Reitemeier / Tewes | Purer Neid | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 304 Seiten

Reihe: Regionalkrimis aus Lippe / Jupp Schulte ermittelt

Reitemeier / Tewes Purer Neid

Jupp Schulte ermittelt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-86532-693-5
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Jupp Schulte ermittelt

E-Book, Deutsch, Band 4, 304 Seiten

Reihe: Regionalkrimis aus Lippe / Jupp Schulte ermittelt

ISBN: 978-3-86532-693-5
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Toter im Kurpark Hiddesen, ein weiterer in Paderborn. Alles deutet auf Geschäfte zur Zeit des Aufbaus in den neuen Bundesländern. Womöglich Geschäfte, die nicht ganz sauber waren? Schulte vermutet den Grund für beide Morde in der Vergangenheit. Der Journalist Rodehutskors erhält eine Briefbombe und entgeht nur knapp dem Tode. Bauer Fritzmeier träumt derweil von der Schlacht am Fritzmeierschen Hof, Jupp Schulte hingegen eher von der schönen Ausgrabungsleiterin. Also Mord, Schreie und Tränen in Lippe? Dabei kann das Leben doch so schön sein, wenn man die Fußballeuropameisterschaft mit Grillwurst, Bier und guten Freunden genießt ...

Jürgen Reitemeier, geboren 1957 in Hohenwepel-Warburg/Westfalen. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Elektromaschinenbauer studierte er Elektrotechnik, Wirtschaft und Sozialpädagogik an den Hochschulen Paderborn und Bielefeld. Seit vielen Jahren verheiratet, lebt und arbeitet er seit mehr als zwanzig Jahren in Detmold. Wolfram Tewes, geboren 1956 in Peckelsheim/Westfalen. Der Vater von zwei erwachsenen Töchtern lebt mit seiner Ehefrau in Horn-Bad Meinberg. Er arbeitet seit vielen Jahren für eine regionale Tageszeitung.
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14

Die Sonne hatte das Thermometer in Willi Potthasts Büro auf achtundzwanzig Grad ansteigen lassen.

Der Polizist hatte sich seines dünnen Wollpullovers entledigt. Er hatte ihn achtlos auf einen freien Stuhl gehängt. Die Ärmel seines Hemdes waren aufgekrempelt. So den sommerlichen Temperaturen angepasst, saß er über seine Akten gebeugt. Bis Pfingsten, so hatte er sich vorgenommen, wollte er „klar Schiff“ auf seinem Schreibtisch machen.

Die Menschen in der Paderborner Gegend richteten sich, wie es in katholischen Gegenden üblich war, in vielen Dingen nach dem Kirchenjahr und dessen Feiertagen.

Schon in Potthasts Jugend war das so. An bestimmten Sonntagen im Jahr blieb die Musikbox in seiner Stammkneipe aus. In der Fastenzeit aßen die Kinder keine Süßigkeiten und manche Erwachsene tranken keinen Alkohol oder ließen das Stück Torte weg. Bevor nicht die „Kalte Sophie“ durch war, wurden keine Tomaten gepflanzt und nur, wenn der Pfarrer es ausdrücklich erlaubte, durfte sonntags gemäht und gedroschen werden.

Auch Willi Potthast orientierte sich an diesen Ritualen. So hatte er sich wie jedes Jahr zwei Wochen Zeit gegeben, bis Pfingsten eben, um seinen Schreibtisch leer zu arbeiten und die alten Fälle abzuschließen. Doch er arbeitete nicht sehr konzentriert. Seine Gedanken zwangen ihn immer wieder an den kommenden Donnerstag zu denken. Christi Himmelfahrt! Der Feiertag selber beunruhigte ihn nicht weiter, eher das unchristliche Ritual, das irgendjemand für diesen Tag bestimmt hatte. Vatertag! Das von Dorf zu Dorf seine eigenen Facetten hatte. Der Verlauf war, wie gesagt, in jeder Männerclique unterschiedlich. Das Ergebnis aber war nahezu gleich. Keiner der Beteiligten konnte sich später an Einzelheiten erinnern. Trotz des allgemeinen Filmrisses passierte jedoch von Jahr zu Jahr mit untrüglicher Sicherheit der gleiche Prozess. An diesen dachte Willi Potthast immer wieder und gestand sich ein: Willi, du wirst alt.

Immer wieder kam ihm ein Ereignis in den Sinn, das er vor ungefähr zehn Jahren erlebt hatte. Damals konnte er es kaum erwarten sich nach dem Frühstück schon früh am Morgen mit seinen Freunden vom Schützenverein Wewer zu treffen. Den Bollerwagen voller Bierkisten und einigen Flaschen warmen Korns ging es in Richtung Haxtergrund. Es wurde mehr getrunken als gewandert. Dort angekommen, gab man sich bei Weyher die Kante bis zum Stillstand der Augen. Damals war er sich sicher, auf dieses Ereignis wollte er niemals verzichten. Vatertag, da wurde so richtig über die Stränge geschlagen, das musste sein. Damals war er mit froher Erwartung über den Gartenzaun zu seinem Nachbarn gestiegen, um ihn zu dem Vatertagsgelage abzuholen. Als er durch die nur angelehnte Haustür in den Flur trat, fand er dort einen sehr nachdenklichen Mann vor, seinen Nachbarn Franz Lütkemeyer.

Damals konnte Willi Potthast nicht verstehen, wieso dieser nicht schon froher Erwartung auf den Tag unter Männern war.

Sie gingen gemeinsam zu dem verabredeten Vatertagstreffpunkt. Plötzlich sagte Franz Lütkemeyer gedankenverloren:

„Früher haben wir eine Woche gesoffen und waren anschließend einen Tag krank. Heute saufen wir einen Tag und sind eine Woche krank.“

Damals hatte Willi Potthast darüber gelacht und ihm auf die Schulter geklopft.

„Wird schon nicht so schlimm werden, Franz“, hatte er aufmunternd gesagt.

Aber natürlich wurde es schlimm. Den Gruppendruck in einer solchen Männergruppe sollte man nicht unterschätzen. Der, gepaart mit dem Trinkverhalten, auf vielen Schützenfesten antrainiert, da blieb kein Auge trocken. Am nächsten Tag wussten die wenigsten Schützenbrüder wie sie den Heimweg geschafft hatten.

Darüber hinaus sorgte die Stimmung, die in den meisten Haushalten der Beteiligten am Tag danach herrschte, dafür, dass die letzten Erinnerungen an den Spaß, den sie am Vortag gehabt hatten und an den sie sich womöglich noch schwach erinnern konnten, in die hintersten Hirnzellen verdrängt wurde. Verärgerte Ehefrauen, Kopfschmerzen und Übelkeit von den Überdosen Aspirin taten neben den Filmrissen, die die meisten zu beklagen hatten, ihr übriges.

So würden sich auch in diesem Jahr die Ereignisse der Vergangenheit wiederholen.

Potthast empfand schon einmal prophylaktisch die schlechte Laune, die seine Frau Mechthild haben würde, erinnerte sich an die Übelkeit bis zum „Zentralnervösen“, so nannte er den Zeitpunkt, an dem er ein letztes Mal die Schüssel umarmte, die letzte Magensäure in die selbige zu spucken, um sich danach in einen abgedunkelten Raum zu schleppen, wo er die nächsten Stunden auf Erleichterung hoffte. Allein die Erinnerung an die Qualen, die er im letzten Jahr auszustehen hatte, führte dazu, dass sich seine Haare an den Armen aufstellten und diese von einer Gänsehaut überzogen wurden.

Wie konnte er dem gesellschaftlichen Ereignis Vatertag entgehen, ohne bei seinen Schützenbrüdern an Ansehen zu verlieren? Dies war die Frage, die ihn schon seit zwei Stunden beschäftigte und auf die er keine Antwort fand.

Das fiepende Telefon beendete seine Grübeleien. Am anderen Ende des Telefons meldete sich sein Chef Heiner Schmitz:

„Hallo Willi, hier Heiner, hast du vielleicht eine halbe Stunde Zeit für ein Gespräch?“

„Ja, natürlich! Worum geht’s denn?“

„Das kann ich dir so in zwei Sätzen am Telefon schwer erklären, komm doch bitte kurz in mein Büro.“

„Geheimniskrämer! Okay, ich bin gleich da.“

Potthast legte den Telefonhörer in die dafür vorgesehene Halterung und machte sich hemdsärmlig auf den Weg. Wenn so kleine Geheimnisse in der Luft liegen, ist man immer etwas schneller am Ziel als gewöhnlich. Was der wohl hat, ist doch sonst nicht so formal. Potthast zuckte unbewusst mit den Schultern.

Noch um die nächste Ecke, dann hatte er das Büro des Polizeidirektors erreicht. Er klopfte kurz an die Tür und trat ein.

Heiner Schmitz war nicht allein. Auf einem der Besprechungsstühle saß eine sehr elegant wirkende Frau. Sie hatte dicke, blond gelockte Haare, die sie durch einen Mittelscheitel geteilt schulterlang trug. Ihr Gesicht war dezent geschminkt. Die Haut hatte einen sonnengebräunten Teint. Sie trug ein Leinenkostüm, das nur für sie genäht sein konnte. An der rechten Hand, die elegante lange Finger zierten, steckte ein auffälliger Ring aus Gold. Das einzige Schmuckstück, das sie trug.

In dem Augenblick, in dem Potthast das Zimmer betreten hatte, wandte sie den Kopf in seine Richtung. Ihr Blick richtete sich jedoch ins Leere.

Heiner Schmitz ging einige Schritte auf seinen Kollegen zu und gab ihm die Hand. Die andere legte er auf die Schulter des Polizisten. Er drückte ihn sanft in Richtung Besprechungstisch.

„Darf ich vorstellen, Frau Dr. Bülow, Polizeioberdirektorin.“

Die Frau erhob sich und streckte ihre Hand in Potthasts Richtung. Als er sie nahm, spürte er einen kräftigen Druck, den er der schlanken, langfingerigen Hand nicht zugetraut hätte.

„Guten Tag, Herr Potthast.“

„Setz dich doch, Willi!“, forderte Schmitz den Polizisten auf.

Etwas verunsichert ließ der sich auf einem der Stühle nieder. Auch der Polizeidirektor setzte sich und rang mit den Händen.

„Kaffee? Wasser?“

„Beides“, sagte Potthast.

„Nehme ich auch!“, meldete sich Frau Bülow.

Heiner Schmitz erhob sich nochmals von seinem Stuhl und kam kurze Zeit später mit den Getränken zurück. Nachdem der erste Schluck getrunken war, begann Frau Dr. Bülow zur sichtbaren Erleichterung von Heiner Schmitz das Gespräch.

„Wie Sie sicher schon gemerkt haben, bin ich blind. Vor mehr als zwei Jahren hatte ich einen schweren Autounfall, bei dem ich mein Augenlicht verloren habe. Anschließend verbrachte ich fast ein halbes Jahr in verschiedensten Augenkliniken und weitere eineinhalb Jahre in entsprechenden Reha-Maßnahmen.

Ich bin Polizistin und möchte auch nichts anderes sein. Jetzt will ich wieder arbeiten. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wo ich am besten einsetzbar bin. Nach vielen schlaflosen Nächten habe ich mich dazu entschlossen, einen Arbeitsversuch im Ermittlungsbereich zu unternehmen. Sie werden jetzt vielleicht fragen, warum eine Blinde ausgerechnet in die Ermittlung gehen will. Ich möchte versuchen, es Ihnen zu erklären. Durch den Unfall habe ich mein Augenlicht verloren. In der anschließenden Rehabilitation hat man mir jedoch beigebracht, die Welt mit meinen anderen Sinnesorganen wahrzunehmen. Ich bin also zu dem Schluss gekommen, dass ich einen Fall durch meine Behinderung immer aus, gestatten Sie mir den Vergleich, einem anderen Blickwinkel wahrnehmen kann, als die sehenden Kollegen. Ich bin daher zu der Überzeugung gekommen, dass ich eine Bereicherung für das Team bin, in dem ich zukünftig arbeiten werde.

Reine Theorie, meine Herren, ich weiß. Doch eins versichere ich Ihnen, es steckt viel gedankliche Arbeit hinter dieser Idee. Darum war und bin ich bereit für sie zu kämpfen. Ich habe lange mit dem Innenministerium gestritten und verhandelt. Konnte mich durchsetzen, unter folgenden Bedingungen: Weder den Ort konnte ich mir aussuchen, an dem ich zukünftig arbeite, noch würde ich auf Grund meines Dienstgrades die Leitung einer Ermittlergruppe übernehmen. Darüber hinaus muss das Team, in dem ich arbeiten werde, damit einverstanden sein und zwar alle Teammitglieder. Ich habe jedoch auch die Möglichkeit, nein zu sagen.

Jetzt werden Sie die Frage stellen, wieso ich ausgerechnet in Paderborn anfrage. Ich kann es Ihnen nicht erklären. Vielleicht dachte man im Innenministerium, dass dies die Stadt sei, in die ich als eingefleischte Düsseldorferin am wenigsten möchte. Ich weiß also nicht...



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