E-Book, Deutsch, Band 22, 326 Seiten
Sachweh Deutungsmuster sozialer Ungleichheit
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-593-40841-5
Verlag: Campus
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Wahrnehmung und Legitimation gesellschaftlicher Privilegierung und Benachteiligung
E-Book, Deutsch, Band 22, 326 Seiten
Reihe: Schriften des Zentrums für Sozialpolitik, Bremen
ISBN: 978-3-593-40841-5
Verlag: Campus
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Patrick Sachweh, Dr. rer. pol., arbeitet am MPI für Gesellschaftsforschung in Köln.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;6
2;Vorwort;10
3;1 Einleitung: Die Wahrnehmung und Legitimation sozialer Ungleichheit als Problem und Forschungsgegenstand;12
4;2 Soziale Ungleichheit und Ungleichheitslegitimation;17
4.1;2.1 Ungleichheit und Ungleichheitslegitimation in Deutschland;17
4.2;2.2 Soziale Ungleichheit: Dimensionen und Strukturkategorien;22
4.2.1;2.2.1 Zum Begriff sozialer Ungleichheit;23
4.2.2;2.2.2 Dimensionen und Strukturkategorien sozialer Ungleichheit;26
5;3 Soziale Ungleichheit in der gesellschaftlichen Wahrnehmung;32
5.1;3.1 Wahrnehmung, Akzeptanz und Legitimation sozialer Ungleichheit im Blick der empirischen Forschung;32
5.1.1;3.1.1 Wahrnehmung und Akzeptanz sozialer Ungleichheit;33
5.1.2;3.1.2 Soziale Gerechtigkeit – Rechtfertigung und Legitimation sozialer Ungleichheit;41
5.1.3;3.1.3 »Klassenbewusstsein« – Soziale Ungleichheit, kollektive Identitäten und politisches Verhalten;55
5.2;3.2 Erträge und Defizite der bisherigen Forschung;63
6;4 Kulturelle Deutungsmuster sozialer Ungleichheit;77
6.1;4.1 Soziale Deutungsmuster;77
6.1.1;4.1.1 Theoretische Bezugspunkte: Kollektive Repräsentationen und kulturelle Repertoires;77
6.1.2;4.1.2 Grundlegende Bedeutungsgehalte des Deutungsmusterkonzepts;80
6.1.3;4.1.3 Deutungsmuster, kollektiver Sinn und individuelles Bewusstsein;84
6.1.4;4.1.4 Zwischenbilanz: Soziale Deutungsmuster als kulturelle Repertoires;88
6.2;4.2 Kulturelle Deutungsmuster sozialer Ungleichheit und Ungleichheitslegitimation;90
6.3;4.3 Zur sozialstrukturellen Differenzierung von Deutungsmustern;101
7;5 Anlage der empirischen Untersuchung;112
7.1;5.1 Methodische Vorgehensweise: Das diskursive Interview;112
7.2;5.2 Stichprobe und Datenbasis;120
7.3;5.3 Auswertung;126
7.4;5.4 Reichweite und Grenzen der empirischen Daten;131
8;6 Eine ungleiche Welt? – Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit;132
8.1;6.1 Ungleichheit wovon? Dimensionen sozialer Ungleichheit in der sozialen Wahrnehmung;132
8.2;6.2 Ungleichheit zwischen wem? Wahrgenommene Ungleichheitsstrukturen;151
8.3;6.3 Zusammenfassung: Die »Topologie« sozialer Ungleichheit in Deutschland;161
9;7 »Leute wie wir…« – Symbolische Grenzziehungen und kollektive Identifikation;164
9.1;7.1 Symbolische Grenzziehungen und alltagsweltliche Abgrenzungsmuster;164
9.2;7.2 »Leute, die es nach oben geschafft haben, da hab’ ich sehr viel Respekt…« – Sozioökonomische Grenzziehungen;167
9.3;7.3 »Das wäre das Entscheidende, was man ausgibt, Theater, Konzerte, nicht unbedingt die BILD-Zeitung kauft…« – Kulturelle Grenzziehungen;175
9.4;7.4 »Denen geht’s eben gut, aber die nehmen ja eigentlich auch nicht wahr, dass es anderen Leuten schlechter geht…« – Moralische Grenzziehungen;181
9.5;7.5 Zusammenfassung: Symbolische Grenzziehungen, kollektive Identifikation und die Strukturierung sozialer Ungleichheit;193
10;8 Unvermeidliche Ungleichheiten? – Gründe und Ursachen sozialer Ungleichheit;198
10.1;8.1 Konkurrierende Deutungsmuster von Ungleichheitsursachen;198
10.2;8.2 »Natürlich ist das nicht gerecht, das ist tierisch ungerecht. Aber es ist ganz einfach so« – Deutungsmuster der Unvermeidbarkeit sozialer Ungleichheit;200
10.3;8.3 »Ich denke, es wird einem ein bisschen mit in die Wiege gelegt…« – Deutungsmuster der Herkunftsbedingtheit sozialer Ungleichheit;213
10.4;8.4 »Also so viel Arbeit ist einfach auch nicht da« – Deutungsmuster der Systembedingtheit sozialer Ungleichheit;226
10.5;8.5 Zusammenfassung: Alltagsweltliche Erklärungsmuster sozialer Ungleichheit;231
11;9 Jenseits von Gerechtigkeit? – Rechtfertigung und Legitimation sozialer Ungleichheit;233
11.1;9.1 Gerechtigkeitssemantiken und Ungleichheitslegitimation;233
11.1.1;9.1.1 »Es gibt verschiedene Gruppen in der Gesellschaft, die werden wir nicht abschaffen, und es ist o.k., dass man seine Leistung abschöpft« – Leistungsgerechtigkeit;235
11.1.2;9.1.2 »Denn denk’ ich immer, als wenn’s aus ihrem Portemonnaie geht« – Bedarfsgerechtigkeit;244
11.1.3;9.1.3 »Also stellen Sie sich das mal vor, laut Marx und Engels, und wir rennen alle in blauen Anzügen durch die Gegend!« – Gleichheit;252
11.2;9.2 Alternative Formen der Ungleichheitslegitimation;261
11.2.1;9.2.1 Vergleiche nach unten;261
11.2.2;9.2.2 Ignorierte Ungerechtigkeiten;266
11.3;9.3 Zusammenfassung: Gerechtigkeit und Ungleichheitslegitimation;270
12;10 Konklusion und Ausblick;272
12.1;10.1 Deutungsmuster sozialer Ungleichheit – Eine qualitative Rekonstruktion;272
12.2;10.2 Deutungsmuster und Ungleichheitstheorie;286
12.3;10.3 Offene Fragen und Forschungsdesiderate;294
13;Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen;297
14;Literatur;298
15;Anhang;324
(S. 54-55)
Neben den Ansichten zu Ausmaß, Akzeptanz und Rechtfertigung sozialer Ungleichheiten ist von Bedeutung, welche abgrenzbaren sozial ungleich gestellten Gruppen die Menschen innerhalb einer Gesellschaft identifizieren und inwieweit sie sich als Mitglied solcher Gruppen mit je eigenen Interessen und einer distinkten Identität wahrnehmen. Welche angenommenen Beziehungen bestehen zwischen diesen Gruppen?
Welche Folgen haben diese Wahrnehmungen und Einschätzungen für die politischen Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen? Insoweit es in den Forschungsarbeiten zu diesen Fragen um Gruppierungen geht, mit deren Hilfe gemeinhin die Ungleichheitsstruktur einer Gesellschaft beschrieben wird (etwa "Klassen" oder "Schichten"), kann man diese Studien im weitesten Sinne unter den Oberbegriff "Klassenbewusstsein" fassen. Im Unterschied zu einer engen, an Marx anschließenden Auslegung des Konzepts (Lukacs 1961, ferner Wright 1997)33 wird der Begriff heute vor allem in der angelsächsischen Literatur als ein "generic term that includes several different subjective perceptions of the class system" (Rothman 2005: 207) verwendet.
Entsprechend heterogen sind auch die Untersuchungsgegenstände, die sich von Fragen der subjektiven Schichteinstufung (zum Beispiel Gurin u.a. 1980, Noll 1999, Rössel 2005: 57ff.) über die Wahrnehmung der Beziehungen verschiedener Gruppen oder Schichten einer Gesellschaft zueinander bis hin zu Versuchen der standardisierten Erhebung eines "Klassenbewusstseins", zum Teil in expliziter Anlehnung an neomarxistische Klassenkonzepte (zum Beispiel Erbslöh u.a. 1988, Wright 1997), erstrecken.
Aufgrund dieser Heterogenität der Untersuchungsgegenstände ist es ratsam, zunächst einige begriffliche Differenzierungen vorzunehmen. Im Anschluß an Stuber (2006: 287) kann man vorab zwischen Klassenbewusstsein ("class consciousness") und Klassenbewusstheit ("class awareness") unterscheiden. Während es bei Ersterem in weitestem Sinne um Fragen nach der subjektiven Bedeutung von Klassen (beispielsweise in Form einer subjektiven Identifikation oder spezifischer Interessen) geht, beschreibt Letzteres die Tendenz, die Gesellschaft in zwei oder mehrere Klassen untergliedert zu sehen.
Empirisch zeigt Stuber anhand qualitativer Interviews mit US-amerikanischen Studenten, dass die Existenz von Klassen von den meisten ihrer Befragten anerkannt wird, auch wenn sich das Vokabular, das zu ihrer Identifizierung verwendet wird, über verschiedenen Gruppen hinweg unterscheidet. Während Studenten aus der oberen Mittelklasse zunächst angeben, sich keiner Unterschiede oder Ungleichheiten zwischen Klassen bewusst zu sein, äußern Studenten aus der Arbeiterklasse viel eher, Klassenunterschiede ausmachen zu können (ebd.: 294ff.). Auch für die deutsche Gesellschaft erscheinen die Konzepte der sozialen Klassen und Schichten den Menschen nach wie vor als angemessene Kategorien zur Beschreibung der Gesellschaftsstruktur und der eigenen Position darin.
So sind beispielsweise 94 Prozent der von Geißler und Weber-Menges (2006: 106) befragten Industriearbeiter und -angestellten der Ansicht, dass es auch in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft noch Klassen und Schichten gibt, wenngleich diese überzeugung bei höheren und mittleren Angestellten und Meistern etwas weniger stark ausgeprägt ist. Weit verbreitet ist eine Vorstellung von der Einteilung der Bevölkerung in drei Schichten nach dem Muster "Oben-Mitte-Unten", wobei auffällig ist, dass mit steigendem sozioökonomischem Status der Befragten auch die Anzahl gradueller Abstufungen innerhalb und zwischen verschiedenen Schichten zunimmt (ebd.: 111ff.). Dies erinnert in Teilen an überlegungen und Befunde von Popitz u.a. (1967) und Dahrendorf (1965), die darauf hinweisen, dass Arbeiter die Gesellschaft als Dichotomie sehen, wohingegen Angestellte ein Bild von der Gesellschaft als Hierarchie haben."




