E-Book, Deutsch, 148 Seiten
Schilken-Raulf Buchstabensuppe
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-9025-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurze und nicht ganz so kurze Geschichten
E-Book, Deutsch, 148 Seiten
ISBN: 978-3-7562-9025-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rezept für eine schmackhafte Buchstabensuppe Man nehme: Zwei Pfund alltäglichen Wahnsinn, eine isländische Elfe, 40 cm eines schriftstellernden Lesezeichens, eine tote Sekretärin sowie einen sehr lebendigen Hufschmied. Auf kleiner Flamme mehrere Stunden leise köcheln lassen. Zum Schluss mit einer Prise Fantasie und einem Hauch Mordlust abschmecken.
Geboren 1964 im Ruhrgebiet, aufgewachsen im Münsterland, erwachsen geworden in Köln, jetzt wird sie im Niederbergischen langsam älter - pardon: Sie reift, wie ein guter Wein. Oder ein leckerer Käse. Zusammen mit einem Mann und zwei Katzen. Nach einem kunterbunten Lebenslauf ist es ihr mit Anfang 50 gelungen, Beruf und Berufung unter einen Hut zu bringen: Für Brot und Butter tippt, korrigiert und entwirft sie für ihre Kundschaft schöne Texte und für die Kirsche auf der Sahnetorte schreibt sie Kurzgeschichten mitten aus dem Leben, seit Kurzem auch Krimis und was ihre wilde Fantasie ihr sonst noch so in die Tasten diktiert. Fragt man sie nach ihrem Beruf, ist die Antwort: Buchstabensuppenköchin..
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Traum(a)Travel
Auch diese Geschichte wurde von einer Freundin aus der Taufe
gehoben. Mit Claudia und unseren Männern war ich im Oktober
2021 mit der MS Norröna auf dem Nordatlantik unterwegs und es
hätte der Traumurlaub werden können – wenn, ja wenn da nicht
diese Horden von rasenden Rentner mit an Bord gewesen wären …
Claudia meinte, dass uns diese eine Woche ein ordentliches Trauma
beschert hätte und ob ich uns das nicht mal von der Seele schreiben
könnte. – Nichts lieber als das! Samstag Hirtshals, Dänemark, ein sonniger Nachmittag Ende Oktober. Kleine Schäfchenwolken zogen in munterem Tempo über den Himmel, weiter hinten am Horizont wurde die Sicht langsam diesig. Runa stand rauchend auf Deck 10 der Kreuzfahrtfähre Norröna an der Reling und pustete in ihren Cappuccino, heiß wie die Lava aus dem Eyjafjallajökull. Mads, der Barkeeper der Laterna Magica, kannte Runa nun schon seit sieben Jahren und wusste, wie sie ihren Cappuccino am liebsten mochte: als doppelten Espresso in einer vorgewärmten Tasse, mit einer dicken Schicht heißem Milchschaum zugedeckt. Aber bitte ohne Herzchen- oder Kleeblätter-Schnickschnack aus Kakaopulver oben drauf! Sieben Jahre waren das jetzt schon? Du meine Güte, wie die Zeit verging … Gleich nach dem Abi in einer hessischen Kleinstadt hatte Runa sich an der Frankfurter Uni zum Skandinavistik-Studium eingeschrieben, schließlich beherrschte sie Isländisch seit Kindertagen aus dem Effeff. Schon ihre Oma und später ihre Mutter hatten in all den Jahren engen Kontakt gehalten zu ihren Freundinnen auf Island. Nicht von ungefähr trug sie den Namen Runa – Isländisch für „Die Zauberhafte“. Helga, Omas beste Freundin, war 1949 als eine der ersten deutschen Frauen an Bord der Esja nach Island ausgewandert – im ausgebombten Nachkriegs-Lübeck hielt Helga nichts mehr. In der Nähe von Hafnarfjörður arbeitete sie zunächst als Dienstmädchen auf einem Bauernhof, verliebte sich dann in den ältesten Bauernsohn und bekam mit ihm acht Kinder. Mit Helgas Enkelin Frida war nun Runa befreundet und verbrachte regelmäßig die arbeitsfreien Wintermonate in einem von Fridas kleinen Gästehäuschen. Den Sommer über, von Anfang April bis Ende Oktober, arbeitete Runa an Bord der Norröna als Gästebetreuerin für die Reisenden der TraumTravel. Insgeheim nannte Runa ihren Arbeitgeber TatterTravel – 95 % der Kreuzfahrer:innen würden die 70 höchstens noch als Geschwindigkeitsangabe auf ihrem Tacho lesen, aber bestimmt nicht mehr auf ihrer Geburtstagstorte. Ihr Traumjob war das ganz bestimmt nicht, aber wer sucht schon eine Skandinavistin frisch von der Uni? Udo, ein Kumpel aus Sandkastentagen, hatte Reiseverkehrskaufmann gelernt und sie seinem Chef bei TraumTravel wärmstens ans Herz gelegt. Neben ihren Sprachkenntnissen in Isländisch, Dänisch, Norwegisch und Schwedisch verfügte Runa auch über ein warmherziges Naturell – ideal für eine Gästebetreuerin in kalten nordischen Gefilden, fand ihr neuer Chef. Und so kam es, dass Runa vor sieben Jahren das erste Mal hier gestanden hatte – an einem sonnigen Samstagnachmittag, rauchend und in ihren Cappuccino pustend an der Reling der Norröna. Seufzend drückte Runa ihren Zigarettenstummel im Metallaschenbecher, der an der Reling festgeschraubt war, aus – die Pflicht rief. Sie brachte Mads noch rasch die leere Cappuccinotasse zurück. Der zwinkerte ihr über die blank polierte Theke hinweg zu, eine Mischung aus Mitleid und Belustigung spielte um seine Mundwinkel. – Ha! Dem würde in der nächsten Woche auch noch das Grinsen vergehen! Spätestens, wenn sich der erste Helmut oder Horst darüber beschwerte, dass das frisch gezapfte Gull-Bier von den Färöern nicht so schmeckte wie sein Stuttgarter Hofbräu Pilsner. Oder eine Waltraud rummoserte, dass es hier keinen Frankfurter Äppelwoi gab. „Hanoi, so a kloisch Bocksbeutele hätt‘ doch a jede gude Reschtauration!“ Wie gut, dass Mads nur Dänisch und Englisch und kein Deutsch sprach – aber das hätte ihm vermutlich auch nicht viel geholfen. Während die Norröna vom Kai ablegte und langsam Fahrt in Richtung Norden aufnahm, hakte Runa das „Staff only“-Schild vor dem Niedergang aus und hangelte sich die steilen Stufen hinunter bis zum Deck 5, wo die Rezeption untergebracht war. Wie befürchtet, standen die Gäste hier noch in Trauben im Gang und vor dem Aufzug, ungeduldig mit ihren Bordkarten wedelnd und die beiden Rezeptionistinnen mit Fragen wie: „Hädsch denn auch Vollkornbrödle am Buffet?“ oder „Wo han mer denn des Deck 7?“ löchernd. Annika und Gudrun bemühten sich nach Kräften, ihr professionelles Lächeln nicht zu verlieren – aber an Anreisetagen konnte man das noch so gut hinter den Ohren festtackern, bis die Bagage endlich beim Abendessen saß, war doch die eine oder andere Tackerklammer deutlich verrutscht. Runa trat mitten in den Touristenpulk, stellte sich als Gästebetreuerin der TraumTravel für die nächste Woche vor und versuchte so, die beiden ein wenig zu entlasten. Sie hoffte, dass diese letzte Reise des Jahres von Dänemark über die Färöer nach Island und auf gleichem Weg zurück endlich wieder eine wurde, die reibungslos verlief – soweit man bei gut 50 hochbetagten Teilnehmer:innen der TatterTravel überhaupt von „reibungslos“ sprechen konnte. Seit der zweiten Tour im April war es gehäuft zu seltsamen Zwischenfällen gekommen, seltsamer noch als normalerweise bei einem Rudel rasender Rentner, die auf ihre letzten Tage noch so viel von der Welt sehen wollten wie irgend möglich. Dabei dachte Runa gar nicht mal an die ewigen Zankereien am Buffet, die nur dank ihrer Vermittlungskünste nicht in Schlägereien mit Krückstöcken und Hähnchenkeulen ausarteten. Oder an übermütige Senioren, die sie nur knapp davon abhalten konnte, sich zu weit über die Reling zu beugen: „Froilein, lassen‘s mich, i kann doch sonscht ned sähen, ob’s dieselbe Schiffsschraube häd wie die „Tirpitz“!“ Nein, das waren Runas ganz normale Freuden des Reisealltags. Seltsamer war, dass z. B. immer wieder Gehstöcke und Rollatoren auf Nimmerwiedersehen verschwanden und den betroffenen Gästen die Landausflüge erheblich erschwerten. Oder dass fast alle Reisenden der TraumTravel ganz plötzlich ab dem dritten Tag fürchterlich seekrank wurden – bei spiegelglattem Nordatlantik und strahlendem Sonnenschein. Komischerweise passierten diese Zwischenfälle immer nur den von ihr betreuten Reisegruppen; bei ihren Kolleg:innen, die gleichzeitig mit ihr an Bord waren, lief immer alles wie im Hochglanzreiseprospekt beschrieben. Runa hatte zwar einen Verdacht, aber sie hütete sich, den vor ihrem Arbeitgeber auch nur am alleräußersten Rande zu erwähnen, wenn sie nach dem Ende einer Tour mal wieder zu einem „klärenden Gespräch“ gebeten wurde. Sie konnte nur immer wieder beteuern, dass sie ganz bestimmt kein Brechmittel in die Marmelade gerührt hatte und auch nicht für das Verschwinden der zahllosen Gehhilfen verantwortlich war – wo hätte sie die auch verstecken sollen? In ihrer handtuchgroßen Kabine etwa? Und was hätte sie mit dem ganzen Altmetall anfangen sollen? Runa befürchtete nämlich, dass ihre alte Freundin Asta nicht ganz unschuldig war an den Vorkommnissen. Dass Asta eine isländische Elfe oder dass sie überhaupt eine real existierende und keine eingebildete Freundin war, wusste außer ihr nur Frida. Runa und Frida und Asta hatten in ihren Kindertagen oft im Garten von Fridas Eltern gespielt und sowohl Runa als auch Frida hatten ihre Fähigkeit, Elfen zu sehen und mit ihnen zu sprechen, auch mit dem Erwachsenwerden nicht verloren. Wenn Runa den Winter in Fridas Gästehaus verbrachte, kam Asta ab und an zu Besuch und die Drei erzählten sich, was sie den Sommer über erlebt hatten. Gut, vielleicht hatte Runa im letzten Winter etwas zu viel über ihren Job gemeckert und über die nervigen Gäste, die ihr zunehmend auf den Keks gingen. Aber irgendwo musste der Dampf ja mal abgelassen werden – und wo sonst, wenn nicht bei ihren besten Freundinnen? Aber dass Asta ihre spinnenbeindünnen Finger da drin hatte … Nein, auf gar keinen Fall! Oder doch? Hm. Ein Gast riss sie mit seiner Frage nach den Toiletten (Prostata, vermutete Runa) aus ihren Grübeleien. Sie wies ihm den Weg zu den hübsch gestalteten Türen mit den Bildern von färingischen Menschen in historischen Trachten darauf und wandte sich dem nächsten Fragenden zu. Noch zwei Stunden, dann wurde das Abendbuffet eröffnet und sie hatte endlich Feierabend für heute. Sonntag Der nächste Tag auf See verlief recht ruhig mit einem Vortrag über die Färöer-Inseln, Bingo in der Bibliothek und nur einer kleinen Kabbelei zwischen zwei Seniorinnen, die...




