E-Book, Deutsch, Band 3, 400 Seiten
Reihe: Dunkelwelten
Puljic Dunkelwelten 3: Schwarze Ernte
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8453-5102-5
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 3, 400 Seiten
Reihe: Dunkelwelten
ISBN: 978-3-8453-5102-5
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Istark ist keine wichtige Welt, sie hält sich zudem aus den politischen Konflikten der neueren Zeit heraus und hat sich deshalb nicht der Liga Freier Terraner angeschlossen. Doch es gibt eine Entwicklung auf Istark, die seine von Menschen abstammende Bevölkerung auf einmal interessant macht: Kinder und Jugendliche entwickeln unheimliche Paragaben, können auf einmal Gedanken lesen oder per Telekinese größeren Schaden anrichten. Die USO, der galaktische Geheimdienst, richtet eine Mission auf Istark ein. Es stellt sich heraus, dass die neuen Paragaben mit einer Dunkelwelt zusammenhängen, der bisher keine Beachtung geschenkt worden ist. Sie nähert sich Istark auf einer exzentrischen Bahn immer weiter an. Perry Rhodan sieht Zusammenhänge zu anderen Dunkelwelten, auf denen die geheimnisvollen Kerouten ihre Spuren hinterlassen haben. Auch der Terraner macht sich auf den Weg nach Istark. Währenddessen geraten USO-Spezialisten unter Befehl des Lordadmirals Monkey auf der Dunkelwelt in tödliche Gefahr ...
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Kapitel 1:
Stimmen
Elindra Parr eilte mit weit ausgreifenden Schritten den Gang des Pädiatrischen Beobachtungszentrums hinab. Ihre Absätze klackten dabei über den kalten Steinboden – ein Geräusch, das Parr stets mit Autorität verbunden hatte. Und die musste sie hier an den Tag legen. Der weiße, medizinisch anmutende Kittel, das streng nach hinten frisierte Haar, das verspiegelte Holopad, das nur ihr Einblick in die Aufzeichnungen gewährte, die sie während der Sitzungen anfertigte ... All das diente einzig dem Zweck einer professionellen Erscheinung.
Wenn es nach Parr gegangen wäre, hätte sie lieber in bequemen Hosen und kampftauglichen Schuhen gearbeitet. Schließlich war sie Leutnant, wenn auch aus ihrer militärischen Forschungseinheit abgeordnet, weil die USO einige Istarker für ihr Projekt benötigte. Ihre Patienten brauchten Vertrauen und Stabilität. Dabei half es erstens, wenn sie jemanden von ihrer Heimatwelt als Ansprechpartner hatten. Zweitens jemanden, der ihnen das Gefühl vermittelte, alle Antworten zu kennen. Und dazu taugte ein Arztkittel nun einmal mehr als ein Einsatzanzug.
Parr erreichte das Spielzimmer, wo ihre nächste Patientin bereits auf sie wartete. Wie immer nahm sie sich die Zeit, das Mädchen erst durch die Scheibe aus verspiegeltem Glassit zu beobachten. Senna Hickey, neun Jahre alt. Schmal für ihr Alter, mit verschlossenem Blick und langem, roten Haar, das ihr über die Augen hing.
Senna saß an dem größeren der beiden Tische. Ihre Beine baumelten gut zehn Zentimeter über dem Boden. Sie war in jenem Alter, wo die Kindersitzgruppe unbequem wurde, die Stühle für Erwachsene aber noch nicht ganz passten. Ein blau schimmerndes Akustikfeld kreiste um ihren Kopf und schirmte sie von der übrigen Welt ab. Die Spielzeuge, Kuscheltiere und weichen Kissen, mit denen der Raum ausgestattet war, ignorierte das Mädchen völlig. Auch das war nichts Neues. Senna war ein ruhiges, ein wenig verstocktes Kind, jedenfalls unter gewöhnlichen Umständen.
Vor einem Jahr war sie aus dem staatlichen Waisenhaus in das von der USO geleitete Beobachtungszentrum überstellt worden, als ihre enorme Begabung deutlich geworden war – und ihre bisherigen Betreuer sie nicht länger bändigen konnten. Seitdem war Parr für sie verantwortlich, und das war keine leichte Aufgabe. Senna reagierte äußerst empfindsam auf die Dinge, mit denen sie konfrontiert wurde – selbst dann, wenn man diese Dinge nicht aussprach.
Nein, korrigierte sich Parr. Besonders dann.
Eine Telepathin, die ihre Fähigkeiten nicht kontrollieren konnte, war nicht nur für sich selbst eine Belastung. Und wenn Senna zu aufgewühlt war, brach ihre eigentliche Begabung hervor: Dann flogen Gegenstände durch die Luft, Dinge explodierten ... Senna war eine gute Telepathin, aber sie war eine außerordentliche Telekinetin. Über ihre telekinetische Gabe hatte das Mädchen jedoch noch viel weniger Kontrolle als über das Gedankenlesen, und das machte jede Begegnung mit ihr zu einem Risiko. Seine Worte konnte man beherrschen. Daran, die eigenen Gedanken zu kontrollieren, scheiterten die meisten. Auch Parr gelang es nicht immer. Aber sie wurde besser darin, seit sie Senna betreute. Sie musste besser werden.
Elindra Parr öffnete die Tür zum Spielzimmer, ohne anzuklopfen. Dank des Akustikfeldes hätte ihre Patientin sie ohnehin nicht gehört. Die leisen Klänge von Streichinstrumenten drangen bis zu Parr herüber, was bedeutete, dass Senna die Lautstärke wieder einmal auf den höchsten Wert eingestellt hatte.
Erst als Parr das Arbeitspad vor das Mädchen auf den Tisch legte, sah Senna auf. Parr lächelte, auch wenn sie wusste, dass ihre Patientin diese Geste nicht erwidern würde. Immerhin dämpfte Senna mit einer Fingergeste die Lautstärke ihres Akustikfeldes so weit ab, dass die Streichinstrumente verklangen und sie Parr hören konnte.
»Hallo, Senna.« Parr lächelte unverdrossen weiter. »Wie fühlst du dich heute?«
Die Antwort bestand aus einem teilnahmslosen Schulterzucken.
»Würdest du die Musik für mich ausmachen?«
Eine einfache Frage, die über den Verlauf der weiteren Stunde entscheiden würde. Lehnte Senna ab, war ihre Gesprächszeit damit beendet. Was bedauerlich wäre, denn auch wenn Parr das Mädchen gernhatte – sie war keine Therapeutin, und die Gespräche dienten in erster Linie nicht den Patienten, sondern den Agenten. Genauer gesagt der USO. Istark verfügte über eine ungewöhnlich hohe Dichte an Psi-Begabten, und Parrs Aufgabe war es unter anderem, herauszufinden, weshalb. Für die USO waren die Kinder ein Mittel zum Zweck, und Parr zweifelte nicht daran, dass jemand wie Senna Hickey sich dessen bewusst war.
Allerdings bildeten die Gespräche einen der wenigen abwechslungsreichen Punkte im Tagesplan der Kinder, sodass diese meist froh waren, von einem Erwachsenen befragt zu werden.
So auch Senna. Nach kurzem Zögern wischte sie das Akustikfeld beiseite, und das Holo um ihren Kopf verschwand. Langsam hob sie den Kopf und sah Parr endlich vollends ins Gesicht.
Da entdeckte Parr zum ersten Mal die dunklen Ringe unter den Augen des Mädchens. Sein Zustand verschlechterte sich, genauso wie bei den anderen Kindern. Sie musste vorsichtig sein.
»Wie ist es ohne die Musik?«, fragte Parr. Als ob sie die Antwort nicht wüsste. Als ob sie das rhythmische Zucken nicht sehen würde, das Sennas Finger auf der Tischplatte vollführten.
»Es ist ... schwierig.« Das Mädchen kniff die Augen zusammen und rieb sich die Schläfe. »Die Stimmen werden immer mehr.«
»Mehr Stimmen?«, fragte Parr nach. »Oder meinst du, dass sie lauter werden?«
Senna verzog den Mund. »Beides.«
»Und was sagen sie?« Wenn sie feststellen konnten, wem die Stimmen gehörten, könnten sie die Reichweite von Sennas Fähigkeiten genauer abgrenzen und so eine genauere Einschätzung ihrer Psi-Gabe vornehmen. Sennas Gabe – und die der anderen Kinder.
Die Häufung von Parabegabten auf Istark war einer der Hauptgründe, weshalb die USO ausgerechnet diese Kolonie als Standort eines Stützpunkts ausgewählt hatte. Das Phänomen betraf vorwiegend Kinder, was daran lag, dass sich psionische Begabungen im jugendlichen Alter zum ersten Mal manifestierten. Auf Istark waren diese Begabungen allerdings enormen Schwankungen unterworfen, sodass es den Betroffenen schwerfiel, ihre Fähigkeiten kontrollieren zu lernen. Mal konnte Senna die Gedanken der halben Stadt hören, mal kaum jemanden, der sich mit ihr im selben Raum aufhielt, was es schwer machte, das wahre Ausmaß ihrer Fähigkeiten abzuschätzen. Die Zuckerman-Tests zur Festlegung der Frequenzen des Hyperspektrums, in denen sich die Kinder bewegten, fielen so unterschiedlich aus, dass Parr diese eigentlich sehr zuverlässige Methode schon lange aufgegeben hatte.
Dennoch hatte sie den Eindruck, dass die Gaben der Kinder immer weiter zunahmen, und sie konnte sich das nicht erklären. Weder die sich wiederholenden Schwankungen in der Ausprägung der Gaben noch die Ursache der enormen Ballung an Fähigkeiten auf einem Planeten, der sonst recht uninteressant war.
Deshalb benötigte sie die Einschätzung von Sennas Reichweite. Schwankungen bei einem der Probanden hätten sich noch durch äußere Umstände, Pubertät oder psychische Belastungen erklären lassen. Aber diese Ungleichmäßigkeit war bei allen Kindern festzustellen, was bedeutete, es musste einen größeren, bislang unbekannten Faktor geben, der die Psi-Fähigkeiten der Kinder beeinflusste. Wenn Parrs Mitarbeiter aus den Daten einen Algorithmus errechnen konnten, würden sie diesen unbekannten Faktor finden, ihn vielleicht sogar beheben oder zumindest nutzen können. Und die Kinder hätten eine bessere Chance, ihre Gaben nutzen zu können, statt ihnen zum Opfer zu fallen.
Doch Parr wurde enttäuscht.
Senna kniff die Augen zusammen, presste die Hände an die Schläfen und schüttelte heftig den Kopf. »Ich kann nicht«, keuchte sie.
Parrs Stimme blieb sanft. »Du kannst was nicht, Liebes?«
»Ich kann sie nicht verstehen!« Das Mädchen schluchzte, wollte nach seinem Kragen tasten, um das Akustikfeld wieder zu aktivieren.
»Sprechen sie eine fremde Sprache?«, hakte Parr nach. Es gab eine kleine Siedlung von Jülziish am Stadtrand, die untereinander nicht in Interkosmo, sondern in der Sprache ihres Volkes redeten. Diese spielte sich hauptsächlich im Ultraschallbereich ab, was sie für Menschen ohne Hilfsmittel nahezu unverständlich werden ließ. Wenn Senna sie von hier aus hörte, war es kein Wunder, dass sie unter dem Druck in ihren Gedanken litt. »Wie klingen sie?«
»Ich weiß nicht ...«
»Kannst du es nachmachen?«
Wieder presste Senna die Hände an den Kopf, als könnte sie damit die Stimmen aussperren oder zumindest dämpfen. Es war vergeblich, sie konnte die Stimmen nicht unterdrücken, sie konnte sie nur mit Musik übertönen – und diesen Ausweg verweigerte Parr ihr gerade.
Das Mädchen atmete schwer. Schweiß lief ihm über die Stirn, vermischte sich mit einer Träne, die ihre Wange hinabrollte. Doch es nickte, wenn auch widerwillig.
Angespannt beugte Parr sich über den Tisch. Sie erwartete, dass Senna die trillernde, singende Art der Jülziish imitierte.
Was Senna stattdessen ausstieß, war ein kehliges Krächzen und Fauchen, ein Rauschen wie bei einer schlechten Funkverbindung. Ein Störsignal, das musste es sein.
»Nein, ich meine die Stimmen, Senna! Kannst du die Stimmen nachmachen?«
Das Mädchen hörte auf, seine Kehle zu malträtieren, und schluchzte. »Das ist alles!«, behauptete Senna. »Mehr höre ich nicht. Nur chhrrrrrr ...« Wieder verfiel...




