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E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Roesler Die Archetypentheorie im 21. Jahrhundert
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-17-043605-3
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kritik und Neukonzeption
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-17-043605-3
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. habil. Christian Roesler, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, lehrt Klinische Psychologie an der Katholischen Hochschule Freiburg i. Br. sowie Analytische Psychologie an der Universität Basel. Er ist darüber hinaus Dozent an den C.G. Jung-Instituten Zürich und Stuttgart sowie Lehranalytiker am Aus- und Weiterbildungsinstitut für Psychoanalytische und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg (DGPT).
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3 Die Theorie der Archetypen in Jungs Werken
1912 veröffentlichte Jung Wandlungen und Symbole der Libido (später revidiert als Symbole der Wandlung; GW 5), in der er die Phantasien einer jungen Frau untersucht und diese erstmals anhand von sogenannten archetypischen Mustern beschreibt. Dies war auch der Punkt, an dem er sich deutlich von Freuds Psychoanalyse entfernte und begann, seine eigene AP zu bilden. Hier zeigt sich, wie grundlegend der Begriff des Archetyps in der AP ist. In dieser Publikation untersucht Jung die Parallelen zwischen den Phantasiebildern einer jungen Frau und mythologischen Themen, z.?B. dem Heldenmythos. Seine erste Verwendung des Begriffs Archetypus kann auf 1919 datiert werden:
»Auf dieser tiefen Ebene finden wir die a priori, angeborenen Formen der Intuition, nämlich die Archetypen der Wahrnehmung und Erkenntnis, die die notwendigen a priori Determinanten aller mentalen Prozesse sind« (Jung 1919, GW 9/I).5
Davor und synonym dazu verwendet Jung in seinen Werken auch den Begriff Bild, Urbild oder primordiales Bild; andere von Jung verwendete Begriffe sind: »symbolische Formen« (Jung 1921/1971, 625); »strukturelle Dominanten« (Jung 1942/1948, 222).
In den Definitionen von 1921 bezieht sich Jung unter der Überschrift Bild (GW 6, 759?–?773) auf den Begriff Archetypus, was ein Phantasiebild bedeutet, das Produkt unbewusster Phantasietätigkeit. Diese Phantasiebilder haben einen archaischen Charakter. Dieses Bild ist ein konzentrierter Ausdruck der gesamten psychischen Situation, nicht nur der unbewussten Inhalte, sondern auch derjenigen, die gerade konstelliert sind. Die Konstellation kommt durch die Aktivität des Unbewussten selbst zustande, die durch die aktuelle Bewusstseinssituation angeregt wird. Archaische Bilder haben eine auffällige Ähnlichkeit zu mythologischen Motiven, welche daher als kollektives Unbewusstes bezeichnet werden.
»Das urtümliche Bewußtsein, das ich auch als ›Archetypus‹ bezeichnet habe, ist immer kollektiv, d.?h. es ist mindestens ganzen Völkern oder Zeiten gemeinsam. Wahrscheinlich sind die hauptsächlichsten mythologischen Motive allen Rassen und Zeiten gemeinsam; so konnte ich eine Reihe von Motiven der griechischen Mythologie in den Träumen und Phantasien von geisteskranken reinrassigen Negern nachweisen. Von einem naturwissenschaftlich-kausalen Gesichtspunkt aus kann man das urtümliche Bild als einen mnemischen Niederschlag, ein Engramm (SEMON) auffassen, das durch Verdichtung unzähliger, einander ähnlicher Vorgänge entstanden ist. In dieser Sicht ist es ein Niederschlag und damit eine typische Grundform eines gewissen, immer wiederkehrenden seelischen Erlebens. [...] Unter diesem Gesichtspunkt ist es ein psychischer Ausdruck einer physiologisch-anatomisch bestimmten Anlage.« (GW 6, 764?–?765)
Jung führt aus, dass die Form dieser psychologischen Bilder nicht einfach das Ergebnis der Beobachtung von Naturvorgängen sein kann, z.?B. des Auf- und Untergangs von Sonne und Mond. Dies könne nicht die allegorisch-symbolische Verwendung dieser Bilder erklären. Andererseits macht er, wie im obigen Zitat, deutlich, dass er die Archetypen als durch immer wiederkehrende Erfahrungen der frühen Menschen, durch typische Erfahrungen der Menschheit, geformt sieht. Allerdings handelt es sich nach Jung nicht um Erfahrungen in der Außenwelt, sondern vielmehr in der Innenwelt der Psyche, die nur durch äußere Ereignisse aktiviert werden kann. Die Archetypen geben also ein Bild der inneren Welt des Menschen und nicht seiner Umwelt. Darüber hinaus plädiert Jung für eine biologische und erbliche Grundlage der Archetypen. Wir werden sehen, dass es bei Jung unterschiedliche Argumentationslinien zu dieser biologischen Grundlage gibt. Eine davon ist die Vorstellung, dass die interindividuelle und interkulturelle Ähnlichkeit archetypischer Muster durch die allen Menschen gemeinsame, ähnliche Gehirnstruktur zustande kommt (GW 6, 765). Das Urbild ist also die Voraussetzung dafür, dass Beobachtungen in der Natur und ihre Wahrnehmung ihre Ordnung erhalten. Das Urbild ist auch die Voraussetzung für Ideen, es übernimmt in seiner Erscheinung als Symbol die Aufgabe, undifferenzierte Wahrnehmungen und psychische Zustände mit Emotionen zu verbinden, ist also ein Vermittler.
»Das urtümliche Bild [...] ist ein eigener lebender Organismus, ›mit Zeugungskraft begabt‹, denn das urtümliche Bild ist eine vererbte Organisation der psychischen Energie, ein festes System welches nicht nur Ausdruck, sondern auch Möglichkeit des Ablaufes des energetischen Prozessess ist. Es charakterisiert einerseits die Art, wie der energetische Prozeß seit Urzeit immer wieder in derselben Weise abgelaufen ist, und ermöglicht zugleich auch immer wieder den gesetzesmäßigen Ablauf, indem es eine Apprehension oder psychische Erfassung von Situationen in solcher Art ermöglicht [...]. Diese Apprehension der gegebenen Situation wird durch das a priori vorhandene Bild gewährleistet.« (GW 6, 773)
Was sich bereits aus diesem frühen Text deutlich ableiten lässt, sind die Umrisse des Begriffs und die zentralen Elemente von Jungs Theorien rund um den Begriff der Archetypen. Ich würde sogar behaupten, dass die Hauptelemente des Konzepts schon lange vorher in Jungs Denken vorhanden waren. Sie finden sich in Symbole der Wandlung und wurden dann durch seine eigenen Erfahrungen während seiner Krise nach dem Bruch mit Freud bestätigt. Diese Elemente sind:
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die apriorische Natur von Archetypen, was bedeutet, dass sie dem menschlichen Verstand gegeben werden, bevor es irgendwelche Erfahrungen gibt
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sie sind völlig unbewusst und waren nie bewusst, waren also nie ein Element des bewussten Erlebens (in starkem Gegensatz zu Freuds Vorstellung, der davon ausging, dass unbewusstes Material hauptsächlich aus ehemals bewussten Erfahrungen besteht, die dann verdrängt wurden, mit Ausnahme der sogenannten Urphantasien)
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sie sind Organisatoren der Wahrnehmung und verantwortlich für die Bildung von Ideen und psychischen Bildern (GW 8, 403)
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sie erscheinen zuerst und vor allem als Bilder
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sie sind kollektiv, also über alle Zeiten, Epochen und Völker hinweg ähnlich
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sie verbinden den modernen Menschen mit archaischen Menschen in der Vorgeschichte und mit der Naturgeschichte im Allgemeinen
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sie kanalisieren Emotionen und psychische Energie
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sie haben eine biologische Grundlage und sind in gewisser Weise mit den Instinkten von Tieren vergleichbar
»Der Archetypus ist reine, unverfälschte Natur, und es ist die Natur, die den Menschen veranlaßt, Worte zu sprechen und Handlungen auszuführen, deren Sinn ihm unbewußt ist, und zwar so unbewußt, daß er nicht einmal darüber denkt. [...] Angesichts der Ergebnisse der modernen Psychologie kann kein Zweifel mehr darüber walten, daß es vorbewußte Archetypen gibt, die nie bewußt waren und indirekt nur durch ihre Wirkungen auf die Bewußtseinsinhalte festgestellt werden können. Es besteht meines Erachtens kein haltbarer Grund gegen die Annahme, daß alle psychischen Funktionen, die uns heute als bewußt erscheinen, einmal unbewußt waren und doch annähernd so wirkten, wie wenn sie bewußt gewesen wären. Man könnte auch sagen, daß alles, was der Mensch an psychischen Phänomenen hervorbringt, schon vorher in naturhafter Unbewußtheit vorhanden war.« (GW 8, 412)
Dieses Zitat fügt den Grundzügen von Jungs Archetyp-Konzept zwei weitere Elemente hinzu: Jung geht davon aus, dass der Primärzustand der Psyche unbewusst ist, was bedeutet, dass sich im Laufe der Entwicklung das Bewusstsein aus einem allgemeinen Primärzustand des Unbewussten entwickelt. Andererseits gibt es die Vorstellung, dass dieses kollektive Unbewusste, das die Archetypen enthält, eine bestimmte Richtung, ein Ziel oder sogar eine Absicht hat (s.?u.).
Das vielleicht wichtigste Merkmal von Jungs Konzept der Archetypen ist ihre Universalität, was bedeutet, dass sie von allen Menschen geteilt werden, unabhängig von Zeit und Ort (GW 9/I, 273). Dieser Gedanke ist für Jungs Argumentation insofern von großer Bedeutung, als sie bei jedem Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt spontan wieder auftauchen können, nämlich im Falle der Psychopathologie. Daran anknüpfend ist es für sein Konzept des psychotherapeutischen Prozesses von großer Bedeutung, weil es von der Annahme ausgeht, dass der Prozess von Archetypen geleitet wird. Jung setzt auf die Existenz und Verfügbarkeit aller Archetypen in jedem Menschen. Der Aspekt der Universalität ist auch für Jungs Erklärung von Ähnlichkeiten in kulturellen Gewohnheiten, Mythologien und religiösen Vorstellungen von Bedeutung.
»Das kollektive Unbewußte entwickelt sich nicht individuell, sondern wird ererbt. Es besteht aus präexistenten Formen, Archetypen, die erst sekundär bewußtwerden können und den...




