E-Book, Deutsch, 176 Seiten, Format (B × H): 115 mm x 190 mm
Reihe: Kulturgeschichte
Schneider-Ferber Kleine Geschichte des Gardasees
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7917-6195-4
Verlag: Friedrich Pustet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten, Format (B × H): 115 mm x 190 mm
Reihe: Kulturgeschichte
ISBN: 978-3-7917-6195-4
Verlag: Friedrich Pustet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karin Schneider-Ferber, geb. 1965, lebt als freie Autorin in Berlin. Sie schreibt u.a. für die Zeitschrift G/Geschichte; zahlreiche Publikationen zu historischen Themen.
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Mildes Klima, fruchtbarer Boden: Der Mensch entdeckt den Gardasee
Die Geschichte vor der Geschichte: »Ötzi« am Gardasee
War bereits »Ötzi« am Gardasee? Hat der »Mann aus dem Eis«, der zwischen 3359 und 3105 v. Chr. im Alter von 46 (+/– fünf) Jahren in einer Senke am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen an einem kalten Tag im Frühsommer gewaltsam ums Leben gekommen ist, den zwischen den Alpen und der Po-Ebene gelegenen See aufgesucht, vielleicht sogar sein mildes Klima genossen? Man weiß es nicht, wird es auch nie erfahren. Zwar ist die älteste erhaltene Feuchtmumie der Welt, die am 19. September 1991 von einem Nürnberger Ehepaar bei einer Wanderung zur Similaunhütte zufällig im aufgetauten Eis des Gletschers entdeckt wurde, mittlerweile auch die wahrscheinlich bestuntersuchte Leiche der Welt, die eine Vielzahl an Informationen über das Leben der Menschen in der späten Jungsteinzeit und der frühen Kupferzeit geliefert hat, doch die Umstände seines eigenen Lebens bleiben für alle Zeit ein Geheimnis.
Gleichwohl spricht manches dafür, dass »Ötzi« den Gardasee zumindest gekannt hat. Bei der Untersuchung seiner Knochen und seines Zahnschmelzes ermittelten Forscher im Jahr 2003, dass der Mann aus dem Gletscher in den Tälern und Bergen bis zu 60 km südlich seines Todesortes zuhause war und im heutigen Südtirol sein Leben verbracht hatte. Als Kind – so das Ergebnis einer Analyse des Sauerstoffanteils in einem Eckzahn, die Aufschluss gab über das Wasser, das er als Drei- bis Fünfjähriger getrunken hatte – wuchs er im heutigen Feldthurns im Eisacktal auf, 8 km südlich von Brixen. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er dann aber im unteren Vinschgau, im Tal der Etsch, zwischen zehn und 20 km oberhalb von Meran. Von da bis zum Nordufer des Gardasees sind es gerade einmal 150 km, für einen geübten Läufer drei oder vier Tagesmärsche. Und »Ötzi« war ein geübter Läufer, der viel unterwegs war: Die Analyse seiner Schienbeinknochen ergab, dass diese im Vergleich mit 139 anderen prähistorischen Funden deutlich stärker ausgebildet waren, was als Folge von häufigen und weiten Wanderungen über raues und unbefestigtes Terrain interpretiert wird. Auch sein letzter Weg sollte ihn wahrscheinlich quer über den Alpenhauptkamm vom Vinschgau ins Ötztal bringen, vielleicht weiter ins Inntal oder ins damals vergleichsweise dicht besiedelte nördliche Alpenvorland. Im Vergleich zur mühsamen Alpenüberquerung war der Weg an den Gardasee, der weitestgehend der Etsch (und damit dem Verlauf der heutigen Brennerautobahn) folgte, eine harm-lose Wanderung.
Intensive Kontakte zwischen »Ötzis« Heimat im Vinschgau und der Gardasee-Region gab es in jedem Fall. Denn in seinem Gepäck befand sich ein Beil, aus reinem Kupfer gefertigt, das der Remedello-Kultur zugerechnet wird. Sie ist benannt nach dem oberitalienischen Gräberfeld »Remedello Sotto« 25 km südöstlich von Brescia in der Po-Ebene. Diese Kultur hatte ihr Hauptverbreitungsgebiet in der Emilia-Romagna, der Lombardei, der Toskana und in Venetien. Zudem trug »Ötzi« einen Dolch mit einer (abgebrochenen) Klinge aus Feuerstein bei sich, dessen Herkunft Forscher exakt lokalisieren konnten. Im Stein fanden sich winzige Fossilien, die in dieser Zusammensetzung nur in den Gruben aus den Monti Lessini östlich des Gardasees und der Etsch nördlich der Linie Verona–Vicenza vorkommen, insbesondere im Abbaugebiet um Ceredo in der heutigen Gemeinde Sant’Anna d’Alfaedo. Dort befand sich damals ein Zentrum des Feuersteinabbaus, wovon große Mengen von bearbeiteten Feuersteinabfällen und -geräten zeugen, heute ein beliebtes Weinanbaugebiet. Beide Artefakte weisen auf funktionierende Handelsrouten in der späten Jungsteinzeit und der Kupferzeit hin, denn zur Ausstattung einer Nekropole in Remedello (Grab 102) gehörten ebenfalls ein Kupferbeil, ein Feuersteindolch und Pfeilbewehrungen in fast identischer Ausführung zu den Gegenständen, die »Ötzi« bei seinem letzten Gang mit sich trug.
War »Ötzi« gar ein »Handelsvertreter« für Feuerstein? Besuchte er regelmäßig das Abbaugebiet in den Lessinischen Bergen und »exportierte« danach die begehrte Ware vom Gardasee über die Alpen? Diese These stellte der Geologe Alexander Binsteiner vom Landesamt für Denkmalpflege in Landshut auf. Zum einen spricht aus seiner Sicht dafür, dass »Ötzis« Bandscheiben reichlich abgenutzt und seine Gelenke verschlissen waren – er trug wohl über längere Zeiträume schwere Lasten auf seinem Rücken; dagegen wiesen seine Hände keine Schwielen auf. Hart arbeiten musste er demnach nicht. Zum anderen fanden sich in Süddeutschland mehrfach Flintsteine aus den Monti Lessini, obwohl es in Arnhofen bei Kelheim und Baiersdorf bei Landshut große eigene Bergwerke gab, wo schon ab etwa 8000 v. Chr. der scharfkantige Stein für die Anfertigung von Sicheln, Dolchen, Klingen und Pfeilspitzen abgebaut wurde. So wurden bei Landshut drei Dolche gefunden, die nicht nur der Waffe von »Ötzi« gleichen, sondern deren Klingen ebenfalls von den Lessinischen Bergen stammen. Zudem fanden sich Steine vom Gardasee unter anderem in Siedlungen am Chiemsee, am Starnberger See, an der Donau, der Isar und am Lech. Und auch in den Pfahlbauten am Federsee und am Bodensee waren Dolche mit Klingen aus den Südalpen in Benutzung. Mit den Steinen kamen auch Pflanzen wie Dill, Petersilie, Schlafmohn, Zitronenmelisse, Sellerie sowie Nacktweizen, die nur südlich der Alpen wuchsen, in den Norden, wie Samenfunde in den Pfahlbau-Siedlungen am Bodensee belegen. Im Gegenzug für die Steine bekamen die Händler Tiere und Felle sowie den begehrten Bernstein aus dem Ostseeraum. Die mächtigen Gipfel der Alpen waren für »Ötzi« und seine Zeitgenossen vor mehr als 5000 Jahren zwar eine Barriere, aber schon lange kein Hindernis mehr. Mit ihrer Bekleidung und ihrer Ausrüstung waren sie auch für schlechtes Wetter und Schneefall in den Bergen gerüstet.
Von Anemonen, Gletschern und Pfahlbauten: Die Urgeschichte
Der Gardasee war, als »Ötzi« möglicherweise an seinen Gestaden weilte, gerade erst entstanden. In der letzten Eiszeit, der Würm-Eiszeit, die von 115.000 bis rund 10.000 v. Chr. andauerte, bedeckte eine 2000 bis 3000 m dicke Schicht aus Schnee und Eis den gesamten Alpenraum auf einer Fläche von 150.000 km2, nur die höchsten Gipfel ragten aus dem gewaltigen Eis-Meer hervor. Dies galt auch für den bis zu 2218 m hohen und über 30 km langen Bergrücken des Monte Baldo, der sich wie ein Riegel zwischen das Ostufer des Gardasees und das Etschtal schiebt. Weil nicht nur seine Felsengipfel, sondern auch fruchtbare Hochflächen über der Eisgrenze lagen, weist er bis heute eine einzigartige voreiszeitliche Flora und Fauna auf; heimisch wurden nicht nur die im Tertiär zugewanderten Tiere und Pflanzen, sondern auch jene, die in den warmen Zwischeneiszeiten aus dem Mittelmeerraum kamen. Etliche Pflanzen wurden erstmals auf dem Monte Baldo gefunden und beschrieben, weshalb sie den wissenschaftlichen Beinamen »baldensis« erhielten, so die Baldo-Anemone oder die sehr seltene Monte-Baldo-Segge, aber auch Insekten wie die Monte-Baldo-Gebirgsschrecke.
Wo heute die Etsch vom Reschenpass durch den Vinschgau bis Bozen fließt, lag der Etschgletscher, auch Rätischer Gletscher genannt, mit einer Länge von 350 km das größte Gletschersystem der Alpensüdseite, der mit den Gletschern aus den Seitentälern der Ötztaler und der Ortler-Alpen verbunden war und sich mit dem Eisack- und dem aus dem Pustertal kommenden Rienzgletscher vereinigte. Bis Sirmione reichten die Eismassen, an ihrem Ende türmten sie mehrere Kilometer breite und bis zu 40 m hohe Moränen aus Geröll und Gestein auf und schufen die sanfte, hügelige Landschaft im Vorfeld der schroffen Alpen. Als es wärmer wurde und die gewaltigen Eismassen zu tauen begannen, versperrten die Endmoränen den Abfluss, hinter der natürlichen Barriere staute sich das Schmelzwasser.
So entstand auch der Gardasee, ein Geschenk der Eiszeit, mit einer Länge von 51,6 km, einer maximalen Breite von 17,2 km und einem Volumen von 49,3 km3 der größte See Italiens, der das Tal der Sarca füllte, an seiner tiefsten Stelle 346 m tief. Im Norden liegt er noch mitten in den Alpen, schroff und steil steigen auf beiden Seiten wie in einem Fjord die Felsen in die Höhe, im flachen Süden öffnet er sich zur Po-Ebene, wo schließlich der Mincio bei Peschiera den Abfluss bildet und nach weiteren 75 km in den Po mündet.
Im Pfahlbaumuseum von Molina di Ledro am Ledrosee lassen sich Eindrücke vom Leben in der Bronzezeit sammeln. Vier nachgebaute Hütten stehen im Freilichtbereich des Museumsgeländes.
STICHWORT
DIE PFAHLBAUTEN AM LEDROSEE
Immer wieder ärgerten sich die Fischer am kleinen Ledrosee westlich von Riva del Garda, der rund 500 m über dem Gardasee liegt, weil sich ihre Netze in zahllosen Baumpfählen unter der...




