Reh | Falscher Frühling | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Reh Falscher Frühling


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7317-6059-7
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-7317-6059-7
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Der Zukunft entgegenzugehen ist etwas völlig anderes, als vor der Vergangenheit zu fliehen.'FALSCHER FRÜHLING erzählt von einer Nacht, in der der Alltag dreier Menschen auseinanderbricht, und von einer Begegnung, die sie wieder zu einer Familie macht. Lothar Lotmann, ein alternder Theatermann, will mit einer letzten großen Inszenierung noch einmal die Ideale in der Kunst verwirklichen, an denen er im Leben gescheitert ist: Liebe, Freundschaft, Ehrlichkeit. Der verachteten Unterhaltungsindustrie setzt er seit langem nichts mehr entgegen, seine Freunde hat er brüskiert, und seine Frau Emilie, eine erfolgreiche Bühnenbildnerin, ist seine peinlichen Provokationen leid. Doch der 'zweite Frühling', den sie sich von einem Treffen mit einem alten Freund am Vorabend ihrer Scheidung erhofft, treibt hochkomische Blüten. Und ihre Tochter Franziska, die vor dem Beziehungsballast der Eltern in virtuelle Welten flüchtet, überwindet endlich ihre Angst vor einer eigenen Suche nach Glück.Sascha Rehs Debütroman ist eine schöpferische Hommage an die modernen Theaterklassiker und wird durch seinen ironischen Ton und virtuose Perspektivwechsel zum Ereignis.'

Sascha Reh, geboren 1974 in Duisburg, studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Bochum und Wien. Für seine Romane wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. 2011 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis, 2014 mit dem Lotto Brandenburg Kunstpreis Literatur und 2015 mit dem Literaturpreis Ruhr. 2017 war er Stipendiat der Deutschen Akademie Rom in der Casa Baldi, 2018 wurde er für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis nominiert. Sascha Reh lebt mit seiner Familie bei Berlin.
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Das Wohnzimmer eines großen alten Stadthauses. Massive Eichenholzmöbel einer vergangenen Generation, schwere Vorhänge vor den Fenstern, die das Licht dämpfen. Aus der Küche hört man Geklapper; draußen vor der Tür wird ein Rasen gemäht.

Die kleine Franziska sitzt mit ihrer Mutter Emilie auf dem Sofa. Emilie trägt ein elegantes Sommerkostüm. Franziska hat Socken an, in ihrer Jogginghose ist ein Loch am Knie.

EMILIE: Hast du mich vermisst? Ein kleines bisschen wenigstens?

FRANZISKA: Und wie. Wann kommt Papa?

EMILIE: Papa sitzt noch im Zug, Franzi. Er kommt den weiten Weg aus Hamburg. Hat es dir gefallen bei Tante Hanne?

FRANZISKA (spielt mit einem lederbezogenen Tischfeuerzeug, das sie auf- und zuschnappen lässt; sie nickt): Aber vielleicht machen die dann schon zu?

EMILIE: Keine Sorge, die haben den ganzen Tag geöffnet.

HANNELORE (kommt mit einem Tablett herein; sie trägt einen Hauskittel): So, ich hab euch noch ein paar Brote gemacht, ihr habt bestimmt Hunger.

EMILIE: Ich habe am Flughafen gegessen, danke.

FRANZI (greift beherzt zu): Danke, Tante Hanne.

HANNELORE: Entschuldige, Emilie, wie es hier aussieht, aber das ganze Haus sauber zu halten, das ist wirklich zu viel für mich, schließlich bin ich nicht mehr die Jüngste. (Zu Franziska:) Iss dich nur tüchtig satt.

EMILIE: Du sagst das, als gäb’s bei uns nichts zu essen.

HANNELORE (fächelt sich Luft zu): Es ist so heiß geworden. ? Wahrscheinlich kommt er sowieso nicht.

EMILIE: Wieso sagst du das?

HANNELORE (schenkt Kaffee ein und klappert dabei mit dem Geschirr): Weil er noch kein einziges Mal pünktlich gekommen ist.

EMILIE: Er hat in einer Woche Premiere. Am Thalia Theater. Da macht man schon mal eine Überstunde.

HANNELORE: Ja ja ja, ihr beide müsst wirklich so hart arbeiten.

EMILIE: Das darf ich jetzt als Vorwurf verstehen, ja?

HANNELORE (zu Franziska): Spätzelchen, lass das mal bitte stehen, das hat deinem Opa Georg gehört, das ist ganz wertvoll.

EMILIE: Sie macht dir schon nichts kaputt.

HANNELORE: Die Sachen gehören jetzt genauso dir.

FRANZISKA (isst ein Brot): Kommt Papa auch bestimmt?

EMILIE: Ja, er kommt bestimmt, und außerdem ist noch genug Zeit, der Zoo hat bis heute Abend um acht geöffnet.

FRANZISKA: Kommt Tante Hanne auch mit?

HANNELORE: Ich würde furchtbar gerne mitkommen, Spätzelchen.

FRANZISKA: Au ja, bitte, wir gehen alle zusammen!

Sie läuft zu ihrer Tante und umarmt sie.

EMILIE: Tante Hanne hat leider noch viel zu tun.

FRANZISKA: Schade.

HANNELORE: Aber das liegt auf dem Weg, ich könnte nachher noch –

EMILIE: Wir machen einen Familienausflug, Hanne. Mutter, Vater, Kind. Und der Friedhof liegt überhaupt nicht auf dem Weg.

HANNELORE: Warum fahren wir nicht zusammen hin? Bin ich eigentlich die einzige, die um unseren Vater trauert?

EMILIE: Ich war vor zwei Wochen da. Du weißt genau, dass Lothar seit Wochen in Hamburg ist und ich den Themenpark am Hals hab. Das ist unser erster freier Tag seit …

HANNELORE: Ihr überlasst mir die ganze Arbeit, und wenn es dann ums Vergnügen geht – das habe ich jetzt davon, dass …

EMILIE: Du hast selbst angeboten, dich um Franziska zu kümmern.

Franziska läuft um das Sofa herum in eine Ecke des Zimmers und nimmt etwas von einem Tisch, auf dem Kinderspielsachen verstreut liegen. Sie setzt sich wieder zu ihrer Mutter und Hannelore, schraubt ein Fläschchen auf und pustet Seifenblasen in die Luft.

EMILIE: Nicht, Franzi. Das wird doch alles ganz seifig.

HANNELORE: Lass sie doch ruhig.

EMILIE: Ich kann das nicht haben, wenn alles so seifig wird.

FRANZISKA: Ich bin auch ganz vorsichtig, Mama.

HANNELORE: Ich meine außerdem die Beerdigung. Und das Haus. Vor allem das Haus. Habt ihr euch eigentlich mal Gedanken gemacht?

EMILIE: Kommt darauf an, was für Gedanken du meinst.

HANNELORE (bestimmt): Es wird nicht verkauft.

EMILIE: Müssen wir das jetzt besprechen?

HANNELORE: Du willst nie darüber sprechen. Das ist ein großes Haus, viel zu groß für mich allein. Warum zieht ihr nicht her?

FRANZISKA: Ich würde gerne hier wohnen, Mama. Ich hab im Garten eine Schaukel gebaut. Für Erika. Aber ihr müsst auch hier sein, ja?

EMILIE: Wer ist Erika?

HANNELORE: Erika ist ihre Lieblingspuppe. Du hast sie ihr letztes Mal aus Dänemark mitgebracht.

EMILIE: Ach die. (Zu Hannelore:) Und wo willst du dann wohnen?

HANNELORE (blickt sich im Raum um): Na …

EMILIE: Das geht auf keinen Fall.

HANNELORE: Wir haben hier achtzehn Jahre zusammengelebt.

EMILIE: Da war ich auch noch nicht verheiratet.

HANNELORE: Bist du ja jetzt auch nicht. Oder nennst du das etwa eine Ehe?

EMILIE: Ist mir ganz neu, dass du dich da so gut auskennst.

HANNELORE: Gut genug, um zu wissen, was Ehebruch ist.

EMILIE (steht unvermittelt auf): Das müssen wir wohl nicht hier besprechen.

Sie geht energisch in die Küche, die vom Wohnzimmer durch eine Wand getrennt ist. Die Küche ist blitzblank geputzt und aufgeräumt. Hannelore folgt ihr.

EMILIE: Was soll das, dass du vor dem Kind damit anfängst? Das ist meine Sache. Du mischst dich schon genug in unser Leben ein.

HANNELORE: Ach, dass ich immer zur Stelle bin, wenn ihr einen Babysitter für euer Kind braucht, das nennst du Einmischung? Ich würde eher sagen, ich weiß wenigstens, was eine Familie ist.

EMILIE: Ich hätte sie auch nach Kopenhagen mitgenommen.

HANNELORE: Wo sie ihrer Mutter dann den ganzen Tag dabei zusehen darf, wie sie Pappkulissen zusammensteckt.

EMILIE: Erstens hast du keine Ahnung von meiner Arbeit …

HANNELORE: Ich bin die letzten Jahre kaum aus diesem Haus gekommen, Emilie, vergiss das nicht. Ich bin eine dumme alte Jungfer. Nicht so weitläufig wie ihr.

EMILIE: … und zweitens lass ich mir nicht einreden … außerdem heißt es weltläufig … jetzt hab ich vergessen, was ich sagen wollte.

HANNELORE: Wir wollten über das Haus sprechen.

EMILIE: Wollten wir das.

HANNELORE (überzeugt): Ich habe in diesem Haus über zehn Jahre unseren kranken Vater gepflegt, Emilie. Unsere Eltern haben uns hier großgezogen. Denk mal daran, welche Opfer sie für uns gebracht haben. Für mich, aber auch für dich. An diesem Haus hängt alles. Papa ist hier gestorben. Wir können es nicht verkaufen.

EMILIE (blickt zu Boden, zupft an ihrem Kostüm herum): Ich weiß.

HANNELORE: Diesen Sommer kommt Franziska in die Schule. Das kann nicht mehr so weitergehen, Emilie. Sie braucht ein festes Zuhause. Und wie oft war sie jetzt hier? Mein Gott, für sie ist das hier ihr Zuhause. Sie kann hier wunderbar zur Schule gehen, es ist grün, ideal für Kinder.

EMILIE: Hanne …

HANNELORE: Ich verstehe ja, dass ihr eure Karrieren habt, wirklich. Aber genau deswegen ist es ja so ideal. Ich bin immer in der Nähe, ihr könnt euch darauf verlassen, dass Franziska gut versorgt ist.

EMILIE: Wir kümmern uns schon um unsere Tochter.

HANNELORE: Ja. Der Vater von Hamburg aus, du in Kopenhagen.

Emilie wirft ihr einen eisigen Blick zu.

HANNELORE: Tut mir leid, aber ihr macht euch das ein bisschen einfach. Ich hab in diesem Haus meine besten Jahre verbracht, es ist düster hier, selbst im Sommer. Düster und kalt. Jemand müsste die Bäume stutzen. Mir wächst alles über den Kopf. Ich will auch noch was vom Leben haben, verstehst du? Ich will nicht von der Arbeit in ein leeres totes Haus kommen und den ganzen Tag wischen, das will ich einfach nicht mehr. Das Zimmer im Erdgeschoss …

EMILIE: Vergiss es, Hanne. Wir können nicht zusammen hier wohnen.

HANNELORE (trotzig): Gut. Dann wohnt ihr eben ohne mich hier.

Franziska kommt herein.

FRANZISKA: Mama, wann kommt denn Papa? Mir ist langweilig.

HANNELORE: Ich mein’s ernst, Emilie. Ich finde, du bist langsam an der Reihe.

Emilie geht mit Franziska zurück ins Wohnzimmer.

EMILIE: Sollen wir nicht schon mal vorgehen,...


Reh, Sascha
Sascha Reh, geboren 1974 in Duisburg, studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Bochum und Wien. Für seine Romane wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. 2011 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis, 2014 mit dem Lotto Brandenburg Kunstpreis Literatur und 2015 mit dem Literaturpreis Ruhr. 2017 war er Stipendiat der Deutschen Akademie Rom in der Casa Baldi, 2018 wurde er für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis nominiert. Sascha Reh lebt mit seiner Familie bei Berlin.

Sascha Reh, geboren 1974 in Duisburg, studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Bochum und Wien. Für seine Romane wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2011 mit dem Niederrheinischen Literaturpreis, 2014 mit dem Lotto Brandenburg Kunstpreis Literatur und 2015 mit dem Literaturpreis Ruhr. 2017 war er Stipendiat der Deutschen Akademie Rom in der Casa Baldi, 2018 wurde er für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis nominiert. Sascha Reh lebt mit seiner Familie in Berlin.



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