E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Reichart Frühstück bei Fortuna
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7013-6247-9
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-7013-6247-9
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elisabeth Reichart: geboren 1953 in Steyregg (Oberösterreich), Studium der Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien. Seit 1982 lebt sie, unterbrochen von längeren Auslandsaufenthalten in Japan und den USA, als freie Schriftstellerin in Wien. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Österreichischer Würdigungspreis für Literatur, Anton-Wildgans-Preis, Landeskulturpreis Oberösterreich und 2015 den Preis der Stadt Wien für Literatur. Im Otto Müller Verlag erschienen: La Valse (1992), Fotze (1993), Sakkorausch (1994), Nachtmär (1995), Neuauflage (2004) des Debüts Februarschatten (1984), Das Haus der sterbenden Männer (2005), Die unsichtbare Fotografin (2008), Die Voest-Kinder (2011), In der Mondsichel und anderen Herzgegenden - Gedichte (2013), Das vergessene Lächeln der Amaterasu (1998, Neuauflage 2014).
Autoren/Hrsg.
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Ich liebe sie, aber sie darf nie erfahren, wie sehr; würde sie das Ausmaß meiner Liebe ahnen, wäre sie weg; sie würde das Land verlassen, die Erde, ich weiß nicht, wohin sie gehen würde, aber sie würde weggehen, unerreichbar weit weg. Sie erträgt meine Liebe nicht, keine Liebe; es ist hoffnungslos, und trotzdem hoffe ich auf meine Art …
Liebste, ich grenz an dich, wie an nichts sonst …
Ich kenne sie besser als sie sich selbst, ich studiere sie, beobachte sie, meine einzige Möglichkeit, ihr nah zu sein, wirklich nah …
Ich kenne sie besser als mich selbst. Während mir meine eigenen Reaktionen immer fremder werden, weiß ich, wie sie reagieren wird, obwohl ich mich in letzter Zeit manchmal täusche, was vollkommen verrückt ist, ich kann sie unmöglich weniger gut kennen als früher!
Sie glaubt, sie steht auf einem Abstellgleis, in Wahrheit ist sie das Zentrum, sie sucht sich die Fälle aus, die sie bearbeitet; sie behauptet, sie entscheide nach … was behauptet sie … sie behauptet gar nichts, sie redet nicht über ihre Arbeit; gut, sie ist geheim, aber mir könnte sie alles erzählen. Oder glaubt sie, ich würde darüber berichten?
Ein vermutetes Leben, eine vermutete Liebe; würde ich sie so sehr lieben, wenn sie mich bedingungslos lieben würde? Ich weiß es nicht. Was weiß ich von ihr nach den vielen Jahren, diesen ungezählten Jahren, sie verweigert jede Jahreserinnerung …
Ich vermute, ich spekuliere, es steht mir so wenig zur Verfügung …
Anfangs sprach sie manchmal von ihrer Vergangenheit, anfangs, als ich nicht richtig zuhören konnte, gefangen von dieser Liebe auf den ersten Blick, die ich bis zu der Begegnung mit ihr für ein Gerücht hielt. Eine Erfindung von Internetfanatikern, die sich mit ihren Geschichten wichtig machen müssen …
Wie weit darf ich in ihren Computer eindringen, ihr Handy, jedes mögliche Geheimnis vermute ich dort – wenn ihr Computer so unschuldig ist wie ihr Handy, kann ich ihn vergessen. Ich habe es oberflächlich überprüft; offensichtlich betrügt sie mich nicht, das wäre zu leicht, ein anderer, eine andere, dagegen könnte ich kämpfen, aber gegen ihre Liebe zu diesen Zellen habe ich keine Chance …
Einmal ertappte sie mich; sie sah mich an und sagte: deine Zellen sind erstarrt; oh Gott, habe ich mich schlecht gefühlt; ich dachte, sie hätte mich durchschaut in meiner wahnsinnigen Eifersucht auf ihre Liebe zu den Zellen; dann sagte sie: sie erstarren immer noch, sie erstarren noch mehr, du stirbst, wach auf! Sie dachte, ich schlafe, sie dachte, ich hätte einen Alptraum.
Mein Alptraum sind die Zellen, in die sie verliebt ist; nein, nicht verliebt, sie liebt sie; wie kann sie Zellen lieben? Jede einzelne Zelle eines Körpers, jede Zellstruktur in diesen Petrischalen, die sie durchs Mikroskop beobachten muss, unsichtbare Zellen, eine Liebe durch das Mikroskop, Mikroskopliebe – ich verstehe das nicht: Da bin ich, ein erfolgreicher Mann, ein gut aussehender Mann, ein Mann, begehrt von den Frauen! Wie lästig, diese einladenden Blicke, die anzüglichen Fragen, und statt mich zu lieben, liebt sie Zellen, noch dazu kaputte Zellen! Ich gehe nicht aus, gehe nur von der Wohnung ins Büro und nach Hause, suche dunkle Männerkneipen, wenn ich ausnahmsweise nicht allein sein will, lasse mir das Essen ins Büro oder die Wohnung bringen, um diese Blicke nicht ertragen zu müssen und dieses aufgedonnerte Styling! In der Redaktion verwechsle ich die Sekretärinnen, alle gleich gestylt, nichts Eigenes erkennbar; der Blick auf eine genügt, um alle zu sehen oder keine; und nach wenigen Tagen sehen die Praktikantinnen aus wie die Sekretärinnen, kein Fingernagel ist mehr abgebrochen, alles künstlich, bis hin zum Busen; keine Fingernageltreffen mehr in den Waschräumen; dieser verdammte Drang nach Perfektion bis hinein in die künstlichen Fingernägel, künstlich verlängerten Haare oder zum Bürstenschnitt reduzierten; der Wahnsinn der Selbstoptimierung; ich weiß, was vor sich geht, ich war wie meine Mitarbeiter, nur besser – bis ich sie kennen lernte, ihre Art zu denken.
Weiterbildung, Fortbildung – ist noch niemandem aufgefallen, dass diese Worte die Wahrheit sagen: Ich bilde mich weg von mir und am besten gleich fort, fort vom fehlerhaften Menschen, hinein in die Perfektion! Nur um ununterscheidbar zu sein. Nichtssagende, geschminkte, gestylte Menschen; seit einiger Zeit gleichen sich die Männer den Frauen an, nicht nur in der Wissensoptimierung, auch im Outfit, dem Körperkult; die Duschgels bestimmen die Raumluft; die Männer sind dezenter geschminkt, aber sie sind es! Sie verwechseln die Redaktion mit einer Bühne, der Alptraum wird nicht kleiner, nur umfassender …
Auch die Stimmen klingen gleich, alle gehen gleich und ein Lächeln gleicht dem anderen, die Männer bewegen sich weiblicher, die Frauen männlicher, kein Unterschied mehr erkennbar.
Zum Glück habe ich ein Büro für mich allein …
Sie? Sie hat damit nichts zu tun – sie hat keine Zeit fürs Styling, das Nagelstudio, den Friseur.
Mein Gott, dieser Körper, dieser Verstand, dieses Herz – würde es doch einzig für mich schlagen, ich wäre der glücklichste Mann, ja? Sicher? – Ich vermute es …
Aber nein, ihr Herz schlägt für Zellen, manipuliert von Ärzten, Forschern; sie will sie ins Leben zurückholen. Überall herrscht Krieg, nur wo Krieg herrscht, braucht es Rettung, der Krieg gegen Zellen braucht eine Zellretterin, das sehe ich ein, aber warum muss ausgerechnet sie sich zur Zellretterin berufen fühlen? Als ich mich in sie verliebte, war sie noch begeisterte Stammzellenforscherin! Bis sich jedes neue Experiment als sinnlos erwies; sie immer verzweifelter wurde; ich sie trösten konnte, es war wunderbar, sie in meinen Armen zu halten und zu trösten; kein Trost mehr, kein Tröstender, diese Rolle hat sie mir genommen; sie hat ihren Berufswechsel nicht mit mir besprochen, nie bespricht sie etwas mit mir, entscheidet lieber allein …
Jetzt liebe ich eine Zellretterin – auch ein Schicksal …
Sie liebt nicht nur Zellen; sie liebt auch den Wald, ich hasse den Wald; den realen Wald; ich verachte jede Natur, ich bin ein Stadtmensch, ein hundertprozentiger Stadtmensch; ich will nicht in den Wald, nie wieder! Einmal ist es ihr gelungen, einmal ließ ich mich in den Wald zerren, emotional zerrte sie so lange an mir, bis ich meine Taktik änderte und mit ihr in ihren geliebten Wald ging, überzeugt, einmal würde reichen, um ihren Blick auf das Ungeheuerliche des Waldes zu lenken. Ich war zu unausstehlich, sie brach den Ausflug ab. Es hat nichts genützt, sie liebt den Wald wie vor dieser Exkursion und ich liebe die Stadt; wenigstens lebt sie in der Stadt, auf dem Land würde ich ihr nie begegnen; vielleicht doch? Für sie würde ich sogar auf dem Land leben übers Wochenende, würde die Wohnung nicht verlassen, die Fenster schließen, die Vogelgeräusche und was es auf dem Land noch gibt, aussperren …
Schlangen, Vogelspinnen, Löwen, Tiger, Bären, Wölfe? Es reichen Ratten, Hasen, Marder, Mäuse, Frösche, Rehe, Gämsen, Füchse, Schlangen, Wildschweine, wilde Schafe, eklige Zecken und Stechmücken, vollgepumpt mit lebensbedrohenden Giften und Viren …
Zugegeben, Ratten, Mäuse, Marder gibt es auch in der Stadt, aber hier muss ich sie nicht sehen, sie sind so dezent und verschwinden, sobald ich mich nähere, ziehen sich zurück in den Untergrund …
Wären nur die Zellen, wäre nur der Wald – alles wäre möglich: Landleben, leben mit ihr, egal wo, aber das gibt es nicht mit ihr, gibt es nirgendwo mit ihr; sie lebt unter einem Kokon, der sie schützt vor mir und allen; der sie als Original erhält gegen diese Trends der Welt. Dieser Kokon heißt Leo; und wenn ich je hasste, je verfluchte, dann Leo; Leo ist der wahre Alptraum für mich, jeder andere Alptraum zählt nicht gegen den Leo-Alptraum. Dieser undurchdringliche Kokon besteht aus Leo, Leo und wieder Leo und noch einmal Leo und als Draufgabe wieder Leo; Leo, die Endlosschleife …
Ich habe Leo recherchiert, das ist mein Beruf – es war nicht viel zu finden, damals gab es nur Zeitungsarchive, kaum Internet. Leo, der Kleinkriminelle, der sie benutzte, ausbeutete, wie es für Kleinkriminelle üblich ist, vermute ich. Außer Leo kenne ich keine Kleinkriminellen, nur die großen Verbrecher füllen meine Dateien; ich vermute, er ließ sie für sich arbeiten, war ihr Ausbeuter; alles lief auf sie: die Firma, Höhlenartikel, was sonst, die Wohnung, das Auto – lauter Hinweise, dass Leo bereits früher in Deutschland lebte und sich erwischen ließ bei seiner Kleinkriminalität; kein schlechtes Wort von ihr über Leo, sie sah seine Kleinheit nicht!
Wie kann ich Leo in den Hades schicken?
Wie einen Toten auslöschen?
Ich weiß nicht, wie viel sie über Leo weiß; nach der ersten Zeit hat sie nie wieder von ihm erzählt und ich hüte mich, ihn in unsere Gemeinsamkeit mit lächerlichen Fragen einzuladen. Dieser Fehler ist mir nur einmal passiert, als wir Fotos sortierten, tauchte Leo auf, sie muss das Foto unter unsere Fotos geschmuggelt...




