E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Saunders Liebe macht lustig
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402805-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-10-402805-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Saunders: erfolgreiche Autorin zahlreicher Romane und Kinderbücher, für die sie - auch in Deutschland - ausgezeichnet wurde. Als Journalistin und Rezensentin schrieb sie u.a. für die »Sunday Times« und »Cosmopolitan«, war als Jurorin tätig und arbeitete für das Radio. Die Londonder Autorin verstarb 2023. Literaturpreise: ?Die genial gefährliche Unsterblichkeitsschokolade?: Ulmer Unke 2015
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Kapitel 1
Charlie hatte einen Stapel Bücher für seine Ferien gekauft. Er holte sie aus der Tasche, um sie Beth zu zeigen. Eine Biographie von Le Corbusier, etwas über ein Massaker an den Protestanten im Paris des 16. Jahrhunderts und die gesammelten Briefe von George Bernard Shaw.
»Ein bisschen Urlaubslektüre«, sagte Beth. »Mein lieber Schwan.«
»Es muss doch etwas sein, womit ich mich zu Hause nicht beschäftige«, sagte Charlie. »Das Zeug, das ich gelesen habe, bevor mein Hirn anfing aufzuweichen.«
»Liebling, dein Hirn ist nicht aufgeweicht. Es ist eine gespannte Feder, ein schleichender Panther …«
»Halt die Klappe.« Er schlug liebevoll mit der Serviette nach ihr. »Du weißt doch, was ich meine … bevor wir die Kinder hatten, war unsere Urlaubslektüre der schwerste Teil des Gepäcks, oder? Erinnerst du dich an Devon? Ich habe Hemingway gelesen, und du warst in irgendeinen viktorianischen Schund vertieft …«
»Gütiger Himmel, das ist eine Diskussion, die wir schon lange nicht mehr hatten.«
»Keine Sorge, ich hab nicht vor, sie wiederzubeleben – ich wollte damit nur unseren Abstieg in den Analphabetismus verdeutlichen. Als wir das letzte Mal in Griechenland waren, habe ich ein einziges Buch mitgenommen, und das war von John Grisham – nichts gegen Grisham, aber er ist wirklich kein Hemingway –, und ich habe es noch nicht einmal zu Ende gelesen. Was ist nur los mit mir? Wo ist all meine Neugier auf die Welt geblieben? Bin ich nicht mehr in der Lage, Dinge in meinem Hirn zu speichern?«
»Vielleicht ist es voll?«, schlug Beth vor.
Er ignorierte das. »Wie auch immer, ich werde etwas Anspruchsvolles lesen, während ich weg bin. Und wenn ich feststelle, dass ich anständige Bücher nicht mehr bewältige, kann ich sie immer noch an Scarly weitergeben.«
Beth lachte leise. »Ja, sie ist in dem goldenen Alter, in dem man alles aufnimmt, ganz egal, wie geschwollen es ist.«
»Geschwollen? Willst du damit sagen, dass meine Bücher geschwollen sind?«
»Ich bitte dich – Le Corbusier? George Bernard Shaw? Ich gebe dir genau zwei Tage, bis du dich nach Grisham sehnst.«
Sie saßen draußen an einem der Tische von einem bekannten Café, das praktischerweise zwischen dem Buchladen und dem Feinkostgeschäft lag. Beth hatte dort ein Glas sonnengetrockneter Tomaten und schwarze, mit Tintenfischtinte gefärbte Pasta gekauft. Sie hatte Charlie gebeten, in der Eisenwarenhandlung vorbeizugehen, um Glühbirnen zu besorgen, aber natürlich hatte er es vergessen, sein Gehirn konnte sich – so überlegen es auch war – nicht gleichzeitig mit Le Corbusier und Glühbirnen beschäftigen.
Ein Mädchen brachte ihnen Kaffee. Beth und Charlie nahmen sich jeder einen Teil der Samstagsausgabe des Beth bekam das Magazin, das voller seriöser Schwarz-Weiß-Fotos von armen Menschen in fernen Ländern war. Charlie bekam den Nachrichtenteil. Beth hätte sich gerne weiter unterhalten, aber es gab nichts mehr zu sagen. Sie waren jetzt dreiundzwanzig Jahre zusammen, und ihre Unterhaltungen hatten sich inzwischen zu reinen Updates ihrer gemeinsamen Geschichte gewandelt. Sie plauderten nicht, sie erzählten sich nicht einfach Dinge, wie Leute, die sich gerade erst kennengelernt hatten.
Beth war klar, dass sie nur plaudern wollte, weil das Magazin Minderwertigkeitsgefühle in ihr wachrief. Ihr erster Impuls war, es wegzulegen und etwas zu sagen wie: »Na ja, es ist trotzdem ein wunderschöner Tag«, aber Charlie hatte ihr schon vor Jahren erklärt, dass die einzige Antwort auf diese Art von Bemerkung »Hmmm« war.
Charlie war zweiundfünfzig und immer noch ein attraktiver Mann, auch wenn sich das mittlerweile eher in der Verneinungsform ausdrücken ließ – nicht fett, nicht glatzköpfig und nicht besonders faltig. Seine dicken schwarzen Haare wurden von dramatischen eisengrauen Strähnen durchzogen, die ihm sehr gut standen. Beth war achtundvierzig und fand, dass sie sich nicht so gut gehalten hatte. Sie sah eher durchschnittlich aus, hatte dünne blasse Haut und dünne helle Haare, und ihr zarter Teint war verblasst, so als wäre sie zu oft in der Wäsche gewesen.
Beths Gedanken schweiften wie so oft in die Menopause ab. Sie spürte sie manchmal wie einen aufbrausenden Sturm. Sie spürte schon einige der Symptome – nächtliche Schweißausbrüche und rätselhafte Heulanfälle über Babysachen, die sie hinter dem Boiler fand. Ihre Taille war ein wenig fülliger geworden, und wenn sie zu schnell in den Spiegel schaute, sah sie ihre Mutter. Die ungestüme grasgrüne Jugend ihrer Töchter forderte den permanenten Vergleich heraus.
Nicht, dass sie sie beneidete. Sie hatte Frauen in ihrem Alter, die vorgaben jung zu sein, nie verstanden. Hatten sie vergessen, was für harte Arbeit das war? Scarlett war neunzehn, studierte Englisch in Oxford und war gerade von ihrem ersten festen Freund verlassen worden (ein Phantom, das ihre Eltern nie zu Gesicht bekommen hatten). Bean war fünfzehn, und man hatte sie im letzten Schuljahr wegen des Besitzes von Cannabis festgenommen. Beth überkam ein Anflug von Nostalgie, als sie an die Tage dachte, in denen es relativ einfach gewesen war, die Kinder zu erziehen. Warum waren ihr die Tage des Anziehens, Waschens und Fütterns nur so anstrengend vorgekommen? Damals hatte sie sie wenigstens unter Kontrolle gehabt. Es war viel schlimmer zu akzeptieren, dass ihre Töchter sich jetzt mit Dingen herumschlugen, die man nicht mit Paracetamol heilen konnte.
Arme Scarly, die erste Zurückweisung war unglaublich schmerzhaft. Beth erinnerte sich gut daran, wie sie tagelang wegen Ian Dingsda geheult hatte, während ihre Mutter an ihre Tür geklopft hatte, um sie zu bitten, nicht ständig »Tainted Love« zu spielen.
»Oh, Scheiße«, murmelte Charlie. »Scheiße, Scheiße, Scheiße.«
Beth sagte lachend: »Halt die Klappe.« Dann stand sie auf, um ihre Freundin Lizzie Parr (korpulent, rechthaberisch und erbarmungslos gut gelaunt) zu küssen, die Charlie nicht leiden konnte. »Lizzie, schön, dich zu sehen. Willst du dich nicht zu uns setzen?«
»Danke, aber ich kann nicht«, sagte Lizzie. »Ich muss die Kinder vom Orchester abholen. Ach du meine Güte, was für ein eindrucksvoller Stapel Bücher.«
»Sie sind für Charlies Urlaub«, erklärte Beth. »Er fliegt morgen nach Frankreich.«
»Nur Charlie? Fliegst du nicht mit?«
»Oh, nein – das ist eine unserer Regeln. Einmal im Jahr bekommt jeder eine Woche für sich ganz alleine, um den Akku aufzuladen.« Das war Teil einer Abmachung, die sie beide vor ungefähr zehn Jahren nach einer Krise vereinbart hatten und von der sie immer noch glaubten, dass sie ›neu‹ sei. »Ich fahre immer in den Lake District«, fügte Beth hinzu, »mit einem ordentlichen Stapel Thomas Hardy.«
»Hardy? Ihr seid beide entsetzliche Intelligenzbolzen«, sagte Lizzie. »Wenn Keith mir erlauben würde, eine Woche mit mir allein zu sein, würde ich nichts als Klatsch und Tratsch lesen. In welchen Teil von Frankreich fährst du denn?«
Beth spürte, dass sie die Regeln des Mittelklasse-Frankreich-Spiels nie so ganz verstanden hatte. Aus irgendeinem Grund hatte es etwas von einem Wettbewerb. Einmal Dordogne war zweimal Languedoc wert, und mit der Normandie konnte man überhaupt nicht punkten, es sei denn, man hatte dort einen wirklich anständigen privaten Pool.
»Es liegt im Lot-Tal«, sagte Charlie. »Zwischen Cahors und Figeac.«
»Oh, das ist der schönste Ort der Welt – Beth, kommst du da nicht in Versuchung, eure Regel zu brechen und mitzufahren?«
»Jemand muss ein Auge auf diese bösen Mädchen haben«, sagte Charlie.
»Er wird in einem alten Schloss wohnen, das seit der Zeit König Edwards ein Hotel ist«, erzählte Beth Lizzie, womit sie natürlich Frankreich-Punkte erzielen wollte. »Auch E.M.Forster logierte dort.«
»Entschuldige – hilf mir auf die Sprünge …«
»Er hat ›Zimmer mit Aussicht‹ geschrieben.«
»O ja, stimmt. Na, das hört sich großartig an. Ich finde diesen Film wunderbar.«
»Es hat einen seltsamen Namen. Es heißt Château Cornu, und wir haben uns fast darüber gestritten, wie man es wohl übersetzen sollte – Charlie sagt ›schief‹ oder ›gewölbt‹, aber ich würde es lieber poetischer sehen und ›gewunden‹ sagen – Gewundenes Schloss.«
»Cornu sagtest du?«, fragte Lizzie, »in der Nähe von Cahors? Wie witzig, ich glaube ich kenne jemanden, der morgen auch dorthin fährt.«
»Ich hoffe, es ist nicht einer deiner gescheiterten Tory-Kandidaten«, sagte Beth und lachte. »Charlie wird ihn umbringen.«
Lizzie sagte: »Hör bloß auf damit, ich kann nichts für die fürchterlichen Freunde meines Mannes. Sie sitzt in Keiths Ausschuss für das Krankenhaus. Ihr Name ist Clare irgendwas. Chester.«
»Clare Chessil«, sagte Beth.
»Chessil. Ja, so heißt sie. Groß und dunkel. Kennst du sie?«
»Sie arbeitet mit Charlie zusammen.« Beth sah ihn an. »Clare Chessil«, wiederholte sie.
Charlie war auf einmal tief in seine Zeitung versunken. Er sah ungeduldig auf. »Ja?«
»Lizzie sagt, dass sie morgen nach Frankreich fährt, in dasselbe Hotel wie du.«
»Oh.« Für den Bruchteil einer Sekunde war Charlie aufgebracht. »Wie merkwürdig. Ich denke, das muss ein Missverständnis sein. Das hätte sie mir doch erzählt, oder nicht? Und ich höre das gerade zum ersten Mal.«
»Vielleicht ist es ja jemand anderes«, sagte Lizzie. »Wie auch immer, bye, und schönen Urlaub.«
»Puh«, sagte Charlie, als Lizzie erst einmal außer Hörweite war. »Ich hatte schon befürchtet, dass sie bei uns hängenbleibt. Sollen wir...




