Shields | Die Geschichte der Reta Winters | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Shields Die Geschichte der Reta Winters

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-99071-4
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-492-99071-4
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einfühlsam und elegant erzählt Pulitzer-Preisträgerin Carol Shields die Geschichte einer Mutter, die gezwungen wird, alles Selbstverständliche hinter sich zu lassen und neue Wege einzuschlagen. Ihr Leben scheint perfekt und sie selbst unverwundbar. Reta Winters ist eine verwöhnte Frau, die alles hat: gute Freunde, eine liebevolle Familie und beruflichen Erfolg. Als ihre Tochter Norah eines Tages ihre vielversprechende Universitätslaufbahn abbricht, um an einer Straßenecke zu sitzen, das Wort »Güte« auf einem Schild um den Hals, bricht für Reta eine Welt zusammen. Warum tut Norah so etwas? Was hatte sie, Reta, falsch gemacht? Zum ersten Mal empfindet sie das Gefühl von Verlust und beginnt unbeirrt nach dem wahren Grund für Norahs Entscheidung zu suchen. »Die Geschichte der Reta Winters« erzählt von Menschlichkeit, Mut und Liebe und von der Kostbarkeit des Lebens.  

Carol Shields, geboren 1935 in Oak Park, Illinois, übersiedelte 1957 nach Kanada und war dort Professorin für Anglistik an verschiedenen Universitäten. Sie gehört zu den renommiertesten Autorinnen ihres Landes. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane und Kurzgeschichten, für »Das Tagebuch der Daisy Goodwill«, wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerlisten in Amerika und England, wurde sie mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, für »Alles über Larry« mit dem Orange Prize. 2002 wurde ihr der Order of Canada verliehen. Zuletzt lebte sie mit ihrem Mann in Victoria, British Columbia, wo sie 2003 starb. Auf deutsch erschien 2005 ihr letzter, für mehrere Preise nominierter Roman »Die Geschichte der Reta Winters«.
Shields Die Geschichte der Reta Winters jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Bislang


Der Zufall will es, daß ich eine Zeit großen Unglücks und Verlustes durchmache. Mein Leben lang habe ich Leute sagen hören, daß sie sich in einem Zustand abgrundtiefen Schmerzes befinden, zerbrochen an Leib und Seele, aber ich habe nie verstanden, was sie meinten. Verlieren. Verloren haben. Ich hatte geglaubt, derlei düstere Heimsuchungen würden nur wenige Minuten oder Stunden anhalten, und zwischen den Anfällen würden sich diese betrübten Menschen, wie wir alle, mit der sinnvollen Eintönigkeit des Glückes befassen. Aber Glück ist nicht das, was ich mir vorstellte. Glück, das ist die glückverheißende Glasscheibe, die man im Kopf bewahrt. Sämtliche Listen und Tricks sind vonnöten, um sie festzuhalten, und ist sie einmal zerbrochen, muß man sich in eine andere Lebensform begeben.

In meinem neuen Leben – im Sommer des Jahres 2000 – bin ich bemüht, dankbar zu sein für das, was mir beschieden ist. Alle meine Bekannten raten mir zu dieser verdrießlichen Strategie, als glaubten sie wirklich, ein dramatischer Verlust ließe sich ausgleichen durch neuerliche Wertschätzung all dessen, was einem beschieden ist. Ich habe einen Ehemann, Tom, der mich liebt und mir treu ist, der auch sehr gut aussieht – ziemlich groß, schlank – und auf ansehnliche Weise die Haare verliert.

Wir bewohnen ein Haus, auf dem keine Hypothek mehr lastet, und unser Heim ist eingebettet in die fruchtbaren wogenden Hügel Ontarios, nur eine Autostunde nördlich von Toronto. Zwei von unseren drei Töchtern – Natalie, fünfzehn, und Christine, sechzehn – wohnen zu Hause. Sie sind intelligent, lebhaft, hübsch und liebenswert, doch auch sie haben teil an dem Verlust, ebenso wie Tom.

Und ich habe meine Schriftstellerei.

»Und du hast deine Schriftstellerei«, sagen die Freundinnen. Ein murmelnder Chor: Aber du hast deine Schriftstellerei, Reta. Keine ist so ungehobelt, darauf hinzuweisen, daß mein Kummer sich am Ende in Stoff für meine Schriftstellerei verwandeln wird, aber sie denken es vermutlich.

Und es ist wahr. Es ist wirklich ein eigenartiger und etwas anstößiger Trost, im Alter von dreiundvierzig Jahren – vierundvierzig im September – zu überblicken, was mir in den unglaublich kindlichen und sonnigen Tagen, bevor ich die Bedeutung von Gram erfuhr, zu schreiben und zu veröffentlichen gelang. »Meine Schriftstellerei«: eine sehr kleine Kompresse, um sie meinem beschädigten Ich aufzulegen, aber besser, so wurde mir eingeredet, als gar kein Trost.

Es ist Juni, im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts, und hier folgt, was ich bislang in meinem Leben geschrieben habe. Meine Schulmädchen-Sonette aus den siebziger Jahren – Satinbeschuhter April, du durchschlüpfest die Zeit / Und gleitende Frühlingstage, didum, didum – rechne ich nicht dazu, auch nicht die vielleicht zwölf schmeichlerischen Buchrezensionen aus den frühen achtziger Jahren. Ich vertraue diese Liste nicht dem Bildschirm an, sondern meinem Bewußtsein, einem weitaus sichereren und leichter zugänglichen Computerprogramm:

  1. Eine Übersetzung von und Einführung in Danielle Westermans Gedichtband Isolation, April 1981, einen Monat bevor unsere Tochter Norah geboren wurde, eine Hausgeburt natürlich; eine Hebamme; man konnte beinahe die Gitarren im Hintergrund klimpern hören, nur bereiteten wir kein Festmahl aus der Plazenta, wie es einige von unseren Freunden damals zu tun pflegten. Mein Französisch stammte von meiner Quebecer Mutter und meine Bekanntschaft mit Danielle von der Universität von Toronto, wo sie zu meiner Studienzeit französische Zivilisation unterrichtete. Sie war eine miserable Lehrerin, unschlüssig und, glaube ich, voller Scheu vor den sonnengebräunten, gesunden Studierenden, die vor ihr im Hörsaal saßen, sich andächtig Notizen machten und ihren beschränkten Vorstadtbegriff von dem erweiterten, was das Wort Zivilisation bedeuten mochte. Sie war bereits eine anerkannte Verfasserin von kinetischer, straff gestrickter Prosa, betörend und gefährlich. Sie hatte eine ganz eigene Art, die Leser zu überraschen. Mitten in einer platten, palavernden Passage stieß man, von warmen nachdenklichen Dehnungen getäuscht, auf harte Knorpelmasse.
    Mir ist ein bißchen unwohl, wenn ich Isolation als mein Werk bezeichne, doch Dr. Westerman erklärte mit der ihr eigenen fahrigen Gestik, das Übersetzen, zumal von Gedichten, sei ein kreativer Akt. Schreiben und übersetzen seien einträchtig, sagte sie, nicht gegensätzlich, und keinesfalls hierarchisch. Das mußte sie natürlich sagen. Meine Einführung in Isolation war jedoch mit Sicherheit kreativ, hatte ich doch keine Ahnung, wovon ich schrieb.
    Ich habe sie vor kurzem hervorgekramt, und beim Lesen erlebte ich »das Verkriechen des fühlbaren Wurms der Scham«, wie meine Freundin Lynn Kelly das nennt. Als Vermessenheit sehe ich es heute. Die Stelle über die Kunst, welche die Verzweiflung am Leben in etwas »lediglich Brüchiges« umwandelt, und das Bemühen der Poesie, »die Kluft zwischen nichts und nichtig aufzuheben« – was um Himmels willen habe ich damit gemeint? Zuviel Derrida gelesen, das könnte das Problem sein. In den frühen achtziger Jahren habe ich mich intensiv mit alledem beschäftigt.
  2. Danach kam »Das Strahlen eines Sterns«, eine Kurzgeschichte, die in An Anthology of Young Ontario Voices erschien (Pink Onion Press, 1985). Es ist kaum zu glauben, daß ich 1985 als »junge Stimme« galt, aber ich war tatsächlich erst neunundzwanzig, Mutter von Norah, vier Jahre alt, ihrer Schwester Christine, zwei Jahre, und stand kurz vor der Entbindung von Natalie – diesmal im Krankenhaus. Drei Töchter und noch keine dreißig. »Woher hast du bloß die Zeit genommen?« fragten die Leute im Chor, und in dieser Frage entdeckte ich oft einen leisen Vorwurf: Vernachlässigte ich meine süßen Kleinen zugunsten meiner Schriftstellerkarriere? Aber nein. Der Ausdruck Karriere kam mir nie in den Sinn. Das Schreiben war ein Steckenpferd. Es war mein Makramee, mein Strickzeug. Wenig später jedoch machte ich ernst damit und besuchte einen hiesigen »writers’ workshop« für Frauen, die sich alle zwei Wochen für zwei Stunden trafen; wir tranken Kaffee, ließen es uns gutgehen, genossen die gegenseitige Gesellschaft, und dies führte zu:
  3. »Ikone«, eine Kurzgeschichte, starkan Henry James orientiert, 1986. Gwen Reidman, die einzige Autorin der Werkstattgruppe, die schon etwas veröffentlicht hatte, war unsere Leiterin. Wir nannten uns Glenmar-Kollektiv (ein Akronym aus unseren Vornamen – nicht sehr originell). Eines Tages sagte Gwen, während sie ein Muffin zum Mund führte, sie sei bewegt von der »Strenge« meiner Kurzgeschichte – die, aber nur oberflächlich, auf meiner Reaktion auf die russische Ikonenausstellung in der Kunstgalerie von Ontario beruhte. Mein Prosastück sei ein Fall von Kunst, »umarmende/zurückweisende Kunst«, wie Gwen es ausdrückte, und dann erinnerte sie uns an das berühmte: »Als er zum ersten Mal in Chapmans Homer las« und die ganze Ästhetik der Kunst erzeugenden Kunst, der Kunst verehrenden Kunst, an die ich übrigens nicht mehr glaube. Man glaubt daran, oder man läßt es bleiben. Wir sieben, Gwen, Lorna, Emma Allen, Nan, Marcella, Annette und ich (ich heiße Reta Winters – Rita ausgesprochen), brachten unsere Arbeiten in einem Band mit dem Titel Incursions and Interruptions (Einfälle und Unterbrechungen) im Selbstverlag heraus; jede steuerte fünfzig Dollar für die Druckkosten bei. Die fünfhundert Exemplare waren in den hiesigen Buchhandlungen schnell verkauft, vorwiegend an unsere Freunde und Verwandten. Bücher herauszugeben war preiswert, stellten wir fest. Erstaunlich. Wir nannten uns die Sprungbrettpresse, und mit diesem Namen drückten wir unsere milde Verlegenheit wegen der Idee mit dem Selbstverlag aus, aber auch die Hoffnung, daß wir in naher Zukunft in einen richtigen Verlag »springen« würden. Ausgenommen natürlich Gwen, die dort schon war. Und Emma, die angefangen hatte, Artikel auf der Meinungsseite von Globe and Mail zu veröffentlichen.
  4. Alive (Random House, 1987), eine Übersetzung von Pour Vivre, dem ersten Band von Danielle Westermans Memoiren. Es mag so aussehen, als wollte ich behaupten, das Übersetzen sei ein schöpferischer Akt, aber wie ich schon sagte, es war Danielle in ihrer gütigen Art, die, ihre wirre Stirn in Falten gelegt, mir eingeredet hatte, der Vorgang, elegantes Französisch in lesbares, solides Englisch zu bringen, sei eine ästhetische Leistung. Das Buch wurde von der Kritik wohlwollend aufgenommen und verkaufte sich sogar einigermaßen gut, ein dichtes, aber verständliches Buch, unbefangen und ohne eine einzige Fußnote. Die Übersetzung wurde im Toronto Star von einem gewissen Stanley Harold Howard verrissen (»unbeholfen«), doch Danielle Westerman sagte, machen Sie sich nichts draus, der Mann ist un maquereau, was grob übersetzt ein Mittelding zwischen Macker und Macho bedeutet.
  5. Danach schrieb ich als Auftragsarbeit einen Essay für eine Serie, die von einem Blatt mit dem Titel Encyclopédie de l’art herausgebracht wurde. Winzige, handliche Broschüren, jede einem einzigen Kunstwerk gewidmet, die alles abdeckten, von Braque bis Calder, von Klee bis Mondrian und Villon. Der Verleger in New York, der, wie mir schien, sein Unternehmen von einer Telefonzelle aus leitete und nichts von meiner Unwissenheit ahnte, war zufällig auf meine Kurzgeschichte »Ikone« gestoßen und hielt mich für eine Kennerin des Sujets. Er bat um dreitausend Wörter für einen Band (vielmehr ein Bändchen), der...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.