E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Saunders Liebe im Spiel
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402804-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-10-402804-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Saunders: erfolgreiche Autorin zahlreicher Romane und Kinderbücher, für die sie - auch in Deutschland - ausgezeichnet wurde. Als Journalistin und Rezensentin schrieb sie u.a. für die »Sunday Times« und »Cosmopolitan«, war als Jurorin tätig und arbeitete für das Radio. Die Londonder Autorin verstarb 2023. Literaturpreise: ?Die genial gefährliche Unsterblichkeitsschokolade?: Ulmer Unke 2015
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Kapitel Zwei
Rufa hörte die leise, weinerliche Stimme ihrer Mutter, als sie die riesige Küche betrat. Rose Hasty saß neben dem Herd, ihre mit Tesafilm geflickte Lesebrille auf der Nasenspitze, ein abgegriffenes Paperback in der Hand und Linnet auf den Knien.
»›Möge man das wahrhaft von uns behaupten können, und zwar von uns allen! Und daher, wie Tiny Tim bemerkte …‹«
Ihre Stimme schwankte und verklang.
Linnet beendete den Satz für sie. »›Möge Gott uns segnen, jeden einzelnen!‹« Sie wand sich von Roses Knien. »›Ende.‹«
Rose schloss das Buch und lehnte sich mit lautem Schniefen in ihrem Sessel zurück. »Mein Gott, diese Gefühlsergüsse!«
»Nun, wenn du Dickens liest«, sagte Rufa.
»Ich weiß. Ich muss verrückt sein.«
Rose war fünfzig: eine ehemalige Schönheit, doch Schönheit verliert sich schnell. Die helle Haut um ihre Augen bildete ein Netzwerk von Falten. Schlaffe Haut hing von ihrem Kinn herab, und ihre wirren Locken entarteten zu einem muffigen Pfeffer-und-Salz-Bausch. Man konnte jedoch immer noch die Umrisse des wunderbaren Blumenkindes erkennen, das den großen Mann bei einem schlammigen Rock-Festival vor dreißig Jahren unten im West Country eingefangen hatte.
»Ich habe den Kessel schon aufgesetzt«, sagte sie. »Mach uns einen Tee, sei so lieb.«
»Ist Roger noch nicht zurück?«
Roger war Roses Lebensgefährte und der Nutzlose Mann im Haus, seit der große Mann selbst gestorben war. Er war vor zehn Jahren zufällig in Melismate aufgetaucht und teilte seitdem Roses Bett. Der große Mann, der froh darüber war, dass Roses Bett anständig belegt war, mochte ihn mit der Zeit. Und sie hatten alle von seinem sehr kleinen Privateinkommen profitiert.
»Er ist zu Ran rübergegangen«, sagte Rose. »Dort herrscht offensichtlich eine Krise.«
Linnets Stimme schwebte unter dem großen, uralten Küchentisch hervor. »Die alte Nutte aus dem Buchladen hat ihn verlassen. Er hat angerufen und geweint, und ich habe ihm gesagt, es täte mir nicht Leid.«
Rufas Anstandsgen zuckte unangenehm berührt zusammen. Es war absolut sinnlos, jemanden hier daran zu erinnern, dass kleine Kinder stets die Ohren spitzten. Verlegenheit war ihnen allen fremd.
»In zwanzig Minuten ist es Zeit fürs Bett, Süße«, sagte sie.
Linnet murrte ärgerlich. »Nein! Ich habe in meinem Haus zu tun.«
Sie war fünf und so wunderbar, wie ein Kind es nur sein konnte. Die porzellanartigen Züge und blauen Augen ihrer Mutter hatten sich mit Rans glänzendem, vollkommen glatten schwarzen Haar vermischt und ein blasses, ernstes Rapunzelchen ergeben. Sie trug eine hellgrüne Strickjacke mit noch einer durch die Löcher lugenden gelben Strickjacke darunter und strahlte eine gewisse Würde aus.
Während Rufa ihren Tee trank, kniete sie auf dem Steinboden neben dem Tisch. Linnet hatte ihr Haus mit einem sehr schmutzigen Kissen und einem kahlen Zweig eingerichtet, der einen Weihnachtsbaum darstellen sollte. Ihre beiden Braunbären, die Ressany-Brüder, lagen verdreht auf einem Handtuch. Zwei von Linnets Strümpfen waren in Bärenhöhe ans Tischbein geheftet.
»Das ist ihr Kamin«, erklärte sie. »Sie haben gerade ihre Strümpfe aufgehängt.«
Rufa nahm die Erwähnung der Strümpfe als hoffnungsvolles Zeichen. Vor einigen Wochen hatte Linnet ihre Großmutter über einer gigantischen Stromrechnung weinend vorgefunden. Weil niemand daran dachte, vor dem kleinen Mädchen Verschwiegenheit zu bewahren, hatte sie laute Streitgespräche darüber mit angehört, ob sie an ihrem letzten Weihnachten in Melismate Strom oder Alkohol haben sollten.
Kurz darauf hatte sie bewusst beiläufig zu Rufa gesagt: »Es gibt dieses Jahr wohl nicht viele Geschenke.«
Die Tapferkeit dieser Worte hatte den Schwestern unglaublich wehgetan.
Jetzt, erleichtert durch die Erkenntnis, dass alles in Ordnung käme – dass Linnets Freude ein Fenster der Richtigkeit in der alles durchdringenden Niedergeschlagenheit öffnen würde –, war Rufa beinahe glücklich.
Es gab keinen Tropfen Gin im Haus, und andere Grundnahrungsmittel gingen zur Neige, aber die Opfer waren es wert gewesen. Morgen früh würde Linnet am Fuß ihres Bettes einen prall mit Geschenken gefüllten Strumpf vorfinden.
Linnet wickelte unter dem Tisch zwei schrumpelige Kastanien und einen angelaufenen Messing-Türknauf in Stanniol.
»Die Lieben«, sagte sie nachsichtig und deutete mit dem Kopf auf die Bären. »Sie sind so aufgeregt. Beruhigt euch, Jungs.«
»Es ist fast an der Zeit, auch deinen Strumpf aufzuhängen«, sagte Rufa. »Und wir dürfen nicht vergessen, eine Kleinigkeit für den Weihnachtsmann dazulassen.«
Es schmerzte sie, den scharfsinnigen, misstrauischen Ausdruck auf Linnets Gesicht zu sehen. Der große Mann hatte an Heiligabend immer einen Happen für den überarbeiteten Heiligen dagelassen. Aber der große Mann war tot, und alles hatte sich schrecklich verändert.
Linnet tauchte auf allen vieren aus ihrem Haus auf. »Letztes Mal haben wir ihm Gin und Tonic dagelassen.«
»Kein Gin«, seufzte Rose.
»Eine Tasse Tee und einen Keks«, schlug Rufa vor. »Das würde ich in einer Nacht wie dieser auch selbst mögen.«
Linnet nickte zufrieden. »Und ein bisschen Gras.«
»O nein, Liebling«, widersprach Rose. »Ich glaube nicht, dass der Weihnachtsmann raucht.«
»Nicht Gras, Dummerchen. Ich meinte, als Fressen für das Rentier.«
Rufa schluckte ein Lachen hinunter – Linnet hasste es, wenn über sie gelacht wurde. »Es ist zu kalt, um rauszugehen. Wie wäre es mit Zuckerstücken?«
»Okay.«
Die Tür flog auf, und Nancy wehte mit der Zugluft herein. »Miss Linnet, Ihre Mutter verlangt oben nach Ihnen.«
Sie kam gerade aus dem Bad, in einer Wolke großartigen Haars und eines unidentifizierbaren Parfums. Sie trug jetzt ein schwarzes Strickkleid, das ihre BH-losen Brüste umschmiegte.
»Komm mit mir rauf«, befahl Linnet.
»In Ordnung.«
»Dieses Kleid steht dir gut«, bemerkte Rufa.
»Nicht wahr? Tut mir Leid, dass ich nicht gefragt habe. Aber es macht dir doch nichts aus, oder?«
»Nein. Ich wünschte nur, ich würde es an denselben Stellen ausfüllen wie du.«
»Danke.« Nancy nahm Rufas Teetasse hoch und ließ drei der verfärbten Zuckerstücke hineinfallen.
Rufa trat zum Herd, um sich eine weitere Tasse Tee zu machen. Nancy könnte wirklich phänomenal aussehen, dachte sie – wenn sie sich wie eine Dame kleiden würde, anstatt wie eine Kreuzung zwischen Angelina Jolie und Posh Spice – pardon, Mrs. Beckham. Der Gedanke, Geld zu heiraten, verfestigte sich in Rufas Geist.
Während sie darauf wartete, dass der Kessel wieder kochte, sah sie sich im Raum um. Diese riesige Küche und die angrenzende, gewölbeartige Große Halle waren die ältesten Teile Melismates. Sie waren im vierzehnten Jahrhundert erbaut worden, und ihre massiven Mauern hatten tiefe, unverrückbare Wurzeln in die Erde Gloucestershires gegraben. Jetzt, wo Rufa ihr Heim verlieren würde, schmerzten sie all die verpassten Gelegenheiten. Was für ein Haus hätte es sein können, wenn genug Geld da gewesen wäre, das undichte Dach und die herabsackenden Balken zu reparieren. Sie hasste die Verschwendung von so viel Schönheit.
Sie bereitete ihren Tee in einem Becher mit der seitlichen Aufschrift: »ICH HABE DIE SCHWEINE AUF DER SEMPLE FARM GESEHEN!« Die Semple Farm war der Ort, wo Ran lebte, aber es hatte dort nie Schweine gegeben. Die Becher waren alles, was von diesem speziellen, zum Scheitern verurteilten Projekt geblieben war.
Sie fragte: »Hat Rans Freundin ihn wirklich verlassen?«
Rose streckte die Beine in verblasstem blauen Kordsamt aus. »Ich wusste, dass es nicht halten konnte. Sie war viel zu sauber.«
Rufa lachte. »Als sie zum Essen hierher kam, hat sie sich beim Rausgehen die Füße abgetreten, das schwöre ich.« Sie setzte sich an den Küchentisch. »Ich wette, Linnet freut sich trotzdem.«
»Und Lydia zweifellos auch«, sagte Rose weise. »Dieses dumme Mädchen liebt Ran immer noch.«
Rufa seufzte. »Sie sagte, sie hätte Angst davor, wieder auf der Farm leben zu müssen – aber nur weil sie Rans Eifersucht nicht ertragen kann.«
Rose seufzte ebenfalls, und dann saßen sie in schweigendem Einvernehmen da. Rose war mit ihrer ältesten Tochter nicht immer zurechtgekommen, trotz deren unaufhörlichen Bemühungen zu gefallen. Rufas Normalität hatte sie verwirrt. Als Teenager war Rose aus einem Süßwarengeschäft in Falmouth davongelaufen, um der Normalität zu entfliehen. Sie hatte sich in Rufus Hasty verliebt, weil er das genaue Gegenteil von normal war. Rose hatte sich entschieden, anders zu sein, und Rufas angeborene Normalität war ihr manchmal wie ein Vorwurf erschienen.
Erst Linnets Geburt hatte Roses verschüttete spießbürgerliche Werte wieder erweckt. Als Mutter hatte sie Verschrobenheit kultiviert. Als Großmutter wollte sie, dass Linnet all die guten, soliden, langweiligen Dinge haben sollte, die andere kleine Mädchen auch hatten. Rufa wollte das auch. Rose hatte plötzlich festgestellt, dass sie viel mit ihrer Erstgeborenen gemeinsam hatte. Sie stützte sich derzeit auf Rufa, wie sie sich auf den großen Mann oder auf Roger nie gestützt hatte. Man konnte Rufa ein normales Gefühl entgegenbringen, ohne dass man eine heftige Reaktion riskierte.
»Mum«, sagte Rufa, »was hältst du davon, Geld zu heiraten?«
»Ernsthaft? Oh, natürlich meinst du es ernst – das ist ja nie anders. Hast du jemand Reichen kennen gelernt?«
»Nein. Im Moment theoretisiere ich nur. Aber was würdest du davon halten, wenn ich einen sehr reichen Mann heiratete, ohne ihn...




