E-Book, Deutsch, 358 Seiten
Scales Im Auge des Schwarms
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-99037-106-0
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Von Fischen, dem Meer und dem Leben
E-Book, Deutsch, 358 Seiten
ISBN: 978-3-99037-106-0
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fische beherrschen die Meere und Süßgewässer und damit sieben Zehntel der Erdoberfläche. Seit Millionen Jahren bevölkern sie in vielfältigsten Formen ein gigantisches Wasserreich. Vom 20 m langen Walhai bis zum millimeterkleinen Winzling, würfel- oder ballonförmig, in allen Farben schillernd oder reglos als Blatt getarnt haben Fische einzigartige Lebensstrategien entwickelt - und sind den meisten von uns doch fremd geblieben. Als leidenschaftliche Meeresbiologin nimmt Helen Scales uns mit auf ihre Tauchgänge, erzählt unter anderem von elektrischen, phosphoreszierenden und giftigen Fischen und erklärt, wie sie Botschaften senden, Klänge hören, ozeanweite Wanderwege bewältigen und im Schwarm funktionieren. Ihr faszinierendes Buch ist eine Liebeserklärung an Fische als individuelle, intelligente Wesen mit einer Fülle erstaunlicher Fähigkeiten, die es zu schützen gilt.
Die Meeresbiologin Helen Scales ist passionierte Taucherin und Autorin zahlreicher Dokumentarsendungen für BBC. Ihr Buch Spirals in Time wurde von 'Guardian', 'The Economist' und 'Times' zum Buch des Jahres gewählt. Helen Scales lehrt und lebt in Cambridge.
Weitere Infos & Material
Prolog: Gedanken über Fische
1 – Fisch-Kuriositäten / Die Meeresgöttin Sedna
2 – Ein Blick aus der Tiefe – Einführung in die Fische / Wie die Flunder ihr Lächeln verlor
3 – Unfassbare Farb-Performance / Der Lachs der Weisheit
4 – Leuchten / O-Namazu
5 – Anatomie eines Schwarms / Osiris und der Elefantenfisch
6 – Fischfutter / Vatnagedda
7 – Giftige Fische / Chipfalamfula
8 – Wie Fische früher waren / Der "Doktor der Meere"
9 – Fischsymphonien / Der Fisch und der goldene Schuh
10 – Fische (neu) denken
Epilog
Anhang: In den Illustrationen abgebildete Arten
Glossar
Ausgewählte Bibliografie und Anmerkungen
Danksagung
Register
Prolog: Gedanken über Fische
Das Tageslicht im Amazonasregenwald schwindet, in einer stillen Bucht begibt sich ein Fischschwarm zur Ruhe. Die Fische sind klein, nur einen halben Daumen groß, mit gegabeltem Schwanz, goldenem Längsstreifen und einem roten Strich über den Augen. Vom Kronendach weit oben sind Blätter ins Wasser gefallen, die versinken und verwesen. Die Fische verstecken sich darunter und lassen sich ausnahmslos von einer raffinierten Botschaft täuschen: . Ein Blatt treibt in Richtung Schwarm. Wie die anderen auch ist es braun gefleckt und hat sogar einen Stiel, mit dem es scheinbar einst am Baum hing. Doch plötzlich klappt ein riesiges Maul auf und verschlingt einen nichtsahnenden Fisch aus dem Schwarm. Kaum eine Sekunde später ist der Blattfisch wieder ein Blatt.
Woanders im Amazonasgebiet verharrt ein Spritzsalmler-Männchen, mit großen perlmuttartigen Schuppen und rot geränderten Flossen, reglos unter einem verheißungsvollen Blattwedel und wartet geduldig, dass ein Weibchen vorbeikommt und es hoffentlich erwählt. Wenn ja, dann springen sie gemeinsam aus dem Wasser und saugen sich mit ihren Flossennäpfen an dem Wedel fest. Das Weibchen legt etwa ein Dutzend Eier ab, das Männchen befruchtet sie mit einem Spermaspritzer. Dann plumpsen beide ins Wasser zurück. Und wiederholen das: Wieder und wieder springen sie hoch und fallen ins Wasser zurück. So lange, bis sie ungefähr 200 Eier in einem dichten Laich abgelegt und befruchtet haben. Schließlich schwimmt das Weibchen erschöpft davon und lässt die Kleinen zurück, weit genug von den meisten eierfressenden Wassertieren entfernt und unter der sorgsamen Obhut des Vaters. Er sorgt dafür, dass die wachsenden Jungen nicht austrocknen, und schlägt im Minutenabstand mit der Schwanzflosse, um sie mit Wasser zu benetzen. Obwohl das einfallende Sonnenlicht von der Luft-Wasser-Linie gebrochen wird, schafft es der talentierte Physiker, seinen Wasserstrahl daran anzupassen, genau auf den richtigen Punkt abseits der Eier zu zielen, und trifft. Nach zwei Tagen schlüpfen die Jungen, fallen ins Wasser und schwimmen davon.
Wenn die Jungfische Pech haben, werden sie von einem hungrigen Vierauge entdeckt. Eigentlich hat der Raubfisch nur zwei Augen, doch sie sitzen wie Froschaugen hoch am Kopf und sind horizontal geteilt, mit je zwei Hornhäuten und Pupillen. Aber sie haben nur eine Linse, die oben, wie menschliche Linsen, flach und unten, wie die der meisten Fische, gekrümmt ist. Das blasse, längliche Vierauge steht knapp unter der Wasseroberfläche und kann in zwei Welten schauen. Mit der unteren Augenhälfte blickt es abwärts ins Wasser und hält nach anderen Raubfischen Ausschau, die obere ragt heraus und sucht Luft und Wasseroberfläche nach Insekten ab – und nach jungen Spritzsalmlern, die gerade herunterfallen und ein willkommenes Mahl sind.
Diese merkwürdigen Fische im Amazonas ragen nicht etwa als Einzige aus einer sonst langweiligen Masse heraus. In den Gewässern der Welt – ob süß oder salzig, flach oder tief – wimmelt es nur so von bemerkenswerten Arten.
Im ostafrikanischen Tanganjikasee etwa wird das Maul von Buntbarschen zur Brutkammer. Wenn sich ein Paar findet, legt das Weibchen die Eier ab, das Männchen gibt sein Sperma hinzu, dann nimmt das Weibchen das Ganze ins Maul und lässt die befruchteten Eier so lange dort, bis die Jungen geschlüpft und groß genug sind, in die Welt entlassen zu werden. Es sei denn, in der Nähe wartet schon ein Kuckucks-Fiederbartwels. Der bärtige weiße Fisch mit schwarzen Flecken verhält sich genauso heuchlerisch wie sein gefiederter Namensgeber. Wenn das Buntbarsch-Weibchen laicht, schummelt er sich blitzschnell dazwischen und legt seine Eier einfach dazu. Wenn seine Nachkommen dann im Maul des betrogenen Weibchens schlüpfen, verschaffen sie sich den nötigen Raum, indem sie alle Buntbarschjungen fressen.
Weiter von der afrikanischen Küste entfernt, auf Madagaskar, leben wiederum in tiefen, unterirdischen Höhlen nicht einmal zentimetergroße hellrosa Grundeln ohne Augen. Ähnlich blasse, augenlose Grundeln leben aber auch auf der anderen Seite des Indischen Ozeans, im fast 7000 Kilometer entfernten Untergrund einer australischen Wüste. Wie neuere genetische Studien zeigen, sind beide Arten eng verwandt, sozusagen evolutionäre Geschwister. Dass die höhlenliebenden Fische eine derartige Langstrecke zurückgelegt und sich so verbreitet haben, kann nicht sein. Sie sind an ihre Höhlen gefesselt und können sich nicht ins Tageslicht wagen. Ohne Augen können sie Feinde nicht sehen, und es fehlen ihnen Pigmente, die sie vor der UV-Strahlung schützen würden. Nur die Verschiebung der Kontinente kann schlüssig erklären, dass sie so weit entfernt voneinander vorkommen. Ein gemeinsamer Vorfahr muss auf einem frühen, südlichen Superkontinent gelebt haben. Als sich dann ein Riss zwischen Australien und Madagaskar bildete, wurden die beiden Höhlensysteme und die Fische getrennt und driften nun seit ungefähr 100 Millionen Jahren langsam auseinander.
Die allermerkwürdigsten und, nebenbei gesagt, auch die meisten Fische leben allerdings in 1000 Meter Tiefe in der Dämmerzone der Meere, wohin kein Sonnenlicht mehr dringt. Dort schwimmen kleine Haie mit leuchtenden Rückendornen herum, mit denen sie vermutlich Eindringlinge vom Zuschnappen abhalten wollen. Andere Fische besitzen Kopftaschen mit leuchtendem Schleim, und keiner weiß, warum. Dort unten liegt auch das Revier der scharfzahnigen Borstenmäuler und der Laternenfische, die so klein sind, dass sie auf eine Handfläche passen. Sie hüllen ihren Bauch in bläuliches Licht und machen ihre Silhouette so für vorbeischwimmende Raubfische unkenntlich. Manche unterhalten sich auch, wie Glühwürmchen, über Lichtblitz-Codes. Wie Tiefseestudien zeigen, sind diese beiden Fischgruppen die Herrscher über die Dämmerzone der Meere. Insgesamt leben dort unten schätzungsweise Hunderte Billionen, vielleicht sogar Billiarden von Borstenmäulern und Laternenfischen, mehr als von jedem anderen Wirbeltier – und gefolgt von nur 24 Milliarden Haushühnern. Tagsüber verlassen die Borstenmäuler und Laternenfische allerdings scharenweise die Dämmerzone und schwimmen auf der Suche nach dem Plankton, das Nacht für Nacht massenhaft aufsteigt, Hunderte Meter in Richtung Wasseroberfläche. Es ist die größte Migrationsbewegung der Tiere auf unserer Erde, und pünktlich wie ein Uhrwerk wiederholt sie sich, aufwärts und abwärts, tagtäglich in allen Meeren.
Mit den Fischen ist dem Leben auf unserem Planeten eine der größten Erfolgsstorys gelungen. Sie beherrschen Meere, Flüsse und Seen und damit mehr als sieben Zehntel der Erdoberfläche. Nimmt man noch die Meerestiefe von durchschnittlich vier Kilometern hinzu, bevölkern sie sogar 90 bis 99 Prozent des gesamten irdischen Lebensraums, der wimmelnden, wuselnden Biosphäre. Seit Hunderten Jahrmillionen sind sie die Herrscher über ein gigantisches Wasserreich. Die Machtverhältnisse zwischen den einzelnen Gruppen haben sich zwar mit der Zeit verschoben, doch die Fische waren immer schon da.
Was Fische genau ausmacht und von anderen Tieren unterscheidet, ist nicht immer einfach zu bestimmen, wie wir im ersten Kapitel noch sehen werden. Vereinfacht gesagt, sind sie aquatisch lebende Tiere mit Kiemen und Wirbelsäule, auch wenn es etliche bemerkenswerte Ausnahmen gibt. Doch davon einmal abgesehen, sind sie auf jeden Fall die zahlenmäßig größte und vielfältigste Wirbeltiergruppe. Sie machen die Hälfte aller Tierarten mit Rückgrat aus. Es gibt ungefähr 30.000 Fischarten, genauso viele wie alle Vogel-, Amphibien-, Reptilien- und Säugetierarten zusammen.
Zwanzig Meter lange Walhaie zählen genauso zu den Fischen wie acht Millimeter kleine Winzlinge1. Auch die Formenvielfalt der Fische ist bemerkenswert: schlängelnde Seile, runde Ballons, Kugeln und Torpedos, flache Pfannkuchen und Würfel. Manche Fische leuchten oder sind farbenprächtig, andere sind silbern oder sandfarben, und durch manche kann man hindurchsehen. Die einen flitzen, die anderen sind vollkommen reglos, einige leben ein paar Wochen, andere jahrhundertelang, die einen wohnen in Höhlen und brauchen keine Augen, andere lassen sich treiben und tun so, als wären sie Blätter. Verglichen mit eher konservativen Tiergruppen sind Fische ungeheuer flexibel und anpassungsfähig und haben in ihrer Unterwasserwelt einzigartige Anpassungsstrategien entwickelt. Es gibt viele Arten, ein Fisch zu sein.
Doch die Brillanz der Fische bleibt den meisten Menschen verborgen und unbekannt. Fische leben versteckt unter Wasser, jenseits unseres Horizonts. Die Küsten und Ufer bilden schwankende, von den Gezeiten überspülte Grenzen, die Nass und Trocken, ihre und unsere Welt trennen. Seit der Antike haben sich nur die Mutigsten oder die unheilbar Neugierigen darüber hinausgewagt.
Schon seit Jahrtausenden ziehen Leute Fische aus dem Wasser und holen sie vor allem aus zwei Gründen in die menschliche Welt. Fisch ist zuallererst Nahrung. Fische zu fangen und zu essen ist so tief in...




