. Um zehn Uhr morgens.
»Früher habe ich mich als Ernährungsberater durchgeschlagen, jetzt bin ich Square-Dance-Caller. Alles Teil des kosmischen Lebensrads.«
»Habt ihr am siebzehnten Juli Zeit? Das ist das Hochzeitsdatum.«
»Da müsste ich in meinem Terminkalender nachschauen. Dieser Sommer ist ganz schön voll. Es gibt ein Festival in Burlap.«
»Burlap?«
»Ist mir nur gerade eingefallen.«
»Könntest du dann vielleicht mal nachsehen und mich zurückrufen?«
»Bleib dran. Dauert bloß eine Sekunde. Duu-bi-duu. Okay, sieht so aus, als … Hmm, tja, man müsste ein paar Dinge umstellen … und natürlich das Ganze mit den Jungs besprechen, aber ich glaube, das kriegen wir hin.«
Cece legte auf und fragte sich, ob Rod-O seine eigene Unfähigkeit den Fiddlers in die Schuhe schieben wollte. Trotzdem war sie entschlossen, im Zweifelsfall anderen erst einmal zu glauben, vor allem, weil sie weder hier wohnte noch sich auskannte.
Salish, Montana, war eine der Westernstädte, die sich in einer seltsamen Übergangsphase befanden. Sie hatte als Handelsposten für Indigene angefangen, sich dann viele Jahre als Holzfällerstadt einen Namen gemacht und vor Kurzem als attraktives Reiseziel für Naturliebhaber neu erfunden. Es gab eine kleine Brauerei, ein Sushi-Restaurant namens und einen Fahrradladen mit Espressobar, aber auch ein Waffengeschäft, eine Kneipe namens und einen Pfandleiher, dessen Angestellte ungeniert von »Schwuchteln« redeten. Im konnte man beim Margarita Monday einem Verkaufsberater, ein oder zwei Angelführern und gelegentlich sogar einem echten Cowboy begegnen. Aber meistens fanden sich dort Menschen ein, die aus größeren Städten angespült worden waren, auf der Suche nach Spaß, Naturerlebnissen oder einem anderen, aber nicht allzu anderen Leben, ohne recht zu wissen, was sie hier verloren hatten. Wie Rod-O am Telefon hätten auch sie sich schwergetan, zu erklären, wer sie waren.
Cece zog ihren Badeanzug an, machte sich auf den Weg zum See und rannte, als sich eine Lücke im Verkehr auftat, quer über den Highway. Schon morgens gab es einen ständigen Strom von SUVs, Sattelschleppern und Mietwagen, doch die Hektik der Straße verflog, sobald sie den Rasen des Bootshauses überquert hatte und vor dem See stand, der still in der Sonne dampfte. Das Wasser schimmerte so hell, dass sie die Augen zusammenkneifen musste. Links von ihr erhoben sich die Mission Mountains mit ihren dichten Kiefernwäldern, und in der Ferne, jenseits des weiten blauen Wassers, waren die Gipfel der Salish-Berge zu sehen, die wie eine Fata Morgana in der Luft schwebten. Bevor sie vor drei Jahren zum ersten Mal hierherkam, hatte Cece so etwas noch nie gesehen. Sie war in L. A. aufgewachsen, wo es höchstens künstliche »Seen« gab, und das Wasser, sofern man es überhaupt erreichte, trüb und undurchsichtig war. Der Salish Lake dagegen war so klar, dass man bis auf den steinigen Grund blicken und kleine Fische und verlorene Köder sehen konnte, als lägen sie auf dem Boden eines Schwimmbads. Die Leiter am Steg leuchtete unterhalb der Wasseroberfläche genauso hell wie darüber; die untere Hälfte wirkte sogar irgendwie schärfer, echter, obwohl die beiden Teile nicht ganz zusammenpassten. Es war wie eine perfektere Welt, die von der eigentlichen abgetrennt worden war.
Cece tauchte ins Wasser, kam wieder hoch und kreischte vor Kälte. In Montana kreischte man am Morgen und johlte nach dem Mittagessen. Zumindest war das ihre These. Es machte ihr Spaß,...




