Ruban | Der Duft des Wals | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 223 Seiten

Ruban Der Duft des Wals

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8412-3757-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 223 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3757-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein absurd-komischer Roman über den Duft des Verfalls.

Judith und Hugo versuchen, ihre Ehe zu retten, indem sie sich einen Aufenthalt in einem luxuriösen All-Inclusive-Resort in Mexiko gönnen. Das Meer glitzert am Horizont, die Eiswürfel klirren im Glas, doch dann trübt sich die Stimmung: Ein toter Wal wird an den Strand gespült und verströmt einen üblen Geruch, den die tropische Brise trotz aller Bemühungen des Hotelpersonals bis in den letzten Winkel trägt. Wie lange lässt sich unter diesen Umständen die Illusion vom perfekten Urlaubsparadies aufrechterhalten? Mit viel Humor und Zärtlichkeit lotet Paul Ruban das Unbehagen aus, das sich im Verborgenen einstellt und so lange verstärkt, bis es nicht mehr zu ignorieren ist ...



Paul Ruban wurde in Winnipeg, Kanada, geboren und ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Übersetzer. Er lebt in Kanada und in Deutschland. 'Der Duft des Wals' ist sein erster Roman, der in Kanada zu einem Überraschungserfolg wurde. Jennifer Dummer ist freie Journalistin, Übersetzerin und Vermittlerin Québecer Kultur in den deutschsprachigen Raum. Sie studierte französische Literaturwissenschaft in Mainz, Berlin und Montréal und übersetzte u. a. Joséphine Bacon, David Goudreault und Marie-Anne Legault.
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Waldemar


»Heiliger Christophorus, mach, dass meine Hände stark und meine Augen wachsam sind und dass ich niemandem auf meinem Weg schade. Beschütze mich und beschütze alle, die mir durch jedes Übel und jedes Unheil helfen. Lehre mich, das Gefährt zum Nutzen anderer zu bedienen, und die Liebe zur Geschwindigkeit abzuwehren. Führe uns sicher an unser Ziel, so dass ich auf meinem Weg stets freundlich und höflich bin. Amen.«

Dieses Gebet baumelt eingeschweißt und mit umgeknickten Ecken an meinem Rückspiegel. Und verdreht sich in jeder Kurve.

Das Gefährt, das es schützt, ist ein Golfcart, das keine 40 Kilometer die Stunde schafft. Ich hielt es trotzdem für angebracht, es dem Schutz des Heiligen Christophorus, dem Patron aller Autofahrenden, zu unterstellen.

Als ich das Gebet aufgehängt habe, haben sich meine Kollegen des Hotel Nuevo Gran Palacio über mich lustig gemacht: »Hey, viejito, du willst mit deinem Rennwagen doch etwa keinen Crash verursachen? Oder während der zehnsekündigen Fahrt gegen eine Palme donnern?«

Natürlich sind meine Wege nicht weit. Von dem kleinen Wachhäuschen am Straßenrand unter dem großen Bogenportal des Hotels bis zum Vorplatz sind es höchstens 800 Meter. Vor dem Häuschen halten die Kleinbusse vom Flughafen gerade so lange, wie es dauert, die neuen Gäste auszuladen, anschließend verschwinden sie in einer Staubwolke in Richtung weiterer Badeorte entlang der Küste und kehren dann zum Flughafen zurück – ein immerwährender, endloser Kreis.

Die Familie, die ich gerade aufgelesen habe, mag es lieber still, keinen Small Talk. Ich hatte es im Laufe der Jahre mit genug Touristen zu tun, um zu wissen, wann ich reden kann und wann ich lieber schweige. Ich begnüge mich damit, auf die Annehmlichkeiten des weitläufigen Hotelkomplexes zu zeigen, den ich wie meine Westentasche kenne, und so sachlich wie höflich zu sagen: »Da sind die Tenniscourts … gleich daneben ist die Poollandschaft. Zu Ihrer Rechten sind Minigolf und Riesenschach. Und sehen Sie den Kran da oben auf dem Hügel? Wir bauen gerade einen riesigen nagelneuen Pavillon mit 200 Luxuszimmern und einem Schwimmbad mit Sauna. Alles nur vom Feinsten. Sie sollten zur Eröffnung wiederkommen. Nächsten Sommer, wenn alles gut geht.«

Ich betrachte einen Betonmischer in einer Ecke der hochgelegenen, gewaltigen Baustelle. Seine Mischtrommel dreht sich langsam, wie die Erde, trostlos um die eigene Achse. Plötzlich entleert sie eine breiige Betonlava in eine Schubkarre, um die eine Handvoll Arbeiter steht. Über ihren sonnengebräunten Gesichtern wackeln Helme hin und her, drei Nummern zu groß und aus billigem Plastik. Ich kenne einige davon, wir winken uns zu.

Ich blicke im Rückspiegel zur Mutter. Eine hübsche Rothaarige mit blasser Haut, üppig, um die 40. Sie starrt ins Leere und schiebt sich mit verkrampftem Kiefer schweigend die Nagelhaut ihrer Finger zurück. Ich stelle mir ihren scheuen Blick hinter der großen Sonnenbrille aus Schildpatt vor, der fragt, was sie hier bloß soll. Es gibt erstaunlich viele Urlauber, die bei ihrer Ankunft im Cluburlaub aussehen, als wären sie gerade auf dem Jupiter gelandet.

Ihren Arm hat sie um ihre Tochter gelegt, die ich auf zehn oder elf schätze. Die Kleine dreht munter und gewissenhaft an den Knöpfen eines Etch A Sketch. Ich sehe nicht, was sie malt, doch so konzentriert, wie sie dabei ist, muss sie eine Künstlerin sein.

Ich suche im Rückspiegel ihre Augen und frage: »Was malst du, Señorita?«

»…«

»Ava, der Mann hat dich was gefragt«, brummt ihr Vater neben mir.

»Eine künftige Frida Kahlo!«, sage ich den Eltern zuliebe.

»Ihr Spezialgebiet ist der Realismus«, prahlt der Vater. »Viele Stillleben. Obstkörbe, Vasen und so was. Gerade malt sie eine Palme, die sie im Flughafen gesehen hat.«

»Eine Palme in einem Flughafen! Na, wenn sie Palmen mag, kriegt sie hier reichlich davon«, antworte ich und deute mit dem Kinn auf die endlose Reihe am Wegrand.

Ich bin die Strecke schon so oft gefahren, dass es auch mit verbundenen Augen ein Leichtes wäre. Trotzdem habe ich es jetzt, warum auch immer, versäumt, den Fuß vor dem Bremsbuckel vom Gas zu nehmen. Wir holpern mit voller Wucht darüber. Meine Passagiere schreien simultan auf. Ein Golfcart federt die Erschütterungen des Lebens nicht ab. Ich werfe mir meine Unachtsamkeit vor.

»Mist!«, ärgert sich das Mädchen und beugt sich über ihre kleine Plastiktafel. »Jetzt ist alles weg.«

»Das macht nichts, Spatz«, versucht sie ihre Mutter zu beruhigen. »Hier sind noch so viele Palmen, die du zeichnen kannst … Hey, Señor! Können Sie nicht aufpassen!?«

»Aber natürlich, bitte entschuldigen Sie …«, stammle ich und verabschiede mich in Gedanken von dem Trinkgeld.

Der Mann greift zum beigen Haltegriff an der Decke des Carts und dreht sich ruckartig zu seiner Frau nach hinten.

»Verdammt, Judith! Wie redest du denn mit ihm!? Wir sind zwar in einem Fünfsternehotel, aber die Angestellten sind doch nicht unsere Lakaien.«

»Hugo, er fährt wie ein Verrückter und hat dadurch Avas Bild gelöscht«, hält sie dagegen.

»Dann zeichnet sie die blöde Palme eben noch mal. Gelöschtes kann neu entstehen.«

Mit Unbehagen umklammere ich das Lenkrad und tue, als würde ich ihren Streit nicht hören. Auch das Mädchen scheint abgeschaltet zu haben. Sie sinkt in ihren Sitz, als schäme sie sich für ihre Eltern, und macht sich daran, die leere Fläche ihres Etch A Sketch wieder zu schwärzen.

Zum Glück sind wir gleich da. Wir erreichen das Rondell mit dem Brunnen, den eindrucksvollen Vorplatz des Hotels.

»Da wären wir«, verkünde ich und betätige die Bremse ganz vorsichtig. »¡Bienvenidos al Nuevo Gran Palacio!«

Kaum ist der Motor aus, springen die Eltern blitzschnell von ihren Sitzen. Hätte das Cart Türen, hätten sie sie vermutlich so sehr zugeknallt, dass sie aus den Angeln geflogen wären. Das Mädchen malt hingegen still mit dem Kopf nach unten weiter.

Ich nehme die Koffer und stelle sie vorsichtig auf dem weißen Marmorboden in der Halle ab. Der genannte Hugo bedankt sich bei mir und drückt mir unbeholfen zwei amerikanische Dollar in die Hand. Seinen Unmut versucht er mit einem Kommentar zu meinen schwarzen Lederhandschuhen zu überspielen, die ich beim Fahren trage: »Echt stylish, deine Handschuhe! Wie bei Steve McQueen.«

»Gracias, Señor«, erwidere ich höflich, ohne auf seine Schmeichelei hereinzufallen.

In dem Moment taucht Luis Miguel auf. Der neue Chefconcierge ist ein selbstgefälliges kleines Dickerchen mit nach hinten gegelten Haaren, der ständig mit der Goldkette um seinen Hals spielt. Seit er von der Leitung einen Ohrknopf bekommen hat, hält er sich für den Nabel der Welt. An mich wendet er sich nur noch, wenn er etwas braucht, so wie jetzt: »Oye, viejito, meine Kofferträger haben alle zu tun. Tu mir den Gefallen und bring das Gepäck der Familie auf deren Zimmer, während sie einchecken. ¿Vale?«

Gerne würde ich sagen: »Luis Miguel, falls du es vergessen hast: Ich war dreißig Jahre lang Gepäckträger. Ich war sogar der allererste, als das Hotel eröffnet hat, zu einer Zeit, in der das ›Nuevo‹ in ›Nuevo Gran Palacio‹ wirklich ›nuevo‹ war, zu einer Zeit, in der du noch Sternenstaub warst. Ich weiß, dass du mich letztes Jahr zu den Carts versetzt hast, weil ein alter Knochen wie ich am Empfang nicht zu dem jungen und sexy Image passt, das du den Gästen vermitteln willst. Dabei wissen alle im Hotel, dass ich dein bester Gepäckträger war. Also nimm deinen ›Gefallen‹ und steck ihn dir dorthin, wo keine Sonne scheint. Cabrón.«

Doch ich sage nur: »Aber gerne, Luis Miguel.«

»¡Gracias, viejito!«

Er lächelt mir zu, klopft mir auf den Rücken und entfernt sich langsam.

Während sich die Eltern an der Rezeption anmelden, sitzt die Tochter im Schneidersitz auf dem Rand eines riesigen Kunstteichs in der Mitte der Empfangshalle. Sie hat ihr Etch A Sketch auf dem Schoß und malt die großen Koikarpfen aus dem Teich erstaunlich realitätsgetreu.

Ich stelle den Gepäckwagen neben...



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