E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Schmidt Die Einsamkeit des Stalkers
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3345-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-7534-3345-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auch Stalker müssen zum Zahnarzt. Und haben eine Mutter. Autor Torsten Schmidt begibt sich auf die Spur eines Stalkers. Ein namenloses Ich, einsam und von seiner Frau geschieden, macht sein Hobby, Menschen zu verfolgen und auszuspionieren, zur Passion. Er schmuggelt sich in das Leben der schönen Laura ein, findet auf dieser Spur zwei Liebschaften und neue Freunde. Zu seiner Überraschung stößt er auf einen "Kollegen", der ebenso von der südländischen Schönheit besessen ist. Intrigant und mit detektivischem Spürsinn versehen durchforscht er die Großstadt, sucht seinem Leben einen perversen Sinn zu geben. Dabei empfindet er sich mehr als gesellschaftskritischer Flaneur denn als krimineller Stalker. Bis ihm ein Licht aufgeht.
Torsten Schmidt, Jahrgang 1960, geb. in Lübbecke/Westf., Studium der Germanistik und Philosophie in Köln, verheiratet, lebt in Köln. Arbeit als Lektor und Literaturkritiker. Aktuell ist er in der Erwachsenenbildung im Bereich Literaturvermittlung aktiv. Er hat mehrere Romane verfaßt.
Autoren/Hrsg.
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ZWEI
Vor mir die alte Frau schien es eilig zu haben. Es war Freitagnachmittag und ich reihte mich hinter ihr in die Schlange vor der Kasse des Supermarktes ein. Ich hätte am liebsten laut losgelacht: Das Rennen, das Ende der Schlange als erster zu erreichen, war extrem knapp gewesen. Ich ließ die alte Frau gewinnen, sie dankte es mir mit einem verlegenen Grinsen. Es war ein stilles, zähes Rennen gewesen. Ich grinste zurück. Es war zu einfach, dem vermeintlichen Gewinner die Lust am Sieg zu vermiesen. Figürlich und alterstechnisch stand die Frau jenseits des Liebesmarktes, anders gesagt kurz vor den Toren der Hölle. Sie trug Gesundheitsschuhe und verströmte den Geruch von Mittagessen. Der Inhalt ihres Einkaufwagens wurde von Süßigkeiten und Wurstwaren dominiert. Sorgfältig und gut einsehbar gestapelt, damit es nachher an der Kasse schneller ging. Ich hatte die drei Urlaubstage seit Danielas Essenseinladung angenehm und allein verbracht; mit der breiten Frau vor mir würde ich einige Minuten meines Lebens verbringen. Ich mußte mich auf das Leben einlassen, auf das banale Leben, selbst wenn es in Gestalt einer dicken Hausfrau erschien, das hatte mich der Abend beim Griechen gelehrt. Ich hatte mich nun endgültig von Daniela verabschiedet, von meiner Daniela verabschiedet, ich begrüßte die neue und ferne Daniela, die einem anderen Mann gehörte und von ihm ein Kind erwartete. Ich mußte mir eingestehen, daß ich diesen Schritt bzw. Schnitt seit der Trennung und der anschließenden Scheidung niemals in dieser Deutlichkeit und Konsequenz vollzogen hatte. Da waren nur Vorspiegelungen gewesen, es hatte immer noch offene Türen gegeben sowie hoffnungsvolle und schlaflose Nächte. Jetzt war es geschafft, meine schwere Geburt, kalauerte ich im Stillen. Daniela hatte einen neuen Mann, war schwanger, das waren die Fakten. Das war zu akzeptieren wie eine Landesgrenze. In der Schlange bewegte sich wenig, es war nur eine Kasse besetzt. Mittagszeit. Vor mir reckten sich Köpfe, nach oben und zu beiden Seiten, als ob es etwas zu sehen gäbe. Volkes Unmut wurde hörbar, Sätze wie Das gibt es doch nicht! oder Geht das auch schneller! fielen. Der fleischige, mit Altersflecken übersäte und irritierend knochenlos wirkende Arm griff rechts in das Warenregal mit Süßigkeiten, um den Bestand im Einkaufswagen mit zwei Packungen grüner Geleefrüchte zu komplettieren. Waldmeister- oder Apfelgeschmack, ich fühlte Übelkeit in mir aufsteigen und konzentrierte den Blick auf meine Einkäufe. Ich war dankbar und hatte allen Grund, dankbar zu sein, daß Daniela weiterhin einen freundlichen Kontakt mit mir pflegen wollte; Freundschaft war besser als jedes rechthaberische Aufrechnen, wir waren beide an diesem Abend reifer geworden. Mittwoch hatte sie bei mir angerufen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen; was extrem nett war. Ich hoffe, du kannst mit dieser Neuigkeit leben, hatte Daniela aufs Band gesprochen. Du weißt schon! – Ich wußte und hätte gerne zurückgerufen, ihre Telefonnummer hatte ich schon angewählt, ich empfand es jedoch als unpassend und legte auf. Und mit dem Thema Laura konnte und wollte ich nicht wieder anfangen. Das war meine Sache, außerdem war mein neues Verhältnis zu Daniela noch zu frisch für ein anderes Thema. Zu zerbrechlich, wie Daniela sagte; Stichwort Kleist. Ich wollte keinesfalls den Eindruck erwecken, daß ich mich mehr für Laura als für Danielas Kind interessierte. Ich nahm mir vor, beim nächsten Treffen mit Daniela nur über ihr Kind zu sprechen. Alles andere war meine Sache. Also Freundschaft. Das Fallbeil! Ich fühlte mich frei, mein Leben war offen, und die Ungeduld der pulsierenden Menschenmenge amüsierte mich. Warum sollte man ungeduldig sein, wenn es einem gutging? Die Zeit vergeht, egal auf welcher Stelle der Erde man sich befindet. Mir fiel Platons Höhlengleichnis ein: Die Menschen sind bekloppt. Platon hatte auf kompliziertere Weise nichts anderes gesagt. Ich fühlte Überlegenheit. Nur extrem verwöhnte Menschen wissen dieses Gefühl nicht zu würdigen. Es waren noch etliche Fragen offen, die ich Daniela über Lauras momentane Lebenssituation und jüngste Vergangenheit stellen wollte. Meine Neugier war immens; und es war nicht nur Neugier. Dabei galt es, vernünftig vorzugehen, ein paar Dinge zu berücksichtigen. Wie die Tatsache, daß zuviele Fragen verdächtig machen wie Fingerabdrücke auf der Tatwaffe. Gelassenheit war angesagt, und Gelassenheit bedeutete, die richtige Reihenfolge der Dinge zu wissen. Ich spürte die Wut, die in der breiten Frau vor mir aufstieg. Den Alkoholiker, der seine Bierflasche wie zur Demonstration hochhielt, wies sie übertrieben ärgerlich ab, als er bat, sich vor ihr in die Schlange einordnen zu dürfen. Undankbar! Ich kannte den Mann vom Sehen, wie er den Kartäuserwall hinauf- und hinunterpilgerte. Ich nickte, ich verstand diese wahrhaftige Ungeduld des Mannes, die viel mit dem Leben zu tun hatte. Zuviel Zeit, dachte ich, bedeutet zuviel Raum. Kein Zuhause, nur Niemandsland. Der Alkoholiker bedankte sich so lautstark, daß sich einige Köpfe umdrehten. Die Schnapsfahne übertünchte den Essensgeruch. In meinem Rücken wurde etwas von Männerkumpanei gezischt. Ich ignorierte die Bösartigkeit, es hatte mir Spaß gemacht, den Mann vorzulassen. Insgeheim nannte ich den großgewachsenen und rotbärtigen Mann, der gewiß bessere Zeiten gesehen hatte, Barbarossa, und Barbarossa hielt sich tagsüber meistens in der Nähe des Krankenhauses auf. Wo Barbarossa nachts seine Höhle fand, das hatte ich trotz einiger Recherche niemals herausbekommen. Zweifelhaft allerdings, daß er eine feste Höhle hatte. Plötzlich kam Bewegung in die Menschenmasse. Es tat sich etwas. Das würde auch Zeit, brüllte ganz vorne eine heisere Stimme, als eine zweite Kasse besetzt wurde. * Der zum Wochenende gefüllte Kühlschrank war für Karin, die ich Dienstagabend in der Ubierschänke kennengelernt hatte. Nicht meine Zahnarzt-Karin, eine andere Karin. Wir hatten uns für heute abend verabredet und ich war festentschlossen, sie mit nach Hause in meine Höhle abzuschleppen. Bei ihr ging es schlecht, das hatten wir schon am Dienstag abgeklärt. Ich hatte Urlaub und Lust darauf, ein paar ganz normale Dinge wie Frühstück zu zweit oder den Umgang mit Kondomen zu erleben. Urlaub verpflichtet zur Erholung. In zehn Tagen mußte ich fit sein. Karin kam im richtigen Moment. Als Karin mich in der Kneipe an einem runden Tisch längs der Fensterfront ansprach, behauptete sie, mich schon öfters beim Einkaufen auf der Severinstraße gesehen zu haben. Ich schluckte: Da war es. Gesehen zu werden, ohne zu sehen, ich haßte es. Weil mir nichts Besseres einfiel, nannte ich meinen Namen und trank einen Schluck Bier. Karin, antwortete sie, ich heiße Karin. Der Name paßte zu ihr. Wir waren sofort im Gespräch, weil Karin die meisten Dinge geil fand. Das war die ideale Ergänzung zu meiner Person, da ich alles scheiße fand. Ich war bezaubert, es grenzte an Ironie, doch ihre offene und spontane Art nahm mich gefangen. Karins Art ließ mich merken, wie ich meiner selbst müde war. Sie beschwipste mich, ich fühlte mich als kleines Inselatoll, das Opfer einer perfekt durchgeplanten amphibischen Operation wurde. Karin gehörte nicht zu den Personen, die sofort mit Politik, Krankheiten oder Schulden anfingen. Sie wollte lachen und Handgreifliches, was ich ihrer kräftigen Art zu sprechen entnahm. Karin hatte ihre Wurzeln in Süddeutschland. Ich war Ruhrpott. Das paßt, lispelte sie. Warum, sagte sie nicht. Gemäß meiner Gewohnheit, alles in Schubladen zu stecken, ordnete ich Karin als Hosentyp ein. Laura war der Typ für kurze Röcke und Kleider, Karin trug vorwiegend Jeanshosen, wie sie mir später erzählte. Das war praktischer. Sie war schlank, fast so groß wie ich, sie hatte ein herbes Gesicht mit kräftigen blonden Haaren, in der Mitte gescheitelt. Im Vergleich zu mir, dem Blaßblonden, sah sie nach Natur und umwerfend gesund aus. Ein herber Typ, sie paßte zu Countrymusik. Ich stand mehr auf Jazz, trotzdem. Laura war mehr Bossa Nova. Ich trug ebenfalls vorwiegend Jeans. Ich dachte noch, bevor ich kam, daß sich die vielbeschworene Persönlichkeit hauptsächlich aus Konsumgewohnheiten zusammensetzt. Dann spritzte ich ab. Karin arbeitete als Pflegerin im *Krankenhaus; dort wo sich Barbarossa herumtrieb. Sie rauchte, zwar weniger als vor einem Jahr, und sie trank Bier. Angenehm. Momentan machte sie eine Zusatzausbildung als Physiotherapeutin; Effekt: später eine besser bezahlte Tätigkeit und eine gute Grundlage, um sich einmal selbständig zu machen. Und man hatte auf dem Ärzteheiratsmarkt bessere Chancen. Karin lachte. Nein, ich wollte mich nicht selbständig machen. Ich war Angestellter durch und durch. Genetische Veranlagung. Das war auch okay. Ihre unteren Schneidezähne standen wie ein Rekrutenhaufen wüst durcheinander. Früher habe ich mich dafür geschämt, sagte sie. Anscheinend hatte sie einen Blick von mir...




