E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Ripper Karlo und der zweite Koffer
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-9815155-3-4
Verlag: Verlag Vogelfrei
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karlo Kölners zweiter Fall
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-9815155-3-4
Verlag: Verlag Vogelfrei
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Ripper, Jahrgang 1954, ist selbstständiger Werbefachmann, Fotograf und Gitarrist bei einer Frankfurter Rockband. Außerdem ist er begeisterter Motorradfahrer. Er lebt in Langenbieber in der Rhön und in Frankfurt am Main.
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Es begann allmählich dunkel zu werden. Die unansehnlichen Stellen des Bahnhofsviertels verschwanden langsam hinter grellbunten Neonreklamen. Karlo war schon lange nicht mehr hier gewesen. Viel schien sich nicht verändert zu haben. Vermisst hatte er diesen Stadtteil sowieso nie. Er rief sich die gesuchte Adresse zurück ins Gedächtnis. Nach kurzer Zeit hatte er das Haus gefunden. Das Gebäude in der Elbestraße hatte fraglos bessere Zeiten gesehen. Langsam fuhr er an dem verwahrlosten Bauwerk vorbei. Karlo bog links in die Kaiserstraße ein, wo er direkt an der Ecke einen Platz für sein Motorradgespann erspähte. Er setzte das Dreirad geschickt in die kleine Lücke und schaltete den Motor ab. Als er den Schlüssel zog, gab es noch eine kleine Verpuffung, dann stand das antiquierte Triebwerk still. Karlo setzte den Helm ab, löste die Spritzdecke des Seitenwagens und warf den Kopfschutz auf den Sitz.
Zurück in der Elbestraße sah er auf der gegenüberliegenden Seite den roten Mercedes stehen. Ein Strafzettel klemmte mahnend hinter dem Scheibenwischer.
Pech gehabt, Leo.
Karlo musste breit grinsen, als er die Szene hinter dem Wagen beobachtete. Ein seriös, aber unauffällig gekleideter Herr in mittleren Jahren blieb vor einer Eingangstür stehen. Unsicher blickte er sich nach allen Seiten um, das schlechte Gewissen stand ihm im Gesicht. Nachdem er ein zweites Mal nach allen Seiten gesichert hatte, zog er die Tür schnell auf und huschte ins Halbdunkel. Über der Tür blinkte ein rotes Neonherz auf gelbem Grund, darunter stand in einer geschwungenen Schreibschrift auf einem Leuchtkasten das Wort "Girls". Was der wohl seiner Frau entgegnete, wenn
sie ihn heute Abend fragte: "Na, hat alles geklappt auf der Arbeit?"
Immer noch grinsend hatte sich Karlo wieder abgewendet und studierte die Namen auf den Klingelschildern. Ein Leo Tilinski war nicht dabei. Dafür waren an drei Stellen gar keine Namensschilder vorhanden.
Unschlüssig kratzte sich Karlo am Kopf. Aus den Augenwinkeln sah er eine kleine Ansammlung männlicher Personen. Einer der Männer hockte in der Mitte und hantierte mit irgendwas auf dem Boden. Hütchenspieler. Gab es denn immer noch Leute, die auf dieses illegale Spiel hereinfielen? Na, selber schuld, wer da mitmachte ...
Kölner setzte gerade seinen Fuß auf die Straße, um sich den roten Wagen einmal genauer anzusehen, da bemerkte er Leo. Er hatte die Tür des Eingangs, in dem der verschämte Herr vorhin so überaus diskret verschwunden war, aufgedrückt und bahnte sich breitbeinig einen Weg zu seiner Limousine.
Kein Zweifel, das war sein nächtlicher Besucher. Leo kam an der Beifahrertür zum Stehen, da sah er den Strafzettel. Als er das Knöllchen wütend unter dem Scheibenwischer hervorriss, öffnete sich die Tür des Etablissements ein zweites Mal. Ein Mann in einem teuren Jogginganzug und einer rotglänzenden Bomberjacke eilte heraus und umrundete den Wagen.
"Hier, ich habs dir gleich gesagt", tönte Leo ihm entgegen, "aber nein ..." Leo hatte das blaue Papier inzwischen zusammengeknüllt und warf es seinem Fahrer hinterher.
Als der Mercedes mit den beiden zwielichtigen Gestalten in die Kaiserstraße einbog, ratterte der Motor der MZ schon. Da sollte noch mal einer was gegen die Zweiradklitsche aus Zschopau sagen. Das war noch Wertarbeit. Einfach eben. Aber was nicht dran war, konnte auch nicht kaputt gehen. Kuhl hatte schon recht ... manchmal.
Er ließ zwei, drei Autos zwischen sich und den roten Wagen gelangen, dann quetschte er sich in den fließenden Verkehr und nahm die Verfolgung auf.
Inzwischen war es finster geworden. Karlo befand sich nun ungefähr hundertfünfzig Meter hinter den beiden Männern im Mercedes. Sie hatten die Uferseite des Mains gewechselt und waren im Begriff, in die Offenbacher Landstraße einzubiegen.
Karlo glaubte, das Ziel der beiden zu kennen und scherte am Mühlberg in eine freie Parklücke ein. Er zog das Handy aus seiner Jackentasche und schaltete es ein. Ein Signal ertönte. Eine SMS: Jemand spielt hier falsch. Im Koffer war teilweise nur Puderzucker. Melde dich dringend bei den Bullen, sonst Ärger! Kuhl.
Karlo verzog das Gesicht. Was sollte das denn? Puderzucker? Kuhl hatte recht. Da spielte wohl wirklich jemand falsch. Er hatte sowieso gerade vorgehabt, Gehring anzurufen. Denn er hoffte, dass er sich nicht täuschte, was das Vorhaben der beiden Gauner betraf.
Karlo hörte das Freizeichen dreimal, dann wurde abgenommen.
"Ich hätte gern mit Hauptkommissar Gehring gesprochen. Was? Nicht da? Und Kommissar Reichard? Nein? Na, dann vielen Dank ... was? Sagen Sie den Herren bitte, ich hätte angerufen? Karlo Kölner ist mein Name, ich melde mich morgen wieder." Verärgert legte er auf. Er wählte Gehrings Mobilnummer, die ihm Kuhl für alle Fälle überlassen hatte. Vorübergehend nicht erreichbar.
Nach kurzem Überlegen rief er Kuhl zuhause an. Kuhls Frau Kristin nahm ab und erklärte gereizt, ihr Mann sei nicht daheim.
Karlo wählte die Handynummer Kuhls. Keiner nahm ab. In Windeseile klickte Karlo eine SMS zusammen, suchte erneut Kuhls Nummer aus der Liste und schickte die Nachricht ab.
Was sollte er nun tun? Einfach abwarten? Nein, das war nicht sein Ding. Er musste eben alleine zurechtkommen. Nach ein paar Minuten trat er seinen fahrbaren Untersatz an und lenkte ihn wieder auf die Straße. Ein paar hundert Meter folgte er ihr, dann bog er in den Breulsweg ein und stellte das Fahrzeug ab.
Er hatte die Straße überquert und lief bis oberhalb des Gartens, in dem sich seine vorübergehende Unterkunft befand. Der Zaun zur Straße war noch nicht repariert und lag auf zirka drei Metern flach in der Böschung. Der rote Mercedes war nirgends auszumachen. Karlo ging hinter einer Brombeerhecke in Deckung und spähte durch die Ranken, Richtung Gartenhütte.
Nichts zu sehen! Kölner wollte sich gerade erheben, da vernahm er undeutliche Stimmen, leise, flüsternd. Oder hatte er sich getäuscht? Vielleicht war alles nur falscher Alarm?
Es knirschte leise, als er behutsam auf den Maschendraht des flachliegenden Zauns stieg. Er ließ sich nach hinten zu Boden gleiten und kletterte auf diese Weise langsam die Böschung hinunter, ohne die Hütte aus den Augen zu lassen.
Kein Lüftchen regte sich und nichts war zu hören. Der Mond war nur zu weniger als einem Viertel zu sehen und wirkte auf Karlo wie ein grell beleuchteter abgeschnittener Fingernagel. Kurz musste er lächeln über diesen Vergleich, dann lief er geduckt auf die Eingangstür der Hütte zu.
Zu spät, dachte Karlo noch, als er erkannte, dass die Tür aufgebrochen war. Er spürte den Schlag auf seinem Hinterkopf nur noch kurz, dann verlor er das Bewusstsein.




