Rigoni Stern | Tönle | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Rigoni Stern Tönle


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70614-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-311-70614-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Geschichte eines Reisenden, dessen Leben untrennbar mit seiner Heimat verbunden ist. Auf der Hochebene von Asiago, an der Grenze zwischen dem Königreich Italien und Österreich-Ungarn, lebt Mitte des 19. Jahrhunderts Tönle Bintarn. Ein einfacher Mann, ein Hirte, der schmuggelt, um seine Familie zu ernähren. Als er aus Versehen einen Zollwächter verletzt, muss er fliehen und hilft fortan in den Wäldern Kärntens beim Holzabrinden und dann einem Bauern in der Steiermark aus, wird Hausierer von Kunstdrucken in den Karpaten, Gärtner in Prag, Pferdehirt in Ungarn. Doch jeden Winter kehrt der Einzelgänger von den Grenzbeamten unbemerkt nach Hause zurück, zu seiner Frau und seinen Kindern. Erst nach Jahren wird Tönle begnadigt und kann sein Leben als Schäfer wieder aufnehmen. Doch bald zerbricht die Welt, wie er sie kennt, erneut: Als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist er achtzig Jahre alt. Während seine geliebte Heimat nur noch ein Schlachtfeld ist, weigert sich der alte Mann, seine Herde, sein Haus und seine Familie aufzugeben. In poetischer, klarer Sprache erzählt Mario Rigoni Stern die Geschichte eines freien Geistes, der zwischen den Mächten der Geschichte gefangen ist: dem Untergang der K.u.k.-Monarchie, den Wirren des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der alten bäuerlichen Welt.

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1


Vorsichtig wie ein wildes Tier, das die Dämmerung abwartet, um ins Freie zu treten, beobachtete er vom Waldrand aus seine Gegend und das Dorf da unten, das in der breiten Senke mit den Wiesen lag. Der duftende Holzrauch löste sich im rosa und violetten Himmel auf, wo die Krähen in Gruppen flogen und sich riefen.

Sein Haus hatte einen Baum auf dem Dach: einen wilden Kirschbaum. Den Kern, aus dem er geboren worden war, hatte viele Jahre vorher eine Drossel dorthinauf gebracht, als sie ihn im Flug ausspuckte, und die Laune des Frühlings hatte ihn sprießen lassen, weil einer seiner Vorfahren neues Stroh auf die Bedachung gebreitet hatte, um die Wohnstätte vor Regen und Schnee zu schützen; das Stroh darunter war zu Humus und fast zu Erdscholle geworden. So war der Kirschbaum gewachsen.

Tönle Bintarn erinnerte sich beim Hinunterschauen, dass er als Kind, nach der Kornmahd, immer an dem Teil des Stalles hinaufgeklettert war, wo sich das große Dach fast mit dem Berghang vereinigte, und dass er alle die kleinen süßen Kirschen abgezupft hatte, bevor ihm die Amseln und Drosseln mit ihren Schnäbeln zuvorkamen. Die Kirschen waren wie Honig, und tagelang hatte er die Farbe von ihrem Saft an den Händen und um den Mund, und das Wasser des Prunnele konnte sie nicht wegwaschen. Im Herbst konnte man auch vom Gipfel des Moor das Pastellrot der Blätter wie eine Flamme leuchten sehen, die das armselige Haus schmückte und von den anderen abhob.

Jetzt, an diesem Dezemberabend, waren die Zweige eine Hieroglyphe auf dem Hintergrund des Himmels, und wäre nicht ein leichter Rauch aus den steinernen Luftlöchern unter den Dachvorsprüngen emporgestiegen, wären die Häuser des Dorfes eins gewesen mit dem vom Schnee bedeckten Boden. (Unsere Wohnstätten hatten damals noch keine Rauchfänge; ein Schlot mündete vom Hauptraum in den Dachboden, wo ein Korb aus tonverputzten Ruten die Funken dämpfte: Der Rauch breitete sich in dem geräumigen Dachboden aus, und so staute sich wertvolle Wärme über der Wohnung; gleichzeitig wurden die Lärchenbalken des Dachstuhls geräuchert und für Jahrhunderte geschützt.)

Er war neun Monate ausgeblieben, und Nachricht von sich hatte er ihnen aus Regensburg zukommen lassen, wo er einen Landsmann getroffen hatte, der nach Italien zurückkehrte. So war es ihm ergangen.

Wie immer, seit er kein Kind mehr war, musste er jeden Winter drei oder vier Reisen im Monat mit einer Ladung Schmuggelgut über die Grenze machen. Von drüben brachte er Schuhe mit Nägeln für die Männer und Kleidungsstücke für die Frauen, von hier nahm er Zuckerhüte, Schnaps und Tabak in Rollen mit, und auf einer Reise – wenn es gut ging – konnte er so viel verdienen, dass er einen Scheffel Gerste oder Mehl für Polenta, einen Topf gesalzenen Käse oder ein paar Stockfische kaufen konnte.

Nur: Dieses Geschäft war seit 1866 nicht mehr so leicht, denn die leichter zu überwindenden Grenzübergänge wurden von den königlichen Zollwächtern bewacht, die sie dort nicht immer durchließen, und bei dem Ruf: »Fermi altolà! – Stehen bleiben! Halt!«, mussten sie ihre Last fallen lassen und weglaufen. Aber es kam auch vor, dass Schmuggler, die in einer Gruppe organisiert waren, die bewachten Übergänge mit der vorherigen Einwilligung der Zollwächter heimlich passieren konnten, wenn sie für jede Traglast eine Silberlira als Weggeld in die Kappe der Zollwächter zahlten.

Mit Tönle hatten sich vier Kameraden aus der Gegend zusammengetan, und soweit es möglich war, folgten sie den Spuren der Holzschlitten; dann suchten sie Deckung im dichten Wald, und um keine auffälligen Fußstapfen zu hinterlassen, gingen sie unter den Bäumen weiter, wo der Schnee immer härter ist; in der Höhe hatten sie im Schutz der Felsen einen Pfad bis zur Grenze. Gefährlich war der Abstieg auf der anderen Seite in das Gebiet Franz Josephs, nicht wegen der kaiserlich-königlichen Gendarmen, sondern wegen der Lawinen, die oft von den Gipfeln in die Schluchten der Valsugana hinabstürzten. (Noch immer wird sich irgendjemand an einen Familienvater erinnern, einen Schuhmacher von Beruf, den im Vallone delle Trappole eine Lawine mitgerissen hatte. Er wurde im August von den Hirtenhunden gefunden, und an den Schultern hatte er noch immer den Sack mit den Holzpantinen.)

Um es kurz zu machen: Im März des Jahres, in dem unsere Geschichte beginnt, kehrte Tönle Bintarn gerade mit einer Last auf dem Rücken nach Hause zurück. In der Nähe des Dorfes hatten sich die Kameraden wie immer getrennt und verschiedene Wege eingeschlagen, um nicht aufzufallen, und er stieg mit vorsichtigem, aber festem Schritt vom Platabech herunter. Die Eisnägel der Schuhe bissen in den gefrorenen Schnee, der an den schattigen Stellen noch nicht geschmolzen war; in weniger als einer halben Stunde wäre er bei den Kindern und seiner Frau gewesen, hätte er sich im Warmen und Trockenen ausruhen und ausschlafen können. Die Frau und Petar, der älteste Sohn, hätten dann dafür gesorgt, dass die Ware an ihren Bestimmungsort kam.

Als er das »Altolà!« hörte, war er erstaunter, als wenn sie hinter ihm einen Schuss abgefeuert hätten. Aber er ließ seine Last nicht stehen, um frei laufen zu können – er war schon zu nahe bei seinem Haus –, sondern mit einem Sprung Richtung Tal verließ er den Pfad. Da unten stand der zweite Zollwächter, und als Tönle die Erde berührte, spürte er, wie ihn jemand am Arm packte, und er hörte den üblichen Ruf: »Stehen bleiben! Wir haben dich!«

Es war dann so, dass er sich losmachte, als er sich am Arm gepackt fühlte, und mit dem Stock aufs Geratewohl zuschlug. Der Zollwächter schrie auf und ging zu Boden. Tönle begann durch den Wald hinunterzulaufen, wo schon der Seidelbast blühte; er hörte die Schüsse und Kugeln, die über seinem Kopf die Zweige von den Buchen schlugen, und dann rufen: »Halt! Halt! Bleib stehen!« Und er hörte die Krähen krächzen und eine erschreckte Amsel, und dann hörte er noch einmal: »Halt! Bleib stehen! Wir haben dich erkannt!«

Er blieb erst an einem Platz stehen, von wo er die beiden Wächter beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Sie gingen die Weiden hinunter; der eine stützte seinen Kameraden, der sich mit einer Hand das Taschentuch an den Kopf hielt. Er sah, dass sie kurz stehen blieben und mit dem alten Ballot sprachen, der gerade das Feld für die Linsensaat vorbereitete. Dann gingen sie quer über die Wiesen der Gebrazar, blieben noch am Pach stehen, wo sie die Verletzung am Kopf betupften und wuschen, und schließlich machten sie sich zu den ersten Häusern des Dorfes auf den Weg.

Dann lief er hinab. Er ließ die Last im Pferch des Spille und war nun umso schneller zu Hause. Hastig erklärte er der Frau und dem Vater, was vorgefallen war, packte etwas zum Essen ein und kehrte in den Wald zurück, um sich in einem Felsenloch zu verbergen, das er gut kannte.

Eine Stunde später kamen Zollwächter und Carabinieri unter dem Kommando eines Offiziers ins Dorf. Natürlich durchsuchten sie das ganze Haus, vom Keller bis zum Heuboden, aber sie fanden nichts als Armut. Im Stall war der Boden durch die Blätterstreu und den Mist vom ganzen Winter mindestens um einen Meter höher geworden, sodass die Ziegen mit der Schnauze bis zum Fenster reichten und voller Sehnsucht auf die Weiden des Poltrecche schauen konnten, wo schon die Krokusse blühten. Ein Unterführer scheuchte die sechs Schafe und sechs Lämmer auf: ob der Verbrecher nicht zufälligerweise zwischen ihnen versteckt wäre.

Schließlich ließ der Oberleutnant alle Bewohner des Dorfes vor dem Haus zusammenkommen. Er sagte mit neapolitanischem Akzent: »Einer von der Zollwache ist bei der Ausübung seiner Pflicht schwer verwundet worden; wir wissen, wer der Täter ist, und auch ihr wißt es. Wenn sich der Verbrecher innerhalb einiger Stunden stellt, werden wir Gnade walten lassen. Sonst …« Er ballte im Handschuh die Faust, sprach jedoch die Drohung nicht aus. Dann fuhr er fort: »Wenn ihr ihm Zuflucht und Hilfe gewährt, macht auch ihr euch schuldig. – Verstanden?«

Niemand fügte ein Wort hinzu. Nur ein Alter murmelte etwas in einem Dialekt, den die anderen sicher nicht verstanden.

»Gehen wir!«, befahl der Offizier seinen Männern. Und auf der schmalen Straße, die von großen Steinplatten begrenzt war, kehrten sie, in Zweierreihen hintereinander, in das Dorf zurück.

Wo sie vorbeikamen, bellten die Hunde.

Die Tatsache, dass Tönle Bintarn einen von der Zollwache verwundet hatte, war im größten Dorf und in allen Weilern der Umgebung mit telefonischer Geschwindigkeit bekannt geworden, auch wenn es damals noch kein Telefon gab. Der Amtsrichter eröffnete eine Untersuchung; der Unterpräfekt rief den königlichen Polizeikommissar, den Kommandanten der Zollwache und den der königlichen Carabinieri zum Rapport. Aber am meisten sprach man davon im Geschäft des Puller, des Friseurs und Schuhmachers, der Nachrichten und Neuigkeiten für Schmuggler und Zollwächter, Staatsbeamte und Wirte, Kaufleute und Feldwebel, Holzknechte und Senner, Jäger und Priester sammelte und in Umlauf brachte.

Der Zwischenfall war am selben Abend auch im Offizierscasino der 63. Alpinikompanie Gegenstand der Unterhaltung. Unter den jungen piemontesischen Offizieren wurde das Verhalten der Grenzbewohner und deren Wildheit kritisiert; und man erinnerte sich auch, wie der berühmte Hauptmann Casati mit einer Kompanie Bersaglieri gegen etwa hundert Gebirgler einschreiten musste, die ohne höhere Bewilligung in den Gemeindewäldern Holz schlagen wollten. Was glauben die denn? Aber der Oberleutnant Magliano, der bestrebt war, der königlichen Musterungskommission...


Rigoni Stern, Mario
Mario Rigoni Stern wurde 1921 in Asiago in den italienischen Alpen geboren und wuchs in einer traditionellen Bergbauernfamilie auf. Als junger Mann trat er in die Armee ein und kämpfte im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Nach der italienischen Kapitulation 1943 wurde Rigoni Stern von den Deutschen gefangen genommen und deportiert. Ihm gelang die Flucht, und er kehrte zu Fuß in sein Heimatdorf zurück. Diese Erfahrungen prägten ihn tief und wurden zum zentralen Thema seines ersten und berühmtesten Werks, Il sergente nella neve. Nach dem Krieg arbeitete Rigoni Stern als Förster, widmete sich dem Schreiben und wurde zu einer der wichtigsten Stimmen der italienischen Nachkriegsliteratur. Mario Rigoni Stern starb 2008 in Asiago.



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