Silo | Der Tag des geflügelten Löwen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 150 Seiten, Format (B × H): 1150 mm x 185 mm, Gewicht: 140 g

Silo Der Tag des geflügelten Löwen


1., Erstausgabe
ISBN: 978-3-907127-05-6
Verlag: Edition Pangea
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 150 Seiten, Format (B × H): 1150 mm x 185 mm, Gewicht: 140 g

ISBN: 978-3-907127-05-6
Verlag: Edition Pangea
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Tag des geflügelten Löwen ist eine außergewöhnliche Sammlung von Kurzgeschichten, Erzählungen und phantastischer Prosa. Die Erzählungen reichen von der bewegenden Begegnung mit einem afrikanischen Staatsoberhaupt am Scheideweg seiner Macht über die faszinierend-amüsante Schilderung eines Übermenschen, der mit vollkommener Hingabe seine geistigen und gymnastischen Fähigkeiten schult, um das Gravitationsgesetz außer Kraft zu setzen, bis hin zur packenden Fiktion eines Zukunftsprojektes entschlossener und weiser Menschen. Silo - einem breiteren Publikum eher bekannt durch seine tiefgründigen Betrachtungen zu Philosophie und Psychologie - überrascht uns hier als Autor phantastischer Literatur, die uns subtil zu den wichtigen Fragen des Lebens führt. Der Tag des geflügelten Löwen ist inspirierende Unterhaltung und provoziert uns mit seinen witzigen, surrealen und manchmal schockierenden Wendungen zur Offenheit für tiefere Gedankenwelten.

Silo ist das Pseudonym von Mario Luis Rodríguez Cobos. Er wurde am 6. Januar 1938 in Mendoza, Argentinien, geboren, wo er bis zu seinem Tode 2010 lebte. Seine Werke umfassen ein breites Spektrum, das von Philosophie über Psychologie, Soziologie, Mythologie bis hin zur Fiktion und Spiritualität reicht. Er ist u.a. Verfasser der Werke Der Innere Blick (1972), Die Innere Landschaft (1981) und Die Menschliche Landschaft (1988), die später in der Trilogie Die Erde menschlich machen (1989) veröffentlicht wurden. Später verfasste er Geleitete Erfahrungen (1988), Beiträge zum Denken (1988), Universelle Wurzelmythen (1990), Der Tag des geflügelten Löwen (1991), Briefe an meine Freunde (1993), Silo spricht (Vorträge 1969 - 1995), Wörterbuch des Neuen Humanismus (1996), Silos Botschaft (2002 und 2007) sowie Notizen zur Psychologie I - IV (1975 - 2006). Seine Schriften erschienen als Gesammelte Werke I und II erstmals 2002 in Mexiko. Er gilt als Gründer der international als Neuer Humanismus (oder auch Universalistischer Humanismus) bekannten Denkströmung sowie als Wegbereiter einer neuen Spiritualität, welche die auf Gewaltfreiheit basierende, gleichzeitige persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Veränderung hin zu einer 'universellen menschlichen Nation' fördert.
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Kaunda

Der Botschafter Sambias ließ eine Woche lang nicht locker. Seine Anweisungen waren strikt: er durfte Florenz nicht verlassen, ohne mich nach Lusaka zu bringen.

Am 10. Januar 1989 kam ich in Begleitung von Antonio und Fulvio an. Ein Empfangskomitee begrüßte uns am Fuß der Treppe. Sofort waren wir von bewaffneten Wächtern umringt, die uns zu drei schwarzen Limousinen begleiteten. Mit großer Geschwindigkeit fuhren wir über eine Ausfallstraße, die an einem Punkt das Stadtzentrum durchquerte. Während sich die Motorradeskorte den Weg durch die Menge bahnte, konnte ich lange Schlangen von Frauen sehen, die ihre unterernährten Kinder trugen und auf die Öffnung der Lebensmittelrationszentren warteten.

Zehn Minuten später waren wir im Präsidentenpalast, umgeben von Panzerwagen und einem Labyrinth von Absperrungen. Wir stiegen aus und wurden zum Ebenholz-Salon geleitet, in dem uns der Präsident mit seinem ganzen Kabinett erwartete. Kaunda hielt eine Willkommensansprache, wobei er unsere ideologische Bedeutung für die Revolution hervorhob. Ich antwortete kurz, während Antonio für den Fernsehsender übersetzte. In seiner überheblichen Manier wies Präsident Kaunda mit einstudierten Gesten auf uns und auf sein Publikum, wobei er Ernsthaftigkeit und Väterlichkeit verteilte, je nachdem, an wen von beiden er sich wendete. Immer hing von seiner linken Hand das lange weiße Taschentuch, welches sicherlich einen höchst persönlichen Bestandteil seiner Kleidung bildete. Das berühmte Taschentuch! Wenn er es beim Sprechen energisch bewegte oder damit durch die Luft fuhr, dann verstanden alle das Zeichen. Wenn er es beim Zuhören lange knetete, so deuteten die Anwesenden die Botschaft ebenfalls. Wenn er aber die zärtliche Geste mit einem mehrmals wiederholten „Ich sehe schon“ begleitete, so zeigte er damit entschlossene Zustimmung.

In nur zwei Tagen taten wir alles Nötige. Nur das Gespräch mit dem Sekretär der Einheitspartei nahm ein schlechtes Ende. Aber im Allgemeinen wurde offen informiert und die Probleme, die das Land durchlebte, wurden ungeschminkt dargelegt. Diese verglichen wir mit den erstaunlichsten Fakten, die Fulvio sammelte, und fügten sie der Masse an Informationen hinzu, die er aus Europa mitgebracht hatte. Kaunda zeigte uns die im Präsidialgarten friedlich weidenden Impalas. In diesem idyllischen Eden ließ ich mich weder durch die afrikanische Blütenpracht noch durch die abendliche Brise davon abhalten, die Situation wie in einem von oben gedrehten Film zu sehen: Jeder Winkel wurde von Personen mit Funkgeräten bewacht; weiter draußen waren die Panzerwagen und die Absperrungen; und noch weiter entfernt die Reservetruppen. Dahinter lag dann Lusaka, zusammengepfercht und hungrig; da lagen die verwüsteten Felder und die zum Spottpreis ausgebeuteten Kupferminen sowie die Minen für strategische Mineralien, betrieben von einer Handvoll multinationaler Konzerne, deren Fäden in weit von Afrika entfernten Punkten des Planeten zusammenliefen. Das war ein räumlicher Querschnitt; aber ich sah diesen Ort auch, wie er vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren war, ja vor Jahrhunderten, als es noch keine Länder sondern Stämme und Königreiche gab und die Fäden in kürzerer Entfernung zusammenliefen. Ich begriff, dass dieses Regime früher oder später abgesetzt werden würde, denn seinem Willen zur Veränderung waren durch diese bunten Fäden die Hände gebunden. Trotzdem empfand ich so etwas Ähnliches wie Dankbarkeit für die Hilfe, die es bei der Befreiung Südafrikas und dem Kampf gegen die Apartheid geleistet hatte. Deshalb legte Antonio – von vornherein wohlwissend, dass unser Projekt undurchführbar war – einen detaillierten Plan für das, was zu tun sei, vor…

Am dritten Tag stiegen wir nach dem Abendessen durch einen Gang, in dem links und rechts Bilder hingen, in einen Bunker hinab. Die Bilder zeigten Mandela, Lumumba und noch viele andere Helden der afrikanischen Sache. Auch Tito und andere Persönlichkeiten der verschiedenen Kontinente waren zu sehen. Ich blieb plötzlich vor einem besonderen Gemälde stehen und fragte Kaunda:

„Was macht Belaúnde hier?“

„Das ist Allende“, antwortete der Präsident.

„Nein, das ist Terry Belaúnde, der ehemalige christlich-soziale Präsident von Peru, ein nicht sehr fortschrittlicher Mann, der eher mit den Interessen des Nationalen Klubs von Lima verbunden war.“

Kaunda nahm das Bild und zertrümmerte es ohne mit der Wimper zu zucken auf dem Boden. Dann sagte er irgendetwas über Salvador Allende, aber ich achtete mehr auf die leere und ausgeblichene Stelle, die nun an der Wand entstanden war, sowie auf die am Boden zerstreuten Glassplitter. Für einen Moment kam es mir so vor, als würden in unendlichen Gängen Bilder in chaplinesker Geschwindigkeit auf- und abgehängt, so wie in einem Stummfilm; Helden und Feiglinge, Unterdrücker und Unterdrückte wurden untereinander ausgetauscht, bis schließlich an einer farblosen Wand ein leeres Vorhaben übrig blieb – das Bild der menschlichen Zukunft.

Wir erreichten den Bunker.

Während Fulvio alles bis ins letzte Detail filmte und notierte, öffnete Antonio – vornehm, ja fast metallisch – seine Mappe und trug mit Eiseskälte alle Kritiken zur Sache vor. Während er sprach, sah ich, wie sich das Taschentuch zusammenknüllte, wie es sich dann zu verknoten begann, um genau zum Schluss der Ausführungen verlassen auf einem Tischchen zu enden. Antonio sprach gänzlich rückhaltlos, so dass jeder Politiker erschrocken wäre. Ich sah aber klar, dass alles, was er sagte, direkt mitten ins Herz traf. Mir kam es so vor, als verkörpere Antonio eine Wahrheit, die lange vor ihm begonnen hatte und sich in die Zukunft projizierte. Hinter seinen kalten Worten lag der Grund aller Dinge, für welche die Menschheit gekämpft hatte, und ich glaube, dass alle Anwesenden das auch so verstanden hatten. Kaunda war offensichtlich bewegt und konnte nicht anders, als mit seinem „Ich sehe schon“ zuzustimmen. Aber er sagte dies in einer Art und Weise und mit einer solchen Traurigkeit, als ob er sich im Spiegel seiner Seele gesehen hatte.

„Um zum Ende unserer Analyse zu kommen, die unserer Ansicht nach mit dem übereinstimmt, was wir gesehen haben, müssen wir den fünften Punkt unterstreichen, der sich auf die sofortige Auflösung der Einheitspartei sowie auf die Abhaltung pluralistischer Wahlen innerhalb eines Jahres bezieht. Dies muss von der Freilassung der politischen Gefangenen und dem Recht zur Rückkehr der im Exil lebenden Personen sowie deren Beteiligung am politischen Kampf begleitet werden. Das bestehende Pressemonopol muss allen Formen der Meinungsfreiheit Platz machen, auch auf die Gefahr hin, dass sich die Feinde der Interessen des sambischen Volkes vorübergehend durchsetzen werden, indem sie schamlos ihre gewaltigen Geldmittel dazu einsetzen. Wir wollen auch den achten Punkt hervorheben, in dem die Durchführbarkeit einer ständigen Konferenz der sieben Länder in Betracht gezogen wird, um die Mindestpreise der strategischen Metalle auf internationaler Ebene festzulegen. Und bezüglich der Kampagne gegen Südafrika sollten die sieben Länder ihren Luftraum sperren und so die Bewegungsfreiheit des rassistischen Regimes einschränken. Wenn wir darüber hinaus von einer wahrhaft menschlichen Revolution sprechen, so müssen wir damit beginnen, den Unterdrückungsapparat aufzulösen, der – auch wenn dieser als Verteidigung gegen äußere Provokateure und ihre fünfte Kolonne gedacht war – dazu geführt hat, dass die eigenen Landsleute bespitzelt, kontrolliert, eingesperrt und erschossen wurden. Eine Revolution, die den Sinn des menschlichen Lebens verliert, hat keinen Sinn!“ Ohne die Miene zu verziehen schloss Antonio die Mappe und überreichte sie, zusammen mit einer anderen Mappe voller Berichte, Kaundas Sekretär.

Der Präsident schaute mich von seinem enormen, thronähnlichen Sofa aus an. Ich schaute tief in ihn hinein und sagte:

„Exzellenz, nichts von dem Gesagten lässt sich in die Tat umsetzen, da die aktuellen Umstände es verhindern. Nachdem wir die Situation gewissenhaft untersucht haben, haben wir trotzdem ehrlich gesprochen. Ich ersuche sie und die ehrenwerten Mitglieder ihres Kabinetts darum, dass sie das von uns Vorgetragene entschuldigen können.“

Kaunda erhob sich wie ein Riese und warf sich mir ganz ungewohnt entgegen, um mich zu umarmen. Genauso taten es die Minister mit Fulvio und Antonio. In diesem Augenblick wurde ich vom Gefühl überwältigt, dass ich all das schon einmal erlebt hatte.

Wir verließen Lusaka mit einer Empfindung des Scheiterns. Kurze Zeit später erfuhren wir jedoch, dass Kaunda bedeutende Reformen in die Wege geleitet hatte. Er entließ Schritt für Schritt die politischen Gefangenen, öffnete die Pressefreiheit und löste die Einheitspartei auf. Er gab öffentlich seine Fehler zu, leitete allgemeine Wahlen ein und trat nach seiner Niederlage von der Macht ab, um sich in einen...


Silo
Silo ist das Pseudonym von Mario Luis Rodríguez Cobos. Er wurde am 6. Januar 1938 in Mendoza, Argentinien, geboren, wo er bis zu seinem Tode 2010 lebte. Seine Werke umfassen ein breites Spektrum, das von Philosophie über Psychologie, Soziologie, Mythologie bis hin zur Fiktion und Spiritualität reicht. Er ist u.a. Verfasser der Werke Der Innere Blick (1972), Die Innere Landschaft (1981) und Die Menschliche Landschaft (1988), die später in der Trilogie Die Erde menschlich machen (1989) veröffentlicht wurden. Später verfasste er Geleitete Erfahrungen (1988), Beiträge zum Denken (1988), Universelle Wurzelmythen (1990), Der Tag des geflügelten Löwen (1991), Briefe an meine Freunde (1993), Silo spricht (Vorträge 1969 – 1995), Wörterbuch des Neuen Humanismus (1996), Silos Botschaft (2002 und 2007) sowie Notizen zur Psychologie I – IV (1975 – 2006). Seine Schriften erschienen als Gesammelte Werke I und II erstmals 2002 in Mexiko. Er gilt als Gründer der international als Neuer Humanismus (oder auch Universalistischer Humanismus) bekannten Denkströmung sowie als Wegbereiter einer neuen Spiritualität, welche die auf Gewaltfreiheit basierende, gleichzeitige persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Veränderung hin zu einer „universellen menschlichen Nation“ fördert.



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