E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Saunders Es soll Liebe sein
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402803-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-10-402803-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Saunders: erfolgreiche Autorin zahlreicher Romane und Kinderbücher, für die sie - auch in Deutschland - ausgezeichnet wurde. Als Journalistin und Rezensentin schrieb sie u.a. für die »Sunday Times« und »Cosmopolitan«, war als Jurorin tätig und arbeitete für das Radio. Die Londonder Autorin verstarb 2023. Literaturpreise: ?Die genial gefährliche Unsterblichkeitsschokolade?: Ulmer Unke 2015
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Kapitel Zwei
Es war ein wunderschöner Frühlingsabend. Ich stieg von der U-Bahn hinauf in ein schimmerndes, opalisierendes Licht, das die Ziegelsteine der alten Häuser samtweich wirken ließ. Ich dachte, wie ich schon häufig gedacht hatte, dass Hampstead den Eindruck eines verschwiegenen Dorfes erweckte, in einer anderen Dimension befindlich als das übrige London. Vielleicht hegt jeder diese Gefühle für den Ort, an dem er aufgewachsen ist. Hampstead Village war sowohl beruhigend als auch geheimnisvoll. Die quadratischen, altmodischen Laternenpfähle, die an den Rändern des Heath fahl und unheimlich leuchteten, ließen mich stets vage an das Reich von Narnia denken.
Ich betrat den Spirituosenladen, um eine Flasche Wein für Phoebe zu kaufen, und dann wandten sich meine Schritte automatisch der Straße zu, in der ich einst gelebt hatte. Ich konnte an meinem alten Haus vorübergehen, ohne dass es mir einen Stich versetzte, aber ich konnte mich dem Haus der Darlings nicht nähern, ohne ein warmes, heimisches Glühen zu empfinden. Dies war noch immer der Ort, an dem meine Erfolge am meisten und mein Versagen am wenigsten zählten. Die großen, rechteckigen Fenster leuchteten in der blauen Abenddämmerung golden. Einen Moment, während ich die Stufen hinaufstieg, stellte ich mir jene Fenster dunkel vor, und meine Kehle verengte sich vor Angst.
Phoebes Knochen waren unter ihrer Kleidung deutlich hart zu fühlen. Sie trug den Rollkragenpullover aus Kaschmir in tiefem, dunklem Weihnachtsrot, den ich ihr unmittelbar vor Jimmys Tod gekauft hatte. Ihre Augen wirkten über dem weichen Kragen riesig, und ihr Gesicht schien eingesunken zu sein. Aber ihr Geruch war noch derselbe. Parfums wirkten bei Phoebe nicht. Sie besaß ihren eigenen Duft, eine Mischung aus Biskuitkuchen und Teerosen.
»Cassie – oh, wie schön. Ich habe gehofft, dass du Wein mitbringst.«
Sie wollte nicht, dass man sie fragte, wie es ihr ging. Sie wollte, dass ich wieder genau die alte Beziehung aufnahm, und das tat ich. »In Ordnung«, sagte ich, »raus mit der Sprache. Warum der dramatische Anruf?«
»Lass uns zuerst etwas essen«, sagte Phoebe. Sie war aufgeregt und recht zufrieden mit sich. Ich hörte Jimmy sagen: »Sieh sie dir an, Cass – ich kann spüren, dass sie wieder eine ihrer verrückten Ideen hat.« Er und ich neckten sie ständig wegen ihrer Ideen. Nachdem Jimmy gestorben war, blieb es mir überlassen, es ihr auszureden, wenn sie sinnlose Geschäfte oder aussichtslose Wohltätigkeitsveranstaltungen be--
ginnen wollte. Was war es dieses Mal? Es kümmerte mich nicht. Ich hatte Phoebe seit Monaten nicht mehr so lebhaft gesehen.
»Die Jungs sind ausgegangen«, sagte sie. »Was die tödliche Stille unten erklärt.«
Das Kellergeschoss war vor Jimmys Tod zu einer Wohnung für die beiden Jungs ausgebaut worden, während in Phoebes Doppelwohnzimmer an einem Ende eine neue Küche installiert wurde. Ich stellte meine Aktentasche ab und versuchte, mich nützlich zu machen. Der runde Tisch war bereits wunderschön gedeckt. Es standen eine Platte mit angerichteten Salatblättern und eine Schüssel mit roten Nektarinen darauf. Ich öffnete die Flasche Wein, die ich gekauft hatte, und goss uns beiden ein Glas ein. Phoebe nippte wie abwesend an ihrem, auf das Rühren in einem kleinen Kochtopf auf der Herdplatte konzentriert. Sie ruhte am stärksten in sich selbst, wenn sie Mahlzeiten vorbereitete, was ihr vorzüglich gelang.
»Ben ist in der Festival Hall«, erklärte sie mir über die Schulter hinweg. »Er hat irgendwie eine Karte für Alfred Brendel ergattert, der Glückspilz. Und Fritz ist nach Sheffield gefahren, um einen Freund zu besuchen – nun, du erinnerst dich doch an Toby Clifton? Er ist im Crucible-Theater bei dabei, spielt den Donalbain.« (Ich erinnerte mich mit einem seltsamen Gefühl daran, wie lange sich Phoebe und Jimmy geweigert hatten, ihren Frederick »Fritz« zu nennen, obwohl der Spitzname schon mindestens fünfzehn Jahre festgeschrieben war.) »Ich bin froh, dass er letztendlich eine anständige Rolle bekommen hat.«
»Donalbain ist keine anständige Rolle.« Ich musste das sagen. »Es ist so ungefähr die kleinste Rolle, die man in bekommen kann, ohne als Möbelstück eingestuft zu werden. Du musst die Leistung der Söhne anderer nicht rühmen.«
Phoebe lächelte und wirkte dadurch jäh um Jahre jünger. »Ich hätte wissen müssen, dass dich das nicht beeindruckt.«
»Es ist jedoch wahrscheinlich nicht schlecht für den Jungen. Er hat zumindest eine Arbeit, die bezahlt wird.«
»Er ist ein guter Tänzer«, sagte Phoebe, während sie die Pasta über dem Spülbecken abgoss. »Vielleicht führt das zu etwas.«
Die Tagliatelle waren frisch und perfekt gekocht. Phoebe servierte sie mit sahniger Pilzsauce. Ich aß mit Genuss, um die Aufmerksamkeit (ihre und meine) von der Tatsache abzulenken, dass Phoebe fast überhaupt nichts aß. Die Gabel wirkte in ihrer Hand riesig. Nach dem Essen kochte sie eine Kanne Tee, und wir traten zu den tiefen Sofas neben dem Kaminfeuer. Die Gerüche von Holzrauch und Essen und Phoebes Duft vermischten sich auf herrliche Weise.
Sie sagte: »Ich habe dich hergebeten, weil ich deine Hilfe brauche.«
»Du weißt, dass ich alles tun werde.«
»Es ist nichts, was ich vor den Jungs besprechen kann. Weißt du – es geht um die Zukunft.«
»Oh.« Wieder zog sich meine Kehle zusammen. Phoebe hatte mit mir nie direkt über die herannahende Veränderung gesprochen.
»Nichts Schlimmes, Liebling«, fügte sie sanft hinzu. »Als Erstes musst du begreifen, dass ich mich recht gut damit ausgesöhnt habe, sterben zu müssen. Ich hätte es lieber nicht getan, aber schließlich muss es jeder irgendwann. Und du weißt, dass ich nie wieder so glücklich sein kann wie früher. Nicht ohne Jimmy.«
»Ich weiß.«
»Ich bin eigentlich nicht religiös«, fuhr sie fort, »aber ich habe viel darüber nachgedacht, was zu erwarten ist, nach dem Sterben und so. Und ich bin mir absolut sicher, dass ich auf irgendeine Weise mit Jimmy zusammenkommen werde. Ich könnte dir nicht erklären, woher oder warum ich mir so sicher bin, aber ich habe diese eigenartige Überzeugung. Ich denke, dass ich mich vielleicht fast darauf freuen könnte.«
Man sollte meinen, ich hätte bei diesen Worten geweint, nicht wahr? Ich tat es jedoch nicht, obwohl mir ein Zentnergewicht auf der Brust lastete. Ich begriff gerade, dass man es nicht tut, wenn die Dinge wirklich schlimm stehen.
Phoebe goss uns Tee ein und schob mir einen Teller mit selbst gemachten Makronen zu. Um ihr eine Freude zu machen und ihr zu zeigen, dass ich noch immer ihr vernünftiges Mädchen war, nahm ich eine Makrone. Sie fühlte sich auf meiner Zunge wie Asche an.
»Aber natürlich mache ich mir Sorgen«, sagte Phoebe. »Ich sorge mich zunehmend um die Jungs.«
»Warum? Was ist mit ihnen?«
»Oh, nichts – das habe ich nicht gemeint. Ich mache mir nur große Sorgen darum, sie zu verlassen. Wer um alles in der Welt wird sich um sie kümmern? Wie werden sie zurechtkommen? Was ich vermutlich meine, ist, wer wird sie lieben?«
Ich blieb standhaft, schluckte die Angst hinunter. »Ich denke, ich kann mit Sicherheit sagen, dass es ihnen an Liebe nie mangeln wird. Die Hälfte aller Frauen Londons ist in sie verliebt.«
»Es ist nicht nur die Liebe«, erwiderte Phoebe und sah mich mit ihren ernsten braunen Augen an. »Wer wird ihnen Essen kochen? Sich um ihre Wäsche kümmern? Wenn sie in diesem Haus bleiben, werden sie es nie richtig in Ordnung halten können. Sie haben keine Ahnung, was alles kostet. Sie sind noch nicht bereit, Waisen zu werden. Ich kann die beiden nicht einfach in die Welt hinausstoßen.«
»Soll ich mit ihnen reden oder so? Ihnen bei der stürmischen Überfahrt ins Leben helfen?«
»Heute Morgen kam mir plötzlich die Idee«, sagte Phoebe, »weshalb ich dich gleich anrief. Wir müssen für Fritz und Ben Frauen finden. Wenn ich weiß, dass sie ihren festen Platz im Leben gefunden haben und umsorgt werden, kann ich in Frieden sterben.«
Ich war zutiefst bewegt – bis ins tiefste Innere. Dieses Mutterherz würde noch lange vor Liebe brennen, nachdem der Körper darum herum bereits zu Staub zerfallen war.
Aber ich war auch leicht irritiert. »Also willst du, dass ich die Frauen beschaffe?«
»Nun, da du mir immer erzählst, deine Freundinnen könnten keine netten Männer finden, dachte ich …«
»Phoebe, meine Freundinnen sind hervorragend, wunderschön und erfolgreich. Ja, überraschend viele sind noch Singles – aber sie sind nicht verzweifelt. Und keine von ihnen verdient es, mit deinen faulenzenden Söhnen belastet zu werden.«
Phoebe lächelte immer noch. Meine Kritik an ihren vergötterten Söhnen störte sie nie, weil sie einfach nicht glaubte, dass ich es ernst meinte. »Du hast selbst gesagt, dass Hunderte von Frauen in sie verliebt wären.«
»Ja – Flittchen und Botox-Schnallen und alternde Rock-Miezen.«
»Wir müssen nur zwei nette Frauen mit Verantwortungsgefühl finden.«
»Warum können Fritz und Ben nicht selbst Verantwortung lernen?«
»Das sagst du immer«, erwiderte Phoebe ruhig, »aber du weißt, dass sie das nie lernen werden. Ich kann sie nicht verlassen, bevor sie nicht ihren Platz im Leben gefunden haben. Warum lachst du?«
»Du kommst mir vor wie eine Gestalt aus einem viktorianischen Roman, die sich um ihre unverheirateten Töchter sorgt. Ich könnte deinen Plan beinahe ernst nehmen, wenn Fritz und Ben achtzehnjährige Mädchen wären.«
»Komm schon, Cassie.« Phoebe war ungeduldig und entschlossen. »Wirst du mir helfen oder nicht?«
Ich liebte sie so sehr für ihre blinde Liebe. Obwohl...




