E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Schmidt Roman's Mittelalter 1
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-3571-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Zusammenfassung / Neuauflage von zwei Büchern
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7412-3571-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der 1947 in Hessen geborene Roman Schmidt, verheiratet, ist nach 48 Berufsjahren in Rente. Er schrieb zunächst "hobbymäßig" zwei Kriminalromane und anschließend mehrere Mittelaltergeschichten, bevor er sich auf Krimis und Thriller spezialisierte.
Autoren/Hrsg.
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Schreckliches Erwachen
Keiner hatte den verletzten Jüngling bemerkt, der diesem entsetzlichen Gemetzel knapp entkommen war und sich die Gesichter der Männer hatte gut einprägen können. Als die Stimmen verstummt und die Männer vom Hof geritten waren, schwanden ihm die Sinne. Die Dunkelheit der Nacht legte eine schwarze Decke über das Anwesen. Ein Schütteln an seinen Beinen weckte den jungen Mann, der verletzt zwischen den Toten lag. Vorsichtig versuchte er, seine Augen zu öffnen. Seine Schläfen pochten und drohten, den Kopf zum Platzen zu bringen. Wieder wurde an ihm herumgezerrt und er strengte sich an, den Oberkörper ein wenig zur Seite zu drehen und sich halb aufzurichten. Jaulend ließen zwei Schatten von ihm ab. Es schienen junge Wölfe, streunende Hunde oder Füchse gewesen zu sein. Sie hatten sein offenes Bein attackiert und die Wunde vergrößert. Dieser Schmerz hatte ihn in die Gegenwart zurückgeholt. Wäre er aus seiner Ohnmacht nicht aufgewacht, wer weiß, ob sie ihn nicht bei lebendigem Leib noch weiter angeknabbert oder sogar letztendlich aus Futterneid zerrissen hätten. Er musste sich irgendwie ins Haus oder in einen der halb verbrannten Schuppen schleppen. Es war immer noch diesig, oder schon wieder? Er hatte kein Zeitgefühl, spürte aber, dass er schon sehr lange hier gelegen haben musste, denn die Magd, die tot neben ihm lag, hatte ihren verdrehten Arm immer noch abwehrend vor ihrem Gesicht. Ihr Körper fühlte sich eiskalt an.
Mühsam versuchte er, sich umzudrehen und aufzustehen. Außer der verkrusteten Wunde an der linken Wade, die nun erneut blutete, spürte er immer noch den dumpfen Kopfschmerz. Er musste sich anlehnen, um nicht wieder umzufallen. Vor Erschöpfung, Hunger und Blutverlust sah er seine Umgebung nur schemenhaft verschwommen. Er tastete sich an der Wand entlang und fand endlich den ersehnten Eingang ins Haus. Er drückte mit Gewalt die angelehnte Tür auf, die nur noch von dem unteren Scharnier gehalten wurde. Nun schleppte er sich hinein und verkeilte den Eingang hinter sich mit einem zerbrochenen Schemel. Das Riegelschloss hing ebenfalls durch das brachiale Eindringen dieser Horde verbogen, nur noch an zwei Stiftnägeln nutzlos baumelnd an der Holztür. Der Mond schien schwach durch das kleine Fenster in die Diele. Auch hier fand er geschundene, tote Leiber. Drei Bedienstete hatten hier unten den Tod gefunden. Unmöglich konnte er sich hier verstecken, wenn die Seelen hier die ganze Nacht umhergeistern würden. Er nahm den verkeilten Schemel wieder von der Tür, hob sie leicht an und stellte den Flügel an die seitliche Wand. Der Flur lag lichtdurchflutet und die armen Kreaturen mit ihren erstarrten Gesichtern flößten ihm zum ersten Mal Angst ein. Er musste sich überwinden, sein offenes, schmerzenden Bein für einen Augenblick vergessen und die Körper einzeln an den Kleidern, Armen oder Beinen in den Hof zerren. Als diese Arbeit getan und die Tür wieder verkeilt war, wurde ihm wieder schwarz vor Augen. Er schleppte sich zu der seitlich angebrachten, breiten Stiege die in obere Gemächer führte. In Halbdunkel, auf der Hälfte der Treppe lag der Torso eines Mannes. Zu schwach, um den ganzen Aufwand noch einmal zu starten, kroch er an ihm vorbei und erreichte ein Schlafgemach, in dem ein leeres Bett stand. Hier würde er vor den Tieren der Nacht einigermaßen sicher sein. Erschöpft ließ er sich auf die Strohmatte fallen. Er dachte an sein spärliches Hab und Gut, dass auf dem Lager neben den Stallungen der Pferde verbrannt war. Er hatte alles zurücklassen müssen, als er vor diesen Barbaren geflüchtet war. Der Lärm, das Knistern der gefräßigen Flammen und die Schreie der Bewohner hatten ihn früh genug aus seinem Schlaf gerissen. So konnte er sich neben dem Schweinetrog verstecken und musste mit ansehen, wie die Männer nach Belieben ihre Mordlust stillten. Als sie eine junge Maid verschleppen wollten, dachte er nicht mehr nach, sondern verließ sein Versteck und sprang die Männer von hinten an. So brachte er zwei dieser überraschten Schergen zu Fall. Das befreite Mädchen rannte mit zerrissenem Hemd in Panik weiter, während er von den Männern ergriffen und niedergeknüppelt wurde. Er blieb bewusstlos mitten auf dem Hof liegen. Dadurch wurde er von den Männern zwischen den anderen Toten auch nicht mehr beachtet. Als er wieder zu sich gekommen war, standen die Scheunen und Ställe in hellen Flammen. Die Männer versammelten sich wieder und er wagte es nicht, auch nur einen Finger zu krümmen. Endlich trat gespenstische Stille ein. Die Horde dieser wilden Reiter war fortgeritten und der Hof lag wieder verlassen und leer. Dann waren die wilden Hunde oder Wölfe gekommen und hatten ihn geweckt. So war er nun in ein richtiges Bett im Haus gekommen. „Hatte die Maid entfliehen können?“ waren seine letzten Gedanken, als er endlich in einen traumlosen Schlaf fiel. Der Sonnenstrahl, der durch das zerborstene Fenster auf seine Stirn schien, hatte ihn aufgeweckt. Oder war es das Scharren und Kratzen gewesen, das er jetzt deutlich aus dem unteren Geschoß hörte. Er musste sich Klarheit verschaffen. Vorsichtig setzte er sich auf und erhob sich aus der Bettlade. Sein Aufstehen wurde von lautem Knarren begleitet. Hoffentlich hatte dieses Geräusch ihn nicht verraten. Wenn diese Männer zurückgekommen waren, gab es von hier oben kein Entkommen mehr für ihn. In seinem erbärmlichen Zustand konnte er unmöglich aus dem Fenster springen, ohne sich dabei noch schlimmer zu verletzen. Außerdem musste er einem menschlichen, dringenden Bedürfnis nachgehen. Die Latrinen waren neben den Stallungen. Hoffentlich hatten sie die nicht auch mit abgefackelt. Er öffnete die Tür und schlich über den Flur. Als er oben an der Treppe angekommen war, schaute er vorsichtig nach unten. In der Diele belauerten sich zwei streunende Katzen, die sich um einen Knochen stritten. Sie hockten voreinander, fixierten sich und fauchten mit angelegten Ohren. Erleichtert atmete er auf, denn die waren keine Gefahr für ihn. Er ging in die andere Richtung an den zerschlagenen, offenen Türen vorbei und sah am Ende des Ganges eine Holztruhe, in der Form eines hohen Kirchenstuhles. Das einzige Stück Möbel, das die Stirnwand im Flur schmückte. Die Sitzfläche hatte eine Klappe, die er neugierig öffnete. Ein Segen! Er hatte wider Erwarten, hier oben einen Abort gefunden! Er stellte die Klappe aufrecht, setzte sich auf den Rand und fand die ersehnte Erleichterung. Auf der Fensterbank lagen abgerissene Vorhänge, mit denen er sich notdürftig säuberte. Er entnahm der Holzverkleidung den gefüllten Eimer, öffnete ein Fenster und entsorgte die Fäkalien, wie es üblich war, im Hof. Danach durchsuchte er die restlichen Zimmer. Regale waren von den Wänden gerissen. Kleidung, Stoffe und Decken lagen verstreut auf dem Boden. Er legte sich flach auf den Fußboden und schaute unter die Betten und Schränke, fand aber nichts, was für ihn hätte von Nutzen sein können. Schließlich stieg er die Stufen wieder herunter und die Katzen stoben in verschiedene Richtungen davon. Den Torso auf der Treppe würde er noch im Hof entsorgen müssen, aber sein Bein schmerzte wieder und der Magen rebellierte. Er musste endlich etwas Essbares zwischen seine Rippen bekommen. Im unteren Bereich fand er endlich auch die ersehnte Küche. Hier herrschte die gleiche Unordnung. In einer Ecke lag versteckt unter altem Gemüse und Körben ein Holzklotz, mit mehreren Öffnungen, in denen verschieden große Messer steckten. Für ihn ein wahrer Glückstreffer in dieser Zeit. Er nahm eine kleine und eine mittlere Klinge an sich, die würden ihm mit Sicherheit noch gute Dienste tun. Ein gewachster Kutschermantel, ein Lederbeutel und mehrere Wolldecken gingen ebenfalls in seinen Besitz über. Der Gutsherr und seine gesamte Sippe waren tot, also wem nahm er diese Sachen weg? Die ehemaligen Eigentümer benötigten sie in der Hölle oder im Himmel, wo immer sie jetzt auch waren, nicht mehr. Er legte seine gesamte Beute auf ein großes Tuch und schlug es zusammen. Über Kreuz verknotete er die vier Enden und legte das geschnürte Bündel neben die Tür. Nun suchte er in der Stube nach irgendetwas Essbarem, denn er musste seinen knurrenden Magen beruhigen. In einem Korb fand er noch ein paar Eier, die nicht zerbrochen waren. Das Feuer im offenen Kamin war längst erloschen und der aufsteigende Rauch einer neu entfachten Glut hätte ihn verraten können, denn die Feuersbrunst in den Stallungen und auf dem Hof war längst verloschen. Er nahm einen Holzbecher vom Bord, tauchte ihn mehrfach in den Wasserbottich und trank endlich daraus, um seinen unendlichen Durst zu stillen. Das Wasser schmeckte abgestanden und faul, aber sein Durst hatte gegen den Verstand gesiegt. Normalerweise wurde gewürztes Bier oder saurer Wein getrunken, denn das war für den Darm bekömmlicher. Er schlug die Eier am Rand des Bechers auf und schüttete den Inhalt hinein. Der Becher war halb voll mit der schleimigen Flüssigkeit, die er genussvoll in mehreren Zügen verschlang. Vom angeschimmelten Brot kratze er grob die grünlichen Stellen ab, kaute die harte Kruste, die er erneut mit Wasser...




