Riebe | Eine Katze namens Moon | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 310 Seiten

Riebe Eine Katze namens Moon


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95530-001-2
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 310 Seiten

ISBN: 978-3-95530-001-2
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Warmherzig, witzig und unwiderstehlich charmant - der zauberhafte Katzenroman von Bestsellerautorin Brigitte Riebe beweist, dass die pelzigen Geschöpfe ihre ganz eigenen Geheimnisse hüten ... Moon heißt das hinreißende Tigerkätzchen, das in seiner neuen Umgebung zunächst einmal alles und jeden auf den Kopf stellt. Und am Ende zum Glücksbringer für die Familie Hirsch wird.

Riebe Eine Katze namens Moon jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Die Nacht war eine frühsommerliche Verheißung, warm, lockend, duftgetränkt. Weit geöffnete Fenster ließen weiche Luft herein, geschwängert mit dem Blütenstaub der Gräser, dem Geruch nach feuchter Erde. Evelyn Hirsch lag in ihrem breiten Bett aus Ahornholz, erschöpft, gleichzeitig aber viel zu überdreht, um endlich wirklich in das Reich der Träume zu gleiten. Immer wenn die Müdigkeit sie zu überwältigen drohte, schreckte sie wieder hoch, als gäbe es da draußen etwas, was sie um keinen Preis der Welt einschlafen lassen wollte.

Sie mußte über sich selbst lächeln. Nichts als Hirngespinste! Früher, als ihre Großmutter Pia noch lebte, hatte im Dachboden des alten Hauses manchmal eine Schar Fledermäuse genistet, aber das war längst vorbei. Das einzige, was jetzt zu hören war, war das Flüstern des Fliederbaumes, in dem der Wind spielte, direkt unter ihnen.

Neben ihr schnarchte Christoph Hirsch, der Mann, mit dem sie seit mehr als sechzehn Jahren Herz, Bett, Kindersorgen und die vielen kleinen Nöte des Alltags teilte. Sein blasses Gesicht war gelöst im Schlaf, ohne die Knitterfältchen um Mund und Augen, die sich in den letzten Monaten fast unauffällig eingekerbt hatten; eine feuchte, rotblonde Locke klebte an seiner Stirn. Er hatte die gleichen sinnlich aufgeworfenen Lippen wie sein Sohn. Jetzt, wo sie ganz entspannt und leicht geöffnet waren, sah er beinahe wieder so unbekümmert aus, wie damals auf dem Segelboot in der Ägäis, als sie sich in einer blauen Sommerdämmerung Hals über Kopf ineinander verliebt hatten, kaum, daß die anderen an Land gegangen waren.

Ein paar gerührte Augenblicke lang kämpfte sie mit sich. Er schlief auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet wie ein Kind, und wirkte wehrlos, beinahe unschuldig. Der resignierte Zynismus in seinen Zügen, der sie mehr als alles andere lähmte, war verschwunden. Sollte sie ihn wirklich anstupsen, damit er sich – in der Regel brummend – auf die Seite drehte und zumindest für eine Weile verstummte?

Als sein Atem jedoch unruhiger wurde und er damit begann, stetig ansteigende Knurrlaute auszustoßen, gab sie die Hoffnung, doch noch einzuschlafen, endgültig auf. Seltsamerweise konnte sie gar nicht anders. Sie mußte aus dem Bett! Leise seufzend erhob sie sich, bemüht, so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Natürlich knarzte die Treppe trotzdem wieder, obwohl sie auf Zehenspitzen hinunter in die Küche schlich.

Im Mondlicht konnte man sehen, wie sauber alles war. Und wie abgenutzt. Helle, tausendfach geschrubbte Resopalflächen, ein grau-weiß gewürfelter Plastikboden, knallrote Holzstühle, dreifarbige Glaslampe. Die perfekte Musterküche aus den fünfziger Jahren, seltsam genug in einer renovierungsbedürftigen Jugendstilvilla, mit hellgrauen, kunststoffbeschichteten Einbauteilen, zwischen denen sich der hohe weiße Eisschrank mit integrierter Kühltruhe und die Spülmaschine wie futuristische Fremdkörper ausnahmen. Beides erst jüngere Zugeständnisse an den Partyservice , den sie seit knapp zwei Jahren mit ihrer Freundin Maxie Malkowitch betrieb.

Seitdem hatte sie immer weniger Lust, auch noch für die Familie zu kochen. Einfallslose Schnellgerichte waren es, die sie ihr in der Regel vorsetzte. Sie wußte es selbst am besten, obwohl sich keiner je darüber beklagt hatte. Christoph schien oft nicht einmal zu bemerken, was er aß, und Fanny stopfte ohnehin kritiklos in sich hinein, was man ihr vorsetzte. Der einzige, der ihr manchmal einen erstaunten Blick aus schrägen Bernsteinaugen zuwarf und seinen Teller fast unberührt ließ, war Til, ihr Großer. Ein paar Tage lang riß sie sich dann zusammen, zauberte Nudelaufläufe, asiatische Wokgerichte mit duftigem Basmatireis oder, wenn es sie besonders hart getroffen hatte, einen Riesentopf Stifado, den die Kinder bis zum letzten Faserchen mit Brot auskratzten, weil sie ihn über alles liebten. Aber ihr Ehrgeiz erlahmte jedesmal rascher. Seitdem sie ihr Geld mit dem Zubereiten von Speisen auf Bestellung verdiente, schien es, als sei ihr früherer Instinkt, die Familie zu hegen und zu nähren, mehr und mehr zum Erliegen gekommen.

War es das, was ihr heute nacht keine Ruhe ließ?

So wie sie war, in ihrem Nachthemd mit den Spaghettiträgern, setzte sie sich auf einen der ausrangierten Küchenstühle, die winters wie sommers auf der Terrasse standen. All die formlosen, übergroßen T-Shirts, in denen sie die letzten Jahre schlafen gegangen war, hatte sie erst neulich ausgemustert. Sie genoß das Alleinsein, spürte das Mondlicht auf ihrer bloßen Haut. Das Haus nebenan, schon seit Monaten leergeräumt, lag im Dunkeln. Ihre ehemaligen Nachbarn hatten sich auf einen zu hohen Preis festgelegt und fanden trotz aller Bemühungen keine Käufer.

Wieder kein Käuzchenschrei, kein Knacken von Holz, nicht einmal ein ordentlicher Vollmond! Das gelbe Ding, das da träge am unverschämt samtblauen Nachthimmel dümpelte, war seitlich schon ein bißchen angefressen.

Unwillkürlich mußte sie an ihr früheres Lieblingsgedicht von Else Lasker-Schüler denken. Jetzt war ihre Zeit längst viel zu knapp geworden, um sich noch mit Lyrik zu beschäftigen. Meistens vergaß sie sogar, zu bedauern, daß es so gekommen war. Ein wenig fahrig zündete sie sich eine Zigarette an und inhalierte gierig. Unter dem feinen Batist zeichneten sich selbst im Sitzen die Hüftknochen ab. Keine Spur mehr von dem hartnäckigen Speckpolster, über das sie sich jahrelang geärgert hatte!

War sie deshalb so unruhig und nervös?

Angespannt lauschte sie in die Nacht hinaus. Aber da war nichts zu hören außer knirschendem Kies, vermutlich verursacht von einem vorbeifahrenden Fahrrad. In den letzten Monaten war sie richtig dünn geworden. Ihr Gesicht war nicht länger mondrund wie Fannys, sondern oval, eine milchigweiße, geschälte Mandel zwischen altmodisch gescheiteltem Rabenhaar. Pias schöne Korallenkette, die sie inzwischen nicht einmal zum Schlafen auszog, ruhte auf knochigen Schlüsselbeinen, und sie war dazu übergegangen, sich ihre Büstenhalter zwei Größen kleiner zu kaufen. Die schlanke Straffheit ihrer Waden unterstrich sie jetzt am liebsten durch hochhackige Schuhe, und sie trug zu Kleidern mit enger Taille und schwingenden Röcken eine Menge klimpernder Armreifen. Es gab Tage, da fühlte sie sich so leicht wie Luft. Das kam beinahe dem Körper nahe, den sie sich schon als junges Mädchen erträumt hatte!

»Gott, bist du vollkommen!« flüsterte Franz hingebungsvoll, wenn sie die Augen schloß und ihren Rücken durchbog, damit er sie im Stehen lieben konnte, oben in der heißen, vollgerümpelten Mansarde, wenn das Haus endlich leer war, und manchmal glaubte sie es ihm sogar. Dann bekam sie wieder den Kloß im Hals, und ihre Hände wurden flattrig. Bisweilen war ihr in diesen Momenten sogar nach Weinen zumute. Obwohl sie sich gleichzeitig nicht daran satthören konnte.

Natürlich war ihr leidenschaftlicher Liebhaber der wahre Grund der rapide purzelnden Kilos und keineswegs die Reihe soldatisch aufgestellter Magermilchjoghurts im oberen Kühlschrankfach, die den offiziellen Teil ihrer Legende darstellten. Von Tag zu Tag hoffte sie, daß Christoph und die Kinder ihr das Märchen von der wundersamen Dauerdiät auch weiterhin abnehmen würden. Deshalb aß sie in ihrer Gegenwart nur winzige Portionen, beschränkte sich auf Salat, angemacht mit Süßstoff und Zitrone, rosa Grapefruits und gegrillte Fischfilets und ersetzte zwei von drei Abendessen im Kreis der Familie durch ein großes Glas Weinschorle.

War sie allerdings mit Franz zusammen, brach die Gier nach jeder Art von Genuß ungehemmt durch. Dann konnte sie nach Herzenslust essen und trinken, voll dankbarem Erstaunen darüber, daß selbst nach solchen Völlereien der Zeiger der Waage unaufhaltsam nach links wanderte. Es war, als lodere ein unsichtbares Feuer in ihrem Körper, das nach und nach alles Fett verzehrte. Kein pralles, üppiges Fleisch mehr wie früher, das Christoph so anziehend gefunden hatte! Ihr Hals war lang, ihr Rücken straff und sehnig, wie der einer Tänzerin oder Amazone.

Langsam ging sie zurück zum Kühlschrank, goß sich ein großes Glas kalter Limonade ein und leerte es in einem einzigen Zug. Aber was auch immer in ihr brannte, sie konnte es nicht löschen. Sie legte die Hand auf die Brust, und es bummerte darunter so fest, daß die Haut hüpfte.

Wer nur rief sie so dringlich?

Unwillkürlich schaute sie halb über die Schulter in den Garten. Die Kronen der Obstbäume standen in dünngesponnenem Licht, und es war draußen fast beängstigend still. Keine Menschenseele weit und breit! Wahrscheinlich reine Einbildung, sagte sie sich, nichts weiter als eines jener seltsamen Phänomene, mit denen sie es in letzter Zeit schon öfter zu tun gehabt hatte. Denn das war die andere, weniger erfreuliche Seite der ranken Medaille: anhaltende Benommenheit, die niemals ganz von ihr wich und sich, kombiniert mit Schlaflosigkeit und Hitze, gelegentlich zu massivem Schwindel steigern konnte. Zweimal schon hatte sie im dichten Verkehr nur in allerletzter Minute bremsen können, ohne auf den Vordermann zu krachen, und war dann einfach regungslos sitzengeblieben, den Kopf auf dem Lenkrad, bis die Welt wieder stillstand und in ihren Ohren das Rauschen des Blutes leiser wurde.

Niemand ahnte etwas von diesen beunruhigenden Zuständen, nicht einmal Maxie, ihre Partnerin und beste Freundin in einem, die selbst schätzungsweise gut zwei Zentner Lebendgewicht mit Gelassenheit und erstaunlicher Grazie mit sich herumtrug. Und das war natürlich nur ein einziges Glied inmitten einer langen Kette von Halbwahrheiten, Ausreden und Schwindeleien, die nötig...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.