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E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reinhard Mit der Trauer weiterleben
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-451-84828-5
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gespräche über persönliche Verlusterfahrungen
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-451-84828-5
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lea Reinhard, geb. 1989, ist Journalistin, Fernsehmoderatorin und Podcasterin. Journalistik-Studium in Eichstätt. Unter anderem Hospitanzen beim ZDF in New York und im ARD-Studio Washington sowie Redakteurin bei der Tagesschau. Sie lebt mit ihrer Familie in Bremen.
Autoren/Hrsg.
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Michaela May: Drei Geschwister, drei Suizide – wie verkraftet man das?
***
Lea: In Ihrem Keller lagerte bis vor ein paar Jahren eine verschlossene Kiste Ihres verstorbenen Bruders. Sie hat Sie jahrzehntelang begleitet. Was war das für ein Moment, als Sie sich entschieden haben, diese Kiste zu öffnen – und sich damit auch dem Schmerz Ihrer Familie zu stellen?
Michaela May: Ich wollte eigentlich nie aus meinem Privatleben erzählen. Doch dann kam Corona – und kurz zuvor, 2019, war meine Mutter gestorben. In dieser stilleren Zeit fiel mir im Keller wieder diese von Ihnen erwähnte Kiste meines Bruders in die Hände. Und plötzlich war da Raum – Raum und Zeit, mich diesem Teil meiner Geschichte zu stellen. Nach 40, vielleicht sogar 50 Jahren habe ich die Kiste geöffnet. Und das war der Auslöser, das Buch (Verlag Piper) zu schreiben. Darin beschreibe ich eine Seite von mir, die viele nicht kennen. Denn nach außen hin wurde ich immer als das fröhliche, sonnige Mädchen wahrgenommen – leicht, unbeschwert.
Michael: Doch Sie und Ihre Familie haben schwere Schicksalsschläge erlebt …
Michaela May: Ja, aber darüber haben wir lange geschwiegen. Solange meine Eltern noch lebten, wollten wir diese Geschichte nicht nach außen tragen. Die Reaktionen waren nämlich oft schwer auszuhalten, wenn wir sie angedeutet haben. Meine Mutter sagte einmal: „Wunden immer wieder aufzureißen, hilft nicht weiter.“ Ich hatte ihr versprochen, solange sie lebte, mit niemandem darüber zu reden. Und so habe ich auch bei meiner Rede auf ihrer Beerdigung nichts von dem preisgegeben, was meine Mutter zeit ihres Lebens verschlossen halten wollte. Ich habe sie geliebt! Den Schmerz, den ich bei ihrem Verlust empfand, kann ich auch heute noch nicht in Worte fassen. Denn sie war für mich weit mehr als meine Mutter. Sie war meine Freundin, mein Halt, mein größtes Vorbild. Sie fehlt mir jeden Tag. Doch gleichzeitig spürte ich neben der Trauer noch ein anderes Gefühl.
Lea: Welches war das?
Michaela May: Eine große Befreiung. Eine Verantwortung fiel von mir ab. Die Verantwortung, über bestimmte Dinge nicht zu sprechen. Sie wich der Freiheit, endlich die Vergangenheit meiner Familie – meine Vergangenheit – Revue passieren zu lassen. Gleichzeitig wollte ich anderen Mut machen. Wenn ich als öffentliche Person damit rausgehe, so hoffte ich, dann trauen sich vielleicht auch andere offener über so ein Tabuthema wie Suizid zu sprechen. Es haftet immer noch so viel Scham daran – für die Angehörigen, für die ganze Familie.
Michael: Ihre drei Geschwister litten an Depressionen, richtig?
Michaela May: So einfach kann man das nicht sagen. Mein jüngerer Bruder Karl war 28, als er sich das Leben genommen hat. Er war sehr begabt, künstlerisch, spielte Geige. Als ein neuer Mitschüler aus einer anderen Klasse kam, Drugs & Rock’n’Roll und das alles mitgebracht hat, war mein Bruder plötzlich out. Heute würde man sagen: er wurde gemobbt. Karl wurde immer stiller, zog sich zurück. Eines Tages setzte er sich im Winter auf eine Bank, um sich einschneien zu lassen. Die Polizei fand ihn mit einer schweren Lungenentzündung. Der Hausarzt empfahl einen Psychotherapeuten – damals eine Seltenheit. Man vermutete, es handele sich mehr oder weniger um eine Nervenkrankheit. Er wäre in einem halben Jahr so stark gewachsen, dass sich die Nerven nicht richtig mitentwickelt hätten.
Lea: Was geschah dann mit ihm?
Michaela May: Er kam in eine psychiatrische Einrichtung, wurde dort mit Elektroschocks behandelt, fixiert – es war furchtbar. Später verlegte man ihn in die geschlossene Station des Max-Planck-Instituts. Wir durften ihn nur durch eine Glasscheibe sehen und über eine Sprechanlage mit ihm reden. Er war kaum wiederzuerkennen. Aufgedunsen, apathisch. Nach fünf Jahren wurde er entlassen – musste aber immer noch Medikamente nehmen. Dann verschwand er eines Tages ganz plötzlich. Ein Jahr lang wussten wir nicht, wo er sich aufhielt. Das war für uns alle unerträglich. Ich drehte gerade mit Elmar Wepper, als ich die Nachricht bekam, ich solle zu Hause bei meiner Mutter anrufen. Sie sagte: „Sie haben den Kalli gefunden.“ Der Besitzer eines Waldgeländes hatte ihn beim Christbaumschlagen entdeckt. In seinem Körper fand sich ein Cocktail aus Alkohol und Medikamenten.
Michael: Das war sicher ein schwerer Schock für die ganze Familie.
Michaela May: Aber auch eine Erleichterung. Dieses Jahr des Wartens, Bangens – besonders für meine Mutter war das die Hölle. Mein Bruder war verheiratet mit einer Friseurin. Auch sie war völlig überfordert, als ihr Mann eines Tages von der Arbeit nicht zurückkam.
Michael: Und als wäre das nicht genug der Pein gewesen, kam auch noch die gesellschaftliche Stigmatisierung hinzu. Als ob Ihre Familie irgendwas Unrechtes, etwas Unmoralisches getan hätte …
Michaela May: Ja, das war natürlich eine große Belastung. Hinzu kamen die eigenen Schuldgefühle, weil man denkt: Habe ich genug getan? Hätte ich früher etwas erkennen müssen? Meine Eltern waren wunderbare Menschen, keine Rabeneltern. Sie haben sehr viel mit uns und für uns gemacht. Ich hatte eine behütete Kindheit am Ammersee. Mein Vater war Ofensetzermeister, meine Mutter zu Hause, hat sich immer um uns gekümmert. Natürlich wurde im Umfeld auch spekuliert, ob es in der Familie psychische Erkrankungen gegeben haben könnte. Mein Vater forschte daraufhin im Stammbaum – und fand keine Hinweise auf solche Erkrankungen bei unseren Vorfahren. Trotzdem wurde gefragt: „Habt ihr das in der Familie?“
Lea: Auch eine kirchliche Beerdigung wurde Ihrer Familie verweigert.
Michaela May: Ja, als „Selbstmörder“ blieb Karl eine christliche Bestattung mit einer Heiligen Messe vorenthalten. Kein Pfarrer begleitete ihn auf seinem letzten Weg. Das war für meine gläubigen Eltern ein Schock. Die Kirche sagte: Wer sich das Leben nimmt, begeht eine Sünde. Ich selbst war nie besonders religiös – aber meine Eltern litten darunter sehr. Freunde fingen uns auf. Manche riefen zuerst nicht an, aus Unsicherheit. Aber die, die einfach da waren, mit uns weinten – die taten uns gut. Und heute weiß ich: Diese Präsenz ist das Wichtigste.
Michael: Und dann kam der zweite Schicksalsschlag …
Michaela May: Ja, mein älterer Bruder Hans hat sehr unter dem Suizid unseres kleinen Bruders gelitten. Er war damals auf der gleichen Schule, hat sich Vorwürfe gemacht. Er hatte mitbekommen, dass es meinem jüngeren Bruder nicht gut ging, aber hat’s wohl nicht so ernst genommen. Nach dessen Tod hat er sein Physikstudium abgebrochen, hat auf Pädagogik und Psychologie gewechselt, hat angefangen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und irgendwie hat er sich in dieser Selbstanalyse verloren.
Lea: Was genau meinen Sie damit?
Michaela May: Er war total erschöpft. Ich weiß noch, wie er einmal bei uns auf dem Sofa saß und sagte: „Ich bin am Ende.“ Er hatte sich völlig zurückgezogen. An Weihnachten wollte er nicht mehr feiern, sagte, er fahre zum Skifahren – ist aber einfach in seiner Wohnung geblieben.
Michael: Das muss sehr schlimm für die Familie gewesen sein.
Michaela May: Ja, das war es. Und eines Tages kam dann der Anruf. Er habe sich aus seiner Wohnung im fünften Stock gestürzt. Offenbar hatte er keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Auf seiner Schreibmaschine stand ein letzter Satz: „Jetzt glaube ich, dass es einen Gott gibt.“ Das hat uns umgehauen. Er war zeit seines Lebens Atheist gewesen.
Michael: Das alles ist ja schon beim Zuhören kaum zu ertragen …
Michaela May: Es war für uns, als würde alles zerfallen. Unsere Familie … es gab keinen Halt mehr. Es war einfach zu viel.
Lea: Aber es kam noch schlimmer. Das Unvorstellbare geschah …
Michaela May: Ja. Meine Schwester Gundi war noch sehr jung, als das mit ihren Brüdern geschah. Sie ging später nach Südamerika, kam mit Drogen in Kontakt. Als sie nach Deutschland zurückkehrte, fiel sie in eine Entzugsdepression. Sie sagte: „Ich spüre nichts mehr.“ Ich versuchte, ihr zu helfen, organisierte einen Therapeuten – doch sie sagte:...




