E-Book, Deutsch, Band 9, 206 Seiten
Reihe: Karlo Kölners Fälle
Ripper Lottoglück für eine Leiche
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-9817124-5-2
Verlag: Verlag Vogelfrei
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Karlo Kölners neunter Fall
E-Book, Deutsch, Band 9, 206 Seiten
Reihe: Karlo Kölners Fälle
ISBN: 978-3-9817124-5-2
Verlag: Verlag Vogelfrei
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Peter Ripper, Jahrgang 1954, ist selbstständiger Werbefachmann, Gitarrist bei einer Frankfurter Rockband und begeisterter Motorradfahrer und Fotograf. Er lebt in Langenbieber in der Rhön und in Frankfurt am Main.
Autoren/Hrsg.
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Mittwoch, 15. Juli
Frankfurt am Main
3
„Bitte, einmal die Rundschau. Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“ Der Inhaber des Zeitschriftenladens gegenüber der Eisdiele in Alt-Fechenheim schaute Karlo erwartungsvoll an. Karlo überlegte. „Ja“, begann er dann zögerlich, „ich wollte noch Lotto spielen.“
Karlo war kein Lottospieler, das war er noch nie gewesen. Deshalb überkam ihn plötzlich das unangenehme Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.
„Meine Freundin hat heute Nacht von einer Zahlenreihe geträumt“, erklärte er betreten, „und jetzt hat sie Angst davor, dass, wenn sie nicht spielt, genau diese Zahlen gezogen werden.“
„Ja, diese Frauen, nicht wahr? So sind sie eben.“ Der Ladeninhaber fing sich einen bösen Blick seiner Angestellten ein, die das Gespräch mitbekommen hatte. Er zuckte mit den Schultern und drückte Karlo einen Lottoschein in die Hand.
Augenblicke später war der Schein ausgefüllt. War ja nur ein Kästchen.
„Komm schon, auf einem Bein kann man nicht stehen.“
Karlo erschrak, als er die Stimme hörte. Seine Hand zuckte zur Seite und blieb an einem Zeitungsständer hängen. Dabei ritzte er sich die Haut am Handballen auf, und ein kleiner Tropfen Blut fiel auf den Lottoschein.
„Mist“, fluchte Karlo leise. Er wischte den Schein an der Hose ab und schaute nach links, von wo die heisere Stimme kam. Der Mann, dem die Stimme gehörte, schaute ihn erwartungsvoll an. Karlo taxierte ihn mit einigen knappen Blicken. Der Typ sah irgendwie ... abgelebt aus. Die Kleider schlotterten ihm um den hageren Leib. Sein graubraunes Fischgratsakko hatte schon bessere Zeiten gesehen. Fatalerweise war die rostbraune Cordhose etwas zu kurz und ließ einen gnadenlosen Blick auf die marode Fußbekleidung, ein paar speckige braune Wildlederschuhe nebst löcherigen Socken, zu.
Karlo zupfte sich nervös an der Nase. Er begriff nicht. „Bitte?“, fragte er unwillig.
„Na ja, ich meine, ein Kästchen ist einfach zu wenig. Du solltest wenigstens das nächste Feld noch ankreuzen. Diese Woche kommen bestimmt meine alten Zahlen dran, pass auf: zwei, elf, fünfzehn, siebzehn, fünfunddreißig, achtundvierzig.“
Karlo war perplex. Was erlaubte sich dieser Kerl? Doch irgendwie konnte er nicht anders. Bedächtig kreuzte er die Zahlen an. Was war heute nur los mit ihm? Zum zweiten Mal an diesem Tag ließ er sich überfahren.
Lottospielen.
Ausgerechnet er.
Er schüttelte den Kopf, tippte sich mit dem Finger an die Schläfe, ging zum Tresen und bezahlte. Dann steckte er Schein und Quittung in die Innentasche seiner Lederjacke und ging zur Tür. Er hatte keine Lust, sich auf den Hageren einzulassen, und ließ ihn einfach links liegen. Karlos innere Stimme meldete sich, und er kannte ihre Sprache, er kannte sie nur zu gut.
Vorsicht, Alter! Hierbei kommt nichts Vernünftiges raus!
Dieses eine Mal vernünftig bleiben.
Also zog er die Tür auf.
Na also, Karlo, geht doch.
Bevor er den Laden verlassen konnte, stach ihm die heisere Stimme in den Rücken.
„Butzbach? Neunzehnhundertzweiundneunzig?“
Karlo blieb ruckartig stehen und versteifte sich.
„Was?“ Langsam drehte sich Karlo um. „Wer zum Henker sind Sie?“
„Nein,“ rief der Hagere ungerührt, „nicht Butzbach.“ Er schien zu grübeln. Dann riss er theatralisch die Augen auf. „Klar, jetzt weiß ich’s wieder, eben fällt’s mir ein: Preungesheim. Zweitausendeins.“ Triumphierend schaute der Dürre in Karlos Gesicht. „Stimmt’s?“
Die Situation wurde ungemütlich, Karlo bekam feuchte Hände. Seine nicht ganz gesetzeskonformen Ausrutscher hatte er weit hinter sich gelassen. Klar, er hatte durchaus schon mal Mist gebaut. Das war jedoch Schnee von gestern, er hatte dazu gestanden und seine Strafe abgesessen. Es mussten nach all der Zeit aber nicht alle erfahren. Vor allem nicht durch diese Jammergestalt. Denn Karlo war beileibe kein schlechter Kerl, mittlerweile hatte er selbst schon oft dazu beigetragen, knifflige Fälle aufzuklären. Ja, sogar einige Polizisten zählten zu seinem engeren Freundeskreis.
Ein Schuss Adrenalin klumpte seinen Magen zusammen, ließ sein Herz schneller schlagen und brachte seine Unterarme zum Prickeln. Er kniff die Augenlider zusammen und ging auf den Mann zu. Nur wenige Zentimeter vor ihm blieb er stehen. „Ich weiß nicht, wer du bist“, zischte er gefährlich leise. „Ich weiß nicht, was du von mir willst. Aber besser wäre es, du willst es ganz schnell nicht mehr, verstanden?“
Der Ladeninhaber duckte sich unwillkürlich weg und musterte Karlo mit erschrocken aufgerissenen Augen.
Doch es passierte nichts. Karlo blieb ruhig, drehte sich abrupt um und verließ den Laden. Vor der Tür blieb er stehen und schob seinen linken Ärmel zurück. Halb eins zeigte seine abgewetzte Uhr. Er atmete dreimal tief durch.
Das hast du gut gemacht, Karlo. Immer ruhig bleiben. Den bist du los.
Da meldete sich das nächste Gefühl: Er bekam Hunger. Sollte er irgendwo eine Kleinigkeit essen? In der ehemaligen Stadt Offenbach? Oder war da schon wieder geschlossen? Vielleicht doch lieber in der Kastanie? Die Bluesmühle fiel aus, die hatte mittags noch zu, außerdem trafen Wirt Harry Webers fragwürdige autodidaktischen Kochkünste nicht ganz Karlos Geschmack.
Wenn er es freundlich ausdrücken wollte.
Was blieb also? Entschlossen wandte er sich nach rechts und lief die Straße entlang Richtung Kastanie. Natürlich könnte er auch nach Hause gehen und sich den Rest Leberkäse braten, dazu ein paar schöne Bratkartoffeln mit viel Zwiebeln und zwei oder besser drei Spiegeleiern.
Seine kulinarischen Träume fanden ein jähes Ende.
Denn da war sie wieder, diese heisere Stimme.
„Jetzt hab ich’s aber wirklich! JVA Weiterstadt. Zweitausendacht. Du bist der Karlo. Ich weiß noch genau: Damals hattest du dem Liebhaber deiner Freundin eins auf die Fresse gegeben. Und warst noch auf Bewährung.“ Ein kurzes meckerndes Lachen folgte. „Deshalb hatten sie dich wieder eingebuchtet, stimmt’s?“
Karlo konnte das frohlockende Grinsen hinter sich geradezu spüren. Er wirbelte herum und packte den abgerissenen Mann am Kragen. „Auf die Fresse geben? Das mach ich jetzt sofort mit dir, wenn du dich nicht augenblicklich vom Acker machst. Letzte Chance, klar?“
Die heisere Stimme wurde zu einem verzagten Wimmern. „Aber – aber, ich bin’s doch nur. Ich, der Otto. Otto Biernat.“
„Lotto-Otto!“
Karlo entspannte sich und ließ los.
„Sag ich doch“, hauchte der Mann kleinlaut, aber auch ein wenig erleichtert. Doch schnell hatte er sich wieder einigermaßen gefasst.
„Mensch, Karlo, ich war doch der Einzige, mit dem du damals geredet hast. Du hast dich nie gemeldet, obwohl ich schon zwei Wochen nach dir rausgekommen bin. Na ja, versäumt hast du nichts. Das Meiste, das ich angefangen habe, ist gegen die Wand gefahren. Hat denn wenigstens bei dir alles geklappt?“
Karlo war einen Schritt zurückgetreten und besah sich Biernat. „Was ist denn mit dir los? Du – du siehst so anders aus. Ich hätte dich fast nicht erkannt. Bist du krank? Du warst doch so ... na ja, wie soll ich sagen ...?“
„Fett?“
„Äh, nun ja, ich ...“, wand sich Karlo etwas verlegen.
„Sag’s ruhig, fett wolltest du sagen. Ja, du hast schon recht. Aber so ist das eben, wenn man keine Kohle hat. Nicht mal mehr zum Lottospielen, das musst du dir mal vorstellen. Man muss sich eben nach der Decke strecken. Nein, Karlo, ich bin nicht krank. Mir geht’s eigentlich ganz gut, körperlich wenigstens. Ansonsten ist es eben immer das Gleiche: das liebe Geld.“ Er kniff die Augen zusammen und zeigte ein bauernschlaues Grinsen. „Du kannst mir ja was abgeben, wenn meine Zahlen gewinnen.“
Nun wurde Karlo doch neugierig. Außerdem plagte ihn der Hunger. Nach Hause, in Jeannettes Wohnung, konnte er Biernat aber nicht mitnehmen. Auf keinen Fall.
Denn ein komisches Gefühl hatte er schon. Otto, der Knast – das alles war doch Vergangenheit. Und die hatte er schon lange hinter sich gelassen. Andererseits hatte er Lust bekommen, ein wenig mit Otto zu quatschen.
„Weißt du was, Otto?“ Karlo rieb sich die Hände. „Wir gehen was essen. Ich lade dich ein. Wir gehen in die Kastanie. Dann können wir ein wenig reden.“
Die Einladung sollte sich als überaus kostspielig herausstellen. Karlo hatte Ottos Appetit gewaltig unterschätzt. Der dürre Mann schien wie ein Fass ohne Boden, und Karlo machte sich langsam Sorgen um seine Finanzen.
Otto Biernat hingegen strich sich zufrieden über den Bauch. Als Vorspeise hatte er eine beachtliche Portion Matjesfilet „Hausfrauen Art“ zu Salzkartoffeln mit...




