E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Plain Daisy Ranch
Rayne The One I Stood Beside
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98978-035-4
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Die spicy Fake-Marriage-Romance von Bestseller-Autorinnenduo Piper Rayne
E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Plain Daisy Ranch
ISBN: 978-3-98978-035-4
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
PIPER RAYNE ist das Pseudonym zweier USA Today-Bestsellerautorinnen. Mehr als alles andere lieben sie sexy Helden, unkonventionelle Protagonistinnen, die sie zum Lachen bringen, und viel heiße Action. Und sie hoffen, du liebst das auch!
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Jude
SECHS JAHRE ALT
Unser Hahn Phil ist wach. Ich drehe mich im Bett um und schaue aus dem Fenster. Der Himmel ist bereits gelb und orange, also ist es wohl okay, aufzustehen.
»Benny«, flüstere ich meinem kleinen Bruder zu, der im Stockbett über mir liegt.
Er antwortet nicht.
Nun bin ich derjenige, der als Erster wach wird. Ich vermisse Mommy morgens so viel mehr. Sie war immer die Erste, die aufgestanden ist. Ich habe sie nie nach unten gehen gehört, aber der Geruch von Kaffee oder Speck hat mich jeden Tag geweckt. Oder die Cowboystiefel meines Vaters, wenn er die Treppe hinunterging.
Benny wurde nicht eher wach, bis Mom noch mindestens dreimal in unser Zimmer kam, und Emmett blieb so lange in seinem Bettchen, bis Mom ihn holte.
Die hintere Fliegengittertür knallte, wenn Dad zur Arbeit auf die Ranch ging, und meist kam er erst bei Sonnenuntergang nach Hause.
Doch jetzt hört man keinen Kaffee mehr leise gluckernd durch die Maschine laufen.
Kein Speck brutzelt in der Pfanne.
Die Stiefel meines Vaters sind die Treppe nicht mehr hinuntergegangen, seit wir Mommy beerdigt haben.
Ich krabble aus dem Bett, ziehe die schmutzigen Jeans aus dem Wäschekorb an und werfe mir ein T-Shirt und mein Noughton-Ranch-Sweatshirt über, für den Fall, dass es draußen noch kalt ist. An der Tür drehe ich mich um und sehe nach, ob Benny noch schläft. Er liegt auf dem Bauch, die Arme unter dem Kissen vergraben. Ein Bein ragt aus der Decke.
Auf Zehenspitzen schleiche ich den Flur entlang, obwohl ich mir keine Sorgen machen muss, jemanden zu wecken. Mein Vater kommt ohnehin nicht mehr aus seinem Zimmer. Und wenn Emmett aufwacht, bin ich jetzt derjenige, der ihn holt.
Ich überspringe die quietschende Stufe, aber meine Socken rutschen auf dem Hartholz aus, und ich falle zwei Stufen tief, bevor ich mich am Geländer festhalten kann. Abwartend lausche ich in die Stille. Wie immer, keine Bewegung. Früher war unser Haus voller Leben. Jetzt ist es so, als würde ich in der Bibliothek wohnen, in die Mommy uns Jungs immer mitgenommen hat.
Mit den Stiefeln in der Hand husche ich durch die Hintertür und schließe langsam die Fliegengittertür, damit sie nicht knallt. Auf der Veranda ziehe ich meine Cowboystiefel an und schleiche davon.
Ich werde zurück sein, bevor Tante Darla kommt und uns Frühstück macht.
Ein paar Lastwagen fahren die Auffahrt hinunter, die Arbeiter beginnen ihren Tag.
Anstatt dem Weg um den Hof zu folgen, wandere ich an den Bäumen am Rande des kleinen Sees in der Mitte unseres Grundstücks entlang. Die Pferde sind auf der Weide, was bedeutet, dass bereits jemand hier ist, also streichle ich sie lieber nicht. Es soll niemand wissen, wohin ich gehe.
Ich steige den Hügel hinauf zu dem eingezäunten Gelände, auf dem Generationen meiner Familie begraben sind.
Während ich mich ans Ende des frischen Erdhügels setze, kann ich den Blick nicht von dem einfachen Kreuz abwenden. Tante Bette hat gesagt, dass sie in ein paar Wochen einen Grabstein wie den von Großvater haben wird.
Ich starre auf das Grab, wohl wissend, dass Mommys Körper darunter liegt, verstaut in einer Kiste. Hoffentlich kriechen die Würmer und Insekten nicht zu ihr hinein. Wer würde sie schließlich für sie töten, wenn ich nicht da bin, um es zu tun?
Die Sonne geht am Himmel auf, und ich weiß, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Ich muss zurück sein, bevor Emmett aufwacht. Jeden Tag fragt er über das Babyphone nach Mommy, und wenn ich ins Zimmer komme, zittert seine Unterlippe, bis ich mit ihm spiele.
Benny fragt Tante Darla beim Frühstück immer, wann Mommy aus dem Himmel zurückkommt. Daraufhin schaut sie Tante Bette an, und es herrscht Schweigen, jeder wartet auf die Antwort des anderen. Tante Darla zieht genauso die Augenbraue hoch wie Mommy, wenn sie von Benny und mir wissen wollte, wer wen zuerst geschlagen hat. Das ist dann der Moment, in dem ich Benny überzeuge, mit mir nach draußen zu gehen und Fußball zu spielen. Benny kann die Wahrheit nicht verkraften. Er würde weinen, wenn er wüsste, dass sie nie wieder zurückkommt. Es ist meine Aufgabe, ihn zu beschützen.
Dad verlässt nie sein Zimmer. Tante Darla und Tante Bette müssen sich eigentlich um meine Cousins kümmern, und ich habe gehört, wie Onkel Wade neulich auf der Veranda zu Tante Bette gesagt hat, dass er mit der ganzen Verantwortung kaum noch hinterherkommt. Er sagte, dass sie Dad irgendwie aus dem Bett holen und wieder zum Leben erwecken müssen, sonst werden wir die Ranch verlieren. Mom hat die Ranch geliebt, und ich weiß, dass sie im Himmel weinen würde, wenn das passiert.
Ich schlage meine Beine übereinander und zupfe an dem Gras um den frischen Hügel herum.
»Mommy«, flüstere ich.
Tote können nicht sprechen, doch alle sagen immer, dass sie über mich wacht, also sollte sie hier sein. Aber wenn sie hier ist, sollte ich sie dann nicht spüren? Doch das tue ich nicht. Tränen brennen in meinen Augen, und ich schlucke sie hinunter. Ich muss stark sein für Benny, Emmett und Dad.
Ich höre ein Quietschen und werfe einen Blick über meine Schulter. Sadie schließt das Tor hinter sich, als ob sie alle anderen aussperren würde. Ich wünschte, sie könnte es.
Ihrer Familie gehört der Bauernhof nebenan, und meine Mommy war die beste Freundin ihrer Mom, also ist sie immer in der Nähe. Sie ist in Ordnung, denke ich. Für ein Mädchen.
Ich sage nichts, als Sadie sich an meine Seite setzt. Sie trägt ihr weißes Nachthemd und ihre abgewetzten Regenstiefel mit den Marienkäfern drauf.
»Warum bist du schon wach?«, frage ich, zupfe einen weiteren Grashalm ab und wickle ihn um meinen Finger.
»Daddy war heute Morgen sehr laut beim Gehen, und ich habe dich hier draußen gesehen.« Sie zeigt auf ihr Haus. Ihr Schlafzimmerfenster blickt auf den Friedhof. »Geht es dir gut?«
»Ich bin okay«, sage ich mit Bitterkeit in meiner Stimme, die an dem Tag auftauchte, an dem meine Mom nicht nach Hause kam.
»Es ist in Ordnung, weißt du.«
Ich werfe meinen Kopf in ihre Richtung. »Was?«
»Zu weinen.«
Schnaubend rupfe ich eine Handvoll Grashalme ab und werfe sie einzeln auf den Erdhaufen. »Ich weine nicht.«
Sie seufzt und schlägt die Beine übereinander, wobei sie darauf achtet, dass ihr Nachthemd ihre Knie bedeckt. Ihre Hände spielen mit dem Ende ihres Zopfes, der um ihren Kopf geflochten ist und ihr in den Nacken fällt. Sie fasst sich ständig in ihr Haar. »Okay.«
Ich will aufstehen und gehen. Sie hierlassen und zurück ins Haus stapfen. Ich will allein sein.
»Meine Mommy sagt, du seist der Klebstoff.«
Ich runzle die Stirn. »Was soll das heißen?«
Sie zuckt mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, aber Leim hält Dinge zusammen. Repariert Dinge. Letztes Jahr hat Daddy Mommys Lieblingsvase zerbrochen und sie wieder zusammengeklebt. Man hat nicht mal gesehen, dass sie kaputt war.«
Ich rolle mit den Augen. Sadies Mom hat meiner Mom und meinen Tanten diese Geschichte erzählt. Keine Ahnung, warum Sadie sie immer wiederholt. »Wie auch immer.«
»Sie sagte, dass Leim aber nicht alles kleben kann. Manchmal sickert noch Wasser durch die Ritzen. Sie hat zu Daddy gesagt, dass man eines Tages nicht mehr in der Lage sein wird, alles zusammenzuhalten.«
»Ist mir egal, Sadie.« Wirklich. Ihre Mom sagt immer so komische Sachen. Aber dass ich Kleber sei? Klebriger weißer Leim, der ewig braucht, um zu trocknen? Wovon redet sie überhaupt?
»Ich glaube, sie will damit sagen, dass, wenn man seine Gefühle nicht rauslässt, sie eines Tages sowieso rauskommen.« Sadie macht das immer. Sie ist sehr klug und erklärt mir immer Dinge, auch wenn ich sie nicht danach frage. »Denn kein Kleber ist so stark.«
»Superkleber schon. Daddy hat ihn für Emmetts Hochstuhlbein benutzt, und seitdem steht er wieder fest.«
»Oh. Nun … dann weiß ich auch nicht.«
Wir sitzen schweigend da und lauschen den Tieren, die erwachen. Ich muss zurück.
»Ich vermisse sie«, sagt Sadie.
Meine Fäuste umschließen die Grashalme. »Sie war nicht deine Mommy.«
»Meine Mommy weint die ganze Zeit. Sie vermisst sie auch.«
Mir kommen Tränen in die Augen, doch ich zwinge sie zurück. Ich habe bisher nicht geweint, und ich werde es auch nicht vor Sadie Wilkins tun. »Benny und Emmett auch.«
»Ich weiß. Du musst sie auch vermissen.«
Eine Träne läuft mir über die Wange, und ich wische sie mit dem Handrücken weg.
»Es ist okay, Jude.«
»Ich habe nur etwas im Auge.« Ich reibe mir über die Lider und hoffe, dass sie nicht merkt, dass auch mein anderes Auge mit Tränen gefüllt ist.
Sadie rutscht näher heran und macht dabei ihr weißes Nachthemd schmutzig.
»Geh nach Hause.«
Sie schlingt ihren Arm um meine Schultern. »Nein.«
Mein Kopf sackt herunter, und ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie laufen, eine nach der anderen, und benässen meine...




