E-Book, Deutsch, 140 Seiten
Sigsgaard Schimpfen? Es geht auch anders!
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-902625-81-6
Verlag: RGV - Renate Götz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Sie einen liebevollen und wertschätzenden Umgang mit Ihren Kindern entwickeln
E-Book, Deutsch, 140 Seiten
ISBN: 978-3-902625-81-6
Verlag: RGV - Renate Götz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
geboren 1938, ist dänischer Pädagoge, Dozent und ehemaliger Politiker sowie Autor zahlreicher Bücher über pädagogische und politische Fragen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 7
Normen und
Pflichten
„Wir sollten auch die gegenwärtige Stunde achten, den heutigen Tag.
Wie soll es [das Kind] morgen leben können, wenn wir es heute nicht bewußt, verantwortungsvoll leben lassen?
Wir sollten nicht treten, nicht vernachlässigen, nicht das Morgen fesseln, es nicht auslöschen, nicht eilen, nicht hetzen.
Wir sollten jeden einzelnen Augenblick achten, denn er stirbt und wiederholt sich nicht, und immer sollten wir ihn ernst nehmen; wird er verletzt, so bleibt eine offene Wunde zurück, wird er getötet, so erschreckt er uns alsein Gespenst böser Erinnerungen.
Lassen wir das Kind doch unbeschwert die Freude des frühen Morgens genießen und vertrauen. Das Kind will es eben so. Die Zeit ist ihm nicht zu schade für ein Märchen, für ein Gespräch mit seinem Hund, fürs Ball spielen, fürs genaue Betrachten eines Bildes, fürs Nachzeichnen eines Buchstabens – aber all das mit Freude.
Es hat recht.“
Janusz Korczak (1928) Quelle 25
Die meisten geben Korczak wohl recht, wenn er schreibt: „Wir sollten jeden einzelnen Augenblick achten.“ Im Alltag fällt uns das oft schwer und wir tun dann das genaue Gegenteil. Das ist kein Phänomen der Moderne.
Bereits in der Bibel heißt es: „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.“ (Röm 7,19) Prinzipiell wünschen sich wohl alle selbstständige Kinder. Sobald sie aber selbstständig handeln, kann uns das gegen den Strich gehen – wie in der Geschichte über Michael, der nichts so macht wie die anderen (siehe Seite 108). Spielt das dreijährige Mädchen während des Essens, wird es vielleicht aufgefordert, nach dem Essen zu spielen. Das Kind weint und wird gescholten.
Ist die Durchsetzung der Norm „Alles zu seiner Zeit“ angemessen, wenn dadurch in konkrete Handlungen eines Kindes eingegriffen wird?
Eine Amerikanerin fragte mich voll Sorge bei ihrem ersten Besuch in Dänemark: „Sag mal, habt ihr genauso viele Probleme mit den Wikingern wie wir mit den Indianern?“ Die Zeit der Wikinger ist zwar vorbei, aber ihre Frage hat einen interessanten Punkt berührt: Ein Teil der Normen, nach denen wir im 21. Jahrhundert Kinder erziehen, stammen noch immer aus der Zeit der Wikinger, die schon über 30 Generationen zurückliegt.
Damals waren diese Normen vielleicht zeitgemäß.
Begeben wir uns mit kritischem Blick auf die Suche nach Normen und Werten, die den folgenden aktuellen Erziehungsgeschichten zugrunde liegen. Sobald wir uns mit dem Verhalten von Kindern beschäftigen, geraten die Erziehungshandlungen der Erwachsenen leicht aus dem Blick. Deshalb beschäftigen wir uns nicht mit den Gründen für bestimmte Handlungen der Kinder, sondern mit unserer eigenen Erziehungspraxis.
Denken wir dabei an die Geschichte von der Großmutter, die Jesper nicht beachtet, wenn er nicht „lieb“ ist. Die entstehenden Probleme werden als Jespers Probleme gedeutet, während die Gehorsamkeitserziehung der Großmutter unbeachtet bleibt.
Sozial sein
Lächeln
Mads hatte mit seinen knapp sechs Jahren damit begonnen, bei Blickkontakt seine Mundwinkel nach oben zu ziehen, zu einem kräftigen Lächeln.
Das hatte vielleicht seinen Anfang, als es ihm als Einjährigem in der Krippe nicht so gut ging. „Lächelt das Kind denn nie?“, fragte das Personal.
Lächelnde Kinder sind lieb. Sie lächeln, wenn sie glücklich sind. Dann sind wir glücklich und erwidern das Lächeln. Kinder wollen Erwachsene glücklich machen und fürchten sich vor deren Wut und Kummer. Sie lächeln auch, um uns glücklich zu machen.
„Du brauchst nicht mehr traurig sein!“ Oder „Jetzt geht es uns wieder gut, nicht wahr?“ Oder „Bekommt Papa ein Lächeln?“
Verlangen wir von Kindern, dass sie uns anlächeln? Müssen sie das, weil sie von uns abhängig sind?
„Kinder waren immer abhängig von Erwachsenen!“, lautet ein Einwand.
Heute sind sie aber vielleicht noch abhängiger. Früher war man auch von den Kindern abhängig. Sagte ein Elternteil: „Jetzt bin ich aber enttäuscht und habe dich gar nicht mehr gern“, konnte Katrine im Jahr 1600 noch denken: „Schon gut. Aber was würdest du ohne mich machen? Ich kümmere mich um die Gänse und sorge dafür, dass wir immer genügend Zunder haben.“ Noch in den 1950ern arbeiteten viele Kinder in der Familie, auf dem Feld oder im Garten oder erledigten den Einkauf. Sie konnten nicht so einfach mit emotionaler Kälte bedroht werden, immerhin hatten sie ihren Platz und ihre Berechtigung und leisteten ihren Beitrag zum Haushaltseinkommen.
Heutzutage stellen sie eine ökonomische Belastung dar. Haben sie früher ihren Beitrag geleistet, sind sie heute vor allem Empfänger geworden und stellen eine Bürde für die Eltern dar. Dadurch wurden sie von den Erwachsenen und deren Launen abhängig. So genau können sie das nicht erkennen, aber ab dem fünften bis sechsten Lebensjahr dämmert es ihnen. In diesem Alter haben sie ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie sie auf andere wirken, und können sich selbst mit den Augen anderer betrachten. Ab nun wissen sie, dass sie Erwachsene mit einem Lächeln besänftigen können.
Wenn sie dieses Lächeln einsetzen, dann nur, wenn sie sich nicht geborgen fühlen und sich nicht trauen, sie selbst zu sein.
Ab dieser Zeit brauchen Kinder auch in ihrer Wut die Wertschätzung ihrer Eltern. Ihnen diese zu geben, ist gar nicht so einfach. Die Wut des eigenen Kindes kann eine große Belastung sein und wirkt oft übertrieben. Deshalb wird es ja so oft gescholten, wodurch es sich noch weiter abgewiesen fühlt.
Wie geht es den Eltern miteinander? Wenn sie einander ihre Gefühle wie Wut, Trauer und Enttäuschung zeigen können, sie sich dadurch nicht gefährdet fühlen und den anderen nicht vor den eigenen Gefühlen schützen müssen, dann kommt das Kind auch ohne künstliches Lächeln aus.
Er ist anders …
Michael (fünf) wollte im Kindergarten als Einziger keinen Faschingshut basteln. Die Erwachsenen versuchten, Michael zu überreden. Er wollte weiterhin nicht. Er würde traurig sein, wenn alle anderen einen hätten.
„Nein!“, sagte Michael. Maria unterstützte Michael: „Er ist fünf und weiß, was er tut.“
So war es dann auch.
Diesmal wollte er keinen Faschingshut machen. Was passiert, wenn man ihm seinen Willen lässt? Was ist dann zu Ostern, wenn wieder gemeinsam gebastelt werden soll? Er ist fünf. Bald muss er in die Schule. Und wenn dann alle „A“ schreiben und Michael nicht mitmachen will? Das geht so nicht!
Soll er sich nicht daran gewöhnen, dass es Dinge gibt, die er tun muss?
Michael hat eine Kindergartenpädagogin, die ihn gut kennt. Er ist groß, sagt sie. Er weiß schon, was er tut!
Die anderen Pädagogen haben sich das Ziel gesetzt, dass alle Kinder sozial werden sollen. Wer könnte dagegen etwas haben? Unter „sozial“
verstehen sie wohl, dass Michael:
- tun muss, was gesagt wird
- sich angepasst verhalten soll
- warten muss, bis er an der Reihe ist.
Will seine Pädagogin Maria nicht auch, dass Michael sozial wird? Doch, aber sie versteht darunter etwas anderes:
- nachzufühlen, was man will
- Nein sagen können, auch wenn die anderen Ja sagen
- sich trauen, die Welt zu verändern.
Was können Eltern tun?
- Man kann Platz für Vielfalt im Kindergarten fordern.
- Man kann die Rechte von Kindern diskutieren. Zum Beispiel das Recht, außerhalb der regulären Mahlzeiten zu essen.
- Man kann Kindergartenpädagogen unterstützen, die Vielfalt zulassen.
Zu Hause kann man die gleichen Ideale verfolgen und sein Kind unterstützen, wenn es auf seinem Recht, etwas anderes zu machen, besteht.
Was wäre die Demokratie ohne das Recht, von der Mehrheitsmeinung abzuweichen und eine kleine Partei zu wählen?
Palmeninsel
Ditte schaute an einem wolkenverhangenen Tag aus dem Fenster.
Die Lehrerin hatte den 24 Kindern der Klasse den Auftrag gegeben, Worte mit dem Buchstaben „I“ auf die Tafel zu schreiben. Eine Mitschülerin schrieb „INDIEN“, das nächste Kind „LIEB“ und das nächste
„ICH“. Die Zeit schien stillzustehen. Dann war Ditte an der Reihe. Sie schrieb die Buchstaben „NSEL“ und malte davor eine Palme auf die Tafel: „INSEL“. Ihre Mitschüler schauten verwundert, andere blühten auf.
Die Lehrerin (wütend): „Wer hat dir erlaubt zu zeichnen? Du sollst schreiben. Lösch den Rest!“
Ditte trottete zurück zu ihrem Platz, während die Schulpsychologin Elsa, die der Stunde beiwohnte, zu vermitteln versuchte: „Vielleicht wollte sie mit ihrer Zeichnung zeigen, wie sie sich den Buchstaben ‚I‘
merkt.“
Lehrerin: „Du kennst sie nicht. Sie will immer Aufmerksamkeit erregen.“
Die Schulpädagogin wollte Ditte gleich fragen, was sie sich gedacht hatte, kam aber erst später dazu:
„Kannst du dich daran erinnern, als du
ein Wort mit ‚I‘ schreiben musstest?“
„Ja, ich habe zuerst ‚NSEL‘ geschrieben
und dann eine Palme davor gemalt.“
„Wieso hast du eine Palme gemalt?“
„Ich wollte ein kleines Rätsel machen
und habe es dann langsam aufgelöst:
‚INSEL‘“
„Was passierte dann?“
„Die Lehrerin wurde wütend.“
Die Lehrerin kennt Ditte. Sie meint, dass es ihr nur „um Aufmerksamkeit“ gehe und so kommt es wieder einmal zur Diskussion. Will sich Ditte wirklich nur in den Mittelpunkt stellen? Oder ist sie selbstständig, kreativ, intelligent und fantasiereich?...




