Sebald | Logis in einem Landhaus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Sebald Logis in einem Landhaus

Über Gottfried Keller, Johann Peter Hebel, Robert Walser und andere
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-446-29767-8
Verlag: Hanser, Carl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Über Gottfried Keller, Johann Peter Hebel, Robert Walser und andere

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-446-29767-8
Verlag: Hanser, Carl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Landschaft in Büchern. W. G. Sebald folgt in seinen alemannischen Dichterporträts Rousseau auf seiner Flucht bis auf die Petersinsel und er begleitet Robert Walser bei seinen einsamen Spaziergängen durch den Schnee. Ob Keller, Mörike oder Hebel, immer gelingt es W. G. Sebald, die Dichtergestalten, von denen er erzählt, so greifbar vor dem Leser erscheinen zu lassen, als wären sie nur ein wenig entrückte Zeitgenossen.

W. G. Sebald, geboren 1944 in Wertach, starb 2001 in England. Bei Hanser erschienen zuletzt Luftkrieg und Literatur (1999), Austerlitz (Roman, 2001), Unerzählt (2003, mit Bildern von Jan Peter Tripp), Campo Santo (2003) und über das Land und das Wasser (2008).
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Ende September 1965, nachdem ich zur Fortsetzung meines Studiums in die französische Schweiz gegangen war, machte ich, ein paar Tage vor Semesterbeginn, einen Ausflug in das Seeland, wo ich von Ins aus auf den sogenannten Schattenrain hinaufgestiegen bin. Es war ein diesiger Tag, und ich entsinne mich, daß ich am Rand der kleinen Waldung, die die Anhöhe überzieht, zurückschaute auf den Weg, über den ich gekommen war, auf die nach Norden sich erstreckende, von geraden Kanälen durchschnittene Ebene und die dunstverhangenen Hügel dahinter; und daß ich dann, als ich oberhalb der Ortschaft Lüscherz wieder auf die Felder hinaustrat, den Bieler See unter mir liegen sah, daß ich eine Stunde und mehr in seinen Anblick versunken gewesen bin, und mir vorgenommen habe, möglichst bald einmal hinüberzufahren auf die an jenem Herbsttag von einem zitternden weißlichen Licht überschwommene Insel in seiner Mitte. Wie es aber oft im Leben so ist, hat es nachher einunddreißig Jahre gebraucht, bis dieser Plan sich verwirklichte, und bis ich schließlich, im Frühsommer 1996, in Begleitung eines ausnehmend freundlichen, hoch am steileren Ufer des Sees ansässigen Gastgebers, der seiner Gewohnheit entsprechend eine Art Kapitänsmütze trug, indische Bidis rauchte und verhältnismäßig wenig redete, von der Stadt Biel aus tatsächlich übersetzte auf die im Verlauf der letzten Eiszeit vom Rhônegletscher zur Form eines Walfischrückens (wie es allgemein heißt) geschliffene Île de Saint-Pierre.

Das Schiff, auf dem wir entlang dem in die Seetiefe abfallenden Rand des Juragebirges fuhren, trug den Namen ›Ville de Fribourg‹. Unter denen, die mit uns an Bord waren, befanden sich auch die buntkostümierten Mitglieder eines Männergesangsvereins, die mehrfach während der kurzen Überfahrt auf dem Hinterdeck oder sonst irgendein Schweizerlied anstimmten, einzig und allein, wie es mir schien, um mich mit den seltsam gepreßten, kehlköpfigen Klängen, die sie miteinander hervorbrachten, daran zu erinnern, wie weit ich inzwischen vom Ort meiner Herkunft entfernt war.

Nebst einem Wirtschaftsgebäude gibt es auf der St. Petersinsel, die einen Umfang von zirka zwei Meilen hat, nur ein einziges Haus, ein ehemaliges Kluniazenserkloster, in dem heute ein von der Blausee AG verwalteter Hotel- und Restaurationsbetrieb untergebracht ist. Nachdem wir, von der Schiffslände herüberkommend, dort angelangt waren, saß ich mit meinem Begleiter noch eine Weile bei einem Kaffee in dem überlaubten Innenhof, ehe wir voneinander Abschied nahmen und ich ihm von der Pforte aus nachschaute, wie er den weißen Feldweg hinunter davonging, nicht anders, dachte ich mir, als ein Seefahrer, den es nach vielen Jahren auf den Weltmeeren verschlagen hatte auf das ihm fremde feste Land. Das Zimmer, in das ich einzog, lag nach Süden hinaus, unmittelbar neben den beiden Räumen, die Jean-Jacques Rousseau bewohnte, als er im September 1765, also akkurat zweihundert Jahre bevor ich von der Schattenrainanhöhe aus zum erstenmal die Insel erblickte, hier Zuflucht fand, bis ihn der Berner Geheime Rat auch aus dieser für ihn letzten Station seiner Heimat vertrieb. »Bis künfftigen Samstag«, so stand in einem an den Präfekten von Nidau gegangenen Schreiben, »habe der Rousseau Mrgh. Lande zu raumen und sei ihme auf seinen allfälligen Wieder Eintritt eine scharffe Bestraffung anzudrohen.« In den Jahrzehnten nach dem Tod Rousseaus, als sein Ruhm über ganz Europa und bis nach Übersee sich ausbreitete, haben illustre Persönlichkeiten in nicht abreißender Reihe die Insel besucht, um den Ort in Augenschein zu nehmen, an dem der Philosoph, Romanschreiber, Selbstbiograph und Urheber der bürgerlichen Gefühlswallungen eine knappe Zeitlang, wie er in der fünften Promenade der behauptet, so glücklich gewesen ist, wie nirgendwo sonst. Der Abenteurer und Hochstapler Cagliostro, der französische Parlamentsrat Desjobert, der englische Staatsmann Thomas Pitt, verschiedene Könige von Preußen, Schweden und Bayern, sie alle sind auf der Insel gewesen, und, nicht zuletzt, auch die Exkaiserin Josephine. Bereits am frühen Morgen des 30. September 1810, Stunden vor dem Eintreffen dieser schönsten Frau ihrer Zeit, wartete eine tausendköpfige Menge am Ufer, und es drängten sich auf dem See mit Blumenkränzen und Fahnen geschmückte Schiffe und Boote in solcher Zahl, daß man zwischen ihnen kaum das Wasser sah. Und als zwanzig Jahre später, nach der gewaltsamen Niederwerfung ihres Aufstands, die Polen in die Schweiz kamen, wurde die Insel mehr als einmal zum Versammlungsort, an dem die von vielen bewunderten Flüchtlinge und die mit ihnen sympathisierenden Liberalen Gedenkfeiern veranstalteten für die im Kampf um die Freiheit Gefallenen. Eine begeisterte Schar umstand 1833 bei einer solchen Gelegenheit, wie Werner Henzi in seiner kleinen Broschüre über die Rousseau-Insel erinnert, einen zwischen zwei Kastanien aufgestellten, mit schwarzem Tuch

bedeckten Altar, auf dem in Trauerflor eingehüllt das Buch der Menschenrechte lag, während die nächststehenden Bäume geziert waren mit dem Wappen der Litauer und dem weißen Adler, dem Abzeichen der alten polnischen Nation. Auch andere, private Besucher haben das ganze 19. Jahrhundert hindurch die Rousseau-Insel in ihre Reisen einbezogen, feinsinnige Leserinnen zum Beispiel wie die junge Engländerin Caroline Stanley, die im Sommer 1820 am Bieler See gewesen ist und diese Ansicht der Peters-Insel nebst dem Grindelwaldgletscher und anderen Schweizer Landschaftswundern mit Wasserfarben in ein Album gemalt hat, das ich unlängst bei einem Züricher Antiquar gefunden habe. Manche dieser Besucher haben mit dem Federmesser ihre Namen oder Initialen und das Datum ihres Besuchs in die Türpfosten und in die Sitzbank in der Fensternische des Rousseauzimmers geschnitten, und gerne möchte man, wenn man mit dem Finger die Kerben im Holz nachfährt, wissen, wer sie gewesen und wohin sie gegangen sind.

Im Verlauf unseres eigenen, jetzt beinah beendeten Jahrhunderts hat die Rousseaubegeisterung sich allmählich gelegt. Jedenfalls haben sich in den paar Tagen, die ich auf der Insel verbrachte und während derer ich mehrere Stunden im Fenster des Rousseauzimmers gesessen bin, nur zwei der Ausflügler, die zum Spazierengehen und Brotzeitmachen auf die Insel herüberkommen, in die spärlich bloß mit einem Kanapee, einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl möblierte Kammer verirrt, und auch diese beiden sind, offenbar enttäuscht von dem wenigen, das es da zu sehen gab, gleich wieder gegangen. Keiner von ihnen hat sich über die Glasvitrine gebeugt, um die Schriftzüge Rousseaus zu entziffern, keiner hat bemerkt, daß die bleichen, bis zu zwei Fuß breiten Fichtenbretter des Bodens gegen die Mitte des Zimmers so abgetreten sind, daß sie eine flache Kuhle bilden, und daß die Stellen um die harten Äste herum beinahe einen Zoll herausstehen aus dem übrigen Holz. Keiner ließ seine Hand über den glatt geschliffenen Spülstein im Vorraum gleiten, nahm den rußigen Geruch wahr, der immer noch um die Feuerstelle hängt, und keiner warf einen Blick aus dem Fenster, von dem aus man über den Obstgarten und eine Wiese auf das Südufer hinuntersieht. Mir aber war es in dem Rousseauzimmer, als sei ich zurückversetzt in die vergangene Zeit, eine Illusion, auf die ich umso leichter mich einlassen konnte, als auf der Insel dieselbe, von keinem noch so fernen Motorgeräusch gestörte Stille herrschte wie überall auf der Welt vor hundert oder zweihundert Jahren. Besonders gegen Abend, wenn die Tagesausflügler wieder heimgekehrt waren, tauchte die Insel ein in eine Ruhe, wie es sie sonst im Umkreis unserer Zivilisation fast nirgends mehr gibt, und in der nichts mehr sich rührte außer vielleicht die Blätter der mächtigen Pappeln in den Brisen, die manchmal entlangstrichen am See. Immer heller wurden die mit feinem Kalkschotter befestigten Wege, als ich in der zunehmenden Dämmerung auf ihnen dahinging, vorbei an umzäunten Weiden, an einem blassen, reglosen Haberfeld, an einem Weinberg und einem Winzerhäuschen bis hinauf zu den Böschungen am Rand des schon nachtschwarzen Buchenwalds, von wo aus ich die Lichter angehen sah, eines ums andere am jenseitigen Ufer. Die Dunkelheit schien aus dem See aufzusteigen, und einen Augenblick lang tauchte in mir, wie ich so hinabschaute, ein Bild auf, das etwa einer Farbtafel in einem alten Naturkundebuch glich und das, freilich um vieles schöner und genauer...


Sebald, W.G.
W. G. Sebald, geboren 1944 in Wertach, starb 2001 in England. Bei Hanser erschienen zuletzt Luftkrieg und Literatur (1999), Austerlitz (Roman, 2001), Unerzählt (2003, mit Bildern von Jan Peter Tripp), Campo Santo (2003) und über das Land und das Wasser (2008).



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