Buch, Deutsch, 204 Seiten, Format (B × H): 123 mm x 195 mm, Gewicht: 339 g
Buch, Deutsch, 204 Seiten, Format (B × H): 123 mm x 195 mm, Gewicht: 339 g
ISBN: 978-3-03867-033-9
Verlag: brotsuppe
»Endlich keine Werbeplakate mehr, die uns einladen, ›das pralle Leben‹ auszukosten. Niemand, der uns freundlich daran erinnert, dass wir nur Müll sind.«
Je schneller Luc wieder im Heim zurück ist, desto besser. Dann kann er hoffentlich als virtueller Dr. Goodluck seinen Klienten, den Gesundheitsminister, in letzter Minute noch dazu bringen, die absurdeste Sozialreform aller Zeiten zu kippen. Gelingt ihm das nicht, sieht die Zukunft für alle, die als locker verschraubt gelten, düster aus. Und das tun sie alle vier, die von einer bärbeissigen Betreuerin im ausgeleierten Minibus durch die Nacht chauffiert werden; das libidinöse Mondgesicht Bierrot, die spindeldürre, ewig kränkelnde Pauline, der cholerische Muskelprotz Goon mit seinem Faible für André Rieu, und auch der feinsinnige Luc, der aus gutem Grund vorgibt, seine Gehhilfe verloren zu haben.
Doch der Transporter schleppt sich durchs Gebirge, dass es zum Verzweifeln ist. Ein Ende der Irrfahrt ist nicht in Sicht. Und inzwischen ist auch die Presse hinter Dr. Goodluck her.
»Luc und das Glück« ist die aberwitzige Heimreise eines hochkarätigen Behinderten-Quartetts, ein beklemmender Spiessrutenlauf durch eine überall lauernde Normalität, die gnadenlose Schilderung eines virtuosen Eiertanzes um allerlei Fettnäpfchen herum.
Thomas Sandoz hat eine beissende Satire über den Leistungswahn geschrieben. Und ein bisschen versteckt, die zarte, unmögliche Liebesgeschichte zweier ungleicher Menschen.
Aus dem Französischen übersetzt hat Yves Raeber.
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Beschwingt fahren wir an diesem späten Juninachmittag Richtung Norden. Mein Schalensitz ist am Fussboden des Castel-Minibusses festgezurrt. Julia, unsere Betreuerin, konzentriert sich ganz und gar auf den Verkehr. Neben ihr sitzt Pauline und nestelt versunken an ihrem T-Shirt. Vor mir streiten Goon und Bierrot auf der Sitzbank wegen eines zwischen ihnen liegenden Ninja Turtles-Rucksacks. Ab und zu drehen sie sich zurück und werfen mir vorwurfsvolle Blicke zu. Ich habe meine Prothesen im Heim vergessen und wir mussten deshalb früher von Steevys Geburtstagsparty weg.
Der Verkehr tost. Motorräder schlängeln sich zwischen rappelvollen SUVs und Kleinwagen mit Bikes auf den Dächern. Zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde spuckt das Radio für all jene, die ihr Wochenende vorwiegend auf den Strassen verbringen werden, die aktuelle Verkehrslage aus.
Pauline zappelt, sie muss aufs Klo.
»Schon jetzt?«, wettert Julia. »Wir sind noch keine hundert Kilometer gefahren.«
Meine Heimgenossin bricht in Tränen aus, wirkt noch zerknitterter als zuvor. Sie kann nichts dafür, dass die Krankheit sie immer mehr auszehrt. Unsere Erzieherin schimpft weiter. Bierrot dreht mir sein Vogelgesichtchen zu.
»Juula Katze im Beehaaa?«
Goon grölt zum Wiener Walzer, der aus seinem Kopfhörer schwappt. Was Julia nur noch mehr nervt.
»Verdammt, kann er nicht zwei Minuten die Schnauze halten?«
Goons Walkman ist auf voller Lautstärke, er hört nur bruchstückhaft, was über ihn gesagt wird. Was angesichts seiner extremen Reizbarkeit so ganz gut passt.




