Ryan | SÖLDNEREHRE (Extreme 4) | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 364 Seiten

Reihe: Extreme

Ryan SÖLDNEREHRE (Extreme 4)

Thriller
überarbeitete Ausgabe
ISBN: 978-3-95835-748-8
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, Band 4, 364 Seiten

Reihe: Extreme

ISBN: 978-3-95835-748-8
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
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Kapitel 2


Chance erreichte den Treffpunkt drei Minuten früher. Sie hasste es, zu spät zu kommen.

Sie war von Lisburn heraufgedonnert und hatte ihren silbernen Vauxhall Cavalier noch mehr angetrieben, als sie sich ihren Weg die Prince William Road nach Norden hinauf gebahnt hatte, in die südwestliche Ecke von Belfast. Ein dünner Nebel hatte begonnen, sich wie ein Netz über die Landschaft auszubreiten, als sie von der B101 und auf die A501 nach Andersonstown schoss.

Irgendjemand hatte Chance einmal erzählt, dass Belfast britischer als die Weihnachtsansprache der Queen und irischer als ein Glas Guinness wäre. Und das stimmte. Aber die Zeiten änderten sich. Bill Clinton war zum Präsidenten gewählt worden. Reagan hatte Witze über die Iren gemacht, Clinton wollte Frieden bringen, hieß es in den tabakgeschwängerten Social Clubs überall in der Provinz, und darin lag ein Fünkchen Wahrheit. Clinton drängte auf einen Waffenstillstand und buhlte um Gerry Adams. Und zuhause in Whitehall schob die Gerüchteküche Überstunden. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, dass die Briten und die Iren im Begriff seien, eine gemeinsame Erklärung im Friedensprozess abzugeben. Nun war Belfast zweigeteilt zwischen jenen, die ihre Waffen an den Nagel hängen wollten und denen, die geschworen hatten, den bewaffneten Kampf weiterzuführen.

Die Straßen waren menschenleer, als Chance die Kreuzung zwischen der Andersonstown Road und der Suffolk Road erreichte. Sie schaltete in den Park-Modus, ließ aber den Motor an und die Heizung auf voller Pulle laufen. Die warme Luft strich zärtlich über ihren Hals und ihr Gesicht. Dafür war sie dankbar, denn draußen herrschte die Art von Kälte, die einen mit Nadelstichen traktierte und bis auf die Knochen fuhr.

Die Sozialsiedlung bestand aus einer schmucklosen Anordnung finster aussehender Häuser und einem Aufgebot an Läden. Verrostete Rollläden hingen wie schwere Augenlider vor den Fenstern eines heruntergekommenen Wettbüros und einem Taxi-Laden. Vom Dach eines jeden Hauses wehte eine republikanische Flagge. Wandgemälde an den Giebelwänden zeigten Hungerstreikopfer und palästinensische Terroristen, lebendige Farben in einem Meer aus Grautönen, während am Horizont einige Berge wie zwei hochgezogenen Schultern aufragten. Ein Schild an einem Gebäude ganz in der Nähe trug einen Spruch aus dem Alten Testament:

Andersonstown war die Art von Gegend, wo man Bullen aus ihren Autos zerrte und am helllichten Tag niederstach, und gutgläubigen Zivilisten in die Kniescheibe geschossen wurde, nur weil sie den falschen Nachnamen trugen. Belfast gehörte zu der Zeit zu den vier großen B, zusammen mit Bagdad, Bosnien und Beirut. Orte, die wie offene Wunden eiterten. Orte, die die Welt vergessen hatte.

Chance wusste, dass sie ein großes Risiko damit einging, ein Treffen im Hinterhof des Feindes abzuhalten. Aber andererseits hielt sie es für den perfekten Treffpunkt für ihren Informanten, ganz nach dem Prinzip, sich direkt vor aller Augen zu verstecken. Es würde ihren Informanten besser schützen, als ihn durch die Tore des nächstgelegenen irischen Polizeiquartiers marschieren zu lassen, wo Hinz und Kunz zusehen konnten.

Außerdem holte sie sich von dem Risiko ihren Kick. Schon von klein an, als ihr Vater ihre als Hochschuldozentin arbeitende Mutter für seine Assistentin sitzen ließ, hatte Chance gelernt, dass es, wenn sie es im Leben einmal zu etwas bringen wollte, nicht reichen würde, einfach nur gleichauf mit ihren männlichen Rivalen zu sein. Sie musste als die Männer sein. Sie musste härter und länger dafür arbeiten und obendrein klüger als sie sein. Und sie musste darauf gefasst sein, ihren Kopf zu riskieren.

Chance wusste, dass sie nicht auf klassische Weise attraktiv war. Aber sie hatte so etwas an sich. Sie war jene Art von Frau, die Männer eher faszinierte, als sie dahinschmelzen zu lassen. Ihr kurzgeschnittenes braunes Haar besaß blonde Strähnen am Pony und ihre schmalen Lippen standen immer ein klein wenig offen und gaben den Blick auf perlweiße Zähne frei. Sie trug einen dunklen Anzug, der ihre Hüften betonte und ihre kleinen Brüste kaschierte – den einzigen Teil ihres Körpers, den sie hasste. Mit sechzehn war sie am St. Hildas College in Oxford angenommen worden, wo sie Philosophie, Politikwissenschaften und Wirtschaft studiert hatte. Danach hatte sie den Doktor in Logik an der Universität in Sorbonne gemacht, bevor sie mit zweiundzwanzig Jahren zum MI5 wechselte.

Sie gehörte zu der neuen Generation von weiblichen Schnellstartern – Karrierefrauen, die bereit und imstande waren, die bislang von Männern dominierte Rangordnung in den Geheimdiensten hinaufzuklettern. Stella Rimington hatte den Weg innerhalb der Geheimdienste für ihr Geschlecht in den späten Siebzigern geebnet, und mit ihrer Ernennung zur Generaldirektorin im Jahre 1992 war sie endgültig durch die Decke des MI5 gegangen. Seither wimmelte es dort von Absolventinnen, die wild entschlossen waren, das Beste aus dieser Gelegenheit zu machen.

Dabei gab es nur ein Problem: Die Männer mochten keine Senkrechtstarterinnen.

In den ersten fünf Jahren hatte sie sich in einem Wahnsinnstempo ins Aus hochgearbeitet, von einem unwichtigen Bürojob zum nächsten. Den Männern war es gelungen, den Durchstartern den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Für eine Weile hatte Chance überlegt, den Geheimdienst zu verlassen. Das war 1990 gewesen, als der Kalte Krieg vorüber war und der MI5 sich mehr und mehr wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit anfühlte.

Aber an einem verschneiten Februarmorgen ein Jahr später sollte sich ihr Glück wenden. An diesem Tag hatten IRA-Terroristen einen Transporter auf der Horse Guards Avenue abgestellt und drei Mörsergranaten auf die Downing Street abgefeuert. Ihre Mission, den Premierminister John Major umzubringen, scheiterte, aber der Angriff löste eine ganze Welle von PIRA-Bombenattentaten auf britischem Boden aus. Von einer schwer erschütterten Regierung unter Druck gesetzt, wurde der MI5 angewiesen, den Gegner von innen heraus zu zerschlagen. Chance hatte sich für den Posten in Belfast freiwillig gemeldet. Einen Monat später bekam sie ihren Wunsch erfüllt, und die Durchstarterin war wieder im Rennen.

Sie wurde damit beauftragt, PIRA-Mitglieder zu identifizieren, die man möglicherweise zu einer Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst bewegen konnte. Also hielt sie die Augen und Ohren offen und kannte bald schon jeden Mick und Shay nördlich der Grenze, der Heroin an die Schwarzen vertickte oder eine Protestantenschlampe von der Shankhill Road geschwängert hatte. Je dunkler die Geheimnisse waren, von denen Chance erfuhr, umso größer das Druckmittel gegen potenzielle Rekruten. Kicker war ihr erster Erfolg gewesen. Der erste von vielen weiteren, wie sie hoffte. So wie viele andere junge Frauen beim MI5 hatte sich Chance eine Belagerungsmentalität gegenüber ihren männlichen Kollegen angeeignet. Sie besaß das zwanghafte Verlangen, besser als sie zu sein. Der Sieg, den die alten Männer errungen hatten, machte nur ihren Untergang deutlich. Auf lange Sicht konnten sie die Durchstarter nicht aufhalten. Sie machten sie nur wütender.

Zwei Minuten und dreißig Sekunden, nachdem sie an dem Treffpunkt angekommen war, huschte eine Gestalt aus den Schatten und hielt zielstrebig auf den Cavalier zu. Der Mann trug einen hellen Anorak, einen dunklen Pullover und eine graue Hose. Er sah wie jeder andere Otto Normalbürger aus, der auf dem Weg war, sich zu besaufen. Sein Gesicht war schmal und kantig, als hätte jemand seine Züge mit der Spitze eines Messers geschnitzt. Seine Haut spannte sich über abgemagerte Wangenknochen, und ein sein Haar fiel ihm sauber gekämmt bis auf die Schultern hinab. Alles in allem sah John-Joe Kicker so aus, als hätte man zu viel Scheiße in einen zu kleinen Sack gestopft.

Kicker blieb neben dem Wagen stehen und klopfte mit seinen knochigen Knöcheln ungeduldig gegen das vordere Beifahrerfenster. Chance beugte sich hinüber und öffnete die Tür. Ein Schwall kalter Luft biss in ihre Nase und schlug gegen ihre Wangen. Kicker stieg ein und rieb sich die Hände so schnell aneinander, als versuchte er, ein Feuer zu entfachen.

»Sie müssen echt Eier aus Stahl haben, hier runter zu kommen«, sagte er mit seinem abgehackten Belfaster Akzent. »Die einzigen Bullen, die man hier zu Gesicht bekommt, sitzen am Steuer eines Panzerwagens.« Er warf einen stirnrunzelnden Blick auf die Rückbank. »Wo ist Ihr Partner, dieser aufgeblasene Wichser?«

»Beschäftigt«, antwortete Chance leise.

Es gehörte zur Standardvorgehensweise aller Agenten, sich als Paar mit Informanten zu treffen. Aber Charles Grealish, Chances üblicher Partner, war befördert worden – sehr zu ihrer Verärgerung, hatte er in Belfast doch so gut wie gar nichts bewirkt. Aber Grealish gehörte zur alten Garde, war einer von den guten alten Jungs. Solange er niemandem auf den Schlips trat, war sein Weg nach oben geebnet. Und Chance wartete noch immer auf einen neuen Partner.

»Ist Ihnen jemand gefolgt?«, fragte sie.

Kicker lachte kehlig. »Wohl kaum.«

»Sind Sie sicher?«

»Ich hab ein Taxi bis zum Friedhof genommen und bin den Rest gelaufen. Hab mich an Nebenstraßen gehalten, genau, wie Sie es mir geraten haben. Ich treffe mehr Vorsichtsmaßnahmen als 'ne Nutte.« Kickers Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. »Sie sollten nicht vergessen, dass ich mehr zu verlieren habe als ihr Briten. Wenn die Jungs rausfinden, dass ich geredet habe, bin ich im Arsch.«

Chance wechselte das Thema. »Erzählen Sie mir, was los ist, Joe.«

Kicker schüttelte energisch den...



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