Schaefers | In den buntesten Farben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Schaefers In den buntesten Farben

Bewegende Own-Voices-Geschichte vor malerischer deutscher Kulisse
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95762-314-0
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bewegende Own-Voices-Geschichte vor malerischer deutscher Kulisse

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-95762-314-0
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Philipps Herz ist gebrochen, wieder einmal. Er scheint einfach kein Händchen für die Liebe zu haben - oder klappt es nur nie, weil er trans* ist? Vielleicht liegt es aber auch an Ali, dem Jungen, an den er seit Jahren immer wieder denkt. Kurzerhand beschließt Philipp, die Geschichte mit seinem mysteriösen Internet-Freund von damals endlich abzuhaken. Dazu muss er bloß herausfinden, wieso dieser plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist. Bei seiner Suche im sächsischen Pirna begegnet Philipp dem rebellischen Timon mit den bunten Haaren, der ihn nicht nur sofort in seinen Bann zieht, sondern außerdem eine Verbindung zu Ali zu haben scheint ...

Marius Schaefers wurde 1995 geboren und veröffentlichte seinen Debütroman mit 18 Jahren im Selbstverlag, gefolgt von weiteren Selfpublishing-Erfolgen und Verlagsveröffentlichungen. In seinen romantisch-dramatischen und fantastischen Geschichten schreibt er über die Suche nach dem Glück und den Mut dazu, man selbst zu sein. Auf Instagram teilt Marius @derunbekannteheld spannende Insider-Informationen zu seinen Büchern, außerdem spricht er offen über seine Transidentität und Queerness. Seit seinem Coming-out lebt der Autor als Mann. Über den Austausch mit seinen Leser*innen freut Marius sich sehr.
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KAPITEL 1


PHILIPP


»Autsch!« Vinita verpasst mir einen heftigen Boxhieb gegen die Schulter, so dass ich nicht nur zusammenzucke, sondern mein Smartphone vor lauter Schreck fallen lasse. Mit dieser Attacke hat sie mich überrumpelt. Ich bin schon mal in besserer Verfassung gewesen und sollte nicht zu viel von mir erwarten. Immerhin setze ich das erste Mal seit Wochen und nach der Sache mit Hannes einen Fuß vor die Tür beziehungsweise in ein Auto. Meine Auffassungsgabe und Kommunikationsfähigkeit sind mangels sozialer Interaktion in dieser Zeit etwas eingerostet.

»Was soll das?«, verlange ich von meiner besten Freundin zu erfahren.

Ich hatte geglaubt, sie wäre als Fahrerin hinreichend abgelenkt und auf die Straße fokussiert, so dass sie nicht mitbekommen würde, wenn ich mein Handy aus der Hosentasche ziehe. Das war offensichtlich eine Fehlannahme. Bevor ich mich weit genug vorbeugen und das Gerät aus dem Fußraum fischen kann, befördert ihr abruptes Bremsmanöver es in der nächsten Sekunde unter den Sitz und damit vollständig aus meiner Reichweite. Na super.

»Sorry!«, trällert Vinita und lacht dabei, was ihrer Entschuldigung jede Ernsthaftigkeit nimmt.

Ich verdrehe die Augen.

Das war garantiert Absicht! Vorsichtig richte ich mich wieder auf, wobei ich mich am Handschuhfach abstütze. Beinahe wäre ich mit dem Kopf dagegen geknallt – und habe ich jetzt versehentlich irgendwas gelöscht, gelikt oder gepostet? Das ist schon die fünfte rote Ampel, an der wir halten. Alles hat mit einer Straßensperrung begonnen, weshalb wir einen Umweg nehmen müssen. Fast als wollte mir jemand sagen, dass ich lieber im Bett hätte bleiben sollen.

Ich versuche gar nicht erst, mein Smartphone dort, wo es liegen mag, zu erreichen. Stattdessen lehne ich mich zurück und beschränke mich auf ein resigniertes Seufzen. »Solltest du dich nicht aufs Fahren konzentrieren?«, motze ich.

»Und du unseren Trip mal für eine Handypause nutzen?«, kontert Vinita.

»Wir sind immer noch in Dortmund«, wehre ich mich. Der Trip hat also noch nicht wirklich begonnen.

»Umso schlimmer!« Ihre Empörung ist nicht gespielt.

Nun sacke ich ein wenig schuldbewusst zusammen und schenke ihr und unserer Umgebung meine Aufmerksamkeit. Wir stehen nach wie vor an der Ampel. Ich sehe zu, wie eine Gruppe von Schüler*innen, eine ältere Dame und ein Postbote vor uns die Straße überqueren.

Die nächsten fünf Stunden werden wir zu zweit in dem Opel meines Vaters eingepfercht sein, von daher sollte ich mich gut mit Vinita stellen.

Das Auto hat Papa uns netterweise für unsere Reise geliehen. Im Grunde hat er es uns aufgeschwatzt, weil er so begeistert war, dass ich wieder etwas unternehme. Meinen Protest und das Plädoyer für die umweltfreundlichere Alternative der öffentlichen Verkehrsmittel wischte er mit einem »Papperlapapp!« beiseite. Da mein Vater von zu Hause aus arbeitet, braucht er das Auto sowieso kaum. Wieso meine Eltern dann überhaupt beide eins haben, ist wiederum eine andere Frage.

»Wie viele Minuten hast du durchgehalten?«, fragt Vinita vorwurfsvoll. »Wolltest du diese Dating-App nicht löschen?«

»Ich war auf Instagram.«

Das stimmt. Dass die besagte Dating-App trotzdem noch auf meinem Handy installiert ist, verschweige ich wohlweislich.

»Also hast du nicht zum hundertsten Mal euren Chatverlauf gelesen und überlegt, auf Hannes’ Bettelei zu reagieren und ihm zu verzeihen?«

Ich begegne Vinitas funkelndem Blick. Meine Ohren beginnen zu glühen. Jetzt gerade, als sie mich am Handy erwischt hat, war das zwar nicht der Fall, aber es ist schon häufiger vorgekommen.

Dass ich nach wie vor angeschlagen bin, ist nicht von der Hand zu weisen. Während sie sich wie üblich schick gemacht hat, fehlte mir die Motivation dafür, obwohl ich mich normalerweise genauso gern bei meinem Styling ins Zeug lege und unter anderen Umständen vermutlich niemals in Jogginghose rausgegangen wäre. Vinita dagegen hat sich selbst für die mehrstündige Autofahrt geschminkt und ihre langen glatten schwarzen Haare mit einem gelben Scrunchie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Das Kleid, das sie über einer weißen spitzenbesetzten Leggings trägt, hat dieselbe Farbe wie das Haarband.

Als sie heute Morgen in meinem Zimmer aufgetaucht ist und mich ohne Gnade aus den Federn geschmissen hat, habe ich sie noch verflucht. Manchmal hat eine WG auch Nachteile. Wobei ich im Grunde froh darüber bin, dass sie es getan hat. Das hier ist allemal besser, als weiter die Decke anzustarren und mich in negativen Gedankenspiralen zu verlieren, obwohl ich keine Ahnung habe, wie es enden wird.

Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen beim Gedanken daran, dass ich eine so wunderbare Freundin habe, die immer für mich da ist, und manchmal besser weiß, was ich brauche als ich selbst. Wie oft hat sie in der Vergangenheit verhindert, dass ich zu spät zum Unterricht erschienen bin? Häufig. Seit wir in der fünften Klasse im Bismarck-Internat in der Eifel zu Mitbewohner*innen auserkoren worden sind, sind wir unzertrennlich. Eine Welle aus Dankbarkeit überrollt mich. Auch weil sie das Fahren übernimmt und ich Autofahren hasse.

Die Ampel springt auf Grün. Es geht weiter.

Weil ich nicht geantwortet habe, ist eine Pause entstanden. Als ich merke, wie Vinita dazu ansetzt, nachzuhaken und mich dabei mit Namen anzusprechen, halte ich unwillkürlich die Luft an.

»Philipp?«

Ich atme weiter. Sie hat sich nicht versprochen.

»Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?«

Ich schaue wieder aus dem Fenster. Endlich kommen wir etwas zügiger voran und nehmen an Fahrt auf. Turmhohe Bürogebäude, der Glasbau der Stadt- und Landesbibliothek sowie der Hauptbahnhof ziehen draußen an uns vorbei.

Selbst drei Jahre nach meinem Outing fürchte ich in solchen Momenten noch immer kurz, den Leuten, die mich am längsten kennen, könnte versehentlich mein Deadname herausrutschen. Jener von mir abgelegte alte Name, den mir meine Eltern gegeben haben, weil ich aufgrund der anatomischen Gegebenheiten, mit denen ich geboren wurde, in der Kategorie Mädchen gelandet bin.

»Ich bin nervös wegen der Reise und dem, was uns am Ziel erwarten mag.« Ich reibe mir über den unbedeckten Unterarm, auf dem sich wie zum Beweis für meine Nervosität eine Gänsehaut bildet. Wobei die laufende Klimaanlage ebenfalls ihren Teil dazu beitragen könnte. »Da hilft es ein bisschen, mich abzulenken, indem ich durch den News-Feed scrolle.«

Genau wie die Beschäftigung mit Instagram löst auch der Anblick der dichten dunklen Härchen auf meinen Armen und wie sie sich aufstellen, nun so etwas wie Frieden in mir aus und erleichtert mich zusätzlich. Es ist immer wieder schön, die Veränderung derart bildlich vor Augen geführt zu bekommen. Denn das bin ich, so sehe ich jetzt aus. Wie euphorisch mich das macht, weil das nicht immer so war, ist unglaublich. Der falsche Name, die falschen Pronomen, das Gefühl des Fremdseins in meinem eigenen Körper sind so gut wie vergangen. Schon seit einer Weile und dank der Hormonersatztherapie mit Testosteron, durch die sich mein Erscheinungsbild vermännlicht, redet mich inzwischen niemand mehr mit »Frau Neuhoefer« an.

»Okay, dann keine Entzugserscheinungen wegen Hannes, sondern wegen Insta«, resümiert Vinita. »Ich bin mir nicht sicher, ob das weniger bedenklich ist.«

Ja, Social Media ist für mich die perfekte Möglichkeit, um emotionalen Ballast abzulassen. Und das auf konstruktive Weise und zur Unterhaltung meiner Follower*innen. Seit ich begonnen habe, über meine Transition und mein Leben als trans* Mann zu bloggen, hat sich das Ganze rasant verselbstständigt. Mittlerweile rede ich dort nicht mehr nur über mich, sondern setze mich außerdem für generelle Belange und die Rechte der LGBTQIAP+ Community ein. Abgesehen von Vinita und eher kurzlebigen Chats mit meiner Lieblingsschwester und meinem Vater, ist Instagram in letzter Zeit zugegebenermaßen meine einzige Verbindung zur Außenwelt gewesen. Mag sein, dass ich Abstand von dem sozialen Netzwerk nehmen sollte. Vorübergehender digitaler Detox soll immerhin das Wohlbefinden steigern. Einen Augenblick später beschließe ich, diese Tatsache hartnäckig ignorierend, in meinem nächsten Post über das Thema Gender-Euphorie zu schreiben. Jenes Gefühl, das trans* und nicht-binäre Personen empfinden, wenn ihre Geschlechtsidentität von außen bestätigt wird. So wie ich es gerade erlebt habe.

»Ich kann mich nicht vollständig ausklinken«, erkläre ich. »Instagram ist gewissermaßen so was wie mein Nebenjob.« Dem ich zuletzt sogar den Vorzug zu meinem Studium in Kultur- und Sozialwissenschaften gegeben habe, weil mich dieses nicht richtig begeistert. Das ist Vinita selbstredend ebenso wenig...


Marius Schaefers wurde 1995 geboren und veröffentlichte seinen Debütroman mit 18 Jahren im Selbstverlag, gefolgt von weiteren Selfpublishing-Erfolgen und Verlagsveröffentlichungen. In seinen romantisch-dramatischen und fantastischen Geschichten schreibt er über die Suche nach dem Glück und den Mut dazu, man selbst zu sein. Auf Instagram teilt Marius @derunbekannteheld spannende Insider-Informationen zu seinen Büchern, außerdem spricht er offen über seine Transidentität und Queerness. Seit seinem Coming-out lebt der Autor als Mann. Über den Austausch mit seinen Leser*innen freut Marius sich sehr.



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