Reckert | Sehen findet im Gehirn statt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 242 Seiten

Reckert Sehen findet im Gehirn statt

Ein orthoptischer Ratgeber für die Rehabilitation hirnverletzter Erwachsener
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-17-038530-6
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein orthoptischer Ratgeber für die Rehabilitation hirnverletzter Erwachsener

E-Book, Deutsch, 242 Seiten

ISBN: 978-3-17-038530-6
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Patienten in der Neurorehabilitation sind häufig von Sehstörungen betroffen, z. B. infolge eines Schlaganfalls, eines Schädelhirntraumas oder im Rahmen chronischer neurologischer Erkrankungen. Zu Beginn werden die Komponenten des normalen Sehvorgangs beschrieben und Hinweise für Untersuchungsmöglichkeiten gegeben. Eine Übersicht über visuelle Störungen wird aufgezeigt, um im Anschluss verschiedene Therapieverfahren anhand von Fallbeispielen zu diversen Krankheitsbildern vorzustellen. Das Buch verfolgt die Zielsetzung, dass Untersuchungs- und Therapietechniken auch für nicht orthoptisch ausgebildetes Personal in der Neurorehabilitation durchführbar sind. Trainingsmaterial für die Therapie von visuellen Explorationsstörungen wird als Download zur Verfügung gestellt.

Iris Reckert, Orthoptistin und Erwachsenenbildnerin. Ab 1995 Aufbau des Therapieschwerpunkts Orthoptik in der Neurorehabilitation, Diagnostik und Therapie bei neurovisuellen Störungen, Entwicklung eigener Therapiematerialien an der Rehaklinik Zihlschlacht, Schweiz.
Reckert Sehen findet im Gehirn statt jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


2 Visuelle Komponenten im Einzelnen betrachtet – Hinweise für die Untersuchung und Rehabilitation


Was erwartet Sie?

Sie befassen sich mit der visuellen Anamnese und Inspektion. Sie lernen eine Auswahl von Untersuchungsverfahren für die Testung von Sehschärfe, Gesichtsfeld und visueller Exploration kennen. Die Standardverfahren der Augenheilkunde werden Sie hier nicht vorfinden, da dafür ophthalmologische Lehrbücher (z. B. Grehn, 2012) zur Verfügung stehen.

Inspektion, normierte Verfahren und klinischer Eindruck – man tut, was man kann.

Untersuchungen in der Medizin, Optik, Neuropsychologie oder Orthoptik umfassen ein breites Spektrum an Präzision und Normierung. Bildgebungsverfahren und histologische Analysen können Gewebe bis in kleinste Einheiten beurteilen. Hightech-Verfahren wie die Optische Kohärenz Tomographie (OCT) liefern Analysen der feinsten Netzhautschichten. Dabei müssen die Patienten zwar kooperieren, aber nicht sprechen.

Im Rehabilitationsalltag verwenden wir hingegen meist psycho-physische Testungen, bei denen wir auf Antworten oder Angaben einer Person angewiesen sind. Das Spektrum ist dabei breit. Wir können Patienten mit normierten und validierten Testverfahren befragen oder beobachten. Wir können inspektorisch einen Blick auf die Augenstellung, das Blickverhalten oder die Konfiguration des Gesichtes werfen. Wir beobachten und interpretieren Verhaltensweisen und kommen so zu Ergebnissen, deren Präzision und Reproduzierbarkeit sehr unterschiedlich sein können.

»Man tut, was man kann,« für den Rehabilitationsalltag bedeutet dies, dass wir mit unterschiedlicher technischer Ausstattung und beruflicher Ausbildung zu einem Ergebnis kommen. Wenn kein Perimeter vorhanden ist, müssen wir andere Verfahren anwenden, um uns ein Bild über das Gesichtsfeld einer Person zu machen. Wenn keine Visustestung mit einer normierten Sehzeichentafel möglich ist, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, um herauszufinden, ob eine Person wohl eine alltagstaugliche Sehschärfe hat.

Die Kompetenz der untersuchenden Person liegt darin, die Qualität der Messverfahren und der jeweiligen Untersuchungssituation kritisch zu beurteilen. »Wer misst, misst Mist,« ist ein Wortspiel, das auf die zahlreichen Fehlerquellen bei Messverfahren hinweist.

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Es kommen Untersuchungsverfahren unterschiedlicher Präzision zum Einsatz. Die Kooperationsfähigkeit des Patienten ist ein entscheidender Faktor für die Wahl des Verfahrens.

2.1 Die Anamnese – Wir müssen reden


Ziel ist es, im Anamnese-Gespräch die jeweiligen Beschwerden unseres Gegenübers zu erfassen, aber auch die medizinische Vorgeschichte, die für unser Fachgebiet relevant sein kann. Dabei wird der Patient selbst befragt (Eigenanamnese) oder seine Angehörigen (Fremdanamnese).

Ein Fragebogen hat in dieser Situation eine Checklistenfunktion. Er wird – soweit möglich – zusammen mit dem Patienten und seinen Angehörigen ausgefüllt. Je nach Berufsgruppe und therapeutischem Auftrag, ist es sinnvoll, sich einen eigenen Anamnesebogen zu erstellen. Was man aus seinem Fachgebiet wissen möchte, gehört auf den Fragebogen! Die Angaben zu den aktuellen Symptomen, deren Ausprägung und Differenzierung können dabei ebenso wichtig sein wie die Vorgeschichte.

In der Neurologie ist es wichtig, die Qualität der Anamneseangaben zu bewerten. Patienten mit einer Anosognosie (fehlende Wahrnehmung der eigenen Krankheitssymptome) haben kein adäquates Konzept für die ihre Krankheitssituation und machen entsprechend weniger gut verwertbare Angaben. Eine Aphasie (Sprachstörung) kann ein Anamnesegespräch sehr schwierig oder sogar unmöglich machen. Dies sollte als Bewertung im Anamneseblatt vermerkt werden.

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Vermerken Sie im Anamnesegespräch aktuelle und vorbestehende medizinische Fakten. Bewerten Sie die Aussagekraft des Gesprächs.

Patientenbeispiel: Die Vorgeschichte ist wichtig

Herr Breitenmoser1 erlitt einen Infarkt der linken Arteria cerebri media. Bei Aufnahme in die Rehaklinik fiel auf, dass er sein rechtes Auge nicht vollständig abduzieren konnte. Außerdem sah er mit dem rechten Auge sehr schlecht. Musste man dies als Abduzensparese rechts und Visuseinbuße rechts nach seinem Infarkt interpretieren? Aber eigentlich passte der Augenbefund nicht zur neurologischen Diagnose!

Erhellend waren hier die Angaben zur Vorgeschichte. Herr Breitenmoser berichtete, bereits als Kind geschielt zu haben. Wegen der Schielschwachsichtigkeit des rechten Auges habe er damals in die Sehschule müssen. Diese Angaben machten es möglich, die aktuellen visuellen Phänomene als vorbestehend einzuordnen.

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Die Vorbefunde liefern wertvolle Informationen und ermöglichen eine Interpretation des aktuellen klinischen Bildes.

Zihlschlachter Anamnesebogen

Für die Befragung zur visuellen Situation nutzen wir in der Rehaklinik Zihlschlacht einen Fragebogen, der sich als gutes Instrument für die orthoptische Untersuchung erwiesen hat.

(? Zusatzmaterial 1 Zihlschlachter Anamnesebogen). Je nach Berufsgruppe, sind die Themen unterschiedlich gewichtet. Der Zihlschlachter Anamnesebogen soll Anregungen geben, einen eigenen Bogen zu erstellen für alles, was Sie über den Patienten erfahren möchten.

Neben den medizinischen Angaben ist es auch wichtig, etwas über die Aktivitäten des Patienten im Alltag zu erfahren. Beispielsweise erfragen Sie, ob Ihr Gegenüber vor der Erkrankung Auto gefahren ist, da die visuellen Funktionen wie Visus, beidäugiges Sehen und Gesichtsfeld für die Fahreignung relevant sind. Auch die Frage nach der Berufstätigkeit ist für die visuelle Beurteilung relevant. Die Sehanforderungen sind unterschiedlich, je nachdem ob jemand Taxifahrer ist oder als Informatiker stundenlang vor einem Bildschirm sitzt.

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Erfragen Sie im Anamnesegespräch den persönlichen Kontext.

Einige Tipps für die Anamnese:

  • ·

    Bei linkshirnigen Läsionen müssen Sie mit einer Sprachstörung (Aphasie) rechnen. Überprüfen Sie die Kommunikation. Falls ein aphasischer Patient Wortfindungsprobleme hat, stellen Sie geschlossene Fragen, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind. Halten Sie Ihre Sätze kurz.

  • ·

    Überprüfen Sie die Verlässlichkeit der Ja-Nein-Antworten. Manche Aphasiker oder Patienten mit Aufmerksamkeitsdefiziten neigen dazu, alle Fragen mit Ja zu beantworten. Platzieren Sie gezielt eine Frage, auf die Nein die plausibelste Antwort ist.

  • ·

    Testen Sie, ob Sie verstanden werden. Dafür bewährt es sich, ohne Begleitung von Mimik und Gestik eine Aufforderung zu stellen. Zum Beispiel: »Können Sie mir bitte Ihre Brille geben?« Oder auch »Könnten Sie bitte mal beide Augen schließen?« Wird der Aufforderung nicht Folge geleistet, müssen Sie das Sprachverständnis Ihres aphasischen Gegenübers in Frage stellen.

  • ·

    Sind die Angaben zu visuellen Beschwerden eher diffus und für Sie wenig verständlich, denken Sie daran, dass es sich um eine Umschreibung von Doppelbildern, also einer Störung der beidäugigen Zusammenarbeit handeln könnte. Fragen Sie, ob die Beschwerden besser werden, wenn ein Auge geschlossen wird.

2.2 Von der Befragung zur Untersuchung – die Inspektion


Die Inspektion in der Krankenuntersuchung meint das erste Betrachten der zu untersuchenden Person oder einer ihrer Körperregionen.

Wichtige Punkte zur Inspektion bei visuellen Störungen

Beobachtungen und Interpretationsmöglichkeiten:

  • ·

    Kneift jemand ständig ein Auge zu? Dies ist oft ein deutlicher Hinweis auf eine Störung des beidäugigen Sehens. Doppelbilder werden durch das Schließen eines Auges ausgeschaltet.

  • ·

    Hält jemand seinen Kopf gerade oder ist die Kopfhaltung schief? Bei Augenmuskellähmungen kann durch eine Kopffehlhaltung eine Augenposition gesucht werden, in der die Lähmung keine Rolle spielt, weil der gelähmte Muskel in dieser Blickrichtung keine oder nur eine geringe Funktion hat. Die Kopfschräghaltung kann (muss nicht!) ein Hinweis auf eine Augenmuskellähmung sein.

  • ·

    Wie ist das Blickverhalten? Sucht jemand den Blickkontakt? Ist der Blickkontakt nur in eine Richtung vorhanden? Sprechen Sie den Patienten aus unterschiedlichen Richtungen an. Ein einseitiger Blickkontakt kann Hinweise auf einen visuellen Neglect geben. (Vernachlässigung einer...


Iris Reckert, Orthoptistin und Erwachsenenbildnerin. Ab 1995 Aufbau des Therapieschwerpunkts Orthoptik in der Neurorehabilitation, Diagnostik und Therapie bei neurovisuellen Störungen, Entwicklung eigener Therapiematerialien an der Rehaklinik Zihlschlacht, Schweiz.



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