Roth | Der Plan | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Roth Der Plan

Roman
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-400832-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-10-400832-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Konrad Feldt ist Mitarbeiter der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Und er ist lesesüchtig. Ein Leben ohne Lektüre ist für ihn unvorstellbar. Eines Tages gesteht ihm ein Kollege, daß er ein wertvolles handschriftliches Manuskript Mozarts aus der Bibliothek gestohlen hat. Nachdem er Feldt das Autograph übergeben hat, begeht der Dieb Selbstmord. Feldt sieht nun eine Chance, sich ohne großes Risiko finanziell unabhängig zu machen, indem er die Handschrift nicht an die Nationalbibliothek zurückgibt, sondern an einen potenten Autographensammler verkauft. Er erhält ein Angebot von einem japanischen Händler und reist nach Tokio. Da das Manuskript aber außerordentlich wertvoll ist, wird das Geschäft schwieriger und gefährlicher, als Feldt es anfangs annahm. Sein als Vortragsreise getarnter Aufenthalt in Japan dehnt sich aus, er sieht sich kriminellen Nachstellungen ausgesetzt. Als er den Händler schließlich in dessen Buchhandlung aufsucht, ist dieser durch einen Anschlag tödlich verletzt worden und stirbt in Feldts Beisein. Nun steht Feldt auch noch unter Mordverdacht. Die Reise nach Japan entwickelt sich für Feldt zugleich zu einer Entdeckungsfahrt in seine Innenwelt.

Gerhard Roth, geboren 1942 in Graz und gestorben im Februar 2022, war einer der wichtigsten österreichischen Autoren. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus »Die Archive des Schweigens« und den nachfolgenden Zyklus »Orkus«. Zuletzt erschienen die drei Venedig-Romane »Die Irrfahrt des Michael Aldrian«, »Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier« und »Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe«. Sein nun letzter Roman »Die Imker« ist im Mai 2022 erschienen. Literaturpreise (Auswahl): Preis der »SWF-Bestenliste« Alfred-Döblin-Preis Marie-Luise-Kaschnitz-Preis Preis des Österreichischen Buchhandels Bruno-Kreisky-Preis 2003 Großes Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien 2003 Jakob-Wassermann-Preis 2012 Jeanette-Schocken-Preis 2015 Jean-Paul-Preis 2015 Großer Österreichischer Staatspreis 2016 Hoffmann-von-Fallersleben-Preis 2016
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2. Kapitel


Kunsthändler Hayashi


(Beschreibung eines Unsichtbaren)

Der Zollinspektor befahl ihm streng, seinen Koffer zu öffnen. Kleine Schweißtropfen standen auf dem Kinn des Beamten, in einer Hand hielt er die khakifarbene Mütze, mit der anderen kratzte er sich am Kopf. Er forderte Feldt auf, einige Wäschestücke herauszunehmen, zeigte auf den Asthmaspray und verlangte in Englisch eine Erklärung. Auf die Antwort Feldts zog er die Augenbrauen hoch, musterte ihn kurz und gab ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen, daß er gehen könne. Feldt spürte die acht Stunden Zeitverschiebung – in Wien war es jetzt drei Uhr früh und hier später Vormittag. Er kaufte sich, da ihm die japanischen Schriftzeichen ins Auge stachen, eine Zeitung und steckte sie ein. Die Herrentoilette in der Empfangshalle, die Dr.Hayashi als Treffpunkt angegeben hatte, war leer. Feldt stellte den Koffer auf den Boden, wusch sich Gesicht und Hände und trocknete sie mit einem Handtuch aus dem Koffer ab. Als er Hayashi zum ersten Mal angerufen hatte – Adresse und Telefonnummer fanden sich im Geständnis Glasers –, hatte er sich als Beamter der Nationalbibliothek vorgestellt, ihm beiläufig den Tod des Oberaufsehers und seine Telefonnummer mitgeteilt und hinzugefügt, daß nun , Feldt, das Geschäft abwickeln werde. Dr.Hayashi hatte daraufhin geantwortet, er wisse nicht, wovon die Rede sei, und aufgelegt. Aber schon am nächsten Tag hatte er sich gemeldet und weitere Verhandlungen unter der Bedingung angeboten, daß die Initiative ihm überlassen bliebe. Er hatte unauffällig die Einladung Feldts nach Japan betrieben und ihm den Treffpunkt im Flughafengebäude mit Maschinenschrift auf einer anonymen Briefkarte mitgeteilt, sonst aber den Kontakt auf das Notwendigste beschränkt. Feldt wartete eine halbe Stunde vor dem glänzend weißen Waschbecken und betrachtete sich dabei hin und wieder im Spiegel. Er war nicht sehr groß, schlank, und das Haar fiel ihm in die Stirn. Die goldgerahmte Brille gab ihm ein jungenhaftes, intellektuelles Aussehen. Jetzt, wie er übernächtigt in dem nackten Raum stand, glaubte er, etwas von Verlorenheit an sich zu entdecken. Er fand, daß er nicht älter als 28 aussah. Sein 30. Geburtstag vor fünf Jahren war für ihn ein grauenhaftes Datum gewesen, mit einem Schlag war er sich alt vorgekommen, und mit Sicherheit trug auch dieser Umstand Schuld daran, daß er bereit war, sein bisheriges Leben aufzugeben. Er dachte, daß es in seinem weiteren Dasein keine größere Krise mehr geben konnte als den 30. Geburtstag, den er mit dem Ende seiner Jugend gleichsetzte. Er hatte sogar (halb im Ernst) den Vorsatz gefaßt, Selbstmord zu begehen, der Tod seines Vaters hatte ihn allerdings von dem Gedanken wieder abgebracht, bestimmt aber hätte er ohne dieses Ereignis einen anderen Grund gefunden, es nicht zu tun, denn er liebte das Leben mehr, als er sich eingestand.

Die Fliesen der Toilette waren blau, Wasser rauschte, und Feldt fielen die Fische in seinem Stammlokal ein, die im engen, von Sauerstoffblasen durchperlten Aquarium auf ihren Tod warteten. Inzwischen herrschte ein Kommen und Gehen, Japaner in Anzügen schlugen ihr Wasser ab, suchten eine der Kabinen auf oder wuschen sich die Hände. Feldt musterte jeden einzelnen, manchmal wurde sein Blick erwidert, so daß er hoffte, es handle sich um Hayashi, aber sogleich wandten die Betreffenden ihren Blick wieder von ihm ab. Er haßte die Situation, doch er mußte sich eingestehen, daß es irgendwelche Komplikationen gegeben hatte.

Schließlich verließ er die Toilette und nahm vor dem Eingang die Zeitung aus der Tasche, als ein Mann auf ihn zueilte, der sich im nächsten Augenblick – außer Atem – als Michael Wallner von der Österreichischen Botschaft vorstellte. Wallner warf einen neugierigen Blick auf die japanische Zeitung, die gerade in Feldts Jackentasche verschwand, und beteuerte, daß er ihn überall gesucht habe. Er habe den Auftrag, ihn zum Hotel zu bringen. Feldt war irritiert … Außer Hayashi wußte niemand von dem Treffpunkt … Ob man ihn nicht informiert habe, fragte Wallner, als er Feldts Erstaunen bemerkte. »Hier sind die Entfernungen so groß«, fügte er entschuldigend hinzu, »ein Taxi würde Sie ein Vermögen kosten.« Wallner war etwa 35 Jahre alt, trug ein schwarzes Ledersakko und eine Hornbrille, die auf dem Nasenrücken nach vorne gerutscht war. Er erinnerte Feldt an einen jungen Priester vom Land, wie er ihn verlegen anlächelte und sich hilfsbereit nach seinem Koffer bückte.

Verärgert folgte er dem beflissenen Wallner, der inzwischen den Koffer aufgehoben hatte und ihm vorauseilte, als fürchtete er, zu spät zu kommen, wie das weiße Kaninchen in Lewis Carrolls .

Draußen war es regnerisch und kalt.

Im Kleinbus wartete auf dem Vordersitz eine betrübt vor sich hin blickende Japanerin. Ihr schwarzes Haar war im Nacken zusammengebunden, sie nickte ihm zu, ohne daß sich das melancholische Gesicht mit den schräggestellten Augenbrauen zu einem Lächeln verzog.

»Frau Sato«, sagte Wallner, während Feldts Ärger einem allgemeinen Unbehagen wich. »Sie wird Sie in den nächsten Tagen betreuen … «

Rasch gelangten sie auf das offene Land. Die Bauernhäuser standen in kleinen Abständen in der flachen Landschaft, ihre Satteldächer waren mit kobaltblauen, glacierten Ziegeln gedeckt. Die meisten waren neu, so daß die wenigen älteren und verfallenen aus Holz Feldt auffielen.

Mitunter prasselte ein Regenschauer gegen die Scheibe.

Feldt versuchte, sich zu konzentrieren, aber er fühlte sich benommen, wie nach einem Faustschlag ins Gesicht. Das Auto war außerdem überheizt, und der Linksverkehr auf der Straße verwirrte ihn zusätzlich.

Inzwischen hatte Wallner über Erdbeben zu sprechen begonnen. Feldt hatte den Anfang nicht mitbekommen, da sein Problem die Wahrnehmungen mit einer Tarnkappe überzog. Er wußte nicht, wie er sich Dr.Hayashis Nichterscheinen erklären sollte. Es drückte Verachtung aus. Möglicherweise bedeutete es auch Mißtrauen oder Angst, oder man wollte das riskante Geschäft überhaupt fallenlassen. In seiner Ohnmacht schwor er, sich zu rächen, ohne zu wissen an wem.

Er sah das Gesicht von Frau Sato im Rückspiegel, ihre tieftraurigen Augenbrauen, die Nase und, als er sich bewegte, ein Ohr. Es war ein so zartes Ohr, ein so liebliches Ohr, es drückte für ihn etwas von Vornehmheit und Güte aus. Er bemühte sich, ihre Hände zu sehen, ihre Fingernägel. Sie waren ein wenig kräftiger, als er vermutete.

Er drehte den Kopf zur Seite und erblickte durch das Fenster mächtige Hochspannungsmasten, dazwischen Gemüsefelder, verwilderte Landstücke mit dichtem verfilztem Bambusgebüsch, dann wieder Äcker mit vulkanroter Erde und Häuser mit immergrünen Zierbäumen und -sträuchern, die ihm wie in die Höhe geschossene Bonsaigewächse erschienen. Sodann fuhren sie durch eine gelb und grün gesprenkelte Obstplantage, Zitronen- und Orangenbäume waren mit blauen Netzen zum Schutz gegen die Vögel abgedeckt. Von Tokyo war weit und breit nichts zu sehen. Trotz der sorgenvollen Gedanken stieg Müdigkeit giftig und schwer in ihm auf.

Er kurbelte das Fenster hinunter, um sie zu verscheuchen.

Wallner beobachtete ihn im Rückspiegel.

»Sie dürfen jetzt nicht einschlafen, sonst brauchen Sie eine Ewigkeit für die Zeitumstellung«, sagte er, ohne sich umzudrehen. »Wir machen einen kleinen Umweg, wenn Sie nichts dagegen haben … Frau Sato möchte ihre Schwester sehen … «

Auf den Straßen der Siedlungen, durch die sie fuhren, reihten sich die beleuchteten Getränkeautomaten aneinander. Rote und blaue Fahnen mit Botschaften in Kanji und Kana (chinesischen und japanischen Schriftzeichen, wie er aus der Lektüre seines Reiseführers wußte) hingen schlaff vor den Geschäften im Regen. Und da war es wieder: Dieses Gefühl zwischen Neugier und sanfter Betäubung, das seinen phantastischen Gedanken und Einfällen vorausging, wie beim Blättern in einem Buch, wenn er als Kind Illustrationen betrachtet hatte, ohne sie zu verstehen oder den Text zu kennen, und wenn in knisternder Geschwindigkeit eine Fülle weiterer durchschimmernder, wie Eis auf der Herdplatte zergehender Bilder in seinem Kopf entstanden. So wie jetzt, als er sich vorstellte, die Häuser seien innen mit blutroten Drachentapeten ausgekleidet oder Mustern aus Vögeln oder Zierfischen bemalt, und auf den Fahnen vor den Häusern seien Gedichte zu lesen oder einfach Zahnambulatorien, Buchhandlungen, Bordelle oder Fleischereien angekündigt. Zwischen den Häusern standen Autos mit weißen Preisbezeichnungen auf den Windschutzscheiben, auf den Arealen der Gebrauchtwagenhändler blühten rosa und gelb künstliche Bäume mit Kirschblütenimitationen, das gefiel ihm, nach der trüben Novemberkälte in Wien. Wenn Hayashi keinen Kontakt mehr mit ihm aufnehmen würde, was sollte er dann tun? Ihn anzurufen erschien ihm als eine zu große Demütigung. Aber vielleicht gab es eine ganz banale Erklärung für seine Abwesenheit … Das war sogar am wahrscheinlichsten.

»Frau Sato ist Germanistin … Ich habe sie Ihnen noch gar nicht richtig vorgestellt«, sagte Wallner.

Feldt blickte in den Rückspiegel. Frau Satos Gesichtsausdruck blieb ernst und unbeweglich. Er schloß die Augen vor Müdigkeit. Dann mußte er für kurze Augenblicke eingeschlafen sein, aber im selben Moment, als er es bemerkte, öffnete er rasch wieder die Lider. Er spürte den kalten Fahrtwind im Gesicht. Bauern verkauften Gemüse auf der Straße, sah er jetzt, ab und zu tauchten Palmen am Straßenrand auf, und in den Häuserzeilen entdeckte er Reisgeschäfte mit gefüllten Säcken aus Papier und...


Roth, Gerhard
Gerhard Roth, geboren 1942 in Graz und gestorben im Februar 2022, war einer der wichtigsten österreichischen Autoren. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus 'Die Archive des Schweigens' und den nachfolgenden Zyklus 'Orkus'. Zuletzt erschienen die drei Venedig-Romane 'Die Irrfahrt des Michael Aldrian', 'Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier' und 'Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe'. Sein nun letzter Roman 'Die Imker' ist für Mai 2022 geplant.Literaturpreise (Auswahl):

Preis der 'SWF-Bestenliste'
Alfred-Döblin-Preis
Marie-Luise-Kaschnitz-Preis
Preis des Österreichischen Buchhandels
Bruno-Kreisky-Preis 2003
Großes Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien 2003
Jakob-Wassermann-Preis 2012
Jeanette-Schocken-Preis 2015
Jean-Paul-Preis 2015
Großer Österreichischer Staatspreis 2016
Hoffmann-von-Fallersleben-Preis 2016

Gerhard RothGerhard Roth, geboren 1942 in Graz und gestorben im Februar 2022, war einer der wichtigsten österreichischen Autoren. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus 'Die Archive des Schweigens' und den nachfolgenden Zyklus 'Orkus'. Zuletzt erschienen die drei Venedig-Romane 'Die Irrfahrt des Michael Aldrian', 'Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier' und 'Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe'. Sein nun letzter Roman 'Die Imker' ist für Mai 2022 geplant.Literaturpreise (Auswahl):

Preis der 'SWF-Bestenliste'
Alfred-Döblin-Preis
Marie-Luise-Kaschnitz-Preis
Preis des Österreichischen Buchhandels
Bruno-Kreisky-Preis 2003
Großes Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien 2003
Jakob-Wassermann-Preis 2012
Jeanette-Schocken-Preis 2015
Jean-Paul-Preis 2015
Großer Österreichischer Staatspreis 2016
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