E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Ravendro / Herdegen 34. BRUTON STREET
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-0578-3
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe.
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-80-272-0578-3
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Anthologie '34. Bruton Street' präsentiert eine faszinierende Zusammenstellung literarischer Werke, die sich durch eine bemerkenswerte Diversität in Stil und Form auszeichnen. Innerhalb dieser Sammlung navigieren die Autoren durch komplexe narrative Landschaften, deren Spektrum von traditioneller Erzählkunst bis hin zu experimenteller Prosa reicht. Die sorgfältige Auswahl und Zusammenstellung der Texte bieten einen tiefen Einblick in die thematischen und stilistischen Explorationen der modernen Literatur, wobei jedes Werk dazu beiträgt, das unterschwellige Thema der menschlichen Kondition und Interaktion zu beleuchten, das den Kern dieser Sammlung bildet. Die Autoren Ravi Ravendro und Hans Herdegen, beide mit beachtenswerten individuellen Karrieren, bringen in '34. Bruton Street' ihre einzigartigen Perspektiven und literarischen Fähigkeiten ein. Diese Anthologie steht nicht nur im Zeichen ihrer literarischen Errungenschaften, sondern reflektiert auch die vielfältigen kulturellen und sozialen Kontexte, aus denen diese Autoren stammen. Die Werke bieten so einen reichen Einblick in die unterschiedlichen Lebenswelten und Erfahrungen, die in der heutigen globalisierten Welt vielfach aufeinandertreffen und interagieren. Für Leser, die tiefgreifende literarische Erkundungen schätzen und ein umfassendes Verständnis verschiedener kultureller Perspektiven suchen, bietet '34. Bruton Street' eine unverzichtbare Ressource. Diese Sammlung verspricht nicht nur eine bereichernde Leseerfahrung, sondern fördert auch den Dialog zwischen den verschiedenen Stimmen und Stilen, die durch die Texte hindurch anklingen. Ein Muss für alle, die literarischen Tiefgang und stilistische Vielfalt schätzen und sich auf die Entdeckungsreise komplexer menschlicher Geschichten und Ideen begeben wollen.
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3
Carley überlegte. Der Waterloo-Bahnhof lag am rechten Themseufer, und wahrscheinlich würde sie am anderen Ufer wohnen, mußte also über die Waterloo-Brücke gehen. Ob sie wohl eine Taxe genommen hatte, um nach Hause zu kommen?
Er glaubte es nicht, wenn er auch keinen Grund dafür angeben konnte. Zu Fuß war er selbst auch freier und hatte einen besseren Überblick über die Straße, während er in einem Wagen nur behindert war.
Geschickt bahnte er sich einem Weg durch den starken Verkehr und war bald auf der Brücke selbst. Wie oft hatte er sich abends in den Tropen ausgemalt, wie es wäre, wenn er zum erstenmal die Themse wiedersehen würde, aber nun dachte er kaum noch daran. Im Augenblick hatte er nur ein Ziel: Er wollte feststellen, wo Miß Rolands wohnte.
Und schließlich wurde er belohnt. Nach einiger Zeit, als er das andere Ufer fast erreicht hatte, sah er ihre braune Samtkappe in nicht allzu weiter Entfernung vor sich.
Nun mußte er sich vorsehen, damit sie ihn nicht bemerkte. Unter keinen Umständen durfte sie erfahren, daß er ihr nachging.
An der Ecke des Strands wollte sie nach links abbiegen, mußte aber warten, bis der Verkehr in dieser Richtung freigegeben wurde.
Carley hielt sich im Hintergrund und folgte ihr dann wieder. Unter den vielen Fußgängern fand er genügend Deckung. Einige Sekunden hatte er sie aus den Augen gelassen, da er annahm, daß sie zu der nächsten Autobushaltestelle gehen würde. Aber als er wieder nach ihr Umschau hielt, wurde er von Schrecken gepackt.
Ein großer, roter Autobus der Linie 44 hätte beinahe eine Frau überfahren, die sich entgegen allen Verkehrsvorschriften auf den Fahrdamm gewagt hatte, um auf die andere Seite der Straße zu kommen. Es blieb dem Chauffeur nichts übrig, als nach rechts auszubiegen. Dabei geriet er aber an ein Auto, das am Straßenrand parkte. Durch den Anprall wurde es auf den Gehsteig gedrückt.
Mit einem großen Satz sprang Jim Carley vor, packte Evelyn Rolands und riß sie gerade noch im letzten Augenblick zur Seite. Ihr Kleid wurde vom Kotflügel gestreift, zerrissen und beschmutzt.
Einige Frauen schrien auf, ein Mann schien, verletzt zu sein – er lag stöhnend am Boden. Es gab einen allgemeinen Auflauf.
Schnell zog Carley Miß Rolands in den nächsten Hauseingang.
»Sind Sie verletzt?« fragte er ängstlich.
Ihre Lippen zitterten, und sie brachte kein Wort hervor. Bleich und verstört schaute sie ihn an.
»Haben Sie etwas gebrochen?«
Sie machte einen Schritt zur Seite und fühlte an den Kopf.
Inzwischen waren Polizisten herbeigeeilt, um die Verkehrsstockung möglichst schnell zu beseitigen.
»Können Sie gehen, ohne daß es schmerzt?«
Carley wollte verhüten, daß ihr Name als Zeugin notiert wurde. Das hätte nur eine unliebsame Verzögerung zur Folge gehabt. Er faßte sie unter den Arm und führte sie die Straße entlang.
»Am besten bringe ich Sie in einer Taxe nach Hause, damit Sie sich von dem Schrecken erholen können.«
Sie war noch so benommen, daß sie nicht widersprach.
Schnell winkte er einem vorbeifahrenden freien Wagen und half ihr beim Einsteigen.
»Wohin darf ich Sie bringen?«
»Zum Ardmay-Hotel, Woburn Place beim Russell Square.«
Er rief dem Chauffeur die Adresse zu, dann zog er sein Taschentuch heraus.
»Gestatten Sie, daß ich Ihnen! ein wenig behilflich bin?« fragte er und versuchte, den Schmutz von ihrem Kleid zu reiben.
Sie sah ihn erstaunt an. Jetzt erst schien ihr klarzuwerden, daß es Carley war, der sie gerettet hatte.
»Das war ein unerwartetes Wiedersehen«, sagte sie, nachdem sie sich etwas gefaßt hatte.
Er erwiderte nichts, denn er wollte sie in dem Glauben lassen.
»Wie gut und umsichtig von Ihnen, daß Sie mich wegrissen und in Sicherheit brachten.« Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu und legte eine Hand auf seinen Arm.
Er wollte nichts davon hören.
»Ich bin Ihnen aber wirklich sehr dankbar.«
Die Entfremdung, die er bei dem Abschied im Zug gefühlt hatte, war verschwunden, und weder herrschte das beste Einvernehmen zwischen ihnen.
»Wir werden gleich am Ziel sein«, sagte sie. »Sehen Sie, da sind schon die Anlagen von Russell Square, und gleich rechts liegt der Eingang zum Hotel. Ich wohne dort.«
Kurz darauf hielt das Auto. Der Portier eilte auf die Straße und öffnete den Wagenschlag. Evelyn stieg zuerst aus, während Carley den Chauffeur bezahlte und ihm ein gutes Trinkgeld in die Hand drückte.
»Darf ich Sie zu einer Tasse Tee einladen?« wandte sie sich an ihn. »Warten Sie bitte unten im Gesellschaftssalon, ich ziehe mich nur schnell um.«
»Gern«, erwiderte er erfreut.
Sie eilte die Treppe hinauf. Ein Page nahm ihm Hut und Mantel ab und zeigte ihm dann den Weg in die Gesellschaftsräume.
Im Hintergrund wurde in einem Zimmer Tischtennis gespielt, Bridgepartien waren im Gang, und vor den beiden großen Kaminen saßen Gruppen von Gästen, die lebhaft miteinander plauderten.
Carley ließ sich an einem Tisch der Tür gegenüber nieder und wartete. Hoffentlich hatte sie sich nicht verletzt. Er wollte sie noch einmal fragen, wenn sie zurückkam.
Ob sie wohl nur zu einem kurzen Aufenthalt in London war? Vielleicht studierte sie an der Universität oder an einer Kunstschule?
Er winkte einem der Hotelangestellten, der gerade vorüberging, und ließ sich eine Zeitung geben.
»Nun, wie gefällt es Ihnen hier?« sagte plötzlich Miß Rolands neben ihm und setzte sich.
Gleich darauf servierte ein Kellner den Tee.
»Haben Sie inzwischen schon ein Hotel gewählt?« fragte sie, nachdem sie ihm eine Tasse eingeschenkt hatte.
»Nein, noch nicht.« Er wurde verlegen, denn sie sollte doch nicht erfahren, daß er ihr nachgegangen war. »Das hat Zeit bis später. Ich wollte erst einmal die Themse und den Strand wiedersehen. Deshalb habe ich mein Gepäck zunächst auf dem Bahnhof gelassen.«
»Dann haben Sie also vor Ihrem Aufenthalt in Birma auch in London gewohnt?« meinte sie und schaute ihn fragend an.
Er nickte.
»Wie geht es Ihnen denn nun nach dem Unfall? Haben Sie irgendwelche Schmerzen?«
»Es ist nicht schlimm – nur ein paar Abschürfungen am rechten Bein. Wenn ich mich zusammennehme, merkt man es mir hoffentlich beim Gehen nicht an. Aber ich habe mich sehr gestoßen und werde morgen wohl blaue und grüne Flecke haben.«
»Wir sind nun schon fast alte Bekannte. Wie wäre es – wollen wir nicht noch den Rest des Nachmittags zusammen verbringen?«
Fast tat es ihm leid, daß er die Frage gestellt hatte, denn sofort schien Evelyns heitere Stimmung verflogen zu sein.
»Das ist leider nicht möglich. Ich sagte Ihnen doch schon, daß ich bereits verabredet bin. Ich habe auch jetzt nicht viel Zeit. Seien Sie mir bitte deshalb nicht böse. Ich möchte meinem Lebensretter gegenüber wirklich nicht unhöflich sein.« Sie machte eine leichte Verbeugung und lächelte eigentümlich.
Er wurde unsicher. War diese Bemerkung ironisch gemeint?
Evelyn sah, daß er sich durch ihre Antwort getroffen fühlte, und wollte es wieder gutmachen.
»Vielleicht können wir uns später wiedersehen.«
»Ja«, entgegnete er eifrig. »Wann paßt es Ihnen?«
Sie dachte einen Augenblick nach.
»Heute abend um acht.«
»Und wo? Vielleicht am Trafalgar Square, Nelson-Säule?« schlug er vor.
»Ach nein, dort treffen eich zuviel« Leute. Lieber an einem ruhigeren Platz.«
»Gut, dann im Eingang zum Untergrundbahnhof, gegenüber der Kirche Mary-le-Strand.«
»Einverstanden. Nun erzählen Sie mir aber bitte noch ein wenig von Ihrer Tätigkeit in Hinterindien.«
Sofort waren sie wieder in reger Unterhaltung, bis Evelyn Rolands plötzlich erschrak, als ihr Blick auf die Uhr über dem Kamin fiel.
»Es ist höchste Zeit, daß ich gehe. Jetzt müssen Sie mich entschuldigen.«
Sie gingen zusammen zur Treppe, und er drückte ihr zum Abschied herzlich die Hand.
Der Page hielt bereits Mantel und Hut bereit, und gleich darauf stand Carley auf der Straße und schlenderte zur nächsten Autobushaltestelle, die dem Hotel gegenüberlag. Nun mußte er sieh um sein Gepäck und ein Hotelzimmer kümmern.
Aber die Nummern der Autobuslinien hatten sich während seiner Abwesenheit geändert, und er fragte einen Schaffner, mit welcher Linie er zum Waterloo-Bahnhof kommen könnte.
Als er Antwort erhalten hatte, sah er, daß Evelyn Rolands aus dem Hotel trat. Ob sie auch einen Autobus nehmen wollte? Vorsichtig ging er die Straße weiter hinauf und stellte sich in einen Hauseingang. Wieder näherte sich ein Wagen der Haltestelle. Es war der Autobus, den auch er benützen mußte. Fast die Hälfte der Wartenden stieg ein, unter ihnen auch Evelyn Rolands.
Carley sprang im letzten Augenblick noch auf. Er hatte beobachtet, daß sie nach oben gegangen war, und blieb unten. Sitzplätze waren nicht mehr frei, und er stellte sich unter die Treppe, so daß sie ihn nicht sehen konnte, wenn sie herunterkam. Zufällig bot sich ihm eine günstige Gelegenheit, und er konnte der Versuchung nicht widerstehen, Miß Rolands wieder zu folgen.
Die Fahrt dauerte fast eine Viertelstunde, und er war gespannt, welches Ziel Evelyn hatte.
An der Ecke der Old Bond Street stieg sie aus. Auch mehrere andere Leute verließen den Wagen, und es gelang ihm, unbemerkt zu folgen.
Die Gegend kannte er gut, denn er hatte...




