Schopenhauer | Anna | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

Schopenhauer Anna


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3561-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3561-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In 'Anna' präsentiert Adele, die Schwester von Arthur Schopenhauer, eine klassischen Entwicklungsroman rund um ihre gleichnamige Protagonistin.

Schopenhauer Anna jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material



An einem der bis zur Erde hinabreichenden Balkonfenster, die eine Eigenthümlichkeit der Bauart des alten Berns sind, saß eine elegant gekleidete junge Frau und blickte gedankenschwer vor sich hin in die klare Gebirgsweite.

Die Alpengipfel begannen aufzuleuchten, im Thal war die Sonne bereits verschwunden; das lichte Grün der vorliegenden Unterberge ward noch einen Augenblick von ihrem schwachen Widerschein erhellt, im Hintergrunde der Landschaft aber, da wo sich die Hügelkette weitete und hob, färbten sich die mattern Abendtinten zu tieferem Purpur, violett und blau; – langsam rollte die Dämmerung ihr Dunkel darüber hin, und hell und heller durchflammten es die rosigen und goldgelben Spitzen der Gletscher.

Die beiden Eiger, die Breiten- und Blümelisalp, eine nach der anderen erglühte; nur das finstre Aarhorn streckte über seine Schneescheitel noch zwei schwarze Felsspitzen in den heitern Abendhimmel, deren gerad' ansteigende Flächen keine Schneedecke dulden.

Alle diese Herrlichkeit überflog das ernste Auge der schönen Frau, dann schaute es so fest in sie hinein, als ob es noch darüber hin in's Weite sähe. Sie hatte den einen Arm auf die eiserne Balustrade gestützt; der liebliche Kopf ruhte in der schmalen, von blonden Locken überflossenen Hand. Dieses Anlehnen hatte etwas Mattes, Müdes, das Auge aber, das so durchdringend die Ferne suchte, war dunkel und frisch wie die Veilchen der Eisspalten am Rande der Gletscher.

Zu ihren Füßen, dicht vor ihr, lagen auf einem Teppiche zwei kleine fünf- bis sechsjährige Knaben, die sich zankten und den Beschwichtigungen einer englischen Kinderfrau Trotz boten. Die blonde Frau hörte nicht darauf.

Jetzt trat ein stattlicher schöner Mann von einigen dreißig Jahren in's Zimmer und zu ihr; eine Secunde lang hob sie die Augen, senkte sie aber sogleich wieder auf die Gegend hin.

Als sich jedoch der junge Mann in ihrer Nähe auf ein Sopha setzte, schien sie sich zu besinnen, wandte sich rasch zu ihm und begann ein heiteres Gespräch.

Nun ja, erwiderte er, mir ist es am Ende auch recht. Ich kann es hier so gut abwarten, wohin sie mich versetzen, als in B., nur sehe ich nicht ein, warum das nicht eben so leicht nach Rom, Florenz oder Neapel sein könnte, als nach jeden andern Ort. Graf Fink ist zu alt, er kann dem Posten nicht länger vorstehen, Baron Stein will nach Deutschland zurück; wir aber haben drei volle Jahre in Italien zugebracht, kennen das Terrain, und –

Ich glaube nicht daran, sagte Anna, ich fürchte, wir müssen uns an den Gedanken eines nördlichen Aufenthalts gewöhnen. Wär'st du, lieber Roderich, nur erst völlig hergestellt.

Thorheit! versicherte ihr Gemahl, meine Brust ist wieder kräftig; ja, ich denke, sobald ich nur diese mich beengenden Berge und ihre verdammten weichlichen Molken hinter mir habe, werde ich reiten können wie sonst.

Laß dir noch die wenigen Wochen Ruhe, bat sie, sind wir doch jetzt aus dem eigentlichen Hochgebirg heraus und hier in der Stadt, wo du mehr Zerstreuung hast, der Umgang mit den Professoren und sonstigen Honoratioren ist ja so übel nicht, und dann – sie zog ihn zu sich an's Fenster – sieh' doch diese Pracht nicht mit so unstätem Blick an, der Geschäfts- und Gesellschaftswirbel wird dich bald genug wieder erfassen!

In diesem Augenblick übertönte das Geschrei der beiden Kinder das Gespräch bis zu gänzlicher Unterbrechung. Der Wärterin Beruhigungsmittel reichten nicht mehr aus. Die Mutter eilte, den Jüngsten in die Arme zu nehmen und dadurch dem Streite ein Ende zu machen.

Die Buben werden unerträglich ungezogen, schalt Graf Kronfeld – so hieß der junge Mann – ich werde diese Interimszeit benutzen, ihnen einen tüchtigen Hofmeister zu suchen.

Den sechsjährigen Kindern! lachte Anna.

Egon ist im siebenten.

Seit gestern, und die heutige Unart stammt, glaube ich, noch direct vom Geburtstagskuchen her.

Aber, liebe Anna, mit funfzehn Jahren kann der Eine Offizier sein, mit achtzehn der Andere eine diplomatische Carriere beginnen. Wir können doch unsre Söhne nicht wild aufwachsen lassen wie diese Alpenpflanzen.

Anna seufzte. Nach einer Weile ward sie heiterer und als sich die Wärterin mit den Kleinen entfernt hatte, fuhr sie fast neckend fort, während sie die Blumen ordnete, die Kronfeld im Eifer seines Vergleichs auf den Tisch geworfen:

Du scheinst einen ganz außerordentlichen Werth auf eine möglichst frühe und möglichst vielseitige Entwickelung zu legen. Müssen denn nun unsere Söhne durchaus in der Diplomatie Pferde zureiten und im Küraß ministerielle Noten dechiffriren?

Warum nicht? wenn sie es gescheiter machen als ihr Papa, nicht vom Gaule fallen, wenn er durchgeht, und sich nicht gerade in dem Augenblicke verlieben, in dem sie einen Cabinetsbefehl studiren sollen. Er war aufgestanden und blickte ihr freundlich in die Augen; sie lächelte ihm zu: man sah, Beide belebte eine angenehme Erinnerung.

Sie standen, zwei vollkommen edle, wahrhaft schöne Gestalten, neben einander, der Graf war lichtbraun, groß, von aristokratischem, doch kräftigem Gliederbau; man sah ihm weder den frühen Lebensgenuß, noch die frühe Geistesarbeit an.

Warum, fragte er weiter, sollten sie nicht eben so lebhaft an ihrem Vaterlande hangen wie ich? Warum sollen die Jungen zu ihrer Zeit nicht auch für die Freiheit schwärmen und sie jubelnd begrüßen, ohne daß sie deshalb gerade Wartburgenser zu werden brauchen, oder gar ihr Ehrenwort brechen, wie leider, leider so Mancher unserer jetzigen Jugend? Ist es mir selbst doch schwer genug geworden, den Glanz jener Tage in uns Allen nach und nach ermatten und verdumpfen zu sehen. Warum sollte ich nicht hoffen, daß meinen Kindern auf der nämlichen Bahn ein besseres Loos blühen werde?

Weil sie keinen Freiheitskrieg wirklich mit zu durchfechten haben werden, weil, eh' sie erwachsen, ganz andere Interessen die Welt bewegen müssen, und endlich, weil es eben dem Herrn Papa recht sehr schwer geworden, den kurzen Kriegestraum zu vergessen, die Uniform wieder an den Nagel zu hängen und in die alte abgemessene Laufbahn zurückzukehren.

Kronfeld seufzte. Sehr wahr, indessen habe ich mich doch darein gefunden.

O ja, bis auf das Zureiten wilder Pferde, was, soviel ich weiß, nicht zum Chargé d'affaires gehört.

Immer kommst du darauf zurück.

Weil es uns zurückbringt in's Vaterland, lieber Freund, das du übrigens fürchte ich, sehr verändert finden wirst.

Wollen sehen, brummte Kronfeld. Ich bin aber genesen, und es kann auch anders kommen, und wäre überhaupt gar nicht dahin gekommen, wenn die italienischen Aerzte besser wären, und wenn die dumme alte Wunde nicht gerade dem Armbruch so nah' – ich hätte bleiben können, sollen.

Roderich! Du hast Mutter und Schwester am Brustleiden verloren.

Aber Josephine? ist sie nicht gesund und kräftig? bin ich's nicht auch? Haben mich die vielen Reisen angegriffen? Hast du mich vor dem unglücklichen Sturze klagen hören?

Anna wollte etwas erwidern, als sie durch den Eintritt einer alternden, trotz den ergrauenden Haaren noch immer hübschen Frau unterbrochen ward, deren äußere Erscheinung zwischen der einer Dienerin und einer bürgerlichen Hausfrau in sehr glücklich gewählter Mitte stand. Sie war ein wenig altmodisch gekleidet, mit kurzen Aermeln, ein klares etwas gesteiftes über einander gefaltenes Battisttuch umschloß ihren Hals, die schwarze seidene Schärpe mit den Seitentaschen fehlte auch nicht, die Französin war vom Scheitel bis zum zierlichen Fuß unverkennbar. Auch sprach sie Französisch und nur zuweilen ein übelbehandeltes Deutsch. Ihr erster Blick suchte die Knaben, dann übergab sie der Frau Gräfin eine Visitenkarte.

Kann weder der Jäger, noch der Bediente sie bringen, Sophie? fragte der Graf, etwas gereizt. Sie wissen, ich liebe dergleichen Unordnungen im Dienst nicht.

Verzeihung, Herr Graf! aber –«

Mein Gott! rief Anna, welche die Karte angesehen, mein Vetter Otto!

Was? der kleine Bergstudent, der deinetwegen in die weite Welt lief?

Ist nun groß und stattlich geworden,...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.