E-Book, Deutsch, 217 Seiten
Schindler Evas Spiel
3. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96281-525-7
Verlag: Null Papier Frisch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine tödliche Inszenierung
E-Book, Deutsch, 217 Seiten
ISBN: 978-3-96281-525-7
Verlag: Null Papier Frisch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verena Schindler war nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft, Neueren Deutschen Literatur und Französisch in Mainz, Paris und Berlin zunächst im Kulturbereich tätig, bevor sie ein MBA-Studium absolvierte und in die Wirtschaft wechselte. Bereits in der Schulzeit verfasste sie Kurzgeschichten und Gedichte; während ihres Magister-Studiums schrieb sie mehrere (Kinder-) Theaterstücke. Trotz zeitintensiver Berufstätigkeit ist sie dem Schreiben auch nach dem Studium treu geblieben. 'Evas Spiel' ist ihr erster Roman.
Autoren/Hrsg.
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10. Januar
22.10 Uhr. Der Sekundenzeiger der Uhr, die einer Bahnhofsuhr glich, bewegte sich unerbittlich tickend vorwärts. Überhaupt erinnerte die Atmosphäre stark an Bahnhof. Ein Kommen und Gehen, kurzes Warten, flüchtige Begegnungen. Stimmengewirr. Und nicht zu vergessen die Durchsagen. »Letztes Bild. Ariane und Paul bitte bereit machen. Dritter Aufgang.«
Aus einer Ecke in der Theaterkantine war ein abfälliges »So eine perfide Gans!« zu hören, vom Tisch gegenüber kam schallendes Lachen. Zwei Tische weiter erhob man das Glas und stieß an auf … Das wusste wahrscheinlich niemand so genau. Am Theater gab es schließlich immer was zu feiern!
Gedankenverloren blieb der Blick einer ca. 40-jährigen, bereits vom Leben gezeichneten Frau an der bereits merklich geleerten Flasche ihres Kollegen hängen. Lediglich ein Hauch Mascara verlieh ihrem Gesicht ein wenig Ausdruck. Still in sich hineinseufzend wandte sie sich, kaum noch imstande, den müden Blick ihrer Augen zu verbergen, wieder ihrem Gegenüber zu: einem graumelierten, ebenfalls in die Jahre gekommenen Möchtegern-Dandy mit zu kantigem Gesicht, zu fahrigen Bewegungen und zu wolfsartigem Blick für ebendiese Rolle.
Victor goss sich erneut ein Glas Whisky ein. Um das toxikologische Gleichgewicht wieder herzustellen, zündete sich Annette im Gegenzug die sicherlich zehnte Zigarette des Abends an und pustete Victor den Rauch ganz unverhohlen ins Gesicht. Ohne den Blick abzuwenden, hüstelte Victor kurz und starrte sie, wie schon minutenlang zuvor, nachdenklich an. »Ich sage dir: der Faust ist eine Nummer zu groß für uns.«
Annette seufzte: »Victor. Wer bitte, wenn nicht du, wäre dem Stoff denn sonst gewachsen? So viele haben das Stück schon inszeniert.«
»Eben.«
»Du weißt genauso gut wie ich, dass du aus der Nummer nicht mehr rauskommst. Die Premiere ist lange angekündigt.«
Victor leerte sein Glas. »Im Faust, da ist so viel Konflikt. Das muss Schmerzen bereiten.«
Annette nickte wortlos.
»Gleichzeitig ist da aber auch ganz viel Lust. Begierde. Das liegt so nahe beieinander.«
Wieder nickte Annette.
»Wenn ihr wirklich wollt, dass ich das mache, dann müsst ihr euch darüber im Klaren sein, dass das die Zuschauer polarisieren wird.«
»Das tun deine Inszenierungen doch immer.«
»Ja, aber dieses Mal werde ich weitere Grenzen sprengen. Anders kann ich den Faust nicht machen.«
»Man wird aber schon noch erkennen, dass es Goethes Faust ist, den du da inszeniert hast?«, grinste Annette.
»Und wenn nicht, wäre das ein Verlust?«
»Na ja, andernfalls würde ich mich fragen, ob du überhaupt noch eine Dramaturgin brauchst, wenn du sowieso alles ganz anders machen willst?«
Victor umfasste Annettes Hand: »Du wirst mich nicht im Stich lassen. Überleg dir schon mal, wie wir die Gretchentragödie auch textlich mehr in den Mittelpunkt stellen können.«
»Geht’s dir um Gretchen oder um Eva?« Annette rutschte auf ihrem Stuhl zurück. Das hätte sie besser nicht sagen sollen.
Victor funkelte sie an. »Um was es mir geht, ist meine Sache. Ihr wollt, dass ich den Faust mache. Ich liefere euch meine Inszenierung. Fertig.«
Erneut goss Victor sich Whisky ein und schüttelte sich angewidert, nachdem er das Glas in einem Zug ausgetrunken hatte.
»Du hast ja recht, Victor. Ist auch schon spät. Zeit für mich …«
Annette erhob sich, aber Victor zog sie zurück auf ihren Platz. Völlig unerwartet setzte er zu einem breiten Grinsen an: »Wie? Das meinst du doch nicht ernst? Du kannst mich jetzt nicht alleine lassen! Mit den bösen, bösen Menschen … Guck, da kommt schon einer!« Victor winkte Johnny herbei, der eben die Kantine betreten hatte.
»Na, böser Mensch, wie isses gelaufen?«
»Hey, Victor, es war einfach geil. Wir hatten so viel Spaß! Es war … die reinste Ekstase!«
Victor blickte triumphierend zu Annette: »Siehst du, das ist, was unsere Schauspieler brauchen! Ekstase, Euphorie! – Komm Johnny, setz dich, mein Freund.« Johnny ließ sich auf den freien Stuhl an der Querseite des Tisches nieder.
Victor schob ihm sein wieder gefülltes Whiskyglas hinüber, welches Johnny mit hastigem Zug hinunterstürzte.
»Und wie schaut’s aus? Können wir beim Faust auch wieder so richtig auf die Kacke hauen?«
Victor blickte süffisant in Annettes Richtung. »Wenn unsere Frau Generalfeldwebel uns lässt …«
Johnny runzelte die Stirn. »Oh nee, aber nicht so ’ne Biedermeier-Nummer …«
»Wer hat denn was von Biedermeier gesagt?«, kritisierte Annette. »Dazu wäre Victor doch gar nicht in der Lage.«
»Interessant, liebe Frau Dramaturgin. Du glaubst also, ich wäre nicht imstande, irgendeine dieser austauschbaren Stadtbühnen-Inszenierungen zu produzieren?«, hakte Victor nach.
»So war das doch nicht gemeint. Aber du hast doch selbst gesagt, dass du es ganz anders machen willst …«
»Ja, das werde ich. Echter.«
»Echter?« Annette blickte ihn fragend an.
»Ja, wahrhafter.«
Annette nickte stumm.
Victors Gesicht färbte sich rot. »Was ist? Traust du mir das nicht zu?«
»Doch, doch. Natürlich.«
»Ach ja? Und warum ist da so ein Zweifel in deinen Augen?«
Annette räusperte sich. »Na ja, in vielerlei Hinsicht sind deine Inszenierungen unschlagbar. Aber wenn ich was kritisieren müsste, dann …«
»Ja, was? Dann?«
»Ich bin der Meinung, dass … Oft habe ich das Gefühl, du meinst nicht ernst, was du da auf die Bühne stellst.«
»Pah!« rief Victor aus. »Habt ihr das gehört? Das lasse ich bestimmt nicht auf mir sitzen! Wer, wenn nicht ich, Victor Hund, inszeniert denn bitte Auth … Authentizität?«
Annette blickte Victor ruhig und gelassen ins Gesicht. Nach ihrer anfänglichen Unsicherheit, fand sie allmählich Gefallen an ihrem kleinen Zwist: »Wenn du glaubst, du erreichst Authentizität, indem du deine Schauspieler sich ausziehen oder bei ihren realen Vornamen ansprechen lässt, hast du sicherlich recht. Trotzdem stimmen deine Inszenierungen nicht. Der Kern, eben das Wahrhafte, das fehlt einfach.«
Victor begann zu brodeln: »Gut, Frau Dramaturgin, dann sag du mir, wie ich das Wahrhafte inszeniere! Dann geh morgen mit mir zur Probe und erklär meinen Schauspielern, was sie tun müssen! Ich bin gespannt, wie du das anstellst!«
Johnny, der sich das zweite Glas Whisky eingoss, lenkte beschwichtigend ein: »Hey, bleibt mal locker! Das kriegen wir schon gebacken. Ist doch schon spät heute … Stoßt lieber noch mal mit mir an! Prost.« Er trank auch dieses Glas in einem Zug aus.
Victor und Annette...




