Seyfried | Verdammte Deutsche! | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Seyfried Verdammte Deutsche!

Spionageroman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08152-2
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Spionageroman

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-641-08152-2
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein deutscher Spion, eine Verschwörungstheorie und ein unglaubliches Stück Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs

Als der deutsche Marineoffizier Adrian Seiler im Sommer 1911 nach London geschickt wird, um an der Botschaft auszuhelfen, ahnt er nicht, was ihm bevorsteht. Er weiß nicht, dass in England eine hysterische Angst vor deutschen »Schläfern« und Spionen herrscht. Dass er deshalb von einem englischen Agenten überwacht wird. Dass er sich ernsthaft verlieben wird, ausgerechnet in Vivian, die Tochter des deutschstämmigen Buchhändlers Peterman. Dass er sich zu einem der ersten professionellen Spione umfunktionieren lassen wird und somit Vivian, deren Vater und sich selbst aufs Äußerste gefährdet.
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London, Secret Service Bureau, 2. Januar 1912, Dienstag

Drummond sitzt im Vorzimmer von Kells Büro und schreibt an seinem abendlichen Bericht. Der Captain ist vor einer halben Stunde nach Hause gegangen und dessen Sekretär, Mr. Westmacott, zieht eben seinen Mantel an und wünscht ihm eine gute Nacht.

»Und denken Sie bitte daran, sorgfältig abzuschließen, wenn Sie fertig sind, Mr. Drummond!« sagt er, während er die Tür öffnet. In diesem Augenblick schrillt die Haustürglocke.

»Nanu«, wundert sich Westmacott, »wer kann das denn sein?« Er wartet, den Hut auf dem Kopf und den Schirm in der Hand, während Drummond hastig die letzten Zeilen aufs Papier kritzelt.

Im Flur nähern sich Schritte, forsch und zielbewußt, dann ein: »Guten Abend! Ich bin hier richtig, nicht wahr?«

Drummond legt den Stift weg und blickt auf.

»Wo möchten Sie denn hin, Sir?«, fragt Westmacott zurück, ohne die Tür freizugeben.

»Ich wünsche Captain Kell zu sprechen. Ist er nicht da? Das wäre zu dumm.«

Die Stimme des Sekretärs wird eisig. »Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe, Sir?«

»Ich bin ein Freund des Captain, guter Mann. Mein Name ist Le Queux, William Le Queux!«

Drummond schiebt den Stuhl zurück und steht auf. Das ist dieser vermaledeite Schriftsteller! Wo, zum Teufel, hat der Mann die Adresse des Büros her? Kell wird sie ihm bestimmt nicht gegeben haben, Freund hin, Freund her, falls das überhaupt wahr ist.

»Ich bedaure sehr, Sir, aber ohne die Zustimmung des Captain darf ich Sie nicht hereinlassen!«, sagt Westmacott, der immer noch den Türrahmen ausfüllt, mit fester Stimme.

Drummond entschließt sich einzugreifen und sagt an dem Sekretär vorbei: »Mr. Le Queux, mein Name ist Colridge«, der erstbeste Name, der ihm einfällt. »Captain Kell wird erst übermorgen wieder im Büro sein. Warum unterhalten wir uns nicht unten im Pub über Ihr Anliegen, falls es dringend sein sollte? Ich werde es dem Captain gleich nach seiner Rückkehr ausrichten.«

Westmacott macht ihm erleichtert Platz. Drummond sieht sich einem mittelgroßen Herrn im dunkelgrauen und offensichtlich teuren Paletot gegenüber, der einen glänzenden Zylinder trägt, außerdem Handschuhe aus gelbem Schweinsleder. Hohe Stirn, ein goldgefaßter Kneifer auf der geraden Nase, ein Schnurrbart mit hochgezwirbelten Spitzen.

»Mein Anliegen ist in der Tat dringend«, erwidert der Schriftsteller, »ich fürchte, daß es nicht bis übermorgen warten kann.«

»Dann bitte ich Sie, sich mir anzuvertrauen«, sagt Drummond. »Ich vertrete den Captain während seiner Abwesenheit.« Das ist glatt gelogen, aber Westmacott erhebt keine Einwände, und Drummond sagt über die Schulter zu ihm: »Meinen Mantel, bitte!« Er zieht ihn an, setzt den Bowler auf und lädt den Besucher mit einer höflichen Handbewegung ein vorzugehen.

Das klappt, und er folgt dem Schriftsteller die Treppe hinab, während Westmacott oben abschließt, alle drei Schlösser.

Sie betreten das gut gefüllte Pub und begeben sich in den Saloon, der bis auf einen zeitunglesenden Gentleman leer ist. Le Queux nimmt Platz, ohne abzulegen, stellt den Zylinder mitten auf den Tisch und sieht sich um. Dabei rümpft er tatsächlich die Nase. Sein dunkles, fast schwarzes Haar glänzt vor Pomade, und eine fettige Strähne fällt ihm in die Stirn.

»Nun, Sir«, sagt Drummond, »was möchten Sie trinken?«

»Scotch mit Soda, bitte.«

Drummond stellt sich am Tresen an und wartet geduldig, bis er an der Reihe ist. Als er mit den Getränken zurückkommt, blättert Le Queux in einem kleinen Notizbuch herum und bedankt sich, ohne aufzusehen.

»Ich fürchte, Inspector Shiel hat mit der Durchsuchung dieses Bookshop im Cecil Court zu lange gewartet«, beginnt er, »obwohl ich ihn, by Jove, frühzeitig genug auf meinen Verdacht aufmerksam gemacht habe. Dieser Deutsche, dem der Laden gehört, hatte daher Zeit genug, alles diskriminierende Material aus dem Haus zu schaffen.«

Drummond spürt, wie Zorn in ihm hochsteigt. Dieser Kerl hat den Buchhändler denunziert? Auf bloßen Verdacht hin? Mühsam beherrscht erwidert er: »Wenn das so ist, setzt das doch voraus, daß der Mann bereits vermutet hat, sein Geschäft könnte durchsucht werden?«

»Nicht unbedingt, Mr. Colridge, nicht unbedingt. Unterschätzen Sie die Deutschen nicht! Diese Leute sind Perfektionisten. Ich bin sicher, daß es zu ihren elementaren Vorsichtsmaßnahmen gehört, belastendes Material in regelmäßigen Abständen zu verlagern, um einer Entdeckung vorzubeugen.«

»Aber Sir! In diesem Fall soll es sich doch um Gewehre und Munition in großen Mengen gehandelt haben. Sogar von Uniformen war die Rede! All das immer wieder an einen anderen Ort zu schaffen stellt doch ein erheblich größeres Risiko dar, meinen Sie nicht?«

Le Queux schüttelt den Kopf. »Ganz im Gegenteil. Ich habe ermittelt, daß diesen Leuten ein Lastautomobil zur Verfügung steht. Und daß man die Ware in großen Kisten transportiert, deren Inhalt als Klaviere deklariert ist.«

»Darf ich fragen, wie es Ihnen gelungen ist, dies zu …«, er zögert, das Wort zu wiederholen, »… zu ermitteln, wie Sie sagen?«

Der Schriftsteller blättert eifrig in seinem Büchlein und vermeidet es, ihm in die Augen zu sehen. Seinen Scotch hat er noch nicht angerührt.

»Ich fürchte, darauf darf ich Ihnen nicht antworten, Mr. Colridge. Meine Informanten wären in höchster Lebensgefahr, wenn auch nur die kleinste Indiskretion vorkäme.«

Drummond kann seinen Zorn kaum mehr unterdrücken. Das ist ja unsäglich. Und doch muß der Mann Kontakt zum SSB haben. Wer kommt dafür in Frage? Captain Kell? Höchst unwahrscheinlich. Edmonds im War Office? Dem ist er noch nicht begegnet und kann sich daher kein Urteil über ihn bilden. Inspector Shiel? Der hat doch nur getan, was Melville als ehemaliger Chef der Special Branch von ihm verlangt hat. Melville also? Vorhin hat Le Queux gesagt, er habe den Inspector auf den Buchladen aufmerksam gemacht. Ja, das riecht nach Melville. Er beschließt, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, und atmet tief durch.

»Nun gut, Mr. Le Queux, Sir. Sie gehen also davon aus, daß dieses Waffenlager, um es mal so auszudrücken, an einen anderen Ort gebracht wurde. Konnten Sie denn auch, äh, ermitteln, wo es sich jetzt befindet?«

»Noch nicht genau. Aber ich werde es bald herausfinden, Mr. Colridge, verlassen Sie sich darauf.« Jetzt blickt er Drummond an: »Und dann wird es darauf ankommen, unverzüglich einen bestens vorbereiteten und energischen Schlag zu führen! So ein Mißgeschick wie im Cecil Court darf nicht noch einmal vorkommen!«

»Verzeihen Sie, Sir, aber wenn man erst einmal weiß, wo diese Waffen untergebracht sind, sollte man dann nicht lieber den Ort unauffällig beobachten, um so viele der Beteiligten wie möglich zu identifizieren?«

Le Queux schüttelt den Kopf. »Es darf keine Zeit verloren werden! Niemand weiß, wann der Kaiser den Befehl zum Losschlagen gibt.« Er nimmt den Kneifer ab, poliert ihn an seinem Revers und starrt Drummond mit großen, runden Augen an. »Das kann jederzeit sein, vielleicht schon morgen! Und dann gnade uns Gott! Sechzigtausend Hunnen, bis an die Zähne bewaffnet, in London losgelassen? Das wäre des Ende des Empire!«

Er steckt das Buch ein, nimmt seinen Zylinder und erhebt sich. »Bitte teilen Sie dem Captain mit, daß ich ihn in dieser Angelegenheit dringend zu sprechen wünsche, sobald er wieder erreichbar ist!«

Drummond steht ebenfalls auf. »Das werde ich tun, Sir, und vielen Dank für Ihre Mitteilungen!« Er schlägt einen vertraulicheren Ton an. »Wissen Sie, was den Aufenthaltsort der Waffen angeht, da tappen wir noch sehr im dunkeln. Es wäre für uns eine sehr große Hilfe, wenn es Ihnen gelänge, das bald herauszufinden, Sir.«

Der Schriftsteller lächelt geschmeichelt, während er sich die gelben Handschuhe überstreift. »Verlassen Sie sich darauf. Ich habe Mittel und Wege, die mich sicher zum Ziel führen werden.«

Draußen hat es begonnen zu schneien. Drummond macht seine Stimme so bescheiden wie möglich: »Ich finde es durchaus bewundernswert, wie Sie sich für unsere Sache einsetzen, Sir. Wie gelingt es Ihnen nur, soviel über diese deutschen Spione und vor allem über ihre Invasionspläne herauszufinden?«

Le Queux erwidert: »Im Vertrauen, Mr. Colridge, ich bin Mitglied eines neuen Secret Service Department auf freiwilliger Basis. Wir sind patriotisch gesinnte Männer, die sich im geheimen zusammengeschlossen haben und ihre Auslagen aus eigener Tasche bestreiten. Wir sind nicht viele, aber ein jeder von uns hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Deutschland und anderswo Informationen zu sammeln, die unserem Mutterlande im Falle der Gefahr nützlich sein können. Good-bye, Mr. Colridge.«

Er tritt an den Straßenrand und späht nach einem Cab aus, aber dann wendet er sich noch einmal um. »Übrigens, wußten Sie, daß man mich in den Clubs von London als den Mann feiert, der es wagt, die Wahrheit zu sagen? Hören Sie sich ruhig...


Seyfried, Gerhard
Gerhard Seyfried, 1948 in München geboren, lebt in Berlin. Er war als Comiczeichner der Chronist der linken und alternativen Szene („Freakadellen und Bulletten“, „Flucht aus Berlin“ usw.), hat sich mit einer Reihe von Publikationen um den Hanf verdient gemacht und interessiert sich besonders für deutsche Kolonialgeschichte und die Geschichte des Kaiserreichs. Daraus sind erfolgreiche Romane entstanden: „Herero“ und „Gelber Wind oder Der Aufstand der Boxer“: "Virtuos verwebt er historische Ereignisse, Figuren und Dokumente mit Fiktivem" (NZZ zu „Herero“)



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